Fall Marco Polo
Zwischenfall des japanischen Revisionismus bzw. der Holocaust-Leugnung
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Das als Fall Marco Polo (jap. マルコポーロ事件 Maruko Pōro jiken) bezeichnete Ereignis ist ein schwerwiegender Zwischenfall des japanischen Revisionismus bzw. der Holocaust-Leugnung. Er begann 1995 mit einem im Februarheft des japanischen Monatsmagazins Marco Polo abgedruckten Artikel, in dem der Arzt Masanori Nishioka (jap. 西岡 昌紀) behauptete, dass alle Zeugnisse der Gaskammern im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von den Alliierten produziert worden seien und es ursprünglich keinen Plan zur Vernichtung der Juden gegeben hätte.
Verlauf der Kontroverse
Der Autor des am 14. Januar 1995 publizierten Textes, der Neurologe Nishioka Masanori behauptete, dass es keine Belege für Gaskammern gäbe und es sich bei „Endlösung der Judenfrage“ nur um eine Umsiedlung handeln würde und der Holocaust Propaganda der Alliierten sei.[1][2] Er hatte den Text bereits in den Jahren zuvor mehr als 60 japanischen Publikationen angeboten. Der Chefredakteurs des Magazins Marco Polo nahm den Text schließlich im Juni 1994 an, zögerte die Veröffentlichung auf Januar 1995 hinaus, damit die Publikation mit dem 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zusammenfiel. In seiner Einleitung zum Text fragte er, warum die japanischen Medien nicht über dieses „Tabu“ schreiben würden.[2] Nishioka verfügte über keine historische Vorbildung. In seiner zehnseitigen Abhandlung fasste er gängige Theorien internationaler Holocaustleugner zusammen. Der Text bezieht sich explizit auf Autoren wie Arthur Butz, Wilhelm und Paul Rassinier. Er verwendete in seinem Text weder Primärquellen, noch Augenzeugenberichte. Am Ende seiner Abhandlung widmete er dem Text den „in Auschwitz und an anderen Orten gestorbenen Juden“.[3]
Rotem Kowner unterteilt die Reaktionen auf den Artikel in drei Phasen. In einer ersten Phase wurde der Artikel von den japanischen Medien ignoriert. Kowner vermutet, dass dies unter anderem am damaligen Erdbeben von Kōbe lag. Schließlich wurde der Artikel vom Committee against Anti-Semitism in Japan aufgegriffen, die diverse jüdische Organisationen und Botschaften über den Inhalt des Artikels aufmerksam machte. Die ersten drei Reaktionen kamen schnell. Abraham Foxman der Geschäftsführer der Anti-Defamation League forderte den Herausgeber von Marco Polo auf, den Artikel in der nächsten Ausgabe zurückzuziehen. Das Simon Wiesenthal Zentrum reichte beim japanischen Botschafter in den USA eine Protestnote ein und schickte mit Rabbi Abraham Cooper einen Experten für Antisemitismus in Japan ins Land. Einen Tag später schickte die israelische Botschaft einen Presseattaché zur Redaktion. Der stellvertretendd Chefredakteur entschuldigte sich nicht, sicherte aber Platz für eine Gegendarstellung in der nächsten Ausgabe des Magazins zu.[4]
Die zweite Phase der Reaktion foukussierte sich auf einen Boykott gegen das Magazin und den Verlag. Nachdem sich der Verlag Bungeishunjū weder entschuldigte, noch den Artikel zurückziehen wollte, setzte Abraham Cooper auf acht Unternehmen, die Werbung in der letzten Ausgabe der Zeitschrift vergeben hatten. Das Simon Wiesenthal Zentrum war bei zwei vergleichbaren Fällen gegen zwei Presseerzeugnisse an einen ähnlichen Punkt geraten.[5] Volkswagen war das erste Unternehmen, dass ankündigte, keine Werbung mehr in Marco Polo schalten zu wollen,[4][6] zwei Tage später folgte Mitsubishi, Cartier Japan stellte gleich alle Werbung in Publikationen des Verlags ein.[4]
In der letzten Phase wurde zehn Tage nach Veröffentlichung des Artikels das Thema von lokalen und internationalen Medien behandelt. Die Nachrichtenagentur Associated Press nahm das Thema auf, auch Leitmedien wie Asahi Shimbun berichteten über den Artikel.[7]
Folgen
Bevor die den Artikel enthaltenden Zeitschriften verkauft wurden, hatten europäische Medien über den Inhalt dieses Artikels berichtet. Am 25. Januar schrieb Uwe Schmitt, ein Korrespondent der Frankfurter Allgemeine Zeitung in Tokio, einen diesen Artikel vorstellenden Text, der diese Holocaust-Leugnung außerhalb Japans bekannt machte.
Am 30. Januar gab der Verlag bekannt, dass Chefredakteur Kazuyoshi Hanada entlassen wurde und die Veröffentlichung von Marco Polo bis auf weiteres eingestellt wurde. Der Verlagsleiter Tanaka Kengo schrieb gleichzeitig einen Entschuldigungsbrief an Abraham Cooper, in dem dieser zugab, generell zu wenig über den Holocaust zu wissen. Am 2. Februar trafen sich Tanaka und Cooper zu einer gemeinsamen Pressekonferenz, wo ersterer seine Entschuldigung wiederholte und er die Einstellung von Marco Polo als Beleg für die tiefe Reue für den Vorfall ankündigte.[8][9] Abraham Cooper bezeichnete die Entschuldigung und die Entscheidung das Magazin zu schließen als „ernsthaft und beispiellos“.[10] Weniger als zwei Wochen später trat Tanaka sogar als Verlagsleiter zurück und gab den Fall Marco Polo als einer der Gründe für seinen Rücktritt an.[8] Silvia Pin ordnete den Rücktritt als den Schlusspunkt von Spannungen im Verlag, die bereits vor der Affäre begannen.[11]
Die japanische Regierung, die sich ansonsten kaum zu Medienfragen äußerte, verurteilte den Artikel.[8]
Rezeption
Auch nachdem das Ereignis abgeschlossen war, ging die Diskussion über den Fall weiter. Einer der wichtigsten Streitpunkte war dabei die Pressefreiheit. Der Boykottaufruf des Wiesenthal Centers und die folgenden Maßnahmen des Bungeishunjū-Verlages wurden von japanischen Revisionisten kritisiert.
Gemäßigte Kritiker wie Takahiro Otsuki und Ken Yasuhara forderten, dass MP mit dem Artikel Nishiokas und gleichzeitig zusammen auch mit Artikeln, die dagegen argumentierten, hätte publiziert werden sollen.
Der Literaturkritiker Hidemi Suga argumentierte unter Bezug auf die Diskussion zwischen Hayden White und Carlo Ginzburg, das Gesetz der Pressefreiheit sei nicht neutral, sondern schaffe einen Ort für den politischen Diskurs. In Japan selbst, dem Verbündeten der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg, sei der Holocaust politisch kein wichtiges Problem gewesen. Im Namen der Pressefreiheit dürfe auch die Holocaust-Leugnung auftreten.
Yuji Ishida bezeichnete das Ergebnis des Falles als zwiespältig. Einerseits habe der Fall japanische Verlagshäuser dazu gebracht, bei jüdischen Themen vorsichtiger zu sein. Die Debatte habe zur Publikation von einer Reihe von seriösen Büchern geführt. Andererseits sei „es nicht zu bestreiten, dass der Druck von jüdischer Seite auf den Verlag so direkt und stark war, dass die japanische Öffentlichkeit von der 'real existierenden Macht' der Juden beeindruckt war.“ Die „Auschwitz-Lüge“ spiele in der japanischen Öffentlichkeit keine Rolle mehr, habe sich aber mehr ins Internet verlagert.[12] Auch Miriam Bistrovic merkt an, dass die „übereilte Schließung“ das Gegenteil erreicht habe. Damit seien judenfeindlichen Vorurteile verstärkt worden. Einige Reporter hätten sogar vermutet, dass das Ende von Marco Polo auf eine „jüdische Macht über die Medien“ zurückzuführen sei. Die Schließung des Magazins sei sogar Kritikern teilweise zu schnell gegangen, die eine solche nicht gefordert hätten. Damit sei eine Chance verpasst worden, antisemitsche und holocaustleugnende Publikationen in Japan thematisieren zu können.[3]
Meron Medzini schreibt zum Resultat der Debatte, dass die Debatte zu mehr Publikation zu Judentum und Israel in Japan führte. Allerdings wurde im Nachgang der Holocaust teilweise auch mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki verglichen.[6]
Der israelische Historiker und Japanologe Rotem Kowner sieht den Fall als ein Glied in einer langen Kette von antijüdischen Publikationen in den 1990er-Jahren Japan, bezeichnete den Fall trotzdem als markantestes Beispiel für japanischen Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg.[13]
David G. Goodman und Masanori Miyazawa weisen darauf hin, dass der Verlag Bungeishunjū einerseits kurioserweise der japanische Verlag für das Tagebuch der Anne Frank war und andererseits bekannt dafür war, Provokationen gezielt zu suchen, um die Auflage zu steigern. Der Werbeboykott habe entsprechend Wirkung entfaltet.[14]
Siehe auch
Literatur
- Herbert Worm: Holocaust-Leugner in Japan. Der Fall „Marco Polo“. In: Manfred Pohl (Hrsg.): Japan 1994/1995. Politik und Wirtschaft. Institut für Asienkunde, Hamburg 1995
- Suga Hidemi: (Cho) Kotobagari Ronso [Der Streit um die „Ultra“wörterjagd]. Jokyo-Shuppan, 1995
- Till Bastian, Ishida Yuji, Hoshino Haruhiko, Shibano Yoshikazu: Aushuvittsu to <Aushuvittsu no uso> (アウシュヴィッツと<アウシュヴィッツの嘘>, dt. „Auschwitz und Auschwitz-Lüge“). Hakusuisha, Tokyo 2005.
- Uwe Makino: Im Osten Nichts Neues. Zur Leugnung des Holocaust in Japan. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Band 10. Campus, Berlin 2001, ISBN 978-3-593-36722-4, S. 204–222.
- Rotem Kowner: The Strange Case of Japanese "Revisionism". In: Robert S. Wistrich (Hrsg.): Holocaust Denial. The Politics of Perfidy. De Gruyter/Magnes, Berlin/Boston/Jerusalem 2012, ISBN 978-3-11-028814-8, S. 181–194.
- Miriam Bistrovic: Marco Polo (Japan, 17. Januar 1995). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 6: Publikationen. K. G. Saur, München 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 445–447.