Fassmer
Werft im niedersächsischen Landkreis Wesermarsch
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Fassmer-Werft in Berne-Motzen im niedersächsischen Landkreis Wesermarsch ist ein deutsches Schiffbauunternehmen in Familienbesitz. Bei der Konstruktion und Produktion von Rettungsbooten gehört Fassmer zu den weltweit führenden Anbietern.
| Fr. Fassmer GmbH & Co. KG | |
|---|---|
| Rechtsform | GmbH & Co.KG |
| Gründung | 1850 |
| Sitz | Berne, |
| Leitung |
|
| Mitarbeiterzahl | 571 (2021) |
| Umsatz | 153,4 Mio. Euro (2021) |
| Branche | Schiffbau |
| Website | www.fassmer.de |
| Stand: 31. Dezember 2021 | |


Geschichte
1850 gilt als Gründungsjahr des Unternehmens. In dem Jahr begann der Bootsbauer Johann Fassmer in Bardenfleth mit dem Bau von Holzbooten für die Bauern, Reeder und Fischer in der Umgebung. Sein Sohn, der Bootsbaumeister Friedrich Fassmer, baute 1910 den Betrieb aus und nahm die Fertigung von Sportbooten aus Holz auf. Hans Fassmer übernahm 1921 nach dem Tod seines Vaters den Betrieb. In den 1920er Jahren konzentrierte sich das Unternehmen unter seiner Leitung insbesondere auf den Bau komfortabler Motorsportboote. 1938 wurden die ersten Stahlboote gebaut. 1958 folgte das erste in Deutschland gebaute Kunststoff-Rettungsboot aus glasfaserverstärktem Polyesterharz. Für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger entstand 1956 ein selbstaufrichtendes Motorrettungsboot mit Porsche-Motor.
Friedrich und Heinz Fassmer traten 1960 in die Firma ein und 1961 entstand ein Neubau der Werft in Motzen, nördlich der Weserfähre Motzen–Blumenthal. Fünf Jahre später erfolgt die Verlegung des gesamten Betriebes nach Motzen. Auf Grundlage der im Bootsbau gesammelten Erfahrung mit glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) begann 1973 die Fertigung von GFK-Hochdächern für Kastenwagen und damit der Einstieg in die Produktion von Komponenten für die Automobilindustrie. Ab 1973 begann auch der Bau von Schwerlastfähren und Feuerlöschbooten, es folgten eine breite Palette von Arbeits- und Rettungsbooten für verschiedene Auftraggeber. Die Boote und Schiffe wurden größer und anspruchsvoller, es wurde auch geforscht, wie etwa die Durchführung von Brandversuchen an geschlossenen Tankerrettungsbooten.
Holger Faßmer und Harald Faßmer traten 1990 bzw. 1992 in die Firma ein. Geschlossene Rettungsboote und größere Tenderboote für Kreuzfahrtschiffe wurden ein wichtiges Standbein der Werft, aber auch Fischereischiffe, Zollkreuzer und Polizeiboote entstanden in den kommenden Jahren. Die Firma Markos und Fassmer bildeten 1992 eine Kooperation, die bis heute besteht. 1995 begann Fassmer mit dem Bau von Spinner- und Gondelverkleidungen für die Windkraftbranche.
Mit Inbetriebnahme eines Schiffshebewerks im Jahr 2003 sind Neubauten an oder Reparaturen von Schiffen mit bis zu 70 Metern Länge möglich.[1]
2008 bildet Fassmer eine Kooperation mit Marland Bootsservice in China.
Im Jahr 2012 übernahm die Fassmer-Werft das Gelände der früheren Schiffs- und Bootswerft Schweers in Bardenfleth und hat damit heute zwei Standorte in Berne.[2]
Seit 2026 pachtet Fassmer zudem die Schiffbauhalle 290 auf dem Gelände der Volkswerft Stralsund als zusätzlichen Produktionsstandort.
Fassmer-Werft heute
Die Gebr. Fassmer AG ist heute ein internationales Unternehmen mit den Produktbereichen Schiffbau, Boote, Windkraft und Faserverbundtechnik. Das im Jahr 1850 gegründete Familienunternehmen in der fünften Generation verfügt über Produktionsstätten in Deutschland, Polen und China.
Schiffbau
Fassmers Schiffbauprogramm umfasst Fähren, Lotsenboote, Arbeitsschiffe, Tonnenleger, Offshore-Versorgungs- und Serviceschiffe, Forschungsschiffe, Seenotrettungskreuzer, Patrouillenboote, Polizeiboote, Mehrzweckschiffe sowie Marineschiffe. Zur Schiffbauabteilung gehören die Bereiche Forschung und Entwicklung, Entwurf, Konstruktion und Produktion.
Fassmer ist ein Hersteller von Seenotkreuzern und Seenotrettungsbooten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). So wurden die Hermann Marwede (46-m-Klasse), die Harro Koebke (36-m-Klasse), sechs Schiffe der 28-m-Klasse sowie bisher sechs Kreuzer der 20-m-Klasse auf dieser Werft gebaut. Auch 21 Seenotrettungsboote der 8,5-m-Klasse fertigte die Werft zwischen 1987 und 1994. Dazu kommen sieben Boote der 10,1-m-Klasse. Auch die vier jetgetriebenen Boddenboote (7-m-Klasse) und einige Tochterboote stammen aus der Produktion dieser Werft.

2011 wurde die Rainbow Warrior III für die Umweltschutzorganisation Greenpeace bei Fassmer fertiggestellt. Das Hightech-Motorsegelschiff ist Flaggschiff des gewaltfreien Protests und setzt sich für den Umweltschutz ein.
Mit dem Seebäderschiff Helgoland entstand bei Fassmer der erste Neubau in Deutschland, der mit Flüssiggas (LNG) angetrieben wird.
Mit der Branddirektor Westphal wurde 2022 ein rund 44 Meter langes Mehrzweckschiff für die Feuerwehr Hamburg fertiggestellt. Das Schiff gehört zu den leistungsstärksten Feuerlöschschiffen Europas und ist für Brandbekämpfung, technische Hilfeleistung sowie Gefahrenabwehr im Hamburger Hafen konzipiert.[3]
Zwischen 2019 und 2023 entstand für die Bundespolizei die Potsdam-Klasse, eine Serie von vier rund 86 Meter langen Offshore-Patrouillenschiffen (Potsdam, Bamberg, Bad Düben und Neustadt), die von der Bundespolizei See für Grenzschutz-, Überwachungs- und Rettungsaufgaben in Nord- und Ostsee eingesetzt werden.[4]
Mit der Atair wurde 2020 ein rund 75 Meter langes Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiff für das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) abgeliefert. Der Neubau gilt als weltweit erstes seegängiges Behörden- und Forschungsschiff mit LNG-Antrieb, erfüllt Anforderungen an besonders geräuscharmen Betrieb (Silent-R) und wurde mit dem Umweltzeichen "Blauer Engel" ausgezeichnet.[5]
In Zusammenarbeit mit der Meyer Werft entsteht der Neubau des deutschen Forschungsschiffes Meteor für das Bundesministerium für Bildung und Forschung und soll 2026 abgeliefert werden. Das rund 125 Meter lange Schiff ist für internationale meereswissenschaftliche Expeditionen ausgelegt und wird die bisherige Meteor ersetzen.[6]
Für das Thünen-Institut entsteht derzeit der Neubau des Fischereiforschungsschiffes Walther Herwig als Ersatz für die Walther Herwig III. Das rund 85 Meter lange Schiff soll 2027 abgeliefert werden und wird für wissenschaftliche Untersuchungen von Fischbeständen und marinen Ökosystemen im Nordatlantik sowie in Nord- und Ostsee eingesetzt.[7]
Boote
Fassmer konstruiert und fertigt Bereitschafts-, Rettungs- und Tenderboote. Fassmer produziert Boote und Tender sowohl für Passagierschiffe, wie Fähren und Kreuzfahrtschiffe, als auch für Jachten. Außerdem baut das Unternehmen Spezialboote für die Marine und andere Behörden.
Windkraft
Ein zusätzliches Standbein der Werft ist die Herstellung und Montage von Spinner- und Gondelverkleidungen bis hin zu Komplettsystemen für Windkraftanlagen. Da diese Anlagen häufig in Offshoregebieten stehen, ist hohe Korrosionsbeständigkeit und geringes Gewicht gefordert. Daher werden vorwiegend Faserverbundwerkstoffe und seewasserbeständiges Aluminium verwendet. Außerdem stellt Fassmer Helikopterplattformen, Windlifts, Notfallkabinen und Zugangssysteme für den Offshore-Bereich her.
Faserverbundtechnik
Fassmer produziert glasfaserverstärkte Kunststoffkomponente für die Automobil-, Caravan-, Baumaschinen- und Schienenfahrzeugindustrie sowie für den Vergnügungs. und Freizeitbereich.
After-Sales-Services
Mehr als 200 Mitarbeiter in über 40 Ländern weltweit bieten technische Unterstützung und führen Inspektionen, Instandhaltungen, Reparaturen und Crew-Training durch.
Fassmer Service GmbH & Co. KG
Die Fassmer Service GmbH & Co. KG ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Unternehmens.
Zusammenarbeit
Ende 2024 hat Fassmer mit der Werft von Abeking & Rasmussen eine Partnerschaft geschlossen, um für das Beschaffungsvorhaben der Deutschen Marine die Mittleren Unterstützungseinheiten (MUsE) gemeinsam zu entwickeln und zu bauen. Mit ihren umfassenden Erfahrungen im Marineschiffbau hatten beide Werften in der Vergangenheit schon erfolgreich gemeinsame Projekte realisiert.[8]
Produkte (Auswahl)
Schiffe
- 46-Meter-Seenotkreuzer: Hermann Marwede
- 36-Meter-Seenotkreuzer: Harro Koebke
- 28-Meter-Seenotkreuzer: Ernst Meier-Hedde, Berlin, Anneliese Kramer, Hamburg, Felix Sand, Nis Randers
- 20-Meter-Seenotkreuzer: Eiswette, Eugen, Theodor Storm, Pidder Lüng, Berthold Beitz, Fritz Knack
- Tonnenleger: Norden, Vogelsand
- Vermessungsschiff Capella
- Ausbildungs- und Kreuzfahrtschiff Hanse Explorer
- Fahrgastschiff Helgoland
- Forschungsschiff Uthörn
- Forschungsschiff Meridian
- Hightech-Motorsegelschiff Rainbow Warrior
- Fischereiforschungsschiff Solea
- Fassmer BL 20, Seezeichenschiffe
- Fassmer BL 44, Seezeichenschiffe
- Fassmer FPB 18, Zollkreuzer
- Fassmer FPB 27, Polizeiboote
- Fassmer FPB 28, Zollkreuzer
- Fassmer FPB 29, Polizeiboote
- Fassmer FPB 34, Patrouillenboote
- Fassmer SV 24, Vermessungsschiffe
- Fassmer SV 30, Vermessungsschiffe
- Branddirektor Westphal, Feuerlöschboot
- OPV-80
- Atair, Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiff
- Potsdam-Klasse, Bundespolizei-Einsatzschiffe
Boote
- 18-m-Streckenboot: Glücksburg, Greif
- 10,1-Meter-Seenotrettungsboot: Kurt Hoffmann, Horst Heiner Kneten, Nausikaa, Konrad-Otto, Hans Dittmer, Secretarius, Fritz Thieme
- 8,5-Meter-Seenotrettungsboot: Asmus Bremer, Marie Luise Rendte, Günther Schöps, Gerhard ten Doornkaat, Karl van Well, Dornbusch, Cassen Knigge, Putbus, Walter Merz, Otto Behr, Hellmut Manthey, Hermann Onken, Jens Füership, Crempe, Baltrum, Bottsand, Stralsund
- 7-Meter-Seenotrettungsboot: Hecht, Zander, Barsch, Butt
- Fassmer FPB 13
- Forschungsboot Polarfuchs
Galerie
- Auto- und Personenfähre Rönnebeck
- Polizeiboot (FPB 29) Bürgermeister Weichmann
- Polizeiboot Werder
- Ro-Pax-Fähre Aline Sitoe Diatta
- Die Helgoland an der Ausrüstungspier der Werft
- Seenotkreuzer Hermann Marwede
- Seenotkreuzer Harro Koebke
- Seenotkreuzer Ernst Meier-Hedde
- Seenotkreuzer Theodor Storm
- Seenotrettungsboot Nausikaa
- Seenotrettungsboot Stralsund
- Tender AIDAbella 13
- Teilgeschlossenes Rettungsboot AIDAbella 12
Literatur
- Heinz Janssen, Rheinhold Thiel: 150 Jahre Fassmer-Werft 1850–2000, Hausschild-Verlag, Bremen 2000, ISBN 3-89757-062-9.
- Günter Full: 160 Jahre Fassmer: »Wir denken nach vorn – aus Tradition«. In: Hansa Heft 7/2010, S. 16–21. Schiffahrts-Verlag Hansa, Hamburg 2010, ISSN 0017-7504.
- Traditionell vielseiteig und zukunftsorientiert – die Erfolgsgeschichte eines Familienunternehmens. In: Schiff & Hafen, Nr. 8, August 2010 (PDF-Datei).
- Zu Besuch bei Fassmer – In der Produktion für Tender- & Rettungsboote. Schiffsjournal.
