Fingerfehler
Ausdruck aus dem Schachjargon
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Fingerfehler[1] ist ein Ausdruck, der aus dem Schachjargon stammt (und eventuell aus der Musiksprache entlehnt wurde). Man versteht darunter den Fall, dass ein Spieler „eine Figur anfasst, ohne es eigentlich gewollt zu haben“[2] (beispielsweise, weil er eigentlich die Figur auf dem benachbarten Feld berühren wollte) oder aber, sie auf ein anderes Feld als geplant zu stellen. Der deutsche Ausdruck ist als Lehnwort in die internationale Schachspielersprache eingegangen.[3][4]

Die schon berührte Figur muss entsprechend der Berührt-geführt-Regel gezogen werden, oder eine berührte gegnerische Figur notfalls geschlagen werden. Hat der Spieler per Fingerfehler eine Figur auf ein ungeplantes Feld gestellt, so kann er dies korrigieren, wenn er die Figur noch in der Hand hält. Hat er sie schon losgelassen und dabei einen legalen Zug ausgeführt, ist der Zug nicht mehr änderbar.
Bei einem rein motorischen Missgeschick, also dem unabsichtlichen Berühren oder Umwerfen einer Figur, gilt die Regel nicht. Man spricht dann auch nicht von einem Fingerfehler.
Abgrenzung
Fingerfehler sind nicht eindeutig von „echten“ Fehlern abzugrenzen, da ja die wahren Gründe des Schachspielers, die betreffende Figur zu berühren, in seinem Kopf liegen und nicht beweisbar sind. Schachspieler verwenden den Begriff gelegentlich als Ausrede, um eine Niederlage als unglücklich darzustellen oder ein Übersehen nicht einzugestehen. Bei schweren Fehlern von Schachmeistern, die nicht ihrer Spielstärke entsprechen, mutmaßen Kommentatoren mitunter, es habe sich um einen Fingerfehler gehandelt.
Es gibt auch Zwischenstufen und leicht verschiedene Mechanismen. Manchmal verwechselt ein Spieler die Zugfolge einer vorausberechneten Variante und führt Züge in der falschen Reihenfolge aus. Insbesondere in Zeitnot kann es vorkommen, dass der vorherige Zug des Gegners nicht richtig wahrgenommen und reflexhaft beantwortet wird. Häufig wird deshalb der psychologische Ratschlag erteilt, dass man „auf den Händen sitzen“ sollte, um überhastete Züge zu vermeiden.
Beispiele
Bulgarien 1974
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Bei der Seniorenweltmeisterschaft 2017 unterlief dem ukrainischen Internationalen Meister Alexander Reprintsev mit Schwarz ein spektakulärer Fingerfehler gegen den philippinischen Großmeister Rogelio Antonio Jr. schon im dritten Zug in der Skandinavischen Verteidigung: 1. e2–e4 d7–d5 2. e4xd5 Dd8xd5 3. Sb1–c3 Dd5–b5?? Statt dem Normalzug 3. … Dd5–a5 stellte Schwarz auf dem Nachbarfeld die Dame ein.[5]
Ein Fingerfehler, bei dem die falsche Figur gezogen wurde, unterlief László Szabó 1974 gegen Ljuben Spassow. In der Diagrammstellung wollte Szabó 39... Kd6–c7 spielen, damit die Dc6 den angegriffenen Bauern g6 deckt. Schwarz wäre mit seinem Mehrbauern in diesem Endspiel auf Gewinn gestanden. Stattdessen spielte Szabó versehentlich 39... Dc6–c7?? und bemerkte den Fehler gar nicht, bis sein Gegner auf g6 schlug. Nach 40. De8xg6+ Kd6–e7 41. Qg6–h7+ Ke7–e6 42.Qh7xh5 gab er auf.[6][7]
Die Fehlzüge sind in diesen Fällen recht eindeutig als Fingerfehler zu erkennen, weil sie als beabsichtigte Züge keinerlei Sinn ergeben hätten und weil die motorische Ähnlichkeit zum jeweils eindeutigen sinnvollen Zug ersichtlich ist. Dies ist nicht immer so, weswegen Fingerfehler auch nicht klar abgrenzbar sind. Beispielsweise unterlief dem deutsch-ecuadorianischen Schachmeister Paul Klein bei der Schacholympiade 1960 schon im sechsten Zug ein grober, teilweise als Fingerfehler deklarierter Figurenverlust gegen Lchamsürengiin Mjagmarsüren: 1. e2–e4 c7–c5 2. Sg1–f3 Sb8–c6 3. d2–d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8–f6 5. Sb1–c3 d7–d6 6. Lf1–d3?? Sc6xd4 0:1.[8][9] Es ist jedoch keineswegs klar, ob Klein hier wirklich einen anderen Zug spielen wollte, und wenn ja, welchen (sowohl Lf1–e2 als auch Lf1–c4 sind in dieser Stellung gängige Theoriezüge); oder ob er den Zug beabsichtigt gespielt hat und dabei einfach vergessen, dass der Sd4 dann einsteht („Schachblindheit“). Eine Online-Eröffnungsdatenbank kennt immerhin 13 Partien, bei denen in dieser Stellung dieser Zug gespielt und der Springer auf d4 eingestellt wurde,[10] zuzüglich noch mehr Beispielen in analogen Stellungen.[11]
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Ein Beispiel für einen teils fälschlich als Fingerfehler deklarierten Spielfehler,[12][13] bei dem jedoch andere Ursachen vorlagen, unterlief Bobby Fischer mit Schwarz in einer Partie gegen Wolfgang Unzicker beim Turnier von Buenos Aires 1960. Fischer spielte in der abgebildeten Stellung den schlechten und augenscheinlich sinnlosen Zug 12. … h7–h5?. Danach war seine Königsstellung unrettbar geschwächt und er verlor die Partie in nur 22 Zügen – eine seiner schnellsten Niederlagen überhaupt. Zur Erklärung, warum der schon zur Weltspitze gehörende 17-jährige Fischer einen solch unverständlichen und schwachen Zug spielte, nahmen manche Kommentatoren an, Fischer wäre ein Fingerfehler passiert. In einem Artikel für die Zeitschrift Chess Life, Ausgabe Juli/August 1963, stellte Fischer jedoch klar, dass er tatsächlich h7–h6 spielen wollte und die darauf sofort entscheidende Antwort Lg5xh6 erst nach dem Berühren des Bh7 bemerkte; es handelte sich also um keinen Fingerfehler.[14] Nachdem er seinen Randbauern auf h7 schon angefasst hatte, war er nach der Berührt-geführt-Regel gezwungen, ihn vorzurücken. Er spielte 12. … h7–h5 als kleineres, aber gleichfalls schnell verlierendes Übel. Unzicker hatte nicht die Absicht zu protestieren und einen Zug des h-Bauern einzufordern, falls Fischer doch einen anderen Stein gezogen hätte, doch Fischer unternahm keinen derartigen Versuch. Die wahre Erklärung für diesen nicht seiner Spielstärke entsprechenden Fehler wurde später enthüllt: Fischer war aufgrund einer kurzen Liebesbeziehung zu einer jungen Frau, die sein Mentor Larry Evans ihm vorgestellt hatte, in diesem Turnier schlecht konzentriert, was sich über den gesamten Verlauf deutlich zeigte. Er erlitt mit 8,5 Punkten aus 19 Partien eines der schlechtesten Ergebnisse seiner Karriere.[15]
Eine Sonderform des Fingerfehlers unterlief Wassyl Iwantschuk gegen Gata Kamsky beim Turnier in Tilburg 1990. Iwantschuk, der mit den schwarzen Steinen spielte, hatte als Antwort auf 1. e2–e4 die Französische Verteidigung vorbereitet, zog jedoch aufgrund von Nervosität seinen Bauern ein Feld zu weit mit 1. … e7–e5, wonach die Spanische Partie aufs Brett kam. Dieser Fingerfehler brachte Iwantschuk derart aus dem Konzept, dass er die Partie schnell verlor, obwohl der gespielte Zug in diesem Fall objektiv kein Fehler war und an und für sich noch keinen realen Nachteil zur Folge hatte.[3]
Historische Regel: Erzwungener Königszug
Nach zeitweise im 19. und frühen 20. Jahrhundert gültigen Regeln musste für einen illegalen Zug – egal mit welcher Figur – ein Strafzug mit dem König ausgeführt werden. Dies fand auch bei Fingerfehlern Anwendung und konnte zu tragikomischen Situationen führen. In einer Partie Lindemann gegen Echtermeyer, Kiel 1893, wollte Weiß in der Skandidanvischen Verteidigung 1. e2–e4 d7–d5 2. e4xd5 Dd8xd5 mit 3. Sb1–c3 fortfahren, stellte aber durch einen Fingerfehler versehentlich seinen Läufer c1 auf dieses Feld. Zur Strafe musste er den Zug 3. Ke2 spielen, was ein sofortiges Matt durch 3. … Dd5–e4 ermöglichte. Ob Schwarz dieses Matt tatsächlich spielte, ist umstritten. Laut Turnierbuch „zog [Schwarz] es aber vor, den Gegner erst noch zappeln zu lassen, ehe er ihn endlich erschlug“, was entweder als eine Pause vor Spielen des Zuges oder als ein langsamerer Gewinnweg verstanden werden kann. Die Deutsche Schachzeitung von September 1893 ging davon aus, dass Schwarz das Matt nicht gesehen habe; ein anderer Verlauf der Partie ist aber jedenfalls nicht überliefert.[16][17]
Variationen
Variationen des Fingerfehlers können in den jeweiligen Spielformen auch in schriftlicher, mündlicher oder computergestützter Form erfolgen.
Mouseslip
In diesem Zusammenhang ist der sogenannte mouse-slip im Internet-Schach zu erwähnen. Definiert wird dies als das „unbeabsichtigte Loslassen einer Figur“.[18] Fehlerursache ist das ungeschickte Betätigen des Eingabegeräts, der „Maus“. Zwischen einem motorischen Versehen und dem Fingerfehler-Typus liegt in solchen Fällen oftmals kein erkennbarer Unterschied.
Abgabezug
Wien 1898
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Bei Hängepartien, bei denen die Partie wegen langer Dauer (meist über Nacht) unterbrochen wurde, musste der am Zug befindliche Spieler seinen nächsten Zug für den Gegner unsichtbar auf das Formular schreiben, und die Formulare wurden in einem Kuvert versiegelt (Abgabezug). Hier konnten beim Aufschreiben Gegenstücke zu Fingerfehlern passieren. In einer Partie in Wien 1898 gab David Graham Baird gegen Harry Nelson Pillsbury in der Diagrammstellung versehentlich den Zug 34. Dc1–e1?? statt Dc1–d1 ab (geschrieben in der beschreibenden Notation „Q to K sq“ statt „Q to Q sq“) ab. Dies führte zum Turmverlust 34. ... Tf7xd7 und Bairds sofortiger Aufgabe.[19]
Siehe auch
Literatur
- Manfred van Fondern: Lexikon für Schachfreunde, Verlag C. J. Bucher, Luzern und Frankfurt/M., 1980.