Flugplatz Biblis
Kulturdenkmal in der Gemeinde Einhausen im Landkreis Bergstraße, Hessen, Deutschland
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Der Flugplatz Biblis (auch Einsatzhafen 1. Ordnung Biblis) war ein Militärflugplatz der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Er befand sich im südlichen Hessen zwischen den heutigen Gemeinden Biblis, Einhausen und Groß-Hausen. Der Flugplatz war einer der wichtigsten Luftwaffenstandorte im hessischen Ried und wurde für Jagd-, Nachtjagd- und Erprobungseinsätze genutzt. Nach 1945 diente das Gelände kurzfristig den Alliierten und wurde später zum größten Teil rekultiviert.
Lage
Der Flugplatz lag nördlich von Biblis im Gebiet des heutigen Jägersburger Waldes und erstreckte sich auf etwa 135 Hektar zwischen der Landstraße Biblis–Jägersburg und der Weschnitz. Das Gebiet war vor Errichtung des Flugplatzes bewaldet und wurde eigens für den Bau großflächig gerodet.
Bau und Entstehung (1936–1939)
Die Errichtung begann im Spätsommer 1936 unter der Leitung des Regierungsbaumeisters Erich Schewe im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums. Das Gelände wurde militärisch dem Reich zugeordnet und 1939 eine Pachtzahlung von 11.000 Reichsmark an die Gemeinde Biblis vereinbart.
Die Rodung leitete das Forstamt Bensheim, wobei über 26.000 Festmeter Holz geschlagen wurden und mit Feldbahnen für den Abtransport vorbereitet. Anschließend erfolgte die Planierschicht mit Dampfpflügen und Drainagen. Das Rollfeld hatte 1700 × 400 Meter und erhielt eine geschlossene Grasnarbe, um Starts schwerer Flugzeuge zu ermöglichen. Wesentliche Infrastruktur wie Gleisanschluss, Munitionslager, Unterkünfte und Tankanlagen und Bunker wurden, getarnt als landwirtschaftliche Betriebe, am Rand des Geländes errichtet. Lokale Unternehmen wie '''Adam Rothenheber (Lorsch)''', '''Konrad Weber (Einhausen)''' und '''Huth (Worms)''' waren maßgeblich beteiligt.
Beim Bau und späteren Ausbau wurden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Osteuropa und Griechenland eingesetzt. Sie waren in Lagern entlang der Landstraße Jägersburg–Einhausen sowie in Lorsch untergebracht. Zeitzeugen berichten von harten Arbeitsbedingungen und militärischer Bewachung.
Nutzung durch die Luftwaffe

Bereits 1937 begann die stationäre Nutzung durch Schulungseinheiten der Luftwaffe. In den folgenden Jahren waren dort verschiedene Verbände beheimatet:
- Jagdgeschwader 334 mit der Arado Ar 68
- Zerstörergeschwader 52 mit der Messerschmitt Bf 109
- Kampfgeschwader 2 „Holzhammer“ mit der Dornier Do 17
- Schlachtgeschwader 103 mit der Junkers Ju 87
- Nachtjagdgeschwader 11 „Wilde Sau“ mit der Focke-Wulf Fw 190
- Kampfgeschwader 200 (Mistel-Einsätze)
Später wurden dort auch moderne Düsenflugzeuge wie die Arado Ar 234 stationiert.
Zwischen 1943 und 1945 wurde der Platz organisatorisch dem Fliegerhorst Mannheim-Sandhofen unterstellt.
Das Gelände umfasste Peil- und Funkstationen (u. a. Freya, Würzburg-Riese), ein Wetteramt, Tanklager, Flakstellungen und mehrere Flugzeugunterstände im Wald.
Tarnname
Aus Gründen der Geheimhaltung wurde der Flugplatz Biblis unter dem Tarnnamen „Schafweide Biblis“ geführt. Diese Tarnbezeichnung sollte den militärischen Charakter verschleiern und den Eindruck einer rein landwirtschaftlichen Nutzung erwecken.
Das Gelände war zuvor ursprünglich Wald und wurde für den Bau gerodet, mit der Absicht, es später als Weide für Schafe zu nutzen. Tatsächlich befand sich im südlichen Bereich des Platzes eine Scheune, und es wurden bis zu 350 Schafe gehalten. Die Schafherde sowie die landwirtschaftlichen Anbauten und Weideflächen bildeten eine bewusste Tarnung, die den Flugplatz gegenüber feindlicher Luftaufklärung als harmlose „Schafweide“ erscheinen ließ. Diese Bezeichnung wurde sowohl intern benutzt als auch in zeitgenössischen Dokumenten und örtlichen Berichten erwähnt.
Kommandanten
- Hauptmann Heitschmidt (1937–1939)
- Major Rockenfeld (1939–1940)
- Major Güntrum, anschließend Hauptmann Bambach (1943–1944)
- Hauptmann Erich K. Sommer (Sonderkommando Ar 234, 1945)
Zweiter Weltkrieg

Während des Westfeldzugs 1940 dienten von Biblis aus startende Staffeln als süddeutscher Nachschubstützpunkt. Ab 1943 wurde der Flugplatz zunehmend zum Ziel alliierter Luftangriffe. Der schwerste Angriff erfolgte am 24. Dezember 1944, als 100 Bomber des US-amerikanischen Bomberkommandos rund 325 Tonnen Sprengbomben abwarfen. Mehr als 300 Einschläge wurden registriert; große Teile der Anlage wurden zerstört, über 30 Soldaten kamen ums Leben. In den Folgemonaten kam es zu Tieffliegerangriffen durch P-47 „Thunderbolt“ und P-51 „Mustang“.
Am 23. März 1945 wurden die Anlagen von deutschen Truppen teilweise gesprengt, um eine Nutzung durch die Alliierten zu verhindern. Zwei Tage später rückten Einheiten der 27th Fighter Group mit P-47 „Thunderbolt“ ein und nutzten das Gelände provisorisch weiter. Nach Juni 1945 wurde der Platz als Flugfeld aufgegeben.
Nachkriegszeit
Ab 1947 nutzte die Möbelfabrik Kübel (3K) von Karl Kübel die ehemaligen Kommandanturgebäude. 1951 übernahm das National Committee for a Free Europe (heute Radio Free Europe/Radio Liberty), das westliche Areal für eine Funkanlage zur Ausstrahlung von Sendungen in den Ostblock. Die übrigen Flächen wurden wieder landwirtschaftlich nutzbar gemacht. Materialien von Hangars und Baracken dienten beim Wiederaufbau zerstörter Häuser in der Umgebung.
Erhaltene Reste
Im heutigen Jägersburger Wald sind noch Betonreste, Entwässerungsschächte und Flugzeugunterstände erkennbar. An mehreren Stellen finden sich Bombentrichter und Fundamente alter Flaktürme entlang der ehemaligen Steiner Straße. Das Gelände steht teilweise unter Denkmalschutz.
Bedeutung
Der Flugplatz Biblis repräsentiert den Typus eines „Einsatzhafens 1. Ordnung“ der Luftwaffe – ein teilmilitarisierter, getarnter Stützpunkt ohne befestigte Startbahn. Er zählt zu den am besten dokumentierten südhessischen Luftwaffenanlagen. Heute erinnert der Heimat- und Geschichtsverein Biblis mit Informationstafeln an die Geschichte des Ortes.
Literatur
- Peter Fink: Der Flugplatz der Luftwaffe zwischen Biblis und Einhausen (1936–1945) in: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 25, 1992.
- Carlo Gobs: Biblis – Geschichte einer Gemeinde, Biblis 1986.
- Jürgen Zapf: Flugplätze der Luftwaffe 1934–1945 – und was davon übrig blieb.
- Krause-Schmitt: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945, Bd. 1, S. 15, 25.
Weblinks
- Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Flugplatz Biblis (Reste der Hallen, Fundamente etc.) In: DenkXweb, Online-Ausgabe von Kulturdenkmäler in Hessen.