Frank Minis Johnson
US-amerikanischer Anwalt und Richter
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Frank Minis Johnson, Jr. (* 30. Oktober 1918 in Haleyville, Alabama; † 23. Juli 1999 in Montgomery, Alabama) war ein US-amerikanischer Anwalt und Bundesrichter. Seine Urteile in Fällen wie Browder v. Gayle waren maßgeblich für die Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung.

Leben
Johnson stammte aus Haleyville im Winston County, einer Hochburg der Republikanischen Partei im traditionell demokratisch geprägten Süden (Solid South). Sie wurden oft als „Mountain Republicans“ (zu Deutsch etwa: Bergrepublikaner) bezeichnet und herrschten vor allem in denjenigen Gebieten vor, in denen die Sklaverei und damit die Macht der Pflanzer weniger ausgeprägt war. Schon während des Amerikanischen Bürgerkriegs schlossen sich Johnsons Vorfahren daher nicht wie der Rest des Bundesstaates Alabama den rebellierenden Konföderierten an, sondern blieben der Union treu. Später war sein Vater, der Jurist und Richter Frank Minis Johnson Sr., einer der wenigen Republikaner in der Alabama Legislature. 1952 besuchten Vater und Sohn die Republican National Convention, wo Johnson, Jr. einflussreiche Figuren wie Herbert Brownell, Jr. und Warren E. Burger kennenlernte. Seine Mutter Alabama Sivilla Long war die Tochter des Betreibers einer Kohlemine. Er war das erste von sieben Kindern.[1]
Er entschied sich früh, seinem Vater in die Anwaltschaft zu folgen, und begann 1939 ein Jurastudium an der University of Alabama. Zuvor hatte er eine Zeit lang in der Works Progress Administration gearbeitet. Als Student freundete er sich mit seinem Kommilitonen George Wallace an, dem späteren Gouverneur von Alabama, mit dem er später wiederholte politische Auseinandersetzungen hatte. Nachdem er sein Studium 1943 mit sehr guten Noten abgeschlossen hatte, diente er als lieutenant und später captain der Infanterie im Zweiten Weltkrieg. Er wurde zweimal mit dem Purple Heart und einmal mit dem Bronze Star ausgezeichnet. Aufmerksamkeit erregte er, als er eine Gruppe Soldaten vor Gericht verteidigte, die besonders brutal gegen Deserteure vorgegangen waren. Er argumentierte, dass eine Teilschuld bei ihren Vorgesetzten lag, die entweder fahrlässig gehandelt oder die Gewalt sogar angeordnet hätten.[2]
Johnson hatte 1938 Ruth Jenkins geheiratet. Nach Kriegsende siedelte sich das Ehepaar 1946 in Jasper an, wo sie einen Säugling adoptierten und Johnson für die Anwaltskanzlei Curtis & Maddox arbeitete. Im Präsidentschaftswahlkampf 1952 engagierte Johnson sich für den Kandidaten der Republikaner, Dwight D. Eisenhower. Nach dessen Wahlsieg ernannte ihn der neue Justizminister Herbert Brownell, Jr. zum United States Attorney im Nördlichen Bundesgerichtsbezirk von Alabama. 1955 wurde er nach dem Tod von Charles Brents Kennamer zum neuen Bundesrichter am Bundesbezirksgericht für den Mittleren Bundesgerichtsbezirk von Alabama (United States District Court for the Middle District of Alabama) ernannt und wurde damit der jüngste Bundesrichter der Vereinigten Staaten zu dem Zeitpunkt. Von 1966 bis 1979 amtierte er als Chief Judge des Mittleren Bundesgerichtsbezirks von Alabama.[3]
Als Richter machte Johnson sich für die Rechte der Afroamerikaner stark, die durch die Jim-Crow-Gesetze systematisch unterdrückt wurden. Eine seiner ersten bedeutenden Entscheidungen war im Fall Browder v. Gayle (1956). Die Montgomery Improvement Association, die zugleich den Busboykott von Montgomery organisierte, hatte mit Hilfe der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) gegen die Rassentrennung im Öffentlichen Personennahverkehr geklagt. In einem Sondergericht gaben er und Richard T. Rives den Boykotteuren Recht: Gemäß der equal protection clause des 14. Verfassungszusatzes sei die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen allgemein verfassungswidrig. Ihr Urteil wurde im selben Jahr vom Obersten Gerichtshof bestätigt. 1963 wies Johnson den Bundesstaat Alabama im Fall Lee v. Macon County Board of Education an, gemäß dem Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall Brown v. Board of Education die Rassentrennung an öffentlichen Schulen abzuschaffen. Zwei Jahre später befahl er der Polizei von Alabama, die Selma-nach-Montgomery-Märsche der Bürgerrechtsbewegung zuzulassen. In Anbetracht der immensen Ungerechtigkeiten, die den Afroamerikanern widerfahren seien, urteilte Johnson, dass diese ein Recht auch auf einen störenden Protest hätten (Verhältnismäßigkeitsprinzip). Für die Insassen von Gefängnissen und Psychiatrien forderte er bessere Haftbedingungen. Die menschenunwürdigen Verhältnisse in den Gefängnissen Alabamas seien cruel and unusual und damit gemäß dem 8. Verfassungszusatz verfassungswidrig. Darüber hinaus erleichterte Johnson die Teilnahme an Wahlen und an Jurys für Afroamerikaner, setzte sich für die Gleichberechtigung der Frau und die Rechte von „Illegalen“ Einwanderern und queeren Personen ein. Im Fall Bowers v. Hardwick entschied er 1985, dass Sodomiegesetze, also das Verbot von einvernehmlichem homosexuellen Geschlechtsverkehr, einen verfassungswidrigen Eingriff in das Leben von Privatpersonen darstellten. Sein Urteil wurde später vom Obersten Gerichtshof wieder aufgehoben. Sodomiegesetze blieben in Teilen der Vereinigten Staaten bis in das Jahr 2003 bestehen, als sie mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Lawrence v. Texas aufgehoben wurden.[4]
Johnsons Urteile wurden von der Bürgerrechtsbewegung begrüßt. Martin Luther King lobte seinen Sinn für Gerechtigkeit. Zugleich wurde Johnson zur Zielscheibe rassistischer und populistischer Politiker wie George Wallace. Die Alabama Legislature forderte sogar seine Amtsenthebung. Auch wurde Johnson zum Ziel von Morddrohungen und Bombenanschlägen. Der Ku-Klux-Klan setzte vor seinem Haus ein Kreuz in Brand. Johnson musste vom United States Marshals Service unter Personenschutz gestellt werden.[2] Er selbst beschrieb sich als einen unideologischen Richter, der nur den Gesetzen folge.[5] Er war Anhänger der Idee einer living constitution, der zufolge die korrekte Auslegung der Verfassung von den aktuellen gesellschaftlichen Umständen abhänge.[6]
Seine politisch linken Positionen erwiesen sich allerdings als hinderlich für seine Karriere. Die Republikaner verfolgten in dieser Zeit die southern strategy: Sie wollten konservative weiße Südstaatler für sich gewinnen. Johnson stand dem als entschiedener Gegner des Rassismus im Weg. Er wurde zwar nach dem Tod Hugo Blacks als möglicher Nachfolger für dessen Sitz am Obersten Gerichtshof gehandelt, die Intervention einiger Südstaaten-Republikaner bei Justizminister John N. Mitchell verhinderte das jedoch. Die Gruppe, zu der unter anderem William Louis Dickinson gehörte, machte sich Sorgen um ihre Wiederwahl. Der demokratische US-Präsident Jimmy Carter beabsichtigte, Johnson zum Direktor des Federal Bureau of Investigation (FBI) zu machen; dieser musste die Ernennung jedoch ablehnen, da er sich von einer Herz-Operation erholte. Stattdessen ernannte Carter ihn 1979 zum Richter im fünften Bezirk des United States Court of Appeals. Zwei Jahre später wurden die Bundesstaaten Alabama, Georgia und Florida aus dem fünften Bezirk herausgelöst, um einen elften Bezirk zu bilden. Johnson wurde einer der ersten Richter am neuen United States Court of Appeals for the Eleventh Circuit.[2]
Johnson wurde für sein Wirken vielfach ausgezeichnet. 1992 wurde das Bundesgerichtsgebäude in Montgomery, in dem er über Jahrzehnte gedient hatte, nach ihm in Frank M. Johnson Jr. Federal Building and United States Courthouse umbenannt. Das Gebäude ist mittlerweile eine National Historic Landmark. 1995 verlieh ihm Präsident Bill Clinton die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten. 2019 wurde das Judge Frank M. Johnson Jr. Institute in Montgomery gegründet.[1] Johnson erhielt darüber hinaus eine Vielzahl an Auszeichnungen von Universitäten und Hochschulen, darunter die University of Notre Dame, die Princeton University, das Saint Michael’s College, die University of Alabama, die Mississippi State University, die Boston University, die Yale Law School, das Tuskegee Institute und die New York University.[7]
Literatur
Biografien
- Robert F. Kennedy Jr.: Judge Frank M. Johnson, Jr.: A Biography. Putnam, New York 1978.
- Tinsley E. Yarbrough: Judge Frank Johnson and Human Rights in Alabama. University of Alabama Press, Tuscaloosa 1981.
- Frank Sikora: The Judge: The Life and Opinions of Alabama's Frank M. Johnson, Jr. Black Belt Press, Montgomery, Ala. 1992.
- Jack Bass: Taming the Storm: The Life and Times of Judge Frank M. Johnson, Jr., and the South's Fight over Civil Rights. Doubleday, New York 1993.
- Jack Bass: Johnson, Frank, Jr. In: American National Biography. Oxford University Press, abgerufen am 7. Februar 2026 (englisch, Zugriff beschränkt).
Nachrufe
- Burke Marshall: In Remembrance of Judges Frank M. Johnson, Jr. and John Minor Wisdom In: The Yale Law Journal, Band 109 (2000), S. 1207–1218
- David J. Garrow: Visionaries of the Law: John Minor Wisdom and Frank M. Johnson, Jr. In: The Yale Law Journal, Band 109 (2000), S. 1219–1236
- Ronald J. Krotoszynski, Jr.: Equal Justice under Law: The Jurisprudential Legacy of Judge Frank M. Johnson, Jr. In: The Yale Law Journal, Band 109 (2000), S. 1237–1252
- John Lewis: Reflections on Judge Frank M. Johnson, Jr. In: The Yale Law Journal, Band 109 (2000), S. 1253–1256
- Myron H. Thompson: Measuring a Life: Frank Minis Johnson, Jr. In: The Yale Law Journal, Band 109 (2000), S. 1257–1259
Weblinks
- Jack Bass: Frank M. Johnson Jr. In: Encyclopedia of Alabama. Abgerufen am 7. Februar 2026.
- Frank Minis Johnson auf der Website des Federal Judicial Center
- Frank Minis Johnson in der Datenbank Find a Grave
- Website des Judge Frank M. Johnson Jr. Institutes