Frida Poeschke

deutsches Mordopfer, Lebensgefährtin von Shlomo Lewin From Wikipedia, the free encyclopedia

Frida Poeschke (* 23. Mai 1923; † 19. Dezember 1980 in Erlangen) war die Lebensgefährtin des Rabbiners Shlomo Lewin und wurde zusammen mit diesem von dem Neonazi Uwe Behrendt, einem Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann, aus antisemitischen Motiven ermordet.[1]

Leben

Poeschke war die Witwe des früheren Oberbürgermeisters von Erlangen, Michael Poeschke (1901–1959). 1964 lernte sie den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, den Rabbiner Shlomo Lewin, kennen.[2] Sie wurde seine Lebensgefährtin, die ihn bei der Verlagsarbeit unterstützte und sich als evangelische Christin mit ihm für den jüdisch-christlichen Dialog engagierte.

Ermordung

Im Januar 1980 wurde die neonazistische Wehrsportgruppe Hoffmann durch den Bundesinnenminister Gerhart Baum verboten und galt zuvor als eine der bedeutendsten Organisationen der extremen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland.[3] Karl-Heinz Hoffmann verlagerte die Gruppe anschließend in den Libanon.[3] Dort erhielten Angehörige der Gruppe unter anderem von der palästinensischen Fatah Training, Unterkunft und Waffen.[3] Hoffmann reiste in dieser Zeit wiederholt zwischen Deutschland und Beirut.[3] Im September 1980 explodierte auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe, bei der 13 Menschen starben und über 200 verletzt wurden; als Täter gilt der WSG-Anhänger Gundolf Köhler.[3] Im Umfeld des Anschlags verbreitete Hoffmann eine Verschwörungserzählung, die den Anschlag dem israelischen Geheimdienst zuschrieb und dies als Versuch deutete, seine Kontakte zur PLO zu sabotieren.[3]

Lewin war in der rechtsextremen Szene zudem als öffentlicher Gegner Hoffmanns bekannt.[3] 1977 protestierte er gegen Hoffmanns sogenannten „Auschwitz-Kongress“ und hielt dabei eine Rede.[3] Hoffmann erwähnte Lewin später in der WSG-Zeitschrift Kommando in antisemitischer Manier.[3] Bei einer Durchsuchung von Hoffmanns Anwesen 1980 befand sich zudem eine Ausgabe der italienischen Zeitschrift OGGI auf dessen Schreibtisch, in der auch Lewin als prominenter Kritiker porträtiert wurde.[3]

Am 19. Dezember 1980, einem Freitag, gegen 19:00 Uhr erschoss der Neonazi Uwe Behrendt Shlomo Lewin und Frida Poeschke in ihrem Haus an der Ebrardstraße 20 in Erlangen. Er schoss je dreimal auf ihren Rumpf und richtete die zu Boden Gefallenen dann mit einem gezielten Kopfschuss hin. Am Tatort wurden zudem Reste eines selbstgebauten Schalldämpfers gefunden.[3] Er ließ eine Sonnenbrille am Tatort, die in Heroldsberg hergestellt worden war, dem früheren Wohnsitz des Neonazis Karl-Heinz Hoffmann. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei der Sonnenbrille um ein Einzelstück, das als Geschenk an Franziska Birkmann eingeordnet wurde.[3] Trotz dieser Bezüge konzentrierten sich die Ermittlungen zunächst auf das Umfeld der Opfer und spekulierten zeitweise über Eifersucht oder unseriöse Geschäftspraktiken.[3] Birkmann wurde erst rund zwei Monate nach der Tat vernommen, Hoffmann erst im April 1981.[3] Das Anwesen in Ermreuth wurde sogar erst im Mai 1981 erneut durchsucht.[3]

Jedoch suchten die Ermittler den oder die Täter fünf Monate lang im Umfeld des Opfers Lewin. Zu Beginn gaben sie angebliche Ungereimtheiten seiner Biografie an die Medien weiter. Am 22. Dezember 1980 behaupteten die Nürnberger Nachrichten ohne Belege, Lewin habe sich als „persönlicher Adjutant Dajans“ ausgegeben. Es gebe Gerüchte, er sei im „Nebenberuf“ Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes Mossad gewesen. Am 23. Dezember behauptete die Nürnberger Zeitung, ein ungenannter ehemaliger Mossadagent habe Lewins Agententätigkeit dementiert, und legte einen Fememord aus Agentenkreisen nahe. Der Autor berief sich auch auf israelische Zeitungsartikel, die Lewin als „Hochstapler“ bezeichneten und damit ihrerseits der französischen Zeitung Le Monde gefolgt waren. Diese hatte ihre Angabe, Lewin habe sich als Adjutant Dajans im Yom-Kippur-Krieg von 1973 ausgegeben, von der deutschen Polizei erfahren. Tatsächlich hatte Lewin nur am Palästinakrieg 1948 teilgenommen und biografisch nie vom Yom-Kippur-Krieg gesprochen. Kein Medienbericht verwies auf Lewins öffentliches Auftreten gegen Neonazis, namentlich die Wehrsportgruppe, aus der der Täter kam.[4] Der die Ermittlungen leitende Oberstaatsanwalt Rudolf Brunner verwies auf Lewins angeblich „bunten Lebenslauf“ und ließ seinen Keller durchsuchen, da man vermutete, er habe dort „kompromittierendes Material gesammelt oder aufbewahrt“, um andere Juden zu erpressen. Brunner erhoffte sich davon „wertvolle Hinweise auf den möglichen Täterkreis“. Es erwies sich jedoch, dass Lewin sein Archiv ausschließlich für den Betrieb seines Verlags genutzt hatte.[5]

So diskreditierten Polizei und Medien Lewin unmittelbar nach seiner Ermordung, lenkten die Ermittlungen in die falsche Richtung und beschädigten die gesellschaftliche Solidarisierung mit dem jüdischen Opfer eines rechtsextremen Mordes. Erst im Mai 1981 fragten die Ermittler beim Hersteller der Sonnenbrille nach Käufern und fanden, dass sie Hoffmanns Freundin Franziska Birkmann gehört hatte. Bis dahin hatte Behrendt Deutschland verlassen und konnte nicht mehr zu Tatmotiven, Mittätern und Opferauswahl befragt werden. Im Ergebnis ließ sich Hoffmann keine Beteiligung an dem Mord nachweisen; das Urteil folgte dazu seinen Eigenangaben.[4]

Nach der Rückkehr weiterer WSG-Angehöriger aus dem Libanon wurden in Ermittlungen Aussagen bekannt, wonach Hoffmann versucht haben soll, Mitglieder für einen Mord an einem Juden nahe Ermreuth zu rekrutieren, und wonach er Schalldämpfer gebaut habe.[3] Birkmann belastete Hoffmann in dieser Phase zeitweise ebenfalls.[3] Hoffmann erklärte 1981 dann, Behrendt habe die Brille gestohlen und eigenmächtig die Morde begangen, angeblich aus „Rache“ für das vermeintlich fingierte Oktoberfestattentat.[3] Behrendt soll mit Unterstützung Hoffmanns in den Libanon gelangt sein und dort im September 1981 gestorben sein.[3] 1986 endete der Prozess gegen Hoffmann und Birkmann mit Freisprüchen in der Mordsache.[3] Das Gericht folgte dabei weitgehend Hoffmanns Version und deutete belastende Umstände zu seinen Gunsten.[3]

Nachdem das Landgericht Nürnberg Hoffmann von der Mittäterschaft freigesprochen und Behrendt als Alleintäter festgelegt hatte, kommentierte Hans-Wolfgang Sternsdorff in der Zeitschrift Der Spiegel, wie diese „Ermittlungsmängel“ die Aufklärung der Tatmotive verhinderten: „Es hat den Anschein, als seien die Ermittler in diesem Mordfall mit Blindheit geschlagen gewesen. Noch über Monate hinweg suchte die Polizei den Lewin-Mörder keineswegs im Spektrum von Rechtsaußen, sondern unter Angehörigen der jüdischen Gemeinde.“[6]

Im Mai 2023 wurde eine zuvor geheim gehaltene Akte des bayerischen Verfassungsschutzes bekannt, die neue Fragen zur Rolle der Sicherheitsbehörden im Umfeld der Tat aufwarf.[3] Darin findet sich der Bericht eines Informanten, der Hoffmann, Birkmann und Behrendt sechs Tage vor den Morden in Ermreuth beim konspirativen Hantieren mit Metallrohren beobachtet habe, wobei die Beteiligten bemüht gewesen seien, keine Spuren zu hinterlassen.[3] Der Nachrichtendienst übernahm trotz der Beobachtung zunächst keine unmittelbaren Maßnahmen.[3] Im Februar 1981 baten bayerische Verfassungsschutzmitarbeiter das Bundesamt für Verfassungsschutz um Bilder einer in Bonn gefundenen Rohrbombe, um sie dem Informanten vorzulegen.[3] Der Bericht wurde erst Wochen später an die Sonderkommission zum Doppelmord weitergeleitet.[3] Ein früheres Einschreiten der Behörden hätte womöglich frühere Durchsuchungen und Vernehmungen ermöglicht oder Behrendts Flucht verhindern können.[3]

Nach diesem Verbrechen blieb die Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde in Erlangen aus. Bis heute ist die Tat nicht vollständig aufgeklärt, unter anderem weil das Bundesamt für Verfassungsschutz die Freigabe von Akten verweigert, da die Einsichtnahme in diese Unterlagen „das Wohl der Bundesrepublik Deutschland“ gefährde.[7]

Der Jurist Ronen Steinke verglich die damaligen Ermittlungsmethoden und -schwerpunkte der Behörden mit dem „entsetzlichen Umgang der Ermittler mit den Opfern der Neonazi-Bande“ Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). In beiden Fällen hätten die Ermittler vor allem die Opfer und deren Umfeld verdächtigt und die Ermordeten als Menschen hingestellt, „die von ihren angeblichen dunklen Geheimnissen eingeholt worden seien“. Gerade in Nürnberg, wo drei der NSU-Morde stattfanden, hätten die Behörden, so sein Fazit, durchaus bereits aus dem Fall Lewin die richtigen Lehren und Konsequenzen ziehen können.[8]

Gedenken

Straßenschild an der Lewin-Poeschke-Anlage in Erlangen

Am 15. Dezember 2010 wurde eine Grünanlage in der Nähe des Tatorts in Lewin-Poeschke-Anlage umbenannt, um an den Doppelmord zu erinnern.[9]

Einzelnachweise

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