Friedrich Behrens
deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Hauptvertreter des Neuen Ökonomischen Systems in der DDR
From Wikipedia, the free encyclopedia
Friedrich Franz Willi „Fritz“ Behrens (* 20. September 1909 in Rostock; † 15. Juli 1980[1] in Zeuthen bei Berlin) war einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler und einer der Hauptvertreter des Neuen Ökonomischen Systems in der DDR. Er lehrte ab 1947 als Professor für Politische Ökonomie an der Universität Leipzig und von 1955 bis 1968 als Professor für Statistik an der Humboldt-Universität Berlin. Von 1955 bis 1957 leitete er das Statistische Zentralamt der DDR und war zugleich Stellvertreter des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission.

Leben und Wirken
Friedrich Behrens wuchs als Sohn eines Seemanns und einer Hausfrau in Rostock auf. Nach dem Abschluss der Volksschule absolvierte er dort ab 1924 eine Ausbildung zum Maschinenbauer auf der Neptun-Werft und arbeitete ab 1928 als Maschinenassistent bei der Handelsmarine. Er war von 1924 bis 1928 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, ab 1924 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes, ab 1926 Mitglied der SPD und von 1929 bis 1931 Mitglied der Jungsozialistischen Vereinigung. Nachdem er sich per Begabtenprüfung an der Leipziger Heimvolkshochschule zum Studium qualifiziert hatte, studierte Behrens von 1931 bis 1935 Volkswirtschaftslehre und Statistik an der Universität Leipzig. Aus der SPD trat er 1931 aus und schloss sich einer linken Abspaltung an, der SAPD. Im Jahr 1932 wechselte er zur KPD, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verboten wurde.
Mit der Arbeit Das Geldkapital in den Wechsellagen wurde Behrens 1935/36 in Leipzig zum Dr. rer. pol. in Volkswirtschaftslehre promoviert. Danach arbeitete er als Hilfsreferent im Statistischen Reichsamt und wurde nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 zum Oberkommando der Wehrmacht dienstverpflichtet. Ah 1936 war er Mitglied im NS-Rechtswahrerbund und ab 1939 in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). In den Jahren 1941 bis 1945 arbeitete er für das Statistische Zentralamt des Protektorats Böhmen und Mähren in Prag, zugleich unterrichtete er Statistik an der dortigen Deutschen Karls-Universität.
Im Juli 1945 wurde er für die KPD in Zwickau zum Stadtrat für Volksbildung ernannt. Im Jahr 1946 wurde er mit einem Lehrauftrag für Statistik und Politische Ökonomie an die Universität Leipzig berufen und habilitierte sich dort mit der Schrift Alte und neue Probleme der Politischen Ökonomie. Eine theoretische und statistische Studie über die produktive Arbeit im Kapitalismus. Im Jahr darauf wurde er zum Professor mit vollem Lehrauftrag für Politische Ökonomie ernannt, zugleich wurde er Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften und Statistik sowie Gründungsdekan der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. 1954 war er Mitbegründer und stellvertretender Direktor (unter Gunther Kohlmey) des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Ost).
Von 1955 bis 1957 war Behrens Leiter der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik, stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Plankommission (unter Bruno Leuschner) und in dieser Funktion auch Mitglied des Ministerrates der DDR. Seine Kritik am staatszentralistischen bürokratischen Führungsstil in der Wirtschaft, sein Konzept einer demokratischen sozialistischen Selbstverwaltung und seine Theorie vom Absterben der wirtschaftsorganisatorischen Funktion des Staates, formuliert im Buchmanuskript Zur ökonomischen Theorie und ökonomischen Politik in der Übergangsperiode, brachten ihm auf der 30. Tagung des Zentralkomitees der SED den Vorwurf des Revisionismus ein. Im Jahr 1957 wurde er aller staatlichen Funktionen enthoben.
Seitdem war er als Arbeitsgruppenleiter am Institut für Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften tätig. Auf der Hochschulkonferenz der SED 1958 übte er öffentliche Selbstkritik. Nachdem er erneut Zweifel an der Reformierbarkeit des Staatssozialismus geäußert hatte, wurde er im Jahr 1968 vorzeitig emeritiert. Danach arbeitete er an Konzepten für Pluralismus und Selbstverwaltung im Sozialismus und befasste sich mit den Ursachen für das Scheitern der „sozialistischen Variante des Staatsmonopolismus“.
Behrens wurde im Jahr 1954 mit dem Nationalpreis der DDR und 1964 mit dem Vaterländischen Verdienstorden ausgezeichnet. 1979 verlieh ihm die Universität Leipzig die Ehrendoktorwürde.[2]
Schriften (Auswahl)
- Zur Methode der politischen Ökonomie. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Ökonomie. Akademie-Verlag, Berlin 1952.
- Ware, Wert und Wertgesetz. Kritik und selbstkritische Betrachtungen zur Werttheorie im Sozialismus. Berlin 1961.
- Grundriß der Geschichte der politischen Ökonomie. Berlin 1962–1981.
- Ursachen, Merkmale und Perspektiven des neuen Modells der Leitung der sozialistischen Wirtschaft. Berlin 1966.
- H. Loschinski [Hrsg.]: Abschied von der sozialen Utopie. Berlin 1992.
- Günter Krause, Dieter Janke [Hrsg.]: Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein. Texte von und über Fritz Behrens. Hamburg 2010.
Literatur
- Behrens, Friedrich (Fritz). In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 1. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4 (bundesstiftung-aufarbeitung.de).
- Lothar Kieslich: Kommunisten gegen Kommunisten. Die Intellektuellenpolitik der SED im Umfeld des XX. Parteitags der KPdSU und des Ungarn-Aufstands. Tectum-Verlag, Marburg 2000, S. 78–88; books.google.de
- Thomas Kuczynski: Fritz Behrens und seine rätekommunistische Kritik sozialistischer Reform. In: Wladislaw Hedeler, Mario Keßler (Hrsg.): Reformen und Reformer im Kommunismus VSA:Verlag, Hamburg 2015, S. 36–52.
Weblinks
- Literatur von und über Friedrich Behrens im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Literatur über Friedrich Behrens in der Landesbibliographie MV
- Till Düppe: Behrens, Fritz (eigentlich Friedrich Franz Willi Behrens). In: NDB-online, 1. Juli 2023.
- Friedrich Behrens im Professorenkatalog der Universität Leipzig
- Arndt Hopfmann: Fritz Behrens – ein Wissenschaftlerleben zwischen Aufbruch, Anpassung, innerem Widerstand und Resignation. (PDF; 4 Seiten) rosalux.de, 1997.