Friedrich Heyer
deutscher Theologe, evangelischer Professor für Kirchengeschichte in Heidelberg
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Friedrich Adolf Walter Franz Heyer (* 24. Januar 1908 in Darmstadt; † 10. April 2005 in Schleswig) war ein deutscher evangelischer Theologe, Pfarrer, Kirchenhistoriker und Hochschullehrer.

Leben
Friedrich Heyer war der älteste Sohn des Arztes Hermann Heyer (1873–1914) und seiner Ehefrau Hedwig (geb. Klaas, 1883–1909). Nach dem frühen Tod seiner Mutter, einer Tochter des Landwirtschaftslehrers und Geheimen Landeskulturrats Adolph Klaas (1836–1922), kam auch sein Vater, ein Bruder der Schriftstellerin Helene Christaller, als Stabsarzt im Ersten Weltkrieg ums Leben. Heyer wuchs in der Folge bei seiner Stiefmutter Mathilde Heyer (geb. Klopfer, 1888–1980) und später bei seiner Großmutter Luise Klaas (1860–1930) auf. Er studierte Evangelische Theologie in Tübingen (hier schloss er sich 1926 der Akademischen Verbindung Igel zu Tübingen an), Gießen und Göttingen und wurde 1931 Schlossprediger und Erzieher der Söhne von Heinrich XXXIX. von Reuß-Köstritz (1891–1946) auf Schloss Ernstbrunn in Niederösterreich. Mit dem späteren Klassischen Philologen Otto Luschnat unternahm er 1932 eine längere Wanderung durch Südosteuropa und wurde nach der Rückkehr Stadtvikar in Braunschweig. 1934 wurde er Pfarrer an St. Michaelis in Schleswig, wo er sich zur Bekennenden Kirche hielt. An der Theologischen Fakultät in Göttingen wurde Heyer 1938 bei Emanuel Hirsch, einem Wortführer der Deutschen Christen (DC), zum Dr. theol. promoviert.
Heyer war Mitglied der Hitlerjugend gewesen und gehörte bis 1933 den nationalsozialistischen Deutschen Christen an, deren Studentenkampfbund er in Göttingen leitete. Von 1933 bis 1936 bereits Mitglied der Sturmabteilung (SA) wurde er 1936 Anwärter auf die Mitgliedschaft der NSDAP. 1934 schrieb er in einem Lebenslauf: „Ich komme von der nationalistischen Jugendbewegung her und bin SA Mann. […] Ich erstrebe es jetzt, […] das rechte Zueinander von Kirche und Nationalsozialismus […] verwirklichen zu helfen, da ich als SA Mann in der Reihe marschiere und als Pfarrer das unverkürzte göttliche Wort ausrichte.“[1] Dennoch setzte sich Heyer laut Bischof Reinhard Wester für die Bekennende Kirche ein: Er beteiligte sich an Veranstaltungen, verlas Kanzelabkündigungen und „spendete regelmäßig nicht unerhebliche Beträge“ – war „aus Rücksicht“ auf den Landesbischof Adalbert Paulsen und den Propst Johannes Sommer (beide DC-Mitglieder) jedoch kein offizielles Mitglied.[2] Im Zweiten Weltkrieg wirkte Heyer als Offizier der Geheimen Feldpolizei vor allem in der Ukraine. Gegen Kriegsende floh er nach Deutschland und nahm im Frühjahr 1945 sein Pfarramt in Schleswig wieder auf.
Der Historiker Helge-Fabien Hertz ordnet Heyer unter Berücksichtigung der Kriegsverbrechen der Geheimen Feldpolizei[3] in einer kollektivbiografischen Untersuchung der schleswig-holsteinischen Pastoren in der Zeit des Nationalsozialismus der Positionierungsform „NS-Solidarität“, der Handlungskategorie „praktizierte NS-Konformität“ und der Haltungskategorie „weitreichende bis generelle NS-Zustimmung“ zu.[4]
1947 wurde Heyer kurzzeitig verhaftet und der Beteiligung an Kriegsverbrechen beschuldigt; zu einem Prozess kam es aber nicht. 1951 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Die orthodoxe Kirche der Ukraine von 1917 bis 1945 in Kiel. In Schleswig baute er eine Evangelische Akademie auf (später nach Bad Segeberg verlegt), die er ab 1954 hauptamtlich leitete. Studienreisen führten ihn unter anderem in die USA und nach Jerusalem. Kurz nach seiner Ernennung zum außerordentlichen Professor in Kiel wurde er 1964 auf eine neu errichtete Professur für Konfessionskunde an die Universität Heidelberg berufen, an der er bis ins Alter von 90 Jahren lehrte.
Er war seit 1934 mit Hedwig (geb. Lisco, 1907–1987), Tochter des klassischen Philologen Eduard Lisco, verheiratet. Das Paar hatte vier Kinder.
Konfessionskunde
Bei den konfessionskundlichen Seminaren, die Friedrich Heyer zusammen mit Hans-Diether Reimer (1926–1993) von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen abhielt, wurden für jede behandelte Religionsgemeinschaft bzw. Sekte ein bis drei Vertreter dieser der Religionsgemeinschaften eingeladen. Dadurch konnten im Dialog mit den jeweiligen Vertretern der anderen Religionsgemeinschaften deren theologische Sichtweisen wie die evangelischen theologischen Positionen artikuliert werden.
Friedrich Heyer schrieb zahlreiche Artikel für das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon (BBKL).
Freundliche Kontakte zu den Ostkirchen
Erste Kontakte zu den orthodoxen Kirchen in Griechenland knüpfte Friedrich Heyer im Jahr 1932 bei seiner Wanderung, die ihn bis zum Berg Athos führte. Kontakte zur russisch-orthodoxen Kirche hatte er während des Zweiten Weltkriegs. Bereits in den 1950er Jahren interessierte er sich für die nonchalcedonensischen Kirchen (z. B. armenische Kirche, äthiopische Kirche). Er unternahm bis ins hohe Alter Reisen auf den Balkan, nach Griechenland, den Nahen Osten und Äthiopien. 1971 wurde er Präsident des Deutsch-Armenischen Vereins. 1975 gründete Heyer die Tabor Society zur Unterstützung der orthodoxen Kirchenschulen Äthiopiens.
Mehrere orthodoxe Kirchen verliehen Heyer Auszeichnungen. Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Zakka I. Iwas ehrte ihn mit dem Mar-Ephrem-Orden. Die orthodoxe theologische Fakultät der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.
Schriften (Auswahl)
- Der Kirchenbegriff der Schwärmer. Heinsius, Leipzig 1939 (Dissertation).
- Die orthodoxe Kirche der Ukraine von 1917 bis 1945. Müller, Köln-Braunsfeld 1953 (Habilitationsschrift).
- Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe: Kirchengeschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert. Von der Epochenwende des Ersten Weltkrieges bis zu den Anfängen in einem unabhängigen ukrainischen Staat. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-56191-1.
- Die katholische Kirche von 1648 bis 1870 (= Die Kirche in ihrer Geschichte; Lieferung N, Teil 1. Band 4). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1963.
- The Catholic Church from 1648 to 1870. Übersetzt von D.W.D. Shaw. Adam & Charles Black, London 1969, ISBN 0-7136-0906-0.
- Die Kirche Äthiopiens. Eine Bestandsaufnahme (= Theologische Bibliothek Töpelmann. Band 22). De Gruyter, Berlin/New York 1971, ISBN 3-11-001850-0.
- (Hrsg. unter Mitarbeit von Volker Pitzer): Religion ohne Kirche. Die Bewegung der Freireligiösen; ein Handbuch. Quell-Verlag, Stuttgart 1977, ISBN 3-7918-6003-8; 21979.
- (Hrsg.): Konfessionskunde (= De-Gruyter-Lehrbuch). De Gruyter, Berlin 1977, ISBN 3-11-006651-3.
- Die Kirche in Däbrä Tabor (= Oikonomia. Band 13). Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens, Erlangen 1981, ISBN 3-923119-12-7.
- Kirchengeschichte des Heiligen Landes. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1984, ISBN 3-17-007959-X.
- Überarbeitete Fassung mit Fußnoten-Nachweisen: 2000 Jahre Kirchengeschichte des Heiligen Landes. Märtyrer, Mönche, Kirchenväter, Kreuzfahrer, Patriarchen, Ausgräber und Pilger (= Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte. Bd. 11). Lit, Münster u. a. 2000, ISBN 3-8258-4955-4.
- Vielfalt in der Nähe Gottes. Konfessionskundliche Aufsätze aus dem Jahrzehnt 1978–1988. [Photokopierter Eigendruck] Heidelberg 1988; 21989.
- Die orientalische Frage im kirchlichen Lebenskreis. Das Einwirken der Kirchen des Auslands auf die Emanzipation der orthodoxen Nationen Südosteuropas 1804–1912. Harrassowitz, Wiesbaden 1991, ISBN 3-447-03082-8.
- Die Heiligen auf den Inseln. Viten und Hymnen aus Ägäis und Adria (= Oikonomia. Band 29). Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens, Erlangen 1991, ISBN 3-923119-28-3.
- Anthroposophie. Ein Stehen in Höheren Welten? Bahn, Konstanz 1993, ISBN 3-7621-7703-1.
- Die Hügelstraße. Das Zeitalter in der Erinnerung eines Theologen. [Photokopierter Eigendruck] Heidelberg 2002 (Autobiografie).
- Jerusalem und das Heilige Land in ihrer Bedeutung für christliche Existenz. Katholische Akademie, Hamburg 2006, ISBN 3-928750-65-8.
Eine vollständige Bibliographie wurde von Christian Weise 2009 erstellt (Digitalisat).
Literatur
- Adolf Martin Ritter (Hrsg.): Zur Kulturwirkung des Christentums im südosteuropäischen Raum. Historische Referate des VI. Theologischen Südosteuropaseminares in Bukarest. [Festschrift Heyer]. Heidelberg 1984.
- Michael Kohlbacher, Markus Lesinski (Hrsg.): Horizonte der Christenheit. Festschrift für Friedrich Heyer zu seinem 85. Geburtstag (= Oikonomia. Band 34). Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens, Erlangen 1994, ISBN 3-923119-33-X.
- Jan-Gerd Beinke: In memoriam Prof. Dr. Friedrich Heyer. In: Kirche und Schule in Äthiopien. Heft 58, September 2005, S. 10–14 (archive.org).
- Martin Tamcke (Hrsg.): Blicke gen Osten. Festschrift für Friedrich Heyer zum 95. Geburtstag (= Studien zur orientalischen Kirchengeschichte. Band 30). Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7418-4.
- Helmut Schwier: Friedrich Heyer zum Gedenken. In: Theologische Literaturzeitung. Band 130, 2005, S. 721 f.
- Christian Weise: Heyer, Friedrich. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 29, Bautz, Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-452-6, Sp. 621–659.
- Andreas Müller: Friedrich Heyer als Förderer des orthodox-evangelischen Dialoges (1908–2005). In: Irena Zeltner-Pavlović, Martin Illert (Hrsg.): Ostkirchen und Reformation 2017. Begegnungen und Tagungen im Jubiläumsjahr. Band 1: Dialog und Hermeneutik. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018, ISBN 978-3-374-05613-2, S. 149–159.
Weblinks
- Literatur von und über Friedrich Heyer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Geschichte der Tabor Society
- Heyer, Friedrich. Hessische Biografie. (Stand: 24. Januar 2023). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- Friedrich Adolf Walter Franz Heyer im Pastorenverzeichnis Schleswig-Holstein