Friedrich Kallenberg
deutscher Reiseschriftsteller
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Friedrich Otto Erwin Kallenberg (* 8. Mai 1856 in Stuttgart; † 27. Mai 1939 in Bayreuth) war ein deutscher Kaufmann und Reiseschriftsteller, der auch durch seine literarischen Werke zum siderischen Pendel bekannt wurde.

Leben
Friedrich Kallenberg wurde am 8. Mai 1856 in Stuttgart geboren. Er war der älteste Sohn des Kaufmanns und Protagonisten der deutschen Turnbewegung Karl Kallenberg. Er hatte zwei Schwestern und zwei Brüder. Sein Bruder Siegfried wurde später bekannt als Komponist.[1]
Über seine Mutter Laura (1829–1911) war er ein Enkel des Malers Ernst Förster. Dessen Ehefrau Emma Richter (1802–1853) war die älteste Tochter des Dichters Jean Paul. Friedrich Kallenberg war also ein Urenkel des Schriftstellers. Und so, als Urenkel Jean Pauls, ist Friedrich Kallenberg bis heute in Bayreuth bekannt, in der Stadt, in der er über 50 Jahre gelebt hat.

Über die frühe Kindheit Kallenbergs ist nichts weiter bekannt. In den Jahren 1868/69[2] und 1869/70[3] wird er als Schüler und Lehrling in einer Gärtnerei bei der Königlichen Gewerbs- und Handelsschule in Lindau am Bodensee geführt. Für die Schuljahre 1872/73[4] und 1873/74[5] ist er als Schüler der Höheren Handelsschule des Augsburger Handelsvereins nachweisbar. 1874 war die schulische Ausbildung beendet.

Die folgenden Jahre bis 1884, als Kallenberg am 11. Dezember Pauline Masel heiratete und sich in Bayreuth niederließ, werden von seinem Zeitgenossen Christian Pickel in dem Aufsatz Friedrich Kallenberg, der Urenkel Jean Pauls aus dem Jahr 1936 ausführlicher wiedergegeben.
Nach der Schule arbeitete Kallenberg als Auslandskorrespondent nicht näher genannter Firmen zuerst in Brüssel und dann in England. In dieser Zeit leistete er auch seinen Militärdienst in Lindau als Einjährig-Freiwilliger ab. Von 1879 an lebte er in Triest. Ab 1882 bereiste er für ein Wiener Handelsgeschäft den asiatischen Kontinent von der Levante bis nach China.[6]

Nach der Hochzeit lebte Kallenberg mit seiner Frau Pauline als Kaufmann für die nächsten Jahrzehnte im Bayreuther Stadtteil Moritzhöfen (Moritzhöfen 19),[7] immer wieder unterbrochen durch lange Reisen, von denen er auf Vorträgen in ganz Deutschland berichtete. Wohl auch deshalb wurde er 1910 zum Vorsitzenden des Fremdenverkehrsvereins Bayreuth und Umgebung gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis 1912.[8]
Schon 1904 verstarb im Alter von nur 19 Jahren der gemeinsame Sohn Erwin als Soldat. Die näheren Umstände des Todes sind heute nicht mehr zu ergründen. Am 3. April 1913 starb auch seine Ehefrau, und Friedrich Kallenberg wandte sich in den nächsten Jahren verstärkt der Esoterik zu, insbesondere dem siderischen Pendel. Noch im gleichen Jahr schrieb er das Buch Offenbarungen des siderischen Pendels. Die Leben ausströmende Photographie und Handschrift. Hier heißt es:
„Es war zu vorgeschrittener Stunde in einer sommerwarmen Frühlingsnacht. Der Schein meiner Studierlampe leuchtete über einer Menge von Dingen aller Art, welche dem siderischen Pendel dies und jenes von ihrem innersten Wesen erzählten […]. Zu meiner rechten lag das photographische Bildnis meiner jüngst verstorbenen Frau. Mechanisch […] griff ich nach ihm und ließ den Pendel über ihm ruhen. Und siehe: Das Wunder geschah! Das Pendel schwang in schmaler, weit ausholender Ellipse von Norden nach Süden über der Photographie meiner Frau.“[9]
In den folgenden Jahren veröffentlichte Kallenberg immer wieder Artikel im Zentralblatt für Okkultismus.[10] 1920 erschien sein zweites Buch zum Thema mit dem Titel P-Strahlen. Das Neuland des siderischen Pendels und 1934 mit Der Siegeszug des siderischen Pendels die Quintessenz seiner Beschäftigung mit diesem Thema.
Am selben Tag wie die Bayreuther Eva und Houston Stewart Chamberlain, Ludwig Ruckdeschel und Winifred Wagner trat auch Kallenberg am 26. Januar 1926 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 29.260), verließ diese aber bereits wenige Wochen später wieder.
Friedrich Kallenberg starb mit 83 Jahren am 27. Mai 1939 in Bayreuth. Beerdigt wurde er neben seiner Frau und seinem Sohn auf dem örtlichen Stadtfriedhof. Das Grab wurde in den 1960er-Jahren eingeebnet.
Die Stadt Bayreuth schreibt bis heute in ihrer Broschüre Spaziergänge durch Bayreuth über die auf dem Stadtfriedhof beerdigten Persönlichkeiten zu Friedrich Kallenberg: „Urenkel von Jean Paul und Pendelforscher, der um die Jahrhundertwende mit dem Hochrad nach Paris fuhr.“[11]
Reisen
Seine erste Reise unternahm Friedrich Kallenberg bereits im Alter von 15 Jahren, als er 1871 seinen Vater auf Geschäftsreise nach Tripolis begleitete. Es folgte 1879 eine weitere gemeinsame Reise von Vater und Sohn auf die Arabische Halbinsel.[12] In den nächsten Jahrzehnten unternahm er unzählige weitere in Europa, Afrika, Asien und Nordamerika. Südamerika und Australien besuchte Kallenberg dagegen nicht.
1891 reiste Kallenberg in die deutsche Kolonie Deutsch-Ostafrika und nahm an der Seite von Hermann von Wissmann an der „Massai-Kilimandscharo-Expedition“ teil. Diese Reise und die dort gesammelten Eindrücke verarbeitete er in seinem Buch Auf dem Kriegspfad gegen die Massai. Eine Frühlingsfahrt nach Deutsch-Ostafrika von 1892.
Es folgten zwei gemeinsame Fahrradreisen mit seiner Frau. 1894 fuhren sie durch Frankreich nach Spanien und überquerten dabei die Pyrenäen. 1897 reisten sie von Bayreuth bis in die Normandie und die Bretagne. Diese Reisen beschrieb Kallenberg in seinem Buch Quer durch Frankreich auf dem Rade (1896) und in fortlaufenden Artikeln in der Zeitschrift Stahlrad aus Leipzig.
Sein Hauptwerk ist das in zwei Bänden erschienene Tagebuch eines Weltreisenden (1903), in dem er viele seiner Reisen als einen Bericht zusammenfasste. Am Ende heißt es dort:
„Nach glücklicher Überfahrt [über den Atlantik] beschloß ich meine Erdumsegelung in einer beschaulichen Ecke des Bremer Ratskellers und in plastischer Verklärung […] nahten dort meiner Erinnerung zahllose Reisebilder aus allen Weltteilen: […] die Einsamkeiten der Sahara, die Majestät des Kilimandjaro, die Steinwüsten Arabiens, Indiens Denkmale muhamedanischer Baukunst, Birma, Java, China, Sommer- und Winterbilder aus dem Reich des Mikado, endlose Ozeanfahrten, die Farbenpracht der Südseeeilande, endlich die Naturwunder Nordamerikas – das ganze Tagebuch eines Weltreisenden!“[13]
Die zwei Kapitel aus dem Buch Am Ufer des Ganges und Der Yellowstonepark wurden später in leicht gekürzter Form in ein Schulbuch übernommen.[14]
- Auswahl aus Kallenbergs Fotoalbum
- Eingeborener aus Otakamund
- Gruppe birmesischer Dakoits
- Birmesische Tänzerin
- Indische Bajadere
- Hawaii-Insulaner
- Frau aus Sikkim (Nordindien)
- Junger Eingeborener der Andamanen
- Eingeborener aus Bhutan (Britisch-Indien)
- Bretonischer Fischer
- Maurisches Mädchen
Aneignung von Artefakten der Massai
Schon 1887 trat Kallenberg dem Deutschen Kolonialverein – Abteilung Bayreuth – bei.[15] 1893 wurde er zum Schatzmeister gewählt[16] und 1913 zu ihrem Vorsitzenden.[17] Wie lange er dieses Amt bekleidete, ist heute nicht mehr zu belegen. Das Interesse Kallenbergs an den deutschen Kolonien bestand aber über Jahrzehnte hinweg.
1891 brach er zu der schon erwähnten Reise in die deutsche Kolonie Deutsch-Ostafrika auf. Er begleitete Hermann von Wissmann bei der „Massai-Kilimandscharo-Expedition“ und nahm am 12. März an einem Überfall auf die Massai teil. In seinem Buch Auf dem Kriegspfad gegen die Massai. Eine Frühlingsfahrt nach Deutsch-Ostafrika von 1892 schreibt er im Kapitel Sturm auf einen Kraal:
„Der schwarze Fahnenunteroffizier entrollte das Banner, Chef Johannes gab das Kommando:„Fällt das Gewehr, marsch, marsch!“ und wie eine Sturmwolke aus heiterem Himmel fegte das deutsche Hurrah über die entsetzten Feinde hinweg. Etwa ein dutzend Schüsse fielen, aber die schnell gefassten Massai übersprangen flüchtend die Dornenhecken ihres Kraals […]. Im Kraal entstand eine fürchterliche Verwirrung, Rinder, Schafe, Ziegen, Esel, darunter eine große Anzahl junger Tiere, rannten schreiend und blökend durcheinander […]. Als ich mich nahe an der jenseitigen Boma, mit den Truppen vorstürmend, befand, setzten eben noch fünf Massai in hohem Bogen über die Hecken; ich schoß einen derselben in den Rücken (übrigens der einzige Massai, von dem ich bestimmt sagen kann, daß ihn meine Kugel getroffen, da wir meist Salvenfeuer auf größere Massen abgaben); im selben Moment rief mich Chef Johannes mit Donnerstimme zurück – und mit Recht, denn ich stand ganz allein in dem noch nicht durchsuchten Kraal.“[18]
Im Rahmen dieser Überfälle, ein zweiter fand nur wenige Tage später am 17. März statt, eignete sich Kallenberg ethnographische Artefakte der Massai an, die er 1893 dem Völkerkunde Museum in Berlin zum Kauf anbot.[Anm. 1]
Nach längeren schriftlichen Verhandlungen einigten sich beide Parteien 1894 auf einen Kaufpreis von 100 Mark. Die ebenfalls angebotenen Zeichnungen und Aquarelle übergab Kallenberg dem Museum letztendlich als Schenkung.[Anm. 2] Das Ethnologische Museum in Berlin besitzt heute noch sechs Artefakte aus der Sammlung Kallenberg. Es sind dies die Sig. III E 3343–3350, wobei Sig. III E 3344 und 3350 als kriegsbedingte Verluste geführt werden.
1914 und 1926 übergab Kallenberg seine restliche Sammlung an das Stadtmuseum in Bayreuth, die dann 1969 an das Museum für Völkerkunde in München abgegeben wurde. Ob sich von diesen Artefakten etwas erhalten hat, kann nicht mehr festgestellt werden.[19]
Werke
- Auf dem Kriegspfad gegen die Massai. Eine Frühlingsfahrt nach Deutsch-Ostafrika. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1892. (Digitalisat)
- Quer durch Frankreich auf dem Rade. Frankenstein & Wagner Verlag, Leipzig 1896. (Digitalisat)
- Das Tagebuch eines Weltreisenden. Bd. 1: Indien, Hymalaya, Tibet und Birma. Baum’s Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1903.
- Das Tagebuch eines Weltreisenden. Bd. 2: Insulinde, China und Japan, Hawaii, Nordamerika. Baum’s Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1903.
- Offenbarungen des siderischen Pendels. Die Leben ausströmende Photographie und Handschrift. Verlagsanstalt Jos. C. Huber, Dießen vor München 1913, (2., verb. Aufl. 1921). (Digitalisat)
- P-Strahlen. Das Neuland des siderischen Pendels. Max Altmann Verlag, Leipzig 1920.
- Der Siegeszug des siderischen Pendels. Verlagsanstalt Jos. C. Huber, Dießen vor München 1934.
Quellen
- Museum für Völkerkunde, Berlin, Acta Afrika, Vol. 12 (1. Oktober 1893–30. April 1894). (Digitalisat)
- Bundesarchiv, NSDAP-Zentralkartei, BArch R 9361-VIII Kartei 14461634.
- Bundesarchiv, NSDAP-Gaukartei, BArch R 9361-IX Kartei 19080027.
- Stadtarchiv Bayreuth, StadtABT, STA Sterberegister Bayreuth 1939, Nr. 296.
Literatur
- Christian Pickel: Friedrich Kallenberg, der Urenkel Jean Pauls. In: Bayreuther Land (Heimatbeilage zum Bayreuther Tagblatt), 10. Jg., Nr. 3, Bayreuth März 1936, S. 63–69.
- Anton Hegele: Karl Kallenberg, Kaufmann, Orientreisender und Turner. Sonderdruck aus Schwäbische Lebensbilder, Bd. 2, Stuttgart 1941, S. 267–282.
- Laibor Kalanga Moko: The (In)Alienability of Objects and Colonial Acquisition: The Case of Maasai Ethnographic Collections at the Ethnologisches Museum Berlin. In: Baessler-Archiv, Bd. 67, Berlin 2021, S. 104f. (Digitalisat)
- Florian Felkl: Globales im Lokalmuseum: Herkunft, Erwerb und Verbleib der ethnografischen Sammlung des Stadtmuseums Bayreuth. Bayreuth 2025 (Bachelorarbeit an der Universität Bayreuth, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für die Geschichte Afrikas).
Weblinks
- Speer der Massai (Friedrich Kallenberg) Ethnologisches Museum, Berlin
- Wird Geschichte abgerissen? Protest gegen den Abbruch des Kallenberghauses. Nordbayerischer Kurier vom 2. September 2008.
- Das siderische Pendel vor Gericht vom 19. Dezember 2024.