Friedrich von Payer
deutscher Politiker (Fortschrittliche Volkspartei, DDP), MdR
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Friedrich Ludwig Payer, ab 1906 von Payer (* 12. Juni 1847 in Tübingen; † 14. Juli 1931 in Stuttgart), war ein württembergischer und deutscher Politiker demokratisch-linksliberaler Parteien (Demokratische Volkspartei, FVP, DDP) in der Zeit des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik.

Als führender Vertreter der Demokraten im Königreich Württemberg war er von 1895 bis 1912 Präsident der württembergischen Abgeordnetenkammer. Zwischen 1877 und 1918 war er in neun Legislaturperioden Mitglied des Reichstages und dort ab 1912 Fraktionsführer der Fortschrittlichen Volkspartei. In der Endphase des Ersten Weltkriegs war Payer von November 1917 bis zur Novemberrevolution 1918 letzter Vizekanzler des Deutschen Reichs. Nach der Ausrufung der Republik war er 1919/20 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und dort Vorsitzender der DDP-Fraktion.
Leben und Beruf
Payer entstammte einer in Tübingen ansässigen Handwerkerfamilie. Sein Großvater Johann Ludwig sowie sein Vater Caspar Ludwig (Louis) Payer waren Oberpedelle der Tübinger Universität, sodass Friedrich Payer auf dem Universitätsgelände aufwuchs.[1][2] Er selbst besuchte das Gymnasium in Tübingen und das evangelisch-theologische Seminar in Blaubeuren, wo er neben der theologischen Ausbildung auch das Abitur ablegte. Ab 1865 studierte er dann Rechtswissenschaften in Tübingen und war seit 1866 Mitglied der Königsgesellschaft Roigel.
Nach Bestehen der beiden juristischen Staatsexamen ließ er sich 1871 als Rechtsanwalt in Stuttgart nieder, ab 1879 mit eigener Kanzlei. Ab 1899 war er zusätzlich Notar. Er gehörte mehrere Jahre dem Vorstand der württembergischen Rechtsanwaltskammer an.
Friedrich Payer heiratete 1876 die Stuttgarter Kaufmannstochter Alwine Louise Katharine Schöninger (1854–1936). Das Paar bekam einen Sohn und eine Tochter, Ella Müller-Payer. Diese gehörte 1919/20 für die DDP der Verfassunggebenden Landesversammlung Württembergs an. Sein Enkel Hans Georg Müller-Payer wurde ebenfalls Jurist sowie Schriftleiter der Landeskundlichen Beilage des Staatsanzeigers für Baden-Württemberg.[2]
Politische Karriere in Württemberg
Payer gehörte seit seiner Studienzeit der demokratischen Volkspartei in Württemberg an. Ende des 19. Jahrhunderts führte er gemeinsam mit den Brüdern Conrad und Friedrich Haußmann die württembergische Volkspartei, die bei den Landtagswahlen 1895 und 1900 jeweils stärkste Kraft wurde.
Dem Stuttgarter Gemeinderat gehörte Payer von 1892 bis 1896 an. Er war von 1893 bis 1912 Mitglied der württembergischen Abgeordnetenkammer, deren Präsident er von 1895 bis 1912 war. Er hatte maßgeblichen Anteil an der 1906 umgesetzten Reform der württembergischen Verfassung, nach der die Zweite Kammer der Landstände vollständig vom Volk gewählt wurde und die Sitze für Privilegierte wegfielen. Obwohl die Regierung auch danach vom König und nicht von der Parlamentsmehrheit eingesetzt wurde, war Payer mit diesem Erfolg sehr zufrieden. Eine noch weiter gehende Demokratisierung war für ihn damals nicht denkbar.[1]
Politik auf Reichsebene vor dem Ersten Weltkrieg

Als Schriftführer der württembergischen Demokraten nahm Payer 1868 an der Gründung der großdeutsch und demokratisch ausgerichteten Deutschen Volkspartei in Stuttgart teil,[2] der am weitesten links stehenden und das preußisch dominierte System des Deutschen Kaiserreichs ablehnenden Partei des liberal-demokratischen Spektrums. Seine vergebliche erste Reichstagskandidatur 1873/74, bei der er im Wahlkreis Württemberg 6 (Reutlingen, Tübingen, Rottenburg) gegen den Nationalliberalen Friedrich Ludwig Gaupp unterlag, schilderte Payer anschaulich in der Jubiläumsausgabe der Tageszeitung „Tübinger Chronik“ von Anfang November 1921.
Von 1877 bis 1878, 1880 bis 1887 und 1890 bis 1918 war er Reichstagsabgeordneter. Er gehörte der Fraktion der Volkspartei[3] bzw. ab 1910 der Fortschrittlichen Volkspartei an. Payer kämpfte jeweils für den Erhalt und den Ausbau der parlamentarischen Macht. So wandte er sich entschieden gegen die Innenpolitik Bismarcks. Insbesondere kämpfte der Abgeordnete gegen das Septennat, die bis 1893 geltende Festschreibung des Militäretats auf sieben Jahre.
Payer unterstützte 1907 die Bildung des Bülow-Blocks, in dem die Linksliberalen sich mit Nationalliberalen und Konservativen gegen die Opposition aus SPD und Zentrumspartei zusammenschlossen. Nach Zerbrechen des Bülow-Blocks 1909 setzte er sich für die Gründung der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) ein, zu der die zuvor in drei verschiedene Parteien gespaltenen Linksliberalen verschmolzen. In der FVP ließ er 1910 seine Heimatpartei als Landesverband aufgehen. Zur Reichstagswahl 1912 schloss die FVP auf Betreiben Payers ein Stichwahlabkommen mit der SPD, das sich für beide Parteien auszahlte.
Zeit des Ersten Weltkriegs und Vizekanzlerschaft
Als Fraktionsführer der Fortschrittlichen Volkspartei im Reichstag (seit 1912) war Payer im Ersten Weltkrieg ein entschiedener Unterstützer von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Payer wollte eine Demokratisierung der Reichs- und der preußischen Verfassung durchsetzen und einen Verhandlungsfrieden mit den Westmächten erreichen. Im Sommer 1917 schlossen sich die Reichstagsfraktionen der SPD, Zentrumspartei und FVP sowie einzelne Abgeordnete der Nationalliberalen zu einem Interfraktionellen Ausschuss unter Vorsitz Payers zusammen. Diese verfügten seit der Wahl 1912 über die Mehrheit im Reichstag. Der Ausschuss forderte eine Parlamentarisierung des politischen Systems und wollte einen Verständigungsfrieden herbeiführen. Payer war maßgeblich an der Friedensresolution beteiligt, die der Reichstag am 19. Juli 1917 mit den Stimmen von SPD, Zentrum und FVP beschloss. Insbesondere nach der Entlassung Bethmann Hollwegs (13. Juli 1917) wurde Payer von der Obersten Heeresleitung (OHL) entschieden bekämpft.

In der Endphase des Ersten Weltkriegs war er ab dem 9. November 1917 Vizekanzler des Deutschen Reiches im Kabinett Georg von Hertlings. Mangels eigenem Geschäftsbereich hatte Payer jedoch nur wenig Gestaltungsmöglichkeit.[1] Im Frühjahr wurde ihm die politische Leitung der Zentralstelle für Heimataufklärung (später Reichszentrale für Heimatdienst) übertragen, einer neuen Regierungsabteilung für Inlandspropaganda, deren eigentlicher Geschäftsführer Oberst Erhard Deutelmoser war. Nach der deutschen Niederlage in der Schlacht bei Amiens besuchte Payer gemeinsam mit Reichskanzler Hertling Ende August 1918 die Oberste Heeresleitung in Spa und Avesnes. Dort setzten die zivilen Politiker gegenüber der militärischen Führung einen Verzicht auf das „Faustpfand“ Belgien durch. Eine entsprechende Verzichtserklärung gab Payer am 12. September in Stuttgart öffentlich ab, was jedoch auf den Kriegsverlauf keine Auswirkung mehr hatte.[2]
Aufgrund der Forderung des US-Präsidenten Woodrow Wilson nach einer Demokratisierung der Reichsleitung als Voraussetzung für einen Waffenstillstand[1] beauftragte Kaiser Wilhelm II. Payer gemeinsam mit dem Staatssekretär im Reichsschatzamt, Siegfried von Roedern, die Kabinettsliste für eine neue Regierung zu erarbeiten. Payer selbst lehnte allerdings am 1. Oktober 1918 das ihm angetragene Amt des Reichskanzlers ab, so dass der Kaiser stattdessen Prinz Max von Baden ernannte. Auch unter diesem blieb Payer Vizekanzler bis zum Ende der Monarchie und der Übernahme der Macht durch den Rat der Volksbeauftragten am 9. November 1918.
Während der Weimarer Republik
Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligte er sich 1918 an der Gründung der DDP, zu deren Landesverband die württembergischen Demokraten in der Zeit der Weimarer Republik wurden. Er gehörte er als württembergischer Abgeordneter der Weimarer Nationalversammlung an und war dort bis zum 9. Juli 1919 gemeinsam mit Carl Petersen Vorsitzender der DDP-Fraktion. Anders als die Mehrheit seiner Parteikollegen stimmte er am 22. Juni 1919 der Unterzeichnung des Versailler Vertrages zu.
Der 82-jährige Payer trat im Januar 1930 aus der württembergischen Parteiorganisation der DDP aus, da er mit dem überraschenden Beitritt seiner Partei zur Regierung Bazille/Bolz nicht einverstanden war, blieb aber Mitglied dieser Partei. Er begründete seinen Schritt wie folgt: Der Eintritt in eine Regierung, „die wir bisher nur als grundsätzlichen, teilweise höchst gehässigen Gegner aller demokratischen Bestrebungen kennengelernt haben“, sei nicht zu verantworten.
Ehrungen
- 1901: Komturkreuz II. Klasse des württembergischen Friedrichs-Ordens
- 1906 wurde er mit dem Komturkreuz des Ordens der württembergischen Krone ausgezeichnet,[4] und damit in den persönlichen württembergischen Adelsstand erhoben.
- 1910: Komturkreuz I. Klasse des württembergischen Friedrichs-Ordens
- 1912 wurde er zum Ehrenbürger von Reutlingen ernannt.
- 1916: Charlottenkreuz
- In Stuttgart und in Reutlingen ist jeweils eine Straße nach ihm benannt.
Veröffentlichungen
- Von Bethmann Hollweg bis Ebert. Erinnerungen und Bilder, Frankfurter Societäts Druckerei, Frankfurt am Main 1923 (Digitalisat).
Literatur

- Günther Bradler: Politische Unterhaltungen Friedrich Payers mit Theodor Heuss. Ein Fund aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte (ZWLG), Jahrgang 1973, S. 161–192.
- Günther Bradler: Friedrich Payer. Autobiographische Aufzeichnungen und Dokumente, Kümmerle, Göppingen 1974, ISBN 3-87452-228-8.
- Günther Bradler: Payer, Friedrich von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 20. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 145–146 (deutsche-biographie.de).
- Reinhold A. Helmut Franz: Das Problem der konstitutionellen Parlamentarisierung bei Conrad Haußmann und Friedrich von Payer, Göppingen 1977.
- Friedrich Payer zum Gedenken, Reutlingen 1997.
- Frank Raberg: Biographisches Handbuch der württembergischen Landtagsabgeordneten 1815–1933. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Kohlhammer, Stuttgart 2001, ISBN 3-17-016604-2, S. 648–650.
- Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 4: M–Q. Winter, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-1118-X, S. 283–284.
- Reinhold Weber, Ines Mayer (Hrsg.): Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-018700-7, S. 11–20 (= Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Bd. 33).
- Christopher Dowe: Unverhofft Vizekanzler in der Endphase des Ersten Weltkriegs. Der Reutlinger Ehrenbürger Friedrich von Payer (1847–1931). In: Reutlinger Geschichtsblätter, NF 57 (2018), ISSN 0486-5901, S. 369–397.

Weblinks
- Literatur von und über Friedrich von Payer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Friedrich von Payer in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Zeitungsartikel über Friedrich von Payer in den Historischen Pressearchiven der ZBW
- Friedrich von Payer in der Datenbank der Reichstagsabgeordneten
- Friedrich von Payer in den Akten der Reichskanzlei
- Nachlass im Hauptstaatsarchiv Stuttgart
- Nachlass BArch N 1020