Friedrich Seltsam

deutscher Erfinder und Unternehmer From Wikipedia, the free encyclopedia

Friedrich Seltsam (* 3. Juni 1844 in Grünstadt; † 12. November 1887 in Forchheim) war ein deutscher Unternehmer. Er entwickelte neue Produktionsverfahren zur Knochenentfettung und zur Herstellung von Knochenleim, die patentiert wurden und weltweite Verbreitung fanden. Der Fabrikant gehörte seinerzeit zu den reichsten Männern Frankens.

Rechnungs-Briefkopf der Fa. "Friedrich Seltsam Nachfolger". Die Bilddarstellung des Fabrikareals ist noch aus der Zeit Friedrich Seltsams, da man in der rechten unteren Ecke auch seine Villa sieht, die in Wirklichkeit an einer anderen Stelle der Stadt lag.

Leben

Herkunft

Friedrich Seltsam wurde als Sohn des Grünstadter Brauereibesitzers und Gastwirtes Michael Seltsam (spätere Malzfabrik Schlichting) und dessen Frau Katharina, geb. Mann geboren. Die Familie ist dort alteingesessen. Der Junge wuchs in der kleinen Stadt auf, besuchte die dortige Lateinschule[1] und erlernte zunächst das Brauhandwerk. Dann ging er ins rechtsrheinische Bayern, um selbst eine kleine Brauerei zu betreiben. Zum väterlichen Unternehmen in Grünstadt gehörte auch eine Landwirtschaft, u. a. baute die Familie ihren eigenen Hopfen an. Außerdem zählte sie zu den Initiatoren des örtlichen Gaswerks.

Unternehmer und Erfinder in Franken

Postkarte, 1878, adressiert an Friedrich Seltsam in Forchheim

Mit 26 Jahren wandte sich Seltsam der Gaswirtschaft zu und erwarb 1870 das Gaswerk in Forchheim/Oberfranken. Mit seiner Lebensweise – er war konfessionslos und bekennender Vegetarier – erregte er im konservativ geprägten Forchheim jedoch Anstoß. Ab 1871 betrieb Seltsam zusätzlich eine Knochenbrennerei, in der Knochenkohle, Düngemittel, Fette und Leime hergestellt wurden. Der Knochenleim entwickelte sich zum Hauptprodukt der Firma. Als Alternative zum Entfetten der Knochen durch Auskochen erfand Friedrich Seltsam ein Verfahren zur Knochenentfettung mit Hochdruck-Benzindämpfen. 1879 erhielt er darauf das Reichspatent Nr. 10196.[2] Dieses Verfahren wirkte sich auf die Branche aus. Für etwa 100 Jahre wurde weltweit bei der Knochenleimfabrikation ausschließlich nach dieser Methode gearbeitet.

1881 erwarb er zusammen mit seinem Betriebschemiker Richard Hagen ein weiteres Reichspatent – Nr. 16222 – über ein neues Verfahren zur Herstellung von Knochenleim. Der auf diese Weise gefertigte Leim hatte gegenüber herkömmlichen Produkten eine höhere Bindekraft und wurde europaweit als „Forchheimer Leim“ bekannt. Friedrich Seltsam verarbeitete bis zu 25 Tonnen Knochen am Tag, die von Schlachthöfen aus Deutschland und den Nachbarländern nach Forchheim geliefert wurden. Die Fabrik erwirtschaftete einen Reingewinn von 60.000 Mark pro Jahr. In Forchheim ließ er sich eine Villa errichten.

In einem Brief an die Regierung von Oberfranken stellte der Unternehmer am 20. Juli 1884 fest:

„Ohne unbescheiden zu sein, darf ich von mir sagen, dass ich die Knochenindustrie auf eine noch vor wenigen Jahren nicht geahnte Höhe gebracht habe, dass man in allen europäischen Ländern mein System eingeführt hat und dass durch mein neuestes Verfahren diese Industrie zu den reinlichsten zu zählen sein wird.“

Friedrich Seltsam: Brief von 1884
Todesanzeige in der Grünstadter Zeitung

Ein weiteres Patent zur Trocknung bei der Entfettung von Knochen und anderen fetthaltigen Materialien meldete Seltsam mit der Nummer S. 2427 am 29. Dezember 1884 an.[3] Zwischen 1883 und 1885 erweiterte und modernisierte er den Betrieb, wodurch er sich finanziell übernahm. Außerdem fiel ihm nach dem frühen Tod seines Bruders die unwirtschaftliche familiäre Brauerei in Grünstadt zu, für deren Rettung er mutmaßlich hohe Summen aufwandte. Angesichts des bevorstehenden Ruins beging Friedrich Seltsam Suizid, indem er sich am Morgen des 12. November 1887 mit einer Flinte erschoss. Seine Frau und seine Kinder verließen Forchheim und zogen nach Oberbayern.

Entwicklung der Firma nach dem Tod

Die Firma wurde verkauft, der gut eingeführte Markenname „Seltsam“ blieb jedoch erhalten. Das Unternehmen firmierte unter „F. Seltsam Nachfolger“, später als „Seltsam AG“ und errang Preise bei der Weltausstellung Antwerpen 1885 sowie bei den Bayerischen Landesausstellungen 1896 und 1906 in Nürnberg. Berühmtestes Produkt wurden die in dem Unternehmen entwickelten und 1928 patentierten „Forchheimer Leimplättchen“; kleine vorgeformte Leimstücke, die man für nur etwa eine Stunde einweichen musste, um sie verwenden zu können. Herkömmliche Leimtafeln musste man zerkleinern, sie benötigten 12 bis 24 Stunden Aufquellzeit im Wasser, ehe man den Leim benutzen konnte. Zeitweise war die Nachfrage nach den Leimplättchen so groß, dass die Fabrik sogar Knochen aus Indien und Südamerika ankaufte. Erst um 1970 ging das Geschäft wegen der zunehmenden Verwendung von Kunstleim zurück. Dennoch hielt sich die Seltsam AG noch einige Jahre und stellte neben Leim auch Dünge- und Futtermittel sowie hochwertige Fette her. 1984 wurde der chemische Betriebsteil beim Gewerbeamt abgemeldet, 1985 folgte die Schließung der Knochenmehl-, Futter- und Düngemittelfabrikation. Nach Abriss der Firmengebäude wurde das 17.000 m² große Gelände in ein Wohngebiet umgewandelt. Ein dort gelegener Platz wurde nach Friedrich Seltsam benannt.

Wegen des Ursprungs im städtischen Gaswerk und wohl auch wegen des Gestanks, den die Fabrik verbreitete, nannte man sie in Forchheim einfach „Die Gas“; ein Begriff der dort bis heute geläufig ist.

Rezeption

Seltsam gilt als „Vater der modernen Knochenleimproduktion“.[4]

Literatur

Einzelnachweise

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