Gabriel Matzneff

französischer Schriftsteller From Wikipedia, the free encyclopedia

Gabriel Michel Hippolyte Matzneff[1] (* 12. August 1936 in Neuilly-sur-Seine) ist ein französischer Schriftsteller.

Gabriel Matzneff (2015)
Gabriel Matzneff (1983, Fotografie von Florence Kirastinnicos)

Leben

Gabriel Matzneff entstammt einer russischen Familie, die nach der Oktoberrevolution von 1917 nach Frankreich auswanderte. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Matzneff im Kindesalter war. Er wuchs im kultivierten Milieu russischer Emigranten gehobener Herkunft auf.[2]

Von 1954 an studierte er an der Sorbonne klassische und russische Literatur. 1957 lernte er den Schriftsteller Henry de Montherlant kennen, mit dem ihn fortan bis zu dessen Freitod im Jahr 1972 eine enge Freundschaft verband.

Im Jahr 1959 wurde Matzneff zum Wehrdienst eingezogen und in Algerien eingesetzt. Nach seiner Rückkehr nach Paris im Jahr 1961 begann er, eigene Texte in Zeitschriften verschiedener politischer Richtung sowie in der Zeitung Combat zu veröffentlichen.[2]

Literarisches Schaffen

Ab 1953 führte Matzneff ein persönliches Tagebuch, das er ab 1976 in mehreren Bänden veröffentlichte. Seine literarische Karriere begann mit der Veröffentlichung seiner Essaysammlung Le Défi (1965) und seines ersten Romans, L'Archimandrite (1966). Als ein Hauptwerk Matzneffs gilt Les Moins de seize ans (1974). Einige seiner Werke sind von Erlebnissen aus seiner Kindheit inspiriert, so Ivre du vin perdu (1981), Mamma, li Turchi! (2000) und La Lettre au capitaine Brunner (2015). Ein Thema, um das seine Werke immer wieder kreisen, ist die Liebe des Erwachsenen zu Knaben und jungen Mädchen.[3]

Gabriel Matzneff wurde mit mehreren Literaturpreisen der Académie française ausgezeichnet, darunter der Prix Mottart (1987) und der Prix Amic (2009). 2013 erhielt er für sein Buch Séraphin, c'est la fin! den renommierten Prix Renaudot.[3]

Verteidigung der Pädophilie in seinem Werk und öffentlichen Auftritten

Titelseite von Les Moins de seize ans (1974)

Spätestens seit der Veröffentlichung seines 1974 erschienenen Buches Les Moins de seize ans („Die Unter-16-Jährigen“) wurde in Matzneffs Werk seine sexuelle Vorliebe für junge Mädchen und Jungen deutlich, und er verteidigte sexuelle Affären mit Kindern auch bei Auftritten in der Öffentlichkeit, etwa im Fernsehen. In prominenten Literaturkreisen wurde dieses libertäre Denken zunächst akzeptiert und von eminenten Vertretern der Literaturkritik gegen Einwände verteidigt. Der prominente Journalist und Literaturkritiker Bernard Pivot lud Matzneff insgesamt fünfmal in seine Sendungen im öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehen ein und stellte am 12. September 1975 auf Antenne 2 auch Les Moins de seize ans vor. Matzneff, der dabei anwesend war, sagte:[4]

« Je pense que les adolescents, les jeunes enfants, disons entre 10 et 16 ans, sont peut-être à l’âge où les pulsions d’affectivités, les pulsions sexuelles également, sont les plus fortes parce que les plus neuves. Et je crois que rien ne peut arriver de plus beau et de plus fécond à un adolescent ou une adolescente que de vivre un amour. Soit avec quelqu’un de son âge (…), mais aussi peut-être avec un adulte qui l’aide à se découvrir soi-même, à découvrir la beauté du monde créé, la beauté des choses. »

„Ich denke dass Jugendliche und Kinder, sagen wir zwischen zehn und 16 Jahren, vielleicht in dem Alter sind, in dem die affektiven und sexuellen Triebe am stärksten sind, weil sie noch neu sind. Und ich glaube, dass einem oder einer Jugendlichen nichts Schöneres und Fruchtbareres passieren kann, als eine Liebe zu leben. Entweder mit jemandem seines eigenen Alters (…) aber vielleicht auch mit einem Erwachsenen, der ihm oder ihr hilft, sich selbst und die Schönheit der Welt und der Dinge zu entdecken.“

Im Januar 1977 verfasste Matzneff einen offenen Brief, der in der Tageszeitung Le Monde veröffentlicht wurde und in dem er die Freilassung von drei Inhaftierten verlangte, denen sexuelle Handlungen mit 13- und 14-jährigen Jungen und Mädchen vorgeworfen wurden. Zu den Unterzeichnern des Appells zählten etwa sechzig prominente Intellektuelle, darunter Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Gilles Deleuze, Guy Hocquenghem, Louis Aragon, Roland Barthes, Philippe Sollers und der spätere Kulturminister Jack Lang.[4]

Die Wissenschaftlerin Anne-Claude Ambroise-Rendu, Autorin eines Buches über die Geschichte der Pädophilie im 19. und 20. Jahrhundert, stellt fest, dass außer Pivot auch die Tageszeitungen Le Monde und Libération Matzneff und seine Anliegen unterstützten: „Le Monde kritisiert Matzneff in den 1970ern niemals, und Libération spricht zwar wenig von ihm, unterstützt jedoch die Pädophilenbewegung.“ Sie sieht ihn neben dem Schriftsteller Tony Duvert und dem Philosophen René Schérer als „Galionsfigur“ der Verteidigung der Pädophilie. Le Monde, in der Matzneff seit 1977 eine wöchentliche Kolumne schrieb, beendete diese Form der Zusammenarbeit mit ihm 1982, als er – zu Unrecht, wie sich später herausstellte – in einer Affäre um eine Erziehungseinrichtung im Département Gard pädophiler Handlungen verdächtigt wurde.[4]

Ab Mitte der 1980er Jahre begann sich die öffentliche Meinung in Frankreich zu ändern, und das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen wurde häufiger thematisiert. Der Begriff „Pädophilie“ hielt Einzug in die Alltagssprache. Dennoch wurden Vorwürfe, die die kanadische Schriftstellerin und Journalistin Denise Bombardier 1990 in Bernard Pivots Literatursendung Apostrophes gegen Matzneff erhob, von anderen Teilnehmern der Sendung als puritanisch abgetan, unter anderem von der Schriftstellerin Christine Angot.[5] In der Ausgabe ihrer Zeitung vom 30. März 1990 kommentierte die Literaturredakteurin von Le Monde, Josyane Savigneau, Matzneff vergewaltige niemanden, und warf Bombardier „Dummheit“ und ein Verkennen gesellschaftlicher Realitäten vor. Nur wenige kritische Stimmen erhoben sich gegen Matzneff, so Guy Sitbon im Wochenmagazin Nouvel Observateur. Noch 1999 wurde Bombardier von einem Kolumnisten in Libération wegen ihrer Äußerungen in der Sendung von 1990 angegriffen.[4]

Vor dem Hintergrund der stärkeren Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die problematische Seite der Pädophilie, die seit den 1990er Jahren überwiegend als sexuelle Gewalt und kriminell angesehen wird, sah sich Matzneff zunehmend isoliert. Trotzdem wurde er noch 2013 mit einem renommierten Literaturpreis geehrt. Einige der Mitglieder der Vergabe-Jury, die sich mit sieben gegen drei Stimmen für Matzneff ausgesprochen hatte, erklärten später, sie hätten sich auch deshalb für Matzneff entschieden, weil sie ihn als Opfer eines Medienbanns und von öffentlicher Anprangerung gesehen hätten.[4]

Skandal und Aufarbeitung seit Dezember 2019

Matzneff anklagende Collage an einer Straßenecke im 6. Pariser Arrondissement (Januar 2020)

Im Dezember 2019 entbrannte eine heftige öffentliche Diskussion um ein autobiografisches Buch der Verlagslektorin Vanessa Springora mit dem Titel Le Consentement („Die Einwilligung“), in dem sie Matzneff bezichtigt, mit ihr in den 1980er Jahren eine sexuelle Beziehung unterhalten zu haben, die begonnen habe, als sie erst 14 Jahre alt war.[6][7][8] Das Schutzalter wurde in Frankreich 2021 auf 15 Jahre festgesetzt;[9] die Verjährungsfrist von 30 Jahren für die inkriminierten sexuellen Handlungen war verstrichen, als Springoras Buch erschien.[10][11] Nach Angaben von Le Monde von Dezember 2019 war Matzneffs Beziehung zu Springora, als sie bestand, in Verlagskreisen allgemein bekannt und erregte dort keinen Anstoß; auch Springoras Mutter arbeitete in dieser Zeit im Verlagswesen. Matzneff hatte die Beziehung nicht verheimlicht und war von Springora begleitet auch bei einem Fernsehauftritt zu sehen.[4]

Infolge des Erscheinens von Springoras Buch am 2. Januar 2020 eröffnete die Pariser Staatsanwaltschaft am 3. Januar ein Vorermittlungsverfahren gegen Matzneff wegen des Verdachts auf Vergewaltigung Jugendlicher unter 15 Jahren. Daraufhin distanzierten sich zahlreiche öffentliche Akteure von ihm. So gab das Nachrichtenmagazin Le Point am 5. Januar das Ende seiner Zusammenarbeit mit Matzneff bekannt.[6][4] Bis zum 10. Januar kündigten mehrere Verlage, darunter Gallimard, La Table ronde, Léo Scheer und Stock, an, Matzneffs Bücher nicht mehr verlegen zu wollen. Ebenfalls am 7. Januar urteilte der französische Kulturminister, Franck Riester, dass ein Autor, der sich zum „Herold“ der Pädokriminalität mache, keine staatliche Unterstützung erhalten dürfe.[6] Riester bezog sich darauf, dass Matzneff noch 2019 eine staatliche Zuwendung in Anerkennung seines literarischen Werks zugesprochen worden war;[12] der Autor hatte aus einem Fonds des Centre national du livre in zwei Jahrzehnten insgesamt etwa 160.000 Euro bezogen.[8][6] Am 24. September 2020 erklärte Riesters Amtsnachfolgerin, Roselyne Bachelot, dass die Zahlungen an Matzneff eingestellt seien.[13]

Ende Januar 2020 äußerte Matzneff, er bereue seine pädophilen Handlungen in der Vergangenheit; allerdings habe sie „zu jener Zeit“ niemand als Verbrechen angesehen.[14] Bis Anfang März 2020 führte die Polizei mehrere Hausdurchsuchungen durch, unter anderem beim Verlag Gallimard, an Matzneffs Wohnsitz und in einem Hotel in Italien, in dem er sich Anfang 2020 aufhielt.[15]

Am 11. Februar 2020 kündigte der Pariser Staatsanwalt Rémy Heitz einen Zeugenaufruf an, unter anderem mit dem Ziel, mögliche weitere Opfer ausfindig zu machen.[10][11] Am 31. März 2020 trat die 62-jährige britische Journalistin Francesca Gee an die Öffentlichkeit. Sie hatte Matzneff nach eigenen Angaben 1973 kennengelernt und mit Einverständnis ihrer Eltern drei Jahre lang mit ihm zusammengelebt. Sie beschuldigte den Schriftsteller, gegen ihren Willen Fotos und Briefe von ihr in seinen Werken verwendet zu haben, unter anderem in Les Moins de Seize Ans, und gab an, während ihrer Beziehung mit Matzneff mehrmals in dessen Begleitung die Frauenärztin und spätere französische Gesundheitsministerin Michèle Barzach aufgesucht zu haben, insbesondere um sich von ihr die Antibabypille verschreiben zu lassen.[14] Barzach wurde daraufhin im April 2020 von der Polizei vernommen.[16][17]

Ein vom Kinderschutzbund L’Ange bleu angestrengtes Verfahren gegen Matzneff wegen Verherrlichung der Pädokriminalität in drei Zeitungsartikeln, in denen er auf den Fall Springora Bezug genommen hatte,[14] wurde von der französischen Justiz 2021 wegen eines von den Beschuldigern begangenen Formfehlers abgelehnt.[18][19]

Wegen seiner Verbindungen zu Matzneff musste der Kulturbürgermeister der Stadt Paris, Christophe Girard, infolge öffentlichen Drucks im Juli 2020 von seinem Amt zurücktreten.[20] Er war mit dem Schriftsteller seit den 1980er Jahren freundschaftlich und geschäftlich verbunden,[21] wurde öfter in dessen Werken erwähnt, und La Prunelle de mes yeux, das vom Verhältnis Matzneffs zu Vanessa Springora handelt, ist ihm gewidmet.[22] Als Generalsekretär des Modeunternehmens Yves Saint-Laurent verantwortete er die langjährige Finanzierung eines Hotelzimmers in Saint-Germain-des-Prés, in dem sich Matzneff mit Springora und anderen getroffen haben soll.

Nach einem Bericht in Le Monde vom November 2023 wurden die infolge der Einlassungen Springoras eingeleiteten staatsanwaltlichen Ermittlungen inzwischen eingestellt. Unterdessen soll eine etwa 50-Jährige, die in der Öffentlichkeit anonym bleiben wolle und die Adoptivtochter eines Intimus Matzneffs sein soll, sich an die Behörden gewandt und angegeben haben, über Dokumente aus dem Familienbesitz zu verfügen, die spätere Taten, die noch nicht verjährt seien, belegen könnten.[23]

Werke

  • Le Défi. La Table ronde, Paris 1965.
  • L’Archimandrite. La Table ronde, Paris 1966.
  • La Caracole, chroniques polémiques, 1963-1968. La Table ronde, Paris 1968.
  • Comme le feu mêlé d’aromates. La Table ronde, Paris 1969.
  • Le Carnet arabe. La Table ronde, Paris 1971.
  • Nous n’irons plus au Luxembourg. La Table ronde, Paris 1972.
  • Les Moins de Seize Ans. Julliard, Paris 1974.
  • Douze poèmes pour Francesca. A. Eibel, Lausanne 1977.
  • La Diététique de Lord Byron. La Table ronde, Paris 1984.
  • Le Sabre de Didi, pamphlet. La Table ronde, Paris 1986.
  • Le Taureau de Phalaris, dictionnaire philosophique. La Table ronde, Paris 1987.
  • Cette camisole de flammes. Journal 1953-1962. Gallimard, Paris 1989.
  • Élie et Phaéton. Journal 1970-1973. La Table ronde, Paris 1991.
  • Mes amours décomposés. Journal 1983-1984. Gallimard, Paris 1992.
  • Les Lèvres menteuses. La Table ronde, Paris 1992.
  • La Prunelle de mes yeux. Gallimard, Paris 1993.
  • Maîtres et complices. J.-C. Lattès, Paris 1994.
  • Le Dîner des mousquetaires. La Table ronde, Paris 1995.
  • De la rupture. Payot & Rivages, Paris 1997.
  • Boulevard Saint-Germain. Éditions du Rocher, Monaco 1998.
  • Mamma, li Turchi! La Table ronde, Paris 2000.
  • Super flumina Babylonis. La Table ronde, Paris 2000.
  • C’est la gloire, Pierre-François! La Table ronde, Paris 2002.
  • Yogourt et yoga. La Table ronde, Paris 2004.
  • Voici venir le fiancé. La Table ronde, Paris 2006.
  • Vous avez dit métèque? La Table ronde, Paris 2008.
  • Les Émiles de Gab la Rafale. Léo Scheer, Paris 2010.
  • La Séquence de l’énergumène. Léo Scheer, Paris 2011.
  • Monsieur le comte monte en ballon. Léo Scheer, Paris 2012.
  • Séraphin, c’est la fin! La Table ronde, Paris 2013.
  • Les Nouveaux Émiles de Gab la Rafale, courrier électronique. Léo Scheer, Paris 2013.
  • La Lettre au capitaine Brunner. La Table ronde, Paris 2015.
  • Un diable dans le bénitier. Stock, Paris 2017, ISBN 978-2-234-08254-0.
  • Vanessavirus. Selbstverlag, limitierte Auflage, Paris 2021.
  • Derniers écrits avant le massacre. La Nouvelle Librairie (angekündigt für 2022, vorläufig unveröffentlicht).
Commons: Gabriel Matzneff – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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