Georg Kreis
Schweizer Historiker
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Georg Kreis (* 14. November 1943 in Basel) ist ein Schweizer Historiker und emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel.[1]

Leben
Kreis studierte Geschichte, Germanistik und Geografie an den Universitäten Basel (namentlich bei Edgar Bonjour, Werner Kaegi, Herbert Lüthy), Paris (bei Jean-Baptiste Duroselle) und Cambridge (bei Harry Hinsley). Seine 1972 in Basel abgeschlossene Dissertation befasst sich mit der schweizerischen Pressezensur während des Zweiten Weltkriegs und erschien 1973 als Buch unter dem Titel „Zensur und Selbstzensur“. Er arbeitete zunächst als Gymnasiallehrer, seine Forschungstätigkeit übte er parallel zu diesem Beruf aus.
National bekannt wurde Kreis erstmals 1977 als Gegenspieler von Niklaus Meienberg. Mit einer Schrift zu Frankreichs republikanischer Grossmachtpolitik in den Jahren 1870–1924 habilitierte er sich 1981 in Basel und lehrte dort anschließend als Privatdozent. Von 1985 bis 1993 leitete er das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Nationale Forschungsprogramm 21 „Kulturelle Vielfalt und nationale Identität“, 1986 wurde er zum ausserordentlichen Professor ernannt. Von 1992 bis 2012 war er Hauptredaktor der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte.
Die Universität Basel berief Kreis 1995 als Ordinarius für Neuere Allgemeine Geschichte und Schweizer Geschichte an ihr Historisches Seminar, 2008 wurde er emeritiert. Darüber hinaus leitete er von 1993 bis 2011 als Direktor das interdisziplinäre Europainstitut für Nachdiplomstudien der Universität Basel, wo er auch als Emeritus weiter unterrichtet.
Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit übernahm Kreis Funktionen als Gutachter und in Expertenkommissionen zu umstrittenen Fragen der neueren Schweizer Geschichte. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft beauftragte ihn 1989 als Gutachter zu einer Kontroverse um die Geschichte der Firma Villiger. 1991/92 war er Beauftragter des Bundesrates zur Erarbeitung eines historischen Berichts über den Staatsschutz in der Schweiz von 1935 bis 1990. Von 1996 bis 2001 gehörte er der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK) an, nach ihrem Vorsitzenden Jean-François Bergier auch Bergier-Kommission genannt.

Seit der Gründung der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) 1995 bis zu seinem Rücktritt 2011 war Kreis deren Präsident.[2][3]
2006 wurde Kreis von der Schweizer Illustrierten in die Liste der 100 wichtigsten Schweizer Persönlichkeiten aufgenommen.[4] 2007 wurde er mit dem Fischhof-Preis ausgezeichnet, der von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) vergeben wird.[5] Er ist schweizerisch-deutscher Doppelbürger. Von 1973 bis 2013 war er Mitglied der FDP, zeitweise nationaler Vizepräsident und Mitglied des Weiteren Bürgerrates in Basel.[6]
Kreis ist verheiratet, wohnt in Basel und hat drei Söhne.[7]
Werk
Kreis verfasste zahlreiche Publikationen über die Schweizer Geschichte, über die Beziehung der Schweiz zum Ausland und über Minderheiten und hatte diverse Fernseh- und Radioauftritte als Experte zu themenspezifischen Fragen. Er gilt als engagierte Stimme in öffentlichen Diskussionen, insbesondere zum Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, und hat sich oft harsche Kritik seitens der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gefallen lassen müssen.[8]
Schriften (Auswahl)
Monografien
- Juli 1940. Die Aktion Trump. Mit einem Nachwort von Herbert Lüthy. Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel 1973, ISBN 978-3-7190-0618-1 (alt, oft noch von Antiquariaten benutzt), ISBN 3-7190-0618-2 (neu, von Bibliotheken verwendet). Das Nachwort mit dem Titel Die Disteln von 1940 ist auf der Website zu Herbert Lüthy als PDF verfügbar.
- Auf den Spuren von «La Charité». Die schweizerische Armeeführung im Spannungsfeld des deutsch-französischen Gegensatzes 1936–1941. Basel/Stuttgart 1976.
- «Entartete Kunst» in Basel. Eine Chronik ausserordentlicher Ankäufe im Jahr 1939. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 78, 1978, S. 163–191 (doi:10.5169/seals-117978#224).
- Der Mythos von 1291. Zur Entstehung des schweizerischen Nationalfeiertages. Basel 1991.
- Helvetia im Wandel der Zeiten. Zur Geschichte einer nationalen Repräsentationsfigur. Zürich 1991.
- Mitautor: Staatsschutz in der Schweiz: Die Entwicklung von 1935–1990. Eine multidisziplinäre Untersuchung im Auftrage des schweizerischen Bundesrates. Bern 1993.
- Die Schweiz in der Geschichte, 1700 bis Gegenwart. Zürich 1997.
- Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Ihre Antworten auf die Herausforderungen der Zeit. Zürich 1999.
- Die Rückkehr des J-Stempels: Zur Geschichte einer schwierigen Vergangenheitsbewältigung. Zürich 2000.
- Fluchtgut Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933–1945 und die Frage der Restitution. (Mit Esther Tisa Franscini und Anja Heuss). Zürich 2001 (Veröffentlichungen der UEK, Bd. 1).
- Der Pass mit dem Judenstempel. Eine Familiengeschichte in einem Stück Weltgeschichte 1925–1975. München 2001.
- Vorgeschichten zur Gegenwart. Ausgewählte Aufsätze, 6 Bände. Schwabe, Basel 2003–2013, DNB 970217919.
- Europa und seine Grenzen: mit sechs weiteren Essays zu Europa. Bern 2004.
- Mythos Rütli. Geschichte eines Erinnerungsortes. Zürich 2004.
- Kein Volk von Schafen. Rassismus und Antirassismus in der Schweiz. Zürich 2007.
- Frankreichs republikanische Grossmachtpolitik. 1870–1914. Innenansicht einer Aussenpolitik. von Zabern/Vandenhoeck & Ruprecht, Mainz/Göttingen 2007, ISBN 978-3-8053-3708-3 (von Zabern) / ISBN 978-3-525-10052-3 (Vandenhoeck & Ruprecht) – (Zugleich Habilitationsschrift an der Universität Basel 1980).
- Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. NZZ, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-417-3.
- Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness. NZZ, Zürich 2010, ISBN 978-3-03823-591-0.[9]
- Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2011, ISBN 978-3-85218-868-3.
- Insel der unsicheren Geborgenheit. Die Schweiz in den Kriegsjahren 1914–1918. NZZ, Zürich 2013, ISBN 978-3-03823-844-7; 2., überarbeitete Auflage 2014, ISBN 978-3-03823-902-4.
- Schweizer Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg. hier + jetzt, Baden 2013, ISBN 978-3-03919-299-1.
- mit Birgit Stalder, Martin Stuber, Sibylle Meyrat und Arlette Schnyder: Von Bernern und Burgern – Tradition und Neuerfindung einer Burgergemeinde. hier + jetzt, Baden 2014, ISBN 978-3-03919-333-2.
- Einstehen für «entartete Kunst». Die Basler Ankäufe von 1939/40. NZZ, Zürich 2017, ISBN 978-3-03810-287-8 (mit einem Beitrag von Eva Reifert, Kuratorin am Kunstmuseum Basel).
- Blicke auf die koloniale Schweiz. Ein Forschungsbericht. Chronos, Zürich 2023, ISBN 978-3-0340-1717-6.
Herausgeberschaften
- (mit Beat von Wartburg) Basel. Geschichte einer städtischen Gesellschaft. C. Merian, Basel 2000, ISBN 3-85616-127-9.
- Die Geschichte der Schweiz. Schwabe, Basel 2014, ISBN 978-3-7965-2772-2.
- Städtische versus ländliche Schweiz? Siedlungsstrukturen und ihre politischen Determinanten (mit Beiträgen von Katja Gentinetta u. a.) NZZ, Zürich 2015, ISBN 978-3-03810-017-1.
- (mit Mario König und Beat von Wartburg) Chemie und Pharma in Basel. 2 Bde. Basel 2016, ISBN 978-3-85616-816-2.
- Wie viel Staat braucht die Schweiz? Aufsatzsammlung. NZZ Libro, Zürich 2019, ISBN 978-3-03810-399-8.
Literatur
- Kreis, Georg in der Datenbank Dodis der Diplomatischen Dokumente der Schweiz
- Georg Kreis im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
Weblinks
- Publikationen von und über Georg Kreis im Katalog Helveticat der Schweizerischen Nationalbibliothek
- Literatur von und über Georg Kreis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Eintrag über Georg Kreis im Lexikon des Vereins Autorinnen und Autoren der Schweiz
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Georg Kreis bei Perlentaucher
- Website von Georg Kreis
- Georg Kreis auf der Website des Departements Geschichte der Universität Basel
- Georg Kreis auf der Website des Europainstituts der Universität Basel
- Georg Kreis. Biografie und Bibliografie auf Viceversa Literatur
- Christian Mensch: Georg Kreis. Er ist ein Vielschreiber, der nicht ans Aufhören denkt, Schweiz am Wochenende, 27. Oktober 2018
- Ruth Haener: Georg Kreis vermisst seine Zeit, NZZ, 17. Januar 2019
- Liste Basler Persönlichkeiten