Georg Stertz

deutscher Psychiater und Neurologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Georg Stertz (* 19. Dezember 1878 in Breslau; † 19. März 1959 in München) war ein deutscher Psychiater und Neurologe.

Leben

Stertz studierte an den Universitäten in Freiburg, München und Breslau, wo er 1903 auch promovierte, Medizin. Daraufhin arbeitete er von 1903 bis 1904 als wissenschaftlicher Assistent für Psychiatrie und Nervenheilkunde an der Ludwigs-Universität Freiburg und von Dezember 1905 bis Oktober 1907 als planmäßiger Assistent am städtischen Krankenhaus in Eppendorf bei Max Nonne.[1][2][3][4] Danach wurde er in Breslau Assistent bei Karl Bonhoeffer und es folgte eine weitere planmäßige Assistenz 1910 in Bonn unter Alexander Westphal.[2][3] Dort schloss er 1911 ebenfalls seine Habilitation ab.[2] Es folgte von 1914 bis 1915 ein mindestens zwei Monate langer dienstlicher Aufenthalt in Kriegsgebieten.[3] In der Zwischenzeit arbeitete er von 1912 bis Ende 1915 als Oberarzt unter Alois Alzheimer dem Direktor der Psychiatrischen Klinik in Breslau. Stertz heiratete am 10. Mai 1915 dessen Tochter Anna Gertrud Alzheimer.[3] Zusammen hatten sie ein Kind.[1] Nach der Ernennung zum außerordentlichen Professor 1914 übernahm Stertz, nach dem Tod Alzheimers am 19. Dezember 1915, die kommissarische Leitung der Breslauer Psychiatrie und Nervenklinik, bevor Oswald Bumke Alzheimers Nachfolger wurde.[2]

1919 wechselte er nach München, wo er zunächst als Oberassistent unter Emil Kraepelin in der Psychiatrischen Klinik arbeitete, bis er im Oktober 1921 den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Marburg erhielt. Von dort aus wurde er zum 1. April 1926 nach Kiel berufen, um die Nachfolge von Ernst Siemerling, als Leiter der Nervenklinik der Universität Kiel, anzutreten. Stertz behielt diese Position bis 1937. Von 1926 bis 1933 war Kurt Kolle sein Assistent, bevor dieser unter dem Terror der Kieler Studenten wegen seiner politischen Überzeugungen Kiel fluchtartig verließ und Ernst Braun war in seiner Kieler Zeit Oberarzt unter Stertz. Stertz stand dem nationalsozialistischen System reserviert bis ablehnend gegenüber.[5] In der Zeit des Nationalsozialismus war Stertz 1934 als beamteter Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht Kiel tätig und wurde Mitglied in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Aus seiner Nervenklinik wurden nur selten Patienten mit schizophrenen Schüben dem Kieler Amtsarzt gemeldet. Die angeforderten Gutachten entsprachen dieser zurückhaltenden Praxis. Stertz nahm eine distanzierte Haltung gegenüber den Zwangssterilisierungen ein. In den meisten Fällen wurden die Erkrankungen als symptomatisch und nicht erblich eingestuft. Ende 1935 wurde er nicht erneut in das Gericht berufen.[2] Da die Mutter von Stertz Frau jüdische Wurzeln hatte und Stertz in einer „deutsch-jüdischen Mischehe“ lebte, gab es aus dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Anregung, Stertz möge selbst einen Antrag auf Entpflichtung zu stellen. Ihre Mutter Cecilie Geisenheimer trat als Jüdin zum katholischen Glauben über, bevor sie Alois Alzheimer heiratete. Stertz wehrte sich dagegen und argumentierte, dass seine Frau einen „arischen“ Vater hatte und seine Ehefrau keine Volljüdin war. Der Direktor der Medizinischen Kliniken Hanns Löhr stimmte dem sogar zu, erklärte in einem Schreiben an Rektor Paul Ritterbusch allerdings, dass Stertz „typische Meckerer“ beschäftige, damit war Kurt Kolle gemeint, „in der Systemzeit mit allen Juden […] sehr freundlich“ gestanden habe und „keine Führereigenschaften im Sinne des nationalsozialistischen Staates“ besitze. Im Mai 1937 stellt Stertz einen Antrag auf Entpflichtung, erhebt allerdings im Juli bereits Einspruch gegen seine Emeritierung. Dabei bittet er darum, rehabilitiert zu werden, ohne seinen Entpflichtungsgesuch zurückzunehmen. Am 1. Oktober 1937 wurde er als „jüdisch versippt“ eingestuft und mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zwangspensioniert. Seinen Lehrstuhl übernahm Hans Gerhard Creutzfeldt.

Stertz zog sich nach München zurück, wo er bis zum Kriegsende mit seiner Familie in einer Villa der Familie Alzheimer lebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Stertz im Februar 1946 zum kommissarischen Leiter der Psychiatrischen Klinik der Universität München ernannt und folgte hier Oswald Bumke.[2] Später wurde er auch Professor der Psychiatrie und Nervenheilkunde an der Universität. Er beendete den bayrischen Staatsdienst gesetzestreu 1952, kurz vor der Vollendung des 74. Lebensjahres.[3] Georg Stertz verfasste den Eintrag zu seinem Schwiegervater Alois Alzheimer in der Neuen Deutschen Biographie.[6] Sein ehemaliger Assistent Kurt Kolle wurde in München sein Nachfolger.

Stertz war Wiedergutmachungsberechtigter nach dem Gesetz zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes (BWGöD) vom 23. Dezember 1955. Nach langjähriger Untersuchung stellte das Landesentschädigungsamt im Januar 1959 jedoch fest, dass sich die Entschädigung im Fall Stertz nicht nach dem Bundes- und Landeswiedergutmachungsgesetz regelte, sondern nach dem Bundesentschädigungsgesetz vom 29. Juni 1956. Dementsprechend wurden die Aktenunterlagen an die dafür zuständige Abteilung weitergeleitet. Stertz starb, bevor eine Entscheidung getroffen werden konnte.[3]

Sein wissenschaftliches Werk konzentrierte sich größtenteils auf neurologische Themen: Er befasste sich unter anderem mit Tumoren des Gehirns und Rückenmarks, der Untersuchung von Gehirnflüssigkeit (Liquordiagnostik), Neurosyphilis, verschiedenen Formen von Demenz und Sprachstörungen (Aphasien), Entzündungen des Gehirns (Enzephalitiden) sowie mit Störungen des extrapyramidalen Systems.[2] Stertz hat durch seine Forschungen und Publikationen zur Diagnostik und zum Verständnis verschiedener neurologischer Krankheitsbilder beigetragen. Für seine Arbeit erhielt er 1955 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland.[1]

Einzelnachweise

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