Gerd Folkers

deutsch-schweizerischer Pharmakologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Gerd Folkers (* 25. März 1953 in Andernach) ist ein deutsch- schweizerischer Pharmazeut, Wissenschaftstheoretiker und emeritierter Professor für Pharmazie und Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Er ist bekannt für seine Beiträge zum computergestützten molekularen Design und seine späteren Arbeiten in der Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftssoziologie. Er war von 2004 bis 2015 Direktor des Collegium Helveticum und von 2016 bis 2019 Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrats (SWR).[1][2]

Gerd Folkers im Jahr 2022
Gerd Folkers im Jahr 2022

Leben und Ausbildung

Folkers wurde 1953 in Andernach, Deutschland, geboren. Er absolvierte 1973 sein Abitur am Kurfürst-Salentin-Gymnasium. Von 1973 bis 1977 studierte er Pharmazie an der Universität Bonn und legte 1978 das Staatsexamen ab. Er promovierte 1980 zum Dr. rer. nat. mit einer Dissertation über Struktur-Wirkungs-Beziehungen von Pyrrolo-Pyrimidinen unter der Leitung von H. J. Roth.[3] Im Jahr 1989 schloss er seine Habilitation in Pharmazeutischer Chemie an der Universität Tübingen ab, wobei er sich auf die molekularen Mechanismen antiviraler Wirkstoffe konzentrierte.[4]

Werdegang

Folkers begann seine akademische Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bonn und wechselte dann an der Universität Tübingen (1983–1991).[5] Während dieser Zeit absolvierte er Forschungsaufenthalte an der Universität Bern bei Hans-Dieter Höltje,[6] der Texas A&M University und am Birkbeck College, wo er sich auf Proteinkristallographie und computergestütztes molekulares Design spezialisierte.[1][7]

Im Jahr 1991 wurde er zum Professor für Pharmazeutische Chemie an der ETH Zürich ernannt. Unter seiner Leitung entwickelte sich der Lehrstuhl zu einem Zentrum für strukturbasiertes Wirkstoffdesign (SBDD).[8] Im Jahr 2004 wechselte er in die Leitung des Collegium Helveticum, dem gemeinsamen Institute for Advanced Studies der ETH Zürich und der Universität Zürich.[9] 2015 wurde er zum Professor für Wissenschaftsforschung am Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften (D-GESS) der ETH Zürich ernannt. Zusammen mit Lino Guzzella war er Mitbegründer und Leiter der Critical Thinking Initiative der ETH Zürich, die kritisches Denken und eine offene Debattenkultur in der Wissenschaft förderte.[10][11] Im Jahr 2018 wurde er emeritiert.[1][12]

Gremien und Beratende Funktionen

Forschung und wissenschaftliches Werk

Seine frühe Forschung war massgeblich an der Etablierung des computergestützten Wirkstoffdesigns (Computer-Aided Molecular Design, CAMD) in der Schweiz beteiligt, insbesondere für personalisierte Krebstherapien. Seine spätere Arbeit am Collegium Helveticum konzentrierte sich jedoch auf Wissenschaftstheorie und die Rolle von Intuition und Visualisierung in der wissenschaftlichen Entdeckung. Er ist ein Befürworter des „Critical Thinking“ in den Lehrplänen der Universitäten und argumentiert, dass Wissenschaftler den historischen und sozialen Kontext ihrer Daten verstehen müssen.[18]

Zusammen mit dem Schweizer Fotografen Hans Danuser initiierte Folkers die Restaurierung der Villa Garbald in Castasegna, entworfen von Gottfried Semper, und deren Umnutzung als externes Tagungszentrum der ETH Zürich.[19] Er leitete die Cortona Week (2015–2017), eine internationale Klausurwoche für Doktoranden, die sich auf die Integration von Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Kunst konzentrierte.[20] Zudem war er Gründer und Herausgeber des multidisziplinäre Magazins 42 der ETH Zürich, welches die Grenzen wissenschaftlichen Wissens auslotet.[21]

Autor und Schriftsteller

Seit seiner Emeritierung im Jahr 2018 konzentriert sich Folkers zunehmend auf literarische und philosophische Erzählungen, die die Lücke zwischen materieller Geschichte, sozialen Beobachtungen und den Naturwissenschaften schließen.

In Faustmanns Hypsometer (2022) nutzt er ein historisches Instrument aus seiner eigenen Sammlung, um den erkenntnistheoretischen Wandel von der physischen, haptischen Messung zur digitalen Abstraktion zu untersuchen, und reflektiert darüber, wie Werkzeuge die menschliche Wahrnehmung der Realität formen.[22]

Sein 2023 erschienenes Werk Linie 13, ein Skizzenbuch, dokumentiert Reflexionen über Zürichs Stadtlandschaft und Gesellschaft sowie die „Normalität“ des Alltags durch die Linse einer wiederkehrenden Tramfahrt.[23][24]

Cover von Flugsommer (2025)
Buchcover von Flugsommer (2025)

In Flugsommer (2025) erweitert Folkers sein literarisches Repertoire mit einer Erzählung, die die Biedermeierzeit in eine neue Perspektive rückt. Die Novelle beschreibt die historisch belegte Rivalität zweier junger Männer um die Finanzierung ihrer Flugmaschine. Die Geschichte spielt im Nürnberg des Jahres 1835.[25]

Privates

Folkers ist mit Stefanie Rousek Folkers verheiratet; das Paar hat eine Tochter. Er ist ein Bibliophiler mit einer Sammlung früher Science-Fiction und historischer wissenschaftlicher Texte. Sein Interesse an der materiellen Kultur der Wissenschaft erstreckt sich auf eine Sammlung von Messinstrumenten des 19. Jahrhunderts, die er nutzt, um die Evolution von Genauigkeit und Wahrnehmung in der Forschung zu studieren.[26]

Auszeichnungen

Publikationen (Auswahl)

  • Jannis Wernery, Harald Atmanspacher, Jürgen Kornmeier, Victor Candia, Gerd Folkers, Marc Wittmann: Temporal Processing in Bistable Perception of the Necker Cube. In: Perception. 44. Jahrgang, Nr. 2, 1. Januar 2015, ISSN 0301-0066, S. 157–168, doi:10.1068/p7780 (englisch).
  • Pavel Pospisil, Patrick Ballmer, Leonardo Scapozza, Gerd Folkers: Tautomerism in Computer‐Aided Drug Design. In: Journal of Receptors and Signal Transduction. 23. Jahrgang, Nr. 4, 1. Januar 2003, ISSN 1079-9893, S. 361–371, doi:10.1081/rrs-120026975 (englisch).
  • Gerd Folkers, Susanne Trumpp-Kallmeyer, Oliver Gutbrod, Sabine Krickl, Jürgen Fetzer, Günther M. Keil: Computer-aided active-site-directed modeling of the Herpes Simplex Virus 1 and human thymidine kinase. In: Journal of Computer-Aided Molecular Design. 5. Jahrgang, Nr. 5, 1. Oktober 1991, ISSN 0920-654X, S. 385–404, doi:10.1007/bf00125660 (englisch).
  • Norman Sieroka, Vivianne I. Otto, Gerd Folkers: Guest Editorial: Critical Thinking in Education and Research—Why and How? In: Angewandte Chemie International Edition. 57. Jahrgang, Nr. 51, 15. Oktober 2018, ISSN 1433-7851, S. 16574–16575, doi:10.1002/anie.201810397 (englisch).
  • Gerd Folkers, Lino Guzzela: The Future of Universities in a Digital Era. In: www.diplomaticourier.com. Abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  • Gerd Folkers, Laura Folkers: On computable numbers. In: Infozine. S1. Jahrgang, 12. Dezember 2016, S. 41–42, doi:10.3929/ethz-a-010745043 (englisch, handle.net).
  • Gerd Folkers: On Re-Positioning. In: The Power of Distributed Perspectives. De Gruyter, 2016, ISBN 978-3-11-049335-1, S. 189–214, doi:10.1515/9783110493351-012 (englisch).
  • Gerd Folkes: “Economization” in Science and of Science Itself: Changes to the Game. Swiss Science and Technology Council, 2013, ISBN 978-3-906113-05-0, “Economization” in Science, S. 42 (englisch).

Gerd Folkers: Gullivers Reise durch 30 Jahre ETH. Abschiedsvorlesung. Videoportal der ETH Zürich, 18. September 2018.

Einzelnachweise

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