Gerd Katter
deutscher Versicherungsvertreter und Patient von Magnus Hirschfeld
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Gerd Katter (* 14. März 1910 in Berlin-Britz; † 1995 in Birkenwerder[1]) war ein deutscher Versicherungsvertreter und transmännlicher Patient des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld.[2][3]

Gerd Katter wird bisher größtenteils im Kontext seiner Geschlechtsidentität und seines Status als Patient von Magnus Hirschfeld diskutiert.[4] Obwohl ihm bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeschrieben worden war, lebte Katter als Mann und änderte seinen Namen[5], seine Pronomen und seine körperliche Gestalt, um sie seiner Geschlechtsidentität anzupassen.
Frühes Leben
Mit 17 Jahren, kurz nach seinem Realschulabschluss, begann Gerd Katter eine Tischlerlehre.[6] Gerd Katter identifizierte sich nicht mit dem ihm bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht. Durch Veröffentlichungen, die Homosexualität und Transvestitismus thematisierten, etwa von dem Sexualforscher Max Hodann, Das 3. Geschlecht des deutschen Aktivisten und Autors Friedrich Radszuweit sowie Magnus Hirschfelds Buch Geschlechtskunde, wurde Katter mit den vielfältigen Ausprägungen von Sexualität und Geschlecht vertraut, die sein eigenes Identitätsgefühl prägten. Über einen Bekannten Hodanns kam Katter schließlich mit Magnus Hirschfeld in Kontakt.[4]
Transvestitenschein und Namensänderung
1928, im Alter von 18 Jahren, suchte Katter nach weiterer Bestätigung seiner Geschlechtsidentität und beantragte einen sogenannten Transvestitenschein. Dieses von den zuständigen Polizeibehörden des Deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik ausgestellte Dokument erlaubte es den Betroffenen sich in der Kleidung in der Öffentlichkeit zu bewegen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprach. Wie die Historikerin Katie Sutton in ihrem Artikel Trans Rights and Cultures in the Weimar Republic beschreibt, konnten geschlechtsdiverse Personen ohne diese Scheine, und mitunter sogar mit ihnen, nach den deutschen Gesetzen wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ strafrechtlich verfolgt werden.[7]
Katters „Transvestitenschein“ ist ein seltenes Artefakt dieser Art, die bisher dafür genutzt wurden, um die Rolle von Identitätsdokumenten für Transpersonen im Weimarer Berlin zu untersuchen.[2]
Nach dem Erhalt des Transvestitenscheins führte Gerd Katter eine amtliche Vornamensänderung durch, bei der er aus einer vom Justizministerium vorgegebenen Liste den Namen „Gerd“ auswählte.[8] Schon ab 1920 konnten Transpersonen in Preußen amtliche Vornamensänderungen durchführen.[9] Außerdem unterzog sich Gerd Katter mutmaßlich mehreren geschlechtsaffirmierenden Operationen im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin Friedenau durch den Chirurgen Otto Nordmann, darunter mutmaßlich eine Mastektomie.[8]
Wie die Historikerin Annette F. Timm anmerkt, wurde Gerd Katter nach seinem Eingriff und dem Erwerb seines Transvestitenscheins vom Institut für Sexualwissenschaft als medizinischer Fall präsentiert und den Besuchern vorgeführt.[1] In ihrer Dissertation Queer Home Berlin? Making Queer Selves and Spaces in the Divided City, 1945–1970 zitiert die Wissenschaftlerin Andrea Rottman Katters persönliche Briefe aus den Archiven der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Der Tonfall der glühenden Bewunderung für Magnus Hirschfeld und das Institut lässt darauf schließen, dass er gerne mitwirkte.[4]
Späteres Leben
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Gerd Katter mit seiner Mutter in Birkenwerder, einem Dorf in Brandenburg (DDR), wo er für ein Versicherungsunternehmen arbeitete und Schauspielunterricht nahm.[3][4] Zeit seines Lebens blieb er dem Sozialismus und Antifaschismus treu und war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und des Kulturbundes.[4]
Eintreten für Hirschfeld
1947 erhielt Anton Ackermann, Leiter der Kulturabteilung der SED, einen Brief von Gerd Katter, in dem dieser sich für das Gedenken an Magnus Hirschfeld und den Wiederaufbau des im NS-Regime zerstörten Instituts für Sexualwissenschaft einsetzte.[4] Laut der Historikerin Andrea Rottmann beschrieb Katter Hirschfeld in seinem Brief an Ackermann als „Opfer des Faschismus“, aber auch als „gigantischen Kämpfer“. So wurden Überlebende bezeichnet, die vom Staat offiziell anerkannt wurden.[4]
Gerd Katter beklagte die ungerechte Behandlung und Viktimisierung Hirschfelds unter der NS-Herrschaft, wobei er Hirschfelds deutsche Identität betonte, seine jüdische Herkunft aber nicht erwähnte. Offenbar befürchtete er, dies würde die Wahrnehmung Hirschfelds vom „aktiven Kämpfer“ gegen den Faschismus zum „passiven Opfer“ wandeln.[4]
Im Anschluss an diesen Brief kontaktierte Gerd Katter Freunde Hirschfelds und Personen mit kultureller Einflussreichweite, von denen er sich Unterstützung für sein Vorhaben erhoffte. Darunter waren die deutsch-jüdischen Schriftsteller Friedrich Wolf und Arnold Zweig.[4]
1985 erfuhr Gerd Katter durch eine Radiosendung aus West-Berlin von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, schrieb ihr und spendete schließlich sein persönliches Archiv sowie aufgezeichnete Interviews an die Gesellschaft.[1][4]
Weblinks
- Gerd Katter: LGBTQ+ Stories from Nazi Germany von Jake Newsome
- Gerd Katters Transvestitenschein, in: Online-Ausstellung: Spektrum des Un_rechts. Geschlechtlich nonkonforme Leben unter der NS-Herrschaft, 2024, von Kai* Brust und Educat e.V.
- Gerd Katters Nachlass bei der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft