Gerhard Baur
deutscher Bergsteiger und Kameramann
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Gerhard Baur (* 18. Februar 1947 in Ochsenhausen) ist ein deutscher Bergsteiger, Kameramann und Bergfilmer. Baur prägte nachhaltig den deutschsprachigen- und internationalen Bergfilm und wurde 2002 als bester Bergfilmer der Welt ausgezeichnet.
Leben
Baur wächst in Friedrichshafen auf. Sein Vater bringt ihn schon früh zum Bergsteigen. Rasch entwickelt er sich zu einem außergewöhnlich guten Kletterer und Bergsteiger. Nach der Schulzeit beginnt er eine Lehre als Maschinenschlosser und holt, um sein Berufsziel Berufsschullehrer zu erreichen, auf dem zweiten Bildungsweg das Fachabitur nach. Zur Finanzierung des Studium arbeitet er in den Ferien als Alpinassistent bei dem Filmemacher Jürgen Gorter sowie bei Lothar Brandler, dem damals bekanntesten Bergfilmer Deutschlands. 1968 dreht er für den Bayrischen Rundfunk (BR) seinen ersten eigenen Bergfilm über die Begehung des Riesendachs der Westlichen Zinne. Ab 1969 arbeitet er als freier Mitarbeiter für die Dokumentarfilmreihe Unter unserem Himmel, die vom BR produziert wird. Diese Sendereihe gibt ihm den finanziellen Rückhalt, um hauptberuflich als Bergfilmer arbeiten zu können.[1][2]
2002 bekommt Baur für sein Gesamtwerk den „Großen Preis“ der „Internationalen Allianz für Bergfilme“ (IAMF) verliehen. Dieser gilt als die wichtigste internationale Auszeichnung im Bereich des Bergfilms (auch „Oscar des Bergfilms“ genannt). In der IAMF sind die 14 weltweit bedeutendsten Bergfilm-Festivals vereint, darunter Trient, Banff, Les Diablerets, Lugano, Graz und Autrans.[1][3]
Gerhard Baur lebt in Sulzberg (Oberallgäu). Er ist mit Margret Baur verheiratet und hat drei Söhne.[2][4] In Gerhard Baurs neueren Filmen übernahmen Margret Baur die Produktionsleitung und Sohn Fridolin die Kamera (siehe Besetzung bei den neueren Filmen unter Weblinks).
Der Bergsteiger
Mit seinem Vater beginnt Gerhard Baur schon früh mit dem Klettern. Mit 19 durchsteigt er die Matterhorn Nordwand und es gelingen ihm zwischen 1964 und 1968 spektakuläre Erstbegehungen im Alpenraum wie beispielsweise der Baurpfeiler am Großen Drusenturm (1966) mit der damals berüchtigten 20 m hohen, glatten „Baur-Patte“, die heute durch Bohrhaken entschärft ist oder das über 40 m ausladende Riesendach in der Nordwand der Westlichen Zinne (1968). 1966 beteiligte er sich mit u. a. Gary Hemming und René Desmaison an der Rettung der beiden Deutschen Heinz Ramisch und Hermann Schridell aus der Dru-Westwand. Auch im Klettergebiet Oberes Donautal hinterlässt er seine Spuren mit der schönen Mops-Variante an den Hauserer Zinnen und dem damals gefürchteten Bröselmeier am Schreyfelsen, der früher ohne mobile Sicherungsgeräte geklettert wurde.[2][5] Wegen seiner Verbundenheit zu lokalen Klettergebieten engagierte er sich im Vorstand der IG Klettern Allgäu.[6]
Baur war 1970 Mitglied der von Karl Herrligkoffer geleiteten Siegi-Löw-Gedächtnisexpedition zum Nanga Parbat und erreicht Lager V (auf etwa 7350 m Höhe).[7] 1975 gelingt ihm im Rahmen der deutsch-österreichischen Kantsch-Expedition die dritte Besteigung des Kangchendzönga-Westgipfels. Um den Aufstieg zu filmen, trägt er die schwere Kameraausrüstung bis hinauf zum 8438 Meter hohen Gipfel.[8] Der Film wurde 1976 beim Bergfilm-Festival Trient mit dem Großen Preis, dem „Goldenen Enzian“, als international bester Film des Festivals ausgezeichnet.[9][5]
Gerhard Baurs Erstbegehungen im Alpenraum:
- 1964: Direkter Roggalpfeiler an der Roggalspitze (im Alleingang),
- 1966: Baurpfeiler am Großen Drusenturm,
- 1966: Südostpfeiler am Kleinen Drusenturm,
- 1967: Nordwestpfeiler am Spuller Schafberg,
- 1968: Südverschneidung an der Roten Wand,
- 1968: Großen Dach in der Nordwand der Westlichen Zinne,
- 1975: Oberländerweg durch die Aiguille-de-Triolet-Nordwand
Baurs Sicht auf Günther Messners Unfall am Nanga Parbat
Gemeinsam mit Reinhold Messner und dessen jüngerem Bruder Günther biwakierte Baur am 26. Juni 1970 in einer Höhe von ca. 7350 m im Lager V in der Rupalwand am Nanga Parbat. Am frühen Morgen brach Reinhold Messner von dort allein zum Gipfel auf. Günther Messner folgte ihm später. Baur steigt wegen starker Halsschmerzen zum Lager IV (6700 m) ab.[7] In Reinhold Messners Beschreibung der Umstände, die zum Tod von Günther Messner führten, weist Baur immer wieder auf Widersprüche hin, macht Messner aber hierzu keine Vorwürfe:
- Reinhold Messner hat im Vorfeld immer wieder von der Überschreitung des Nanga Parbats gesprochen. Dennoch gibt er an, den Entschluss vom Gipfel über die Diamirflanke abzusteigen, auf Vorschlag des stark höhenkranken Günther, spontan getroffen zu haben. Die „spontane“ Entscheidung zweifelt Baur an.[7]
- Obwohl auf dem Rückweg über die Rupalflanke die Expeditionteilnehmer Felix Kuen und Peter Scholz hätten Hilfe leisen können und drei weitere Bergsteiger schon hoch in der Wand waren, hat sich Reinhold für den Abstieg über die gegenüberliegende, ihm unbekannte Bergseite entschieden. Für Baur hat Reinhold die mögliche Hilfe nicht angenommen.[7]
- Baur sagte im Spiegelinterview: „Es ist unbestritten, dass Messner gefragt wurde, ob alles in Ordnung sei, und es ist unbestritten, dass er Kuen und Scholz zurief: Ja, alles in Ordnung. Obwohl Günther Messner schon schwer höhenkrank gewesen sein soll. Das will einfach nicht zusammenpassen.“[7]
- Auch der Fundort von Günther Messner ist für Baur kein Beweis, dass die Brüder Messner bis weit in die Diamirflanke hinein gemeinsam abgestiegen sind. In der Nähe des Leichnams von Günther Messner lagen auch die Überreste eines anderen Bergsteigers, der hoch in der Wand verunglückt war, so dass eine Höhenangabe von Günthers Unfallort für Baur nicht möglich ist.[7]
Der Bergfilmer

Gerhard Baur erhielt für seine mehr als 70 Dokumentationen und Spieldokumentationen viele internationale Preise und etwa 50 Auszeichnungen.[1] Einen seiner ersten großen Auftritte als Kameramann hatte Baur 1969 in Lothar Brandlers Film Eiger Nordwand. Vom 15. Juli bis 15. August 1969 gelang sechs japanischen Bergsteigern die „Sommer-Diretissima“ durch die Eiger Nordwand. Ein Team um Lothar Brandler wiederholte die Route wenige Wochen später und filmte den Aufstieg. Die Dokumentation wurde 1970 auf dem Bergfilm-Festival der Stadt Trient preisgekrönt.[10]
Baurs Bergfilme zeichnen eine Unmittelbarkeit und Authentizität aus, die daher rührt, dass er als Bergsteiger, Regisseur und Kameramann seine Filme an den Originalschauplätzen drehen kann; also auch in den großen Bergwänden der Welt. Beispiele hierfür sind seine beiden Filme, Grandes Jorasses Nordwand von 1982 und Eiger Nordwand - Überlebt aus dem Jahr 2000, die manche für seine wichtigsten Filme halten.[11] Grandes Jorasses Nordwand beschreibt den Versuch der ersten Durchsteigung der Grandes Jorasses Nordwand im Sommer 1934 durch Rudolf Peters und Rudolf Haringer. Kurz unterhalb des Gipfels zwingt das Wetter die beiden zur Umkehr und sie kämpfen ums Überleben.[12] Eiger Nordwand - Überlebt basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1983. Zwei junge Kletterer steigen, ohne jemanden zu informieren, in die Eiger Nordwand ein. Ein Wettersturz versetzt sie in ein eisiges Inferno mit Blitzschlag, Lawinen und Kälte. Auf einem kleinen Absatz harren sie neun Tage aus, bevor sie durch Zufall entdeckt und gerettet werden. Es war Gerhard Baur selbst, der am Wandfuß das verlassene Zelt der Kletterer entdeckte und die Rettungsaktion einleitete.[13][11]
Bereits 1982 hatte Gerhard Baur den „tragisch endenden Erstbegehungsversuch der Eiger Nordwand in einer Aufsehen erregenden Spieldokumentation umgesetzt: Der Weg ist das Ziel: Die Eigernordwand-Tragödie von 1936. Wer diesen Film sah, glaubte auf geradezu beängstigende Weise, selbst dabei zu sein in dieser Wand, im Hinterstoisser-Quergang, im Aufstieg über die Eisfelder – und im qualvollen Sterben des Toni Kurz“.[1]
Zu nennen ist auch der Film Nanga Parbat – Der tödliche Berg von 2004. Während Baur an einem Film über die Erstbesteigung des Nanga Parbats durch Hermann Buhl im Jahr 1953 arbeitet, wird er Zeuge von den tragischen Ereignissen um eine Bergsteigergruppe aus Sachsen. Mehrere Mitglieder der Gruppe verlassen um zwei Uhr früh das Hochlager zum Gipfelanstieg. Diesen erreichen sie wegen der verharschten Schneeauflage völlig verausgabt erst in der darauffolgenden Nacht. Überschattet wird der „Gipfelsieg“ durch dem tödlichen Absturz von Günter Jung und dem Überlebenskampf zweier Alpinisten der Gruppe. Baur macht nach Rücksprache mit Jungs Angehörigen aus den Erlebnissen der Gruppe „eine ergreifende Dokumentation“.[1][14]
2007 entstand sein Film Die Höfats – Der einmalige Berg.[15]