Gerhart Erdmann

deutscher Mediziner und Hochschullehrer From Wikipedia, the free encyclopedia

Gerhart Johannes Erdmann (* 12. Juni 1921 in Mosel bei Zwickau; † 16. August 2001) war ein deutscher Mediziner und Hochschullehrer.

Leben

Familie

Gerhart Erdmann war das dritte Kind des Lehrers Fritz Erdmann (* 1890) und dessen Ehefrau Gertrud Erdmann (* 1891).

Er heiratete 1949 Lisa, geb. Engelhardt. Das Ehepaar bekam drei Kinder. 1961, angesichts der politischen Lage in der DDR und der Errichtung der Berliner Mauer, flüchtete Erdmann mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland.

Ausbildung

Nach der Volksschule besuchte er von 1932 bis 1940 das Staatliche Gymnasium (siehe Käthe-Kollwitz-Gymnasium)[1] in Zwickau, wo er sein Abitur erwarb.

Sein Medizinstudium begann er 1940 an der Deutschen Universität Prag. Nach vier Semestern schloss er das erste medizinische Rigorosum, das Physikum, mit Auszeichnung ab. Ein weiteres klinisches Semester in Prag folgte, bevor er an die Universität Greifswald wechselte. Während seines Studiums war er von Oktober 1942 bis März 1943 zum Wehrdienst verpflichtet, den er als studentischen Ausgleichsdienst in Hannover ableistete. Nach seiner Dienstzeit beim Luftschutz setzte er sein Studium an der Universität München fort und beendete sein Staatsexamen am 19. April 1945 mit der Note „sehr gut“.

In der Nachkriegszeit arbeitete Erdmann ab April 1946 zunächst als Pflichtassistent in Zwickau, bevor er seine klinische Laufbahn weiter ausbaute. Von August 1946 bis März 1947 war er Assistenzarzt an der Frauenklinik, danach von März bis August 1947 an der Chirurgischen Klinik Zwickau tätig. Nach weiterer Ausbildung an der Chirurgischen Klinik erhielt Erdmann am 12. November 1948 seine ärztliche Approbation. Am 25. Oktober 1949 promovierte er an der Universität München bei Wilhelm Stepp, dem Direktor der 1. Medizinischen Universitätsklinik München, mit einer Dissertation zum Thema Komplementgehalt des menschlichen Serums bei Gesunden und Kranken.

Nach einer vorübergehenden Tätigkeit in Bayern zog Erdmann 1946 in die Sowjetische Besatzungszone zu seinen Eltern. Seine ärztliche Ausbildung setzte er in Zwickau fort, wo er zunächst ein Jahr in der Frauenklinik und neun Monate in der chirurgischen Klinik tätig war.

Erste akademische Positionen und Spezialisierung

In den Jahren 1947 bis 1950 war er in verschiedenen Vertretungen in Arztpraxen Zwickaus tätig und arbeitete nebenberuflich als Betriebsarzt bei der Sozialversicherungskasse. Ab Februar 1948 spezialisierte er sich auf Kinderheilkunde und arbeitete zunächst als Stadt- und Anstaltsarzt am Städtischen Säuglingskrankenhaus Zwickau. In dieser Position gründete Erdmann die neue Kinderabteilung der Städtischen Poliklinik Zwickau und übernahm deren fachliche Leitung. Neben seiner hauptamtlichen Tätigkeit war er drei Jahre als städtischer Impfarzt tätig, nahm an der Mütterberatung teil und fungierte als Betriebsarzt des Grubenlampenwerkes SAG Kabel (siehe Friemann & Wolf), das etwa 1700 Arbeiter beschäftigte. In dieser Zeit übernahm er für das Gesundheitsamt die Leitung der Frauenmilchsammelstelle.

Erdmann begann im Juli 1950 seine universitäre Laufbahn an der Universitäts-Kinderklinik in Halle, wo er zunächst als wissenschaftlicher Assistent tätig war und bereits im Mai 1951 zum Oberarzt sowie Lehrbeauftragten befördert wurde. Nach seiner Facharztanerkennung als Kinderarzt im Jahr 1952 konzentrierte er sich in seiner Hallenser Zeit schwerpunktmäßig auf die Tuberkulose im Kindesalter, die Neugeborenen-Listeriose sowie erste experimentelle Arbeiten zur Nephritis, die sein späteres wissenschaftliches Profil maßgeblich prägen sollten.

1952[2] erhielt er die Medaille für ausgezeichnete Leistungen der Universität Halle.

Karriere an der Universität Rostock

Am 1. Januar 1953 wechselte Erdmann als Oberarzt an die Universitätskinderklinik Rostock unter der Direktion von Hermann Brüning. In dieser Position führte er experimentelle Arbeiten, von denen einige als Forschungsaufträge registriert waren, durch.

Er habilitierte sich am 19. Oktober 1955 unter der Direktion von Fritz Thoenes an der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock. Seine Habilitationsschrift behandelte die Altersdisposition der kindlichen Nephritis am Modell der Masugi-Nephritis. Diese klassische Form der experimentell induzierten Nierenerkrankung wurde durch die Injektion eines nephrotoxischen Antiserums ausgelöst, das direkt an die Basalmembran der Glomeruli bindet und eine Entzündungsreaktion auslöst. Durch diese innovative experimentelle Arbeit trug Erdmann wesentlich zum Verständnis der Mechanismen pädiatrischer Glomerulonephritis bei. Diese vorwiegend experimentelle Arbeit wurde 1957 mit dem Ernst-Moro-Preis der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde in Düsseldorf ausgezeichnet, einer der höchsten Ehrungen für Nachwuchswissenschaftler in der Pädiatrie. Parallel zu seinen experimentellen Arbeiten setzte Erdmann seine klinischen Beobachtungen über Neugeborenen-Listeriose fort, führte zytologische Studien bei tuberkulöser Meningitis durch, beschäftigte sich mit Infusionsproblemen und wandte sich zunehmend dem Gebiet der Allergie im Kindesalter zu.

Am 1. Februar 1956 erhielt Erdmann die Dozentur für Kinderheilkunde an der Universität Rostock, später durch Einzelvertrag staatlich anerkannt. Seine Arbeiten über Immunopathologie der Niere und Allergie im Kindesalter fanden 1958 ihren Niederschlag in zwei Sammelwerken, an denen er auf Einladung von Pierre Grabar (1898–1986)[3] in Paris beziehungsweise Friedrich Linneweh in Marburg mitarbeitete.

Im Mai 1959 schloss Erdmann die Monografie Allergieprobleme im Kindesalter ab, die im Herbst 1960 beim Johann Ambrosius Barth Verlag in Leipzig erschien. Neben Referierarbeiten beim Springer-Verlag in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache engagierte sich Erdmann als Mitarbeiter des Institutes für Dokumentation der Akademie der Wissenschaften Berlin erfolgreich für die medizinische Dokumentation in der Pädiatrie. Er übernahm das Dokumentationsgebiet Niere, Allergie, Hämatologie und Frühgeborenen-Probleme im Rahmen des Sektors Pädiatrie. Seit 1960 gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift Allergie und Asthma an.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nahm die klinische Arbeit als Oberarzt und Abteilungsleiter der Universitäts-Kinderklinik Rostock Erdmann vollständig in Anspruch, besonders seit Mitte 1958, als erheblicher Personalmangel herrschte. Im Jahr 1959 war er infolge des Weggangs weiterer Mitarbeiter bis zum Herbst der einzige klinische Oberarzt der Abteilung. Nebenberuflich übernahm er die kinderärztliche Versorgung einer kommunalen Kinderkrippe der Stadt Rostock. Die Ausbildung von Schwestern in den Fachschulen Halle und Rostock gehörte seit 1950 zu seinen Aufgaben. Ab 1958 leitete er zudem die pädiatrische Abteilung der einschlägigen Fachschule in Rostock neben seiner Gastdozentur.

Zwischen 1959 und 1961 fungierte Erdmann als kommissarischer Leiter der Universitätskinderklinik Rostock. 1959 erhielt er eine weitere Medaille für ausgezeichnete Leistungen der Universität Rostock.

Republikflucht

Am 9. August 1961 flüchtete Erdmann mit seiner Familie aus Rostock in die Bundesrepublik Deutschland, ein Schritt, der durch die zunehmenden politischen Spannungen der DDR notwendig geworden war. Nach seiner Ankunft arbeitete Erdmann von August bis September 1961 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Pharmazeutischen Werken Pfrimmer in Erlangen, bevor er sich endgültig im Westen niederließ.

Karriere an der Universität Mainz

Nach seiner Umhabilitation an der Universität Mainz am 23. Februar 1962 begann für Erdmann ein neuer, über zwei Jahrzehnte andauernder Abschnitt an der Medizinischen Fakultät. Von Oktober 1961 bis Oktober 1962 war er als Wissenschaftlicher Assistent an der Kinderklinik tätig. Am 22. Mai 1962 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt, eine Position, die er bis März 1973 innehatte und in der er als Oberarzt an der Kinderklinik der Medizinischen Fakultät fungierte.

Mit der Reorganisation der Universität 1973 wechselte Erdmann in den neu gebildeten Fachbereich 08 (Konservative Medizin). Von April 1973 bis Februar 1974 behielt er seinen Status als außerplanmäßiger Professor. In dieser Phase übernahm er von April bis Juli 1974 kommissarisch die Leitung der Kinderklinik. Am 22. Februar 1974 wurde er zum Wissenschaftlichen Rat und Professor befördert. Ab April 1975 war Erdmann Abteilungsleiter und Professor, eine Position, die er bis September 1979 im Fachbereich 08 innehatte.

Nach der erneuten Reorganisation der Fakultätsstrukturen wechselte Erdmann 1979 in den Fachbereich 04 (Medizin) und behielt seine Position als Abteilungsleiter und Professor bis zu seiner Pensionierung am 1. Oktober 1986.

Wissenschaftliches Werk

Erdmanns Forschungsschwerpunkte lagen auf der Pädiatrie und insbesondere auf der experimentellen und klinischen Erforschung von Nierenerkrankungen im Kindesalter. Seine Habilitationsarbeit zur Glomerulonephritis unter Verwendung des Masugi-Nephritis-Modells am Kaninchen war wegweisend für das Verständnis der Altersdisposition pädiatrischer Nierenleiden. Seine Dissertation über den Komplementgehalt des menschlichen Serums bei Gesunden und Kranken eröffnete neue Perspektiven auf die immunologischen Grundlagen von Krankheitsprozessen.

Mitgliedschaften

Erdmann war von 1941 bis 1942 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

Von 1946 bis 1950 war er Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und seit 1950 Mitglied der Ost-CDU.

Er war ein aktives Mitglied der Gesellschaft für Allergie und Asthmaforschung der DDR.

Schriften (Auswahl)

  • Komplementgehalt des menschlichen Serums bei Gesunden und Kranken. 1949.
  • Tierexperimentelle Untersuchungen zur Frage der Altersdisposition der kindlichen Glomerulonephritis am Modell der Masugi-Nephritis des Kaninchens. 1956.
  • Allergieprobleme im Kindesalter. Leipzig, 1960.
  • Erkältungskrankheiten im Kindesalter. Infekte der Luftwege. Stuttgart, 1973.
  • Antibakterielle Therapie in der pädiatrischen Praxis. Basel, 1982.

Literatur

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI