Giustina Rocca

italienische Juristin zur Zeit der Renaissance From Wikipedia, the free encyclopedia

Giustina Rocca (* 1440 in Trani; † 1502 ebenda[1]) war eine italienische Anwältin, Richterin und Diplomatin zur Zeit der Renaissance. Sie gilt als die erste Anwältin der Welt und als Inspiration für die Figur der Portia in Shakespeares Stück Der Kaufmann von Venedig. Ein Turm des Gebäudes des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg ist nach ihr benannt.

Biographie

Giustina Rocca entstammte einer alteingesessenen Adelsfamilie aus Trani. Sie wurde als Tochter von Oreste (oder Orazio) Rocca geboren, einem „Orator“ im Senat des Königreichs Neapel. Laut anderer Quelle hieß ihr Vater Berardino.[2] Ihre Mutter gehörte vermutlich der Familie Filangieri an.[3] Giustina Rocca war verheiratet mit dem „Capitano Regio della città“ Giovanni Antonio Palagano, einem Sohn des Alberico aus der bekannten Familie des „Seggio di Portanova“ (ein Verwaltungsbezirk) von Trani. Die Eheleute bekamen vier Kinder: drei Söhne, die 1501 noch lebten – Alberico, Vincenzo und Giulio Abate –, und eine Tochter, Cornelia, die 1492 früh verstarb.[3] Trani stand zu dieser Zeit unter der Verwaltung der Republik Venedig. Ferdinand II., der aragonesische König von Neapel, hatte die Stadt 1495 als Sicherheit für einen Kredit von 15.000 Dukaten, den er zur Finanzierung eines Krieges gegen eine französische Invasion aufgenommen hatte, an Venedig übergeben.[4]

Rocca studierte privat Römisches Recht und die Geschichte Italiens; an Universitäten waren Frauen noch nicht zugelassen. Allein an der Universität Bologna gab es Frauen, die sich dem Studium der Lehre und dem Verfassen juristischer Abhandlungen widmeten, doch durften sie weder Recht sprechen noch Schlichtung betreiben. Giustina Rocca wiederum kümmerte sich Berichten zufolge auch um heikle diplomatische Angelegenheiten zwischen den Städten Trani und Venedig.[1]

Ihr Name ging in die Justizgeschichte ein für den Schiedsspruch in einem Erbstreit, den Giustina Rocca am 8. April 1500 in der Volkssprache – und nicht, wie damals üblich, in Latein – vor dem venezianischen Gouverneur von Trani, Ludovico Contarini, verkündete, damit die anwesenden Zuhörer ihn verstehen konnten. Fast die gesamte Bevölkerung von Trani versammelte sich im Rathaus, um eine Frau auf der Richterbank sitzen und das Urteil in der Landessprache verkünden zu sehen. Der Schiedsfall war ihr von ihren Verwandten Angelo und Trosolina Rocca vorgetragen worden, um deren Erbe es ging. Der Streitwert belief sich auf mindestens 8.000 Dukaten. Das Urteil fiel größtenteils gegen Angelo aus. Die Schiedsrichterin bestellte die unterlegene Partei nach der Urteilsverkündung vor den Gouverneur, damit ihr dort gemäß der Verfassung des Königreichs das ihr zustehende Honorar gezahlt werde, die sogenannte Trigesima (ein Dreißigstel des Streitwerts). Seitdem gilt sie als erste Anwältin der Geschichte.[5]

Rezeption

Die Figur der Giustina Rocca wurde in der ersten Ausgabe von De Iure Patronatus des Juristen und späteren Bischofs von Izola Cesare Lambertini (der mit Giustina Rocca verwandt war), die 1533 in Venedig gedruckt wurde, gewürdigt und wirkte mit nachfolgenden Ausgaben in Frankfurt und Lyon in ganz Europa.[1] Der Jurist Francesco Mastroberti von der Universität Bari kommentierte den Bericht Lambertinis, dass an dessen Glaubwürdigkeit kaum Zweifel bestehe. Es sei möglich, dass er selbst Zeuge des Geschehens gewesen sei. Trani sei eine reiche Handelsstadt gewesen, hoch entwickelt und dank ihrer Beziehungen zu Venedig und dem gesamten Mittelmeerraum in die Kultur der Renaissance eingebunden, die unter anderem die weibliche Rolle neu bewertete und ihre Fähigkeiten auch in Bereichen würdigte, die traditionell und rechtlich Männern vorbehalten waren.[6] Giustina sei daher nicht nur wegen ihres Einflusses in der Stadt und ihrer adligen Herkunft zur Schiedsrichterin gewählt worden, sondern auch aufgrund ihrer juristischen Kenntnisse und weil sie eine außergewöhnliche Frau mit großer Autorität gewesen sei, obwohl sie weder eine Herrscherin noch eine Äbtissin gewesen sei.[7]

Die Persönlichkeit von Giustina Rocca soll William Shakespeare zu seiner Figur der Portia von Belmont in Der Kaufmann von Venedig inspiriert haben.[1]

In ihrem Testament, das sie am 10. Juni 1501 einem Notar diktierte, verfügte Giustina Rocca, im Dom von Trani neben dem Grab ihrer Tochter Cornelia beigesetzt zu werden, für die sie eine lateinische Grabinschrift verfasste: „Vix viginti annos nata est, cum mors violenta eam de vita rapuit.“ („Sie war noch keine zwanzig Jahre alt, als ein gewaltsamer Tod sie aus dem Leben riss.“)[8] Der Grabstein für Cornelia befindet sich inzwischen im „Museo diocesano dell’arcidiocesi di Trani-Barletta-Bisceglie“.[8] Das Testament und die Grabinschrift sind die einzigen schriftlichen Primärquellen von Giustina Rocca selbst.[9]

Würdigungen

Der Rocca-Turm des Europäischen Gerichtshofs wurde 2022 nach Giustina Rocca benannt, um „das Engagement des Gerichtshofs für gleichen Zugang zum Recht und zur Justiz sowie für Chancengleichheit zu unterstreichen“. Mit 118 Metern ist der schwarze Turm das höchste Gebäude Luxemburgs.[5]

Nach Giustina Rocca sind Straßen in Trani und Bari benannt, in Trani zudem eine Schule.[10]

Seit 2024 wird in Trani „Il Premio Europeo Giustina Rocca“ an engagierte Juristinnen aus der Europäischen Union vergeben, „die sich durch ihren Beitrag zur Weiterentwicklung des Rechts aus einer Geschlechterperspektive hervorgetan haben“.[11][12]

Literatur

  • Francesco Mastroberti: Sul Caso della Tranese Giustina Rocca e sulla Donna Arbiter nella Dottrin Giuridicy tra Mediev ed Eta’ Modern. In: Riccardo Pagano/Francesco Mastroberti (Hrsg.): Quaderni del Dipartimento Jonico. La donna nel diritto nella politica e nelle istituzioni. Nr. 115, 2015, ISBN 978-88-909569-8-0, S. 105–119.

Einzelnachweise

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