Senfölglycoside

organische Verbindungen, Gruppe sekundärer Pflanzenstoffe From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Senfölglycoside, auch Glucosinolate, gehören zur Stoffgruppe der Glycoside. Da das Aglycon über ein Schwefelatom an den Zuckerteil (Glycon) gebunden ist, spricht man genauer von einem Thioglycosid. Die Zuckerkomponente ist Glucose, zusätzlich weisen die Verbindungen jeweils eine Sulfatgruppe auf.

Allgemeine Strukturformel der Senfölglycoside (Glucosinolate)

Senfölglycoside sind schwefel- und stickstoffhaltige chemische Verbindungen, die aus Aminosäuren gebildet werden. Diese sekundären Pflanzenstoffe geben Vertretern aus der Familie der Kreuzblütler wie Rettich, Meerrettich, Senf, Kresse und Kohl den etwas scharfen und bitteren Geschmack und sind in den daraus hergestellten Senfölen enthalten. Auch weitere Pflanzen aus der Ordnung der Kreuzblütlerartigen wie die Kapuzinerkressen enthalten zum Teil Senfölglycoside in nennenswerten Mengen.

Stoffgruppe

Es sind rund 120 verschiedene Glucosinolate bekannt, die sich nur im Aglycon-Rest unterscheiden. Als Zucker tritt immer Glucose auf. Das Spaltungsenzym der Glucosinolate ist die Myrosinase, dieses liegt räumlich getrennt in den Zellen vor. Bei Verletzung der Zellen (Kauen oder Schneiden) kommen Myrosinase und Senfölglycoside zusammen, die hierbei zu Isothiocyanaten (Senfölen) hydrolysiert werden. Senföle sind entweder nicht flüchtig und schmecken scharf oder sie sind flüchtig und riechen stechend. In Abhängigkeit von der Glucosinolatstruktur und bei Anwesenheit weiterer Proteine (specifier Proteine) können auch vorrangig Nitrile oder Epithionitrile entstehen.[1]

Da Senfölglycoside als konstitutive Abwehrstoffe (Phytoanticipine) gegen Tierfraß wirken, kann im Rahmen der Evolutionstheorie angenommen werden, dass diese Stoffgruppe insofern einen Selektionsvorteil bewirkte.[2] Diese Geschmackstoffe sollen Infektionen vorbeugen und unterstützen die Krebsprävention, wie Sulforaphan oder Iberin.[3]

Unter bestimmten Bedingungen können sich aus Senfölglycosiden auch Thiocyanate bilden. Diese können bei hoher Konzentration oder bei hoher Aufnahme, insbesondere nach Verzehr großer Mengen von Kohl (mit dem Glucosinolat Glucobrassicin), wie dies in Notzeiten vorkommt, zur Kropfbildung bei Mensch und Tier führen (strumigene Substanz). Dabei verdrängen die Ionen des Pseudohalogenids Thiocyanat Iodid-Ionen aus dem Schilddrüsengewebe, sodass dadurch weniger Iod für die Synthese des Schilddrüsenhormons Thyroxin zur Verfügung steht.

Für Glucosinolate und ihre Hydrolyseprodukte sowie Metaboliten wurden chemoprotektive Effekte gegen verschiedene Karzinogene nachgewiesen.[4] Sie blockieren die Tumorentstehung in einer Anzahl von Geweben und Organen wie etwa der Leber, dem Grimmdarm, den Milchdrüsen, der Bauchspeicheldrüse und anderen.[3]

Verwendung in der Medizin

Senföle beziehungsweise Isothiocyanate (z. B. Allylsenföl) werden therapeutisch als örtlich wirkende Hautreizmittel (Rubefacientia) eingesetzt. Sie wirken teilweise stark antibakteriell.

Zubereitungen aus senfölhaltigen Pflanzen werden ebenfalls heilkundlich verwendet. Kapuzinerkresse etwa wirkt aufgrund ihres Gehaltes an Benzylisothiocyanat bakteriostatisch (bei grampositiven und gramnegativen Bakterien sowie in vitro gegen multiresistente Staphylokokken), virustatisch (in vitro auch 90 Prozent Reduktion bei H1N1-Viren), antimykotisch und hyperämisierend.[5] Untersuchungen am Institut für Medizinische Virologie der Universität Gießen haben 2010 ergeben, dass Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich die Vermehrung von Grippeviren vom Typ H1N1 hemmen können. Die Vermehrung wurde im In-vitro-Modell mit menschlichen Lungenzellen um etwa 90 Prozent gehemmt.[6] Schon 1958 wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen am exembryonierten Hühnerei unter dem Einfluss der Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich eine starke Hemmung der Vermehrung von Influenza-Viren nachgewiesen.[7]

Wissenschaftlich belegt ist auch die antimikrobielle Wirkung der Senföle im Meerrettich (insbesondere gegenüber Bacillus subtilis, Escherichia coli und Staphylococcus aureus) sowie eine hyperämisierende Wirkung. Das ätherische Öl enthält Allylsenföl (ca. 90 %) und 2-Phenylethylisothiocyanat.[5] Je nach Dosis wirkt der Meerrettich in vitro bakteriostatisch bzw. bakterizid.[8] Das Allylsenföl aus der Meerrettichwurzel zeigt eine gute Wirksamkeit im gramnegativen Spektrum, während das Phenylethylisothiocyanat aus der Meerrettichwurzel ein erweitertes Wirkspektrum im grampositiven Bereich aufweist.[9][10]

Zahlreiche In-vitro-Studien belegen, dass die Pflanzenstoffe bereits in einer geringen Dosierung eine Vielzahl von klinisch relevanten Krankheitserregern – darunter die häufigsten Erreger von Harnwegs- sowie bakteriellen Atemwegsinfektionen – bekämpfen[9][10][11][12] und auch entzündungshemmend wirken.[13][14][15] In der 2017 aktualisierten S3-Leitlinie zur Therapie von unkomplizierten Harnwegsinfektionen wird der Einsatz von Arzneimitteln mit Kapuzinerkresse und Meerrettich als pflanzliche Behandlungsmöglichkeit bei häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen empfohlen.[16] Senfölglycoside aus Kapuzinerkresse und Meerrettichwurzel werden kombiniert in der Praxis als Phytotherapeutikum zur Behandlung und Prophylaxe von Atemwegs- und Harnwegsinfekten eingesetzt.

Vorkommen und biochemische Charakteristika

Kleine Kapuzinerkresse (Tropaeolum minus)

Senfölglycoside kommen in Mitteleuropa ausnahmslos in Kreuzblütlern vor. Ansonsten sind sie bei den Kaperngewächsen verbreitet, sporadisch kommen sie bei Kapuzinerkressengewächsen, Wolfsmilchgewächsen und anderen Pflanzensippen vor. Glycosinolate werden durch die Myrosinase zu Glukose, Hydrogensulfat HSO4 und einem der folgenden Aglycone gespalten, das verschiedenen Stoffgruppen angehören kann wie Isothiocyanat, Thiocyanat, Nitril, oder auch Oxazolidin-2-thion. Diese können in höheren Konzentrationen Vergiftungserscheinungen verursachen:

  • Isothiocyanate (chemisch: R–N=C=S) reizen die Schleimhaut, werden jedoch meist in so geringen Mengen aufgenommen, dass keine weiteren Schäden verursacht werden. Wenn Glycosinolate aufgenommen und im Darm zu Isothiocyanaten abgebaut werden, können sie einen negativen Einfluss auf die Produktion der Schilddrüsenhormone haben.
Das Senfölglycosid 1 wird in das Isothiocyanat 3 (ein Senföl) umgewandelt. Glucose 2 wird dabei zugleich freigesetzt, gezeichnet ist nur die β-Form der D-Glucose.
R = Allyl, Benzyl, 2-Phenylethyl etc.
  • Oxazolidin-2-thione entstehen aus Isothiocyanaten von Glucosinolaten mit 2-Hydroxy-Seitengruppen, z. B. dem Glucosinolat Progoitrin über die Zwischenstufe des Goitrin. Oxazolidin-2-thione stören das Wachstum und erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Kropf-Bildung (englisch 'goiter'). Sie blockieren die Schilddrüsenfunktion durch die Hemmung der Iod-Aufnahme in Thyroxin-Vorläufer und durch die Hemmung der Thyroxin-Sekretion aus der Schilddrüse.
  • Nitrile (R–C≡N) stören das Wachstum, verursachen Leber- und Nierenschäden, und führen in schwerwiegenden Fällen zu Lebernekrosen.
  • Thiocyanate (R–S–C≡N) verhindern die Iodaufnahme in die Schilddrüse, dadurch verringerte Tyrosin-Iodierung und verringerte Thyroxin-Synthese.
Weitere Informationen R = chemischer Rest, biosynthetisiert aus ...
Die Tabelle zeigt Glycoside, den organisch-chemischen Seitenrest R und deren biosynthetische Herkunft, Senföle und Pflanzen, in denen diese vorkommen (nach Lexikon der Biologie und weiterer Fachliteratur[17][18][19][20][21][22]).
Senfölglycosid R = chemischer Rest biosynthetisiert aus Senföl und andere Abbauprodukte Vorkommen
Sinigrin 2-Propenyl, Allyl (CH2=CH–CH2–) Methionin Allylisothiocyanat Schwarzer Senf, Meerrettich, Knoblauchsrauke, Wasabi, Broccoli, Rosenkohl, Kohl
Glucosinalbin 4-Hydroxybenzyl, p-Hydroxybenzyl Tyrosin, Phenylalanin? 4-Hydroxybenzylisothiocyanat, 4-Hydroxybenzylnitril Samen von Brassica-Arten[23] und Samen von Lepidium campestre[24]
Sinalbin Sinapin-Salz des Glucosinalbins Tyrosin, Phenylalanin? 4-Hydroxybenzylisothiocyanat, 4-Hydroxybenzylnitril Weißer Senf[23]
Glucotropaeolin (GTL) Benzyl Tyrosin, Phenylalanin? Benzylisothiocyanat, Tropaeolin Kapuzinerkresse, Samen von Kresse-Arten,[24] Gartenkresse, Maca, Knoblauchsrauke, Meerrettichbaum
Gluconasturtiin (GNAST, GST) 2-Phenethyl, 2-Phenylethyl Tyrosin, Phenylalanin? Phenylethylisothiocyanat (PEITC), Nasturtiin (NAS) Meerrettich, Brunnenkresse, Winterkresse, Broccoli,
Gluconapin (GNA) 3-Butenyl (CH=CH–CH2–CH2–) Methionin 3-Butenylisothiocyanat, Napin Raps, Rübsen, Chinakohl, Kohl, Hirtentäschel,[23] Lesquerella fendleri,[23] Lobularia maritima[23]
Glucoraphenin 4-Methylsulfinyl-3-butenyl (CH3–SO–CH=CH–CH2–CH2–) Methionin Sulforaphen, Sulforaphennitril Garten-Rettich, Radieschen, Matthiola longipetala[23]
Glucoraphanin 4-Methylsulfinylbutyl (CH3–SO–(CH2)4–) Methionin Sulforaphan, Sulforaphannitril Broccoli, Rettich, Weißkohl, Blumenkohl, Kohl, Erysimum allionii,[23] Rucola[25]
Glucobrassicin 3-Indolylmethyl Tryptophan Indol-3-carbinol, 3-Indolylmethyl-isothiocyanat, Brassicin Kohl, Broccoli, Färberwaid, Palmkohl, (besonders roter) Blumenkohl
Glucocochlearin (1MP) 1-Methylpropyl (CH3–CH2–(CH3)CH–) Isoleucin sec-Butyl-Isothiocyanat, Cochlearin Echtes Löffelkraut, Wiesenschaumkraut, Wasabi, Boechera holboellii[26]
Glucobrassicanapin (GBN) 4-Pentenyl (CH2=CH2–CH2–CH2–CH2–) Methionin Brassicanapin Chinakohl
Progoitrin (2R)-2-Hydroxy-3-butenyl (CH2=CH–CHOH–CH2–) Methionin Goitrin Broccoli, Kohl, Raps, Rucola[25]
Epiprogoitrin (2S)-2-Hydroxy-3-butenyl (CH2=CH–CHOH–CH2 Methionin Goitrin Broccoli, Kohl, Raps, Rucola[25]
Gluconapoleiferin 2-Hydroxy-4-pentenyl (CH2=CH2–CH2–CHOH–CH2–) Methionin Napoleiferin
Glucoiberin 3-Methylsulfinylpropyl (CH3–SO–CH2–CH2–CH2–) Methionin Iberin (IBN) Schleifenblumen, Broccoli, Kohl, Lesquerella fendleri[23]
Glucoibeverin, Glucoiberverin (GIV) 3-Methylthiopropyl (CH2–S–CH2–CH2–CH2–) Methionin Ibe(r)verin Kohl
Glucocheirolin 3-Methylsulfonylpropyl (CH3–SO2–CH2–CH2–CH2–) Methionin Cheirolin Erysimum allionii, Erysimum cheiri[23]
Neoglucobrassicin (NGBS) 1-Methoxy-3-indolylmethyl Tryptophan Winterkresse, Kohl
Glucocapparin Methyl (CH3–) Methionin Methyl-isothiocyanat, Capparin Kapern, Boscia senegalensis
Glucolepidin Ethyl (CH3–CH2–) Methionin Lepidin Gartenkresse
Glucopurtanjivin, Glucoputranjivin ? Isopropyl, 2-Propyl (CH3–(CH3)CH–) Methionin Purtanjivin, Putranjivin ? Sisymbrium officinale, Tovaria[27]
Glucojiaputin 2-Methylbutyl (CH3–CH2–(CH3)CH–CH2–) Methionin Jiaputin
Glucobarbarin (BAR) (S)-2-Hydroxy-2-phenylethyl Tyrosin, Phenylalanin? Barbarin Winterkresse (Barbarea vulgaris)
Glucoaubrietin p-Methoxybenzyl Tyrosin, Phenylalanin? Aubrietin Aubrieta spec.
Glucolimnanthin m-Methoxybenzyl Tyrosin, Phenylalanin? Limnanthin, 2-(3-methoxyphenyl)acetamid, 2-(3-methoxymethyl)ethanthioamid, 3-methoxyphenylacetonitril)[28] Limnanthes alba (Limnanthaceae)
Glucoerucin (GER) 4-Methylthiobutyl, 4-methylsulfanylbutyl (CH3–S–CH2–CH2–CH2–CH2–) Methionin Erucin, Erucinnitril Rucola (Eruca sativa),[23] Erysimum allionii,[23] Rutabaga, Kohl
Glucoraphasatin (Glucodehydroerucin)[29] 4-Methylthiobut-3-enyl; 4-Methylsulfanyl-3-butenyl; vinyl-sulfid (CH3–S–CH=CH–CH2–CH2–) Methionin Raphasatin Rettich
Glucoberteroin 5-Methylthiopentyl (CH3–S–(CH2)5–) Methionin Berteroin Berteroa incana[24]
Glucolesquerellin 6-Methylthiohexyl (CH3–S–(CH2)6–) Methionin Lesquerellin Lesquerella spec., Lobularia maritima[23]
Glucojirsutin, Glucoarabishirsuin 8-Methylthiooctyl (CH3–S–(CH2)8–) Methionin Jirsutin Arabis spec.
Glucoarabin 9-Methylthiononyl (CH3–S–(CH2)9–) Methionin Arabin Arabis spec.
Glucoerysolin 4-(Methylsulfonyl)butyl (CH3–SO2–(CH2)4–) Methionin Erysolin Erysimum allionii[23]
N-acetyl-3-indolylmethyl-GLS N-acetyl-3-indolylmethyl Tryptophan Tovaria[27]
Glucoalyssin Methylsulfinylpentyl (CH3–SO–(CH2)5–) Methionin Alyssin Raps, Pak Choi, Rucola[25]
4-Hydroxy-Glucobrassicin 4-OH-3-indolylmethyl Tryptophan 4-Hydroxy-Brassicin Kohl
4-Methoxy-Glucobrassicin 4-Methoxy-3-indolylmethyl Tryptophan 4-Methoxy-Brassicin Kohl
3-(Hydroxymethyl)pentyl (CH3–CH2–(CHOH)CH–CH2–CH2–) Methionin Wiesenschaumkraut[30]
Glucosativin (Dimer) 4-Mercaptobutyl Methionin Sativin Rucola[25]
Glucohesperin 6-Methylsulfinylhexyl Methionin 6-Methylsulfinylhexyl Isothiocyanat (6-MSITC) Wasabi[31]
Glucoputranjivin 1-Methylethyl (CH3–(CH3)CH–) Valin Boechera holboellii[26]
(2MP) 2-Methylpropyl (CH3–(CH3)CH2–CH2–) Leucin Boechera holboellii[26]
Glucoarabidopsithalianain 4-Hydroxybutyl Methionin Arabidopsithalianain Arabidopsis thaliana, Raps
Glucoarabishirsutain 7-Methylthioheptyl Methionin Arabishirsutain Meerrettich
Glucocleomin 2-Hydroxy-2-methylbutyl Methionin Cleomin Spinnenblume
Glucoconringiin 2-Hydroxy-2-methylpropyl Methionin Conringiin Conringia orientalis
Glucoerysimumhieracifolium 3-Hydroxypropyl Methionin Erysimumhieracifolium Ruten-Schöterich
Glucohirsutin 8-Methylsulfinyloctyl Methionin Hirsutin Arabidopsis thaliana
Glucomalcomiin 3-Benzoyloxypropyl Methionin Malcomiin Carrichtera annua
Glucosisymbrin 2-Hydroxy-1-methylethyl Methionin Sisymbrin Sisymbrium austriacum
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Literatur

  • W. Franke: Nutzpflanzenkunde. Thieme, Stuttgart 1997.
  • D. Frohne u. U. Jensen: Systematik des Pflanzenreichs. Fischer, Stuttgart 1985.
  • O. Gessner u. G. Orzechowski: Gift- und Arzneipflanzen von Mitteleuropa. Winter, Heidelberg 1974.
  • Lexikon der Biologie. Herder, Freiburg 1994.
  • F. Hoffmann: Senföle, in: Chemie in unserer Zeit 1978, 12, 182–188; doi:10.1002/ciuz.19780120603.

Einzelnachweise

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