Goldene 110
Kaufhaus für Konfektionstextilien in Berlin (1870er–1910er)
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Die Goldene 110 (auch: „Gold’ne Hundertzehn“, „Erstes Deutsches Vereins-Magazin“ und „Berliner Concurrenz-Geschäft“) war ein von 1871 bis 1911 bestehendes Kaufhaus für Konfektionstextilien in Berlin in der Leipziger Straße 110, das für die besonders niedrigen Preise (und die eher dürftige Qualität) seiner im Massen-Absatz feilgebotenen Textilien für Männer bekannt war. Überregionale Bekanntheit erlangte die Goldene 110 durch ihre originelle Werbung: Gedichte, die in humoristischer Weise auf aktuelle Ereignisse anspielten, bevor sie in Werbung für das Angebot der Goldenen 110 einmündeten.
Werdegang des Unternehmens
Das Textilkaufhaus Goldene 110 wurde im Jahr 1871 eröffnet.[1] Inhaber dieses Kaufhauses für Herren- und Knabengarderobe war zunächst der Kaufmann Isaac Cohn, zugleich Eigner einer „Herren-Garderobe- und Schlafrockfabrik“, der in Berlin Am Schöneberger Ufer 43 wohnte.[2] Im Jahr 1901 übernahmen die Kaufleute Max (Mayer) Schoeps und Gustav Lipschitz (Max Schoeps & Co.) die Goldene 110[3] und führten sie noch bis 1911 weiter, allerdings nicht mehr in der Leipziger Straße 110, sondern in der Mauerstraße 68, wohin das Bekleidungsgeschäft im Jahr 1903 umgezogen war.[4]
Die Goldene 110 gehörte zu den frühen Vertretern des Handels mit Konfektionstextilien. Die serienmäßige Herstellung von Kleidungsstücken (Konfektion) verbreitete sich erst seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in größerem Maßstab; im Jahr 1841 hatten Clemens und August Brenninkmeijer ihr Handelshaus für Konfektionstextilien „C&A“ gegründet.
Im Februar 1888 feierte die Goldene 110 ihren hunderttausendsten Paletot.[5]
Die Goldene 110 war an der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 beteiligt.[6]
Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896[7] und danach im Panoptikum in der Kaiser-Passage[8] wurde eine Wachsfigur der „Ida“ ausgestellt, der Ehefrau von Isaac Cohn und angeblichen Verfasserin der Werbegedicht der Goldenen 110.
Bekanntgeworden ist die Goldene 110 – außer durch ihre niedrigen Preise – nicht zuletzt auch durch ihre Reklamegedichte. Diese Form der Werbung war in den 1880er Jahren noch neu, erregte daher Aufsehen und fand Nachahmer.
Der Berliner Journalist Richard Wilde (1872–1938) schrieb im April 1911 folgenden „Nachruf“ auf die Goldene 110:
„[…] Originell muß etwas sein oder scheinen, wenn es sich bei uns die Gunst erringen will. So hatten wir jahrzehntelang im Hause Leipzigerstraße 110 ein Herrenbekleidungsgeschäft, das sich »Zur Goldenen 110« nannte und sich durch die besondere Art seiner Reklame Zuspruch und Beachtung sicherte. Alltäglich nämlich erschienen an den Anschlagssäulen Berlins und in den gelesensten hiesigen und Provinzzeitungen nicht übel gemachte und oft sogar recht witzige Gedichte, die an irgendein im Vordergrunde des Interesses stehendes Ereignis anknüpften, es poetisch verherrlichten und in geschicktem Uebergang schließlich auf eine Anpreisung der »Goldenen 110« hinausliefen. Berlin, das damals noch nicht die Weltstadt von heute war und noch für alles Mögliche Zeit hatte, zerbrach sich intensiv den Kopf darüber, wer der anonyme Dichter sei. Die einen behaupteten, es wäre ein armer Student, andere nannten als Verfasserin die Gattin des Geschäftsinhabers, und tatsächlich war es auch eine Dame, die den Pegasus so munter im Dienste der Reklame tummelte. Ein Umbau des Hauses Leipzigerstraße 110 verwies dann das Unternehmen auf den Hof des Gebäudes, womit es schon viel von seiner Prosperität einbüßte. Ein paar Jahre hielt es der bisherige Inhaber noch, den es zum reichen Mann gemacht hatte, darauf ging es in andere Hände über, und die Gedichte, die ihr ständiges Publikum hatten – es gab sogar Leute, die sie sammelten und andere, die ihre Zimmer geschmackvoll damit tapezierten! – hörten auf. Damit hörte aber die »Goldene 110« selbst auf, für die Oeffentlichkeit zu existieren. Auch als sie wieder einen nach der Straße zu belegenen Laden in der Mauerstraße bezog, hatte sie kein Glück mehr, und dieser Tage ist ihr gegenwärtiger Besitzer in Konkurs geraten. Ihm war das Gold nur im Firmenschild beschieden, und er durfte nicht sagen: »Nomen et omen«.“[9]
Beispiele für Reklame-Gedichte der Goldenen 110


In Zeitungsanzeigen und in Plakaten auf Litfaßsäulen verbreitete die Goldene 110 Reklamegedichte wie folgende:[10]
Wer hat die schönsten Schäfchen? – Die hat der goldne Mond!
Wer hat die schönste Aussicht? – Wer auf dem Kreuzberg wohnt!
Wo sitzt die meiste Asche? – In Rothschild’s Portemonnaie …
Und wer der feinste Mann ist – Das kann am Rock man seh’n!
Wer hat die kleinsten Preise? – Die ‚Goldne Hundertzehn‘!
Einige Reklamegedichte der Goldenen 110 nahmen auf aktuelle Berliner Ereignisse Bezug. Als beispielsweise der liberale Reichstagsabgeordnete Eduard Lasker (1829–1884) nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch im Jahr 1883 zur Erholung in die USA reiste, brachte sich die Goldene 110 durch folgenden Werbevers damit in Verbindung:
Laskers Thräne!
Nur eine Thräne ist geflossen,
Nur eine Thräne weinte er —
Herr Lasker, als er sich entschlossen
Zu schiffen über's weite Meer!
Wem galt die Thräne, die er weinte?
Galt sie dem theuern Vaterhaus?
Galt sie dem Reichstag? Nein, er meinte
Vergnügt: „Na ich bin — schöne raus!“
So hört, es galt die heiße Thräne
Die in den Bart nahm ihren Lauf,
Der bill'gen Gold'nen Hundertzehne
Und ihrem Schleuder-Ausverkauf.[11]
Preußen beschlagnahmte in Folge der Annexion des Königreichs Hannover im Deutschen Krieg 1866 das Vermögen der Welfen, des Königshauses in Hannover. Dieses als Welfenfonds bezeichnete Vermögen wurde per Vertrag vom 29. September 1867 dem früheren König Georg V. von Hannover zugewiesen, jedoch am 2. März 1868 wieder unter Zwangsverwaltung gestellt und durch eine preußische Kommission in Hannover verwaltet. Sein Ertrag wurde „zur Bekämpfung welfischer Umtriebe“ verwendet. Dazu veröffentlichte die Goldene 110 folgendes Gedicht:
Der Welfen-Fonds!
Da streiten sich die Leut herum
Wohl um den Welfen-Fonds;
Der Eine nennt Georgen dumm
Daß er nicht lernt Raison,
Der And're spricht: Die Hälfte blos,
Dann wär' ich schöne 'raus!
Doch die Reptile zetern los:
Nein, nein, da wird nischt d'raus!
Das Beste ist, man legt das Geld
Als Kleider-Prämie an,
Daß einen Anzug frei erhält
Ein jeder deutscher Mann;
Der Vorschlag ist gewiß ganz schön
Und jetzt die beste Zeit,—
Es hält die goldne Hundertzehn
Im Ausverkauf bereit:
Ueber 5000 Winter- und Frühjahrs-Paletots etc. etc.[12]
Ein Werbegedicht der Goldenen 110 von November 1884 beschreibt humoristisch das damalige Erscheinungsbild der Leipziger Straße:
Die Leipziger Straße!
Als interessant'ste Straße auf der Welt
Wird heut die Leipziger Straße hingestellt!
Dort ragt so kühn des Landtags stolzer Bau,
Wo man erfindet neue Steuern schlau:
Das Denkmal vis-à-vis, das ist von Stein;
(In Kalau sagt man: „Es soll Bronce sein!“)
Die zarte Jungfrau — einen Gatten will se —
Sie geht ein Stückchen weiter hin — zu Bilse!
Ihm gegenüber 's Münchner Hofbräuhaus
Schenkt's beste Bier und ries'ge Affen aus! —
Dicht an der Mauerstraße wohnt der Meister
Der Deutschen Post – wir wissen, Stephan heißt er —
Und hinter ihm das Ministerium
beschließt den Krieg - mit lautem Ratabum!
Nun kommt des Reichstags hochgeehrtes Haus —
(Doch später kommt's zum Königsplatz hinaus!)
Und an dem Leip'ger Platz — parole d'honneur —
Erfreut uns Brandenburg und Wrangel sehr! —
Held Wrangel brummt vom hohen Postamente
Den Damen zu: „Wenn ick man'runter könnte!“
Wir sind am Ende - denn nun kommt das Thor!
Doch der Bescheidne führt am Schluß sich vor:
Dicht an der Mauerstraße könnt Ihr seh'n
Die weltbekannte „Gold'ne Hundertzehn!“
Wer dorthin weise seine Schritte lenkt
Bekommt im Ausverkaufe halb geschenkt:
Ueber 15.000 Winter-Paletots und Kaisermäntel in reinwollenen reellen Stoffen, neueste Mode, jetzt im Ausverkauf…[13]
Diese Verse enthalten zahlreiche Anspielungen auf Sehenswürdigkeiten entlang der Leipziger Straße:
- Das Palais Hardenberg am Dönhoffplatz in der Leipziger Straße 75 (heute: Nr. 55) wurde in den Jahren 1848 und 1849 nach Plänen des preußischen Baurates Georg Heinrich Bürde zur Nutzung durch den Preußischen Landtag umgebaut.
- Ein aus Bronze gegossenes Denkmal des Freiherren von Stein von Hermann Schievelbein und Hugo Hagen war 1875 auf dem Dönhoffplatz errichtet worden.
- In dem Berliner Erfolgsroman „Familie Buchholz“ von Julius Stinde stellt der Vater eines Mädchens fest, dass sein künftiger Schwiegersohn seine Tochter in einem populären Konzert „Bei Bilse“ kennengelernt habe. In die jeweils donnerstags stattfindenden Familienkonzerte des Komponisten und Dirigenten Benjamin Bilse im Concerthaus in der Leipziger Straße 48 (an der Ecke zum damaligen Dönhoffplatz) gingen auch junge, unverheiratete Menschen gern, in der Hoffnung, dort Bekanntschaften schließen zu können.
- „Einen (schweren) Affen (sitzen) haben“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für betrunken sein.[14]
- Das Dienstgebäude des Generalpostamts wurde von 1871 bis 1874 nach Plänen des Architekten Carl Schwatlo an der Leipziger Straße 15, zwischen Mauerstraße und Wilhelmstraße, errichtet. Generalpostdirektor des Deutschen Reichs war Heinrich von Stephan.
- Das Preußische Kriegsministerium befand sich in der Leipziger Straße 5.
- Erster Sitz eines Reichstages in Berlin war das Gebäude des Preußischen Herrenhauses in der Leipziger Straße 3. Hier tagte ab 1867 der Reichstag des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 kamen die Abgeordneten der süddeutschen Staaten hinzu, sodass der Reichstag ein größeres Gebäude benötigte. Er zog zunächst in das Preußische Abgeordnetenhaus (Leipziger Straße 75). Bald erwies sich jedoch auch dieses als zu klein, und der Reichstag zog in das zuvor von der Königlichen Porzellanmanufaktur genutzte Gebäude Leipziger Straße 4. Der Umzug des Reichstags in den Jahren von 1884 bis 1894 errichteten Neubau von Paul Wallot am Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, konnte erst im Dezember 1894 erfolgen.
- Auf der Mittelpromenade des Leipziger Platzes stand das 1862 eingeweihte Denkmal des ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Graf Brandenburg, von Hugo Hagen; gegenüber, als Pendant, das Denkmal des Feldmarschalls Friedrich von Wrangel, modelliert von Karl Keil und eingeweiht im Jahre 1880.[15]
Der Diplomat, Intendant und Komponist Bolko von Hochberg wurde 1886 General-Intendant der königlichen Schauspiele in Berlin. Er versuchte, eine Kleiderordnung für den Besuch der Königlichen Oper durchzusetzen: Männliche Besucher sollten eine Frack tragen. Darauf machte die Goldene 110 folgenden Reim:
Bravo, Hochberg! Endlich hast
Du das Richtige gefaßt:
Profaniert ist das Ballet,
Trägt der Zuschauer ein Jaquet,
Gar nichts ist die Oper werth,
Wenn man sie im Gehrock hört;
Aber in dem schwarzen Frack,
Da liegt Bildung und Geschmack,
Auch zeugt es von feinen Sitten,
Gehn die Damen ausgeschnitten!
Darum, Hochberg, sei mal nett,
Sende mir ein Freibillet,
Selbstverständlich würd' ich gehen
Erst zur „Goldnen Hundertzehn“ –
Komme ich dann angestiebelt
Schwarz behost und fein beschniepelt,
Singt der Opern-Chor gleich brav:
„Seid gegrüßet, edler Graf!“[16]
Im Dreikaiserjahr, am 11. März 1888, teilte das Konfektionstextilien-Kaufhaus seiner Kundschaft mit, es fühle sich „durch die tiefe Trauer, in welche das Vaterland durch das Hinscheiden unseres großen Heldenkaisers versenkt ist, veranlaßt, Gedichte“ vorerst „nicht zu bringen.“[17]
Die Werbegedichte wurden, zusammen mit Parodien auf Volkslieder und auf Dramen der klassischen Literatur, vom Inhaber der Goldenen 110, Isaac Cohn, in mindestens vier Büchlein im Selbstverlag veröffentlicht.[18]
Über den Autor der Gedichte wurde vielfach gerätselt. Angeblich soll Isaac Cohns Ehefrau Ida sie geschrieben haben, oder auch ein „verbummelter Student“[19] oder ein in einer Berliner Druckerei angestellter Schriftsetzer.[20]
Angesichts der großen Unterschiede in Stil, Eleganz und Witz der Werbegedichte der Goldenen 110 ist anzunehmen, dass sie mehrere verschiedene Autoren hatten.
Wirkungsgeschichte: Zitate zur Goldenen 110
Die Goldene 110 war Inbegriff für billige, aber nicht sehr hochwertige Textilien. Geworben wurde in Form launiger Gedichte, die einiges Echo in Veröffentlichungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts fanden.
Originalität der gereimten Reklame
- Aus: Otto Reutter, Der Sühneprinz, Teich/Danner Nr. 66:[21]
Wer was gutes mir getan, kriegt ’ne Portion Porzellan
das hab ich aus China mitgebracht.
Ward populär im Handumdrehen –
selbst die goldene Hundertzehn
hat auf mich nen Vers gemacht. …
- Aus: Theodor Fontane: Die Poggenpuhls. 6. Kapitel, Leo spricht:[22]
Wer Augen und Ohren hat, findet immer was.
Ich möchte mal wieder eine Litfaßsäule studieren.
„Wer dreihundert Mark sparen will“ oder
die „Goldene Hundertzehn“ oder
„Mittel gegen den Bandwurm“.
Ich lese so was ungeheuer gern.
- Aus: Alfred Kerr: Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin? Briefe eines europäischen Flaneurs 1895–1900, Aufbau Verlag, 2017:[23]
[…] sie ermutigen zum Kauf einer neuen Zeitschrift, welche den auffallenden Titel „Die große Schnauze“ führt und die man halten soll. Der Titel ist das einzig Auffallende an diesem Organ. Das Unternehmen selbst ist Humbug, insofern es Hoffnungen auf einen freien selbständigen Inhalt weckt und nur abgelegte Jämmerlingswitze bringt, […]. Wenn eine Spur von bewußter Parodistik darin läge, wäre es erträglich; da aber alles bitterlich spaßlos gemeint ist, wirkt es albern, und wir wissen von neuem, daß an dem Berliner kommerziellen Straßenwitz nur das Deckblatt leidlich, der Inhalt faul ist. Die goldene Hundertzehn bleibt unerreicht.
- Aus: „Nervöse Sommerbriefe“ IV., in: Berliner Wespen, Ausgabe Nr. 37, 12. September 1879:[24]
[…] Ich bin überzeugt, daß Berlin jetzt Wien beneidet, weil daselbst eben etwas von Goethe mit Beschlag belegt worden ist. Da nützt aber der bloße Neid nichts – Berlin hat eben keinen Goethe. Außer der Goldnen Hundertzehn besitzt Berlin überhaupt keine Dichter, die man gerne liest.
- Aus: Der Annoncen-Vorhang, in: Berliner Wespen. Julius Stettenheim, Ausgabe Nr. 24, 13. Juni 1884:[25]
Es soll der Sänger mit dem König geh’n
Und kaufen in der gold'nen Hundertzehn:
(folgt der Preiscourant.)
- Aus: Winterarbeit. Humoristische Plauderei von Freiherrn v. Schlicht. In: Das Kleine Journal Nr. 282 vom 12. Oktober 1896:[26]
Jeder Mensch wünscht den Herbst zum Teufel — nur die goldene Hundertzehn nicht mit ihren mehr als hunderttausend Herbstpaletots.
- Aus: Max Ring: Berliner Leben, Leipzig, Schlicke, 1882, Kapitel: „Problematische Existenzen“, S. 234:[27]
– Vollkommen harmlos dagegen und selbst belustigend sind die poetischen Reklamendichter, die in blödsinnigen, oft witzigen Versen die Schätze der „goldenen Hundertzehn“ und des „Kleiderparadieses“ besingen und dem kaufenden Publikum anpreisen; wofür sie oft ein höchst anständiges Honorar erhalten.
- Aus: Rumpelstilzchen – Was sich Berlin erzählt, Jahrgangsband 1921/1922, Dom-Verlag, Berlin 1922 und Brunnen-Verlag Karl Winckler, Berlin 1923, Glossen Nr. 43–45, Glosse Nr. 43, „Die zeitungslose Zeit“, 13.–27. Juli 1922:[28]
Früher war es nur die „Goldene 110, ein Kleidergeschäft, ein richtiges Anreißergeschäft, das mit Gedichten die Kunden lockte. Heute sieht man in den Zeitungen und auf Reklametafeln überall in Riesenbuchstaben: „Kauf ohne Sorge – bei Korge!“ Neue Schilder sollen jetzt überall die Mahnung enthalten: „Cobu – beste Pflanzenbutter! Geh nach Haus und sag’s der Mutter!“
- Aus: Richard Wilde, Berliner Stimmungsbilder. Berlin, 6. April 1911[29]
Alltäglich nämlich erschienen an den Anschlagssäulen Berlins und in den gelesensten hiesigen und Provinzzeitungen nicht übel gemachte und oft sogar recht witzige Gedichte, die an irgendein im Vordergrunde des Interesses stehendes Ereignis anknüpften, es poetisch verherrlichten und in geschicktem Uebergang schließlich auf eine Anpreisung der „Goldenen 110“ hinausliefen.
- Aus: Die berliner Gewerbe-Ausstellung. IV.[30]
Praktisch wie immer ist die „Goldene 110“. Die berühmte Dichterin dieser berühmten Firma, Ida Cohn, die Frau des Inhabers, präsentirt sich hochselbst in Wachs. Selbstverständlich hat sie inzwischen in ihren Reklame-Poesien, die ich übrigens als witzig und originell anerkenne, auch schon ihr eigenes Bild besungen.
- Aus: Vornehme Reclame[31]
Die Berliner „Goldene 110“ dankt ihren geschäftlichen Aufschwung wohl grösstentheils den humorvollen Versen, mit welchen sie ihre Ankündigungen einzuleiten pflegt.
Billige Preise und dürftige Qualität der Konfektionsware
- Aus: Eine Erinnerung von Julius Hart. Als Peter Hille reich war[32]
Auf der Leipziger Straße, dort, wo jetzt der Wertheimsche Warenpalast sich erhebt, lag damals unter vielen anderen Häusern noch »Die goldene 110«, ein Kleiderparadies, das sich eines gewaltigen Zuspruchs erfreute. Nirgendwo sonst kaufte man so billig. Trotzdem konnte diese »110« alltäglich in den Zeitungen eine große Anzeige erscheinen lassen, die von der poesiebegabten Gattin des Geschäftsinhabers stets mit immer neugefaßten Dutzendversen sinnig eingeleitet war, die auf die reichen Schätze hinwiesen. Da gab es auch schon Wollanzüge à la Jäger, prima Qualität, Stück für Stück zehn Mark. Die Masse mußte es bringen. […] Immer mehr nahmen Rock und Hose durchaus alle Formen eines den Gliedern eng sich anschmiegenden Badeanzuges an, und kleiner, kleiner wurden Ärmel und Beinkleider und reichten bald nur noch eben über die Ellbogen und Knie hinweg. Auch lösten sich plötzlich und völlig unerwartet ohne weiteres größere und kleinere Stoffteile aus der Umgebung los und ließen nur noch Löcher sehen.
- Aus: Arthur Wolff: Der hinkende Teufel in Berlin. Kapitel: „Berlin am Strande“, Leipzig 1886, Rengersche Buchhandlung, S. 159:[33]
Indem wir einige Stufen hinaufsteigen, befühlt Herr Zwenka das Tuch meines Rockes, zupft mich sodann an den Ärmeln und Schoßen und packte mich endlich derb ab am Kragen, um mich gehörig zu schütteln und so dem Sitze des Rockes zu Hilfe zu kommen.
„Fertig gekauft, Herr Doktor?“
„Ja, in der goldenen Hundertzehn.“
Mein alter Freund schüttelte den Kopf.
- Aus: Rede des Bevollmächtigten zum Bundesrath, Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Wirklicher Geheimer Rath von Burchard. In: O. Mundt (Hrsg.): Jahrbuch der Preußischen Forst- und Jagdgesetzgebung und Verwaltung, S. 359:[34]
[…] wenn wir sehen, wie viele Leute in Lumpen gehen, während wir die „goldene 110“ in der Leipzigerstraße und eine Menge Kleidermagazine haben, die zu Spottpreisen ihre Waare abgeben; – so sage ich: an der Billigkeit hängt das Glück nicht, sondern im Gegentheil, es hängt daran, daß alles preiswürdig ist, und daß die Preise nicht gedrückt werden auf Kosten derjenigen, die die Produzenten sind.
- Aus: Friedenauer Lokal-Anzeiger, Ausgabe Nr. 11 vom 12. Mai 1900, Rubrik „Städtisches – Bezirksverein Botanischer Garten“, Herr Golde:[35]
Wenn immer dem Billigsten der Zuschlag ertheilt werde, dann gerathen wir auf die Goldene 110, von der der Vater für sich eine Hose kauft und nach dem ersten Regen trägt sie der Junge!
- Aus: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin, Ausgabe Nr. 8, 17. Februar 1881, S. 76, Berichterstattung, betreffend den Verkauf einer vor dem Grundstücke Kreuzbergstraße 20/21 befindlichen Fläche alten Wegelandes – Vorl. 45 und 91. Berichterstatter: Stadtverordneter Richter:[36]
Es war uns nur wunderbar, wie der Magistrat dazu gekommen ist, eine solche Fläche für 300 M. verkaufen zu wollen. Im Drange der Geschäfte, glaubten wir, muss wohl die Sache nicht recht reiflich geprüft und erwogen worden sein, denn wenn der Magistrat in dieser Weise die der Stadt gehörenden Grundstücke weiter ausverkaufen will, dann überflügelt er ja bald „die goldene 110“.
Offenbar ist die Deutsche Freisinnige Partei von ihren Gegnern, wohl in Anspielung auf ihre ungefähr 110 Reichstagsabgeordneten, zeitweilig als „die Goldene 110“ verspottet worden.[37]
Die „Goldene 110“ in der Rechtsprechung
Nachdem ein Unternehmen in Magdeburg etliche Werbe-Gedichte der „Goldenen 110“ mit nur ganz geringfügigen Änderungen nachgedruckt hatte, musste sich im Jahr 1885 sogar das Reichsgericht mit den Werbe-Versen der „Goldenen 110“ befassen. Die Vorinstanz, das Landgericht Magdeburg, hatte das wegen eines Verstoßes gegen das Urheberrecht angeklagte Magdeburger Unternehmen freigesprochen. Dagegen war Isaac Cohn, Inhaber der „Goldenen 110“ in Berlin, in Revision gegangen. Nun hatte der dritte Strafsenat des Reichsgerichts die Frage zu klären: „Was ist unter »einzelnen Artikeln aus Zeitschriften und anderen öffentlichen Blättern« im Sinne von § 7 Abs. b des Gesetzes betreffend das Urheberrecht an Schriftwerken etc., vom 11. Juni 1870 (B.GBl. S. 339) zu verstehen? Gehören dazu Gedichte, welche von einer Privatperson der Redaktion einer Zeitung zur Veröffentlichung im Inseratenteile der Zeitung übersendet und in letzterem veröffentlich worden waren?“ Das Reichsgericht schloss sich in seinem Urteil vom 11. Juli 1885 der Rechtsauffassung des Landgerichts Magdeburg an, dass der Nachdruck der Werbegedichte ein erlaubter „Nachdruck einzelner Artikel aus Zeitschriften und anderen öffentlichen Blättern“ sei, und bestätigte den Freispruch der Magdeburger Firma.[38]
Auch die Frage, ob eine Firma in Wittenberg unter dem Namen „Goldene 110“ auftreten darf, wurde vor Gericht entschieden. Der Wittenberger Firma wurde unter Berufung auf das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb untersagt, ihre ins Firmenregister eingetragenen Bezeichnung „Goldene 110“ weiter zu führen.[39]