Grazer Stadtkrone
architektonisches Ensemble in Graz
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Die Grazer Stadtkrone (selten auch (Steirische) Landeskrone) ist ein architektonisches Ensemble in der steirischen Landeshauptstadt Graz. Es besteht im Wesentlichen aus der Burg, dem Dom und dem Mausoleum mit Katharinenkirche sowie vier weiteren Gebäuden. Als weltlich-politisches und religiöses Zentrum Innerösterreichs sowie der heutigen Steiermark ist die Stadtkrone seit 1999 Teil des UNESCO-Welterbes Stadt Graz – Historisches Zentrum und Schloss Eggenberg.

Die Stadtkrone


Der Begriff „Stadtkrone“ wurde 1919 von dem deutschen Architekten Bruno Taut in dessen gleichnamiger Abhandlung geprägt. Angelehnt an die Gartenstadt-Bewegung beschrieb er darin den Entwurf einer Idealstadt mit einem zentralen Bauwerk, der sogenannten Stadtkrone. Diese sollte anders als die Grazer Stadtkrone jedoch nicht Macht und Herrschaft demonstrieren, sondern – im Gegenteil – anstelle einer Kathedrale ein entscheidender Ort sozialer Gemeinschaft sein.[1]
Folgende Bauwerke werden gemeinhin zur Grazer Stadtkrone gezählt:
- Dom St. Ägydius (erbaut 1438–1464)
- Burg (1438–1600)
- Dompfarrhof (1583)
- Jesuitenkolleg (heute Priesterseminar, 1572–1597)
- Alte Universität (1607–1609)
- Jesuitenkonvikt (heute Domherrenhof, 1628)
- Katharinenkirche und Mausoleum Kaiser Ferdinands II. (1614–1714)
Aus baulicher Perspektive zählen manche Historiker auch das 1776 erstmals eröffnete Schauspielhaus zum Ensemble.[2][3] Wie die restliche Grazer Altstadt rückte die Stadtkrone erst spät in das Bewusstsein der Menschen. Mit dem aufkommenden Tourismus verbreiteten sich Bilder, Plakate und Ansichtskarten unter anderem von Ferdinand Pamberger. Vor allem die „Kuppellandschaft“ von Mausoleum und Katharinenkirche wird mit dem Bild der Krone eines Stadtbildes assoziiert. Ein Redakteur der Tagespost beschrieb dieses Bauelement 1940 als „Häusergiebel, von grüner Patina überzogene Türme und Kuppeln, die eng aneinandergedrückt zur Höhe ragen und mit ihren charakteristischen Formen ein absonderliches und reizvolles Bild bieten, das von jeder Seite besehen einen anderen, überraschenden Anblick bietet“.[4]
Neben ihrem architektonisch-kunsthistorischen Wert ist die Grazer Stadtkrone vor allem von ideeller Bedeutung. Das weltliche und geistliche Zentrum des Landes hat sich in keiner anderen Landeshauptstadt Österreichs auf derart engem Raum manifestiert wie in Graz. In einer Rede anlässlich des 400-jährigen Jubiläums des Priesterseminars am 18. November 1973 sprach Landtagspräsident Hanns Koren folgerichtig von der „Landeskrone“.[5] Der langjährige Grazer Dompfarrer Gottfried Lafer attestierte der Stadtkrone ein „Antlitz“, in dem sich die verschiedenen Zeitepochen, geistigen Strömungen und Kunstrichtungen eingeschrieben hätten.[6]
Baugeschichtlicher Überblick


Als erstes bekanntes Bauwerk bestand auf dem Gebiet der heutigen Stadtkrone außerhalb der Marktsiedlung bereits im 12. Jahrhundert eine romanische Ägidienkirche. Um 1336 erfolgte mit der Anlage der Stadtbefestigung eine Siedlungserweiterung in nordöstliche Richtung und die landesfürstlichen Gründe um die heutige Hofgasse und den Freiheitsplatz wurden mitsamt der Pfarrkirche und einem daran angeschlossenen Friedhof in die Stadt einbezogen. Noch bis ins 15. Jahrhundert trug der Bereich der oberen Bürgergasse und Burggasse die Bezeichnung „die Öden“, was auf geringe Besiedlung hindeutet.[7]
Herzog Friedrich V. ließ ab 1438 in der nordöstlichen Ecke der Stadtmauer eine Residenz errichten und südlich der Hofgasse die Pfarrkirche St. Ägydius neu bauen. Mit der Stadtburg und der neuen gotischen Pfarrkirche vereinigten sich weltliche und kirchliche Macht erstmals über dem tiefer gelegenen Markt- und Handelszentrum der Stadt. Nachdem Friedrich die Tore der Burg hatte schließen lassen, dienten die heutige Abraham-a-Santa-Clara-Gasse und die obere Bürgergasse als einzige Verbindung zwischen Markt und Kirche.[7]
Mit der Teilung der österreichischen Erblande und Entstehung Innerösterreichs gewann Graz als habsburgische Residenzstadt an Bedeutung. Erzherzog Karl II. kam 1564 als Landesfürst nach Graz und ließ die Burg als seinen ständigen Wohnsitz erweitern und aufstocken. Während seiner im Zeichen der Gegenreformation stehenden Regentschaft ließ sich der Jesuitenorden in der Stadt nieder. Dieser prägte in den beiden folgenden Jahrhunderten den Ausbau der Stadtkrone. Das schräg gegenüber der Domkirche errichtete Jesuitenkolleg wurde bis Ende des 16. Jahrhunderts zu einer mächtigen Vierflügelanlage ausgebaut und beherbergt heute das Priesterseminar. Die Jesuitenuniversität (heute „Alte Universität“) und das Jesuitenkonvikt (heute Domherrenhof) wurden wenige Jahre danach erbaut. Durch die Ausbreitung der Jesuitenschule entstand erstmals eine bauliche Verbindung zwischen der bürgerlichen Stadt und dem höher gelegenen Burg-Kirchen-Gelände. Bevor Karls Sohn Ferdinand II. die Stadt 1619 verließ, gab er den Bau der Katharinenkirche in Auftrag. Kreuz und Reichsinsignien auf den Turmspitzen stehen symbolisch für die enge Verbindung zwischen Kirche und Herrschaft und den Erfolg der Gegenreformation.[7]
Nachdem die Barockisierung von Dom und Jesuitenbauten eingesetzt hatte, wurde die Stadtkrone mit dem Bau eines Mausoleums für Kaiser Ferdinand II. abgeschlossen. Mit der Öffnung des Burgtors wurde die Stadtkrone nach 300 Jahren der Isolation in das städtische Straßennetz integriert und allgemein zugänglich gemacht. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde nicht nur die Stadtbefestigung aufgelassen, sondern auch Teile der Burg und Verbindungsbauten zwischen Dom und Burg bzw. Dom und Jesuitenkolleg wurden abgerissen.[7][8] Im Zuge der Generalsanierung und Unterkellerung der Alten Universität wurden bis 2005 ein Gräberfeld, Mauern und Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert freigelegt.[9]
Der Schloßberg als Stadtkrone

In der Zeit des Nationalsozialismus sollte der Begriff „Stadtkrone“ in Graz vorübergehend eine Umdeutung erfahren. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 beauftragte der kommissarische Landeshauptmann Sepp Helfrich den für seine Kraftwerksbauten bekannten Architekten Fritz Haas mit der Ausarbeitung großzügiger Umbaupläne hinsichtlich der Errichtung von „Groß-Graz“.[10] Der Haas-Plan sah den Jakominiplatz als politisches Zentrum mit allen bedeutenden NSDAP-Bauten vor. Als „Stadtkrone“ sollte jedoch der Schloßberg dem Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten städtebaulich Ausdruck verleihen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, plante Haas einen Turm an der höchsten Stelle der Südostecke des Plateaus, von dem aus man sowohl die südliche Reichsgrenze als auch das Bergland überblicken können sollte. Die Errichtung größerer Gebäudekomplexe auf dem Schloßberg schloss er aus, da er die „tiefe Naturverbundenheit“ im Charakter der Stadt verankert sah und die Erholungsfunktion erhalten wollte. Außerdem sollte eine axial auf den Berg zulaufende Aufmarschstraße diese neue „Stadtkrone“ von der Innenstadt aus ins Blickfeld rücken.[1]
Nach einer Präsentation in Berlin lehnte Generalbauinspektor Albert Speer den Entwurf Ende 1938 ab. Auch eine überarbeitete Fassung konnte ihn nicht überzeugen. Kritik galt vor allem der geplanten Umgestaltung der Innenstadt einschließlich zahlreicher Abrissvorhaben.[11]
Literatur
- Marcel Glaser: Die „Stadtkrone“ von Graz? Der Schloßberg im Nationalsozialismus (= Historisches Jahrbuch der Stadt Graz. Band 49/50). Graz 2020, S. 385–401.
- Wiltraud Resch: Die Stadtkrone von Graz. Andreas Schnider Verlagsatelier, Graz 1994, ISBN 3-900993-30-0 (78 S.).
- Horst Schweigert: Graz (Die Kunstdenkmäler Österreichs = Dehio-Handbuch Graz = Dehio Graz). Neubearbeitung. Schroll, Wien 1979, ISBN 3-7031-0475-9, S. 13 ff.
- Bruno Taut: Die Stadtkrone. Eugen Diederichs, Jena 1919 (142 S.).
Weblinks
- Der Dom zu Graz und die Grazer Stadtkrone auf der Website der Diözese Graz-Seckau