Groclant

Phantominsel im Nordatlantik From Wikipedia, the free encyclopedia

Grocland (auch Groclant, Groclandt geschrieben) ist eine angeblich von Riesen bewohnte Phantominsel im Nordatlantik, die westlich oder südwestlich von Grönland liegen soll. Der Legende nach wurde sie von König Artus erobert und besiedelt.

Nordpolarkarte von Gerhard Mercator, 1595 (Groclant unten links, oberhalb von Grönland)

Die Artussage

Der englische Regierungsberater und Universalgelehrte John Dee behauptete in seinem 1578 entstandenen Werk Brytanici Imperii Limites (Grenzen des Britischen Weltreichs)[Anm. 1], dass Elisabeth I. Anspruch auf den Königstitel für alle nördlichen Küsten und Inseln erheben könne, von Atlantis, Ophir, Thule, Antilia, der Sankt-Brendan-Insel bis zu allen nördlichen Inseln um Grönland, ob groß oder klein. Dee begründete dies im Wesentlichen damit, dass er sich auf die mythische Eroberungsreise von König Arthur (oder Artus) in die nördlichen Länder berief („depende cheiflie vppon our Kinge Arthur“), die ihn der Legende nach bis zum Nordpol geführt haben soll.[1]

Es ist umstritten, ob König Arthur eine Sagengestalt ist oder ein historischer Herrscher, der um 500 n. Chr. gelebt haben soll. Das heutige Wissen über ihn stammt vornehmlich aus literarischen Werken des europäischen Mittelalters. Der walisische Gelehrte und Geschichtsschreiber Geoffrey von Monmouth berichtet in Band 9 seiner im 12. Jahrhundert entstandenen, in lateinischer Sprache verfassten Historia regum Britanniae (Geschichte der Könige Britanniens) über eine Expedition Arthurs in die nördlichen Länder. Glaubt man dieser Quelle, rüstete Arthur im Jahr 530 n. Chr. eine Flotte aus[2] und segelte nach Irland, das er eroberte. Anschließend bezwang er Island, Norwegen und Dänemark. Doldavius, König von Gotland, sowie Gunfasius, Herrscher der Orkneyinseln, unterwarfen sich freiwillig.[3]

„When the next summer came on he fitted out his fleet [. . .] All parts of Ireland thus subdued, he made with his fleet for Iceland, and there also defeated the people and subjugated the island. Doldavy, King of Gothland, and Gunfast, King of the Orkneys, came of their own accord, and promising a tribute, did Arthur's homage unto him. [. . .] When they had won this victory they overran and set fire to the cities, scattering the country folk, nor did they cease to give full loose to their cruelty until they had submitted the whole of Norway as well as Denmark unto the dominion of Arthur.

Als der nächste Sommer kam, rüstete er seine Flotte aus […]. Nachdem er alle Teile Irlands unterworfen hatte, machte er sich mit seiner Flotte auf den Weg nach Island, besiegte auch dort das Volk und unterwarf die Insel. Doldavy, König von Gothland, und Gunfast, König der Orkneyinseln, kamen aus eigenem Antrieb und erwiesen Arthurs Huldigung, indem sie ihm einen Tribut versprachen. [. . .] Als sie diesen Sieg errungen hatten, überrannten sie die Städte, steckten sie in Brand und zerstreuten die Landbevölkerung. Und sie gaben ihrer Grausamkeit freien Lauf, bis sie ganz Norwegen und Dänemark der Herrschaft von Arthur unterworfen hatten.“

Geoffrey of Monmouth[4]

In Momouths Historia fehlt allerdings jegliche Bestätigung für Dees Behauptung, Artus habe seine Herrschaft über den Arktischen Ozean und Grönland, je nach Interpretation auch Teile Nordamerikas[5], ausgedehnt.

John Dees Korrespondenz

Dee führte eine Korrespondenz mit dem berühmten und angesehenen Kartografen Gerhard Mercator. Im Jahr 1577 schrieb Mercator – teils in Latein, teils in Niederländisch – einen Antwortbrief an John Dee, der – wenn auch mit Brandschäden – erhalten ist und im Britischen Museum aufbewahrt wird:

„Jacobus Cnoyen van Tsertoghenbosche orbem peragravit, ut Mandevillanus sed meliore / judicio visa annotavit. Scripsit Belgica lingua. / Quae ante in eo ad Regiones Septentrionales sententia invent sic (ut sequitur) ad verbu exactum. Nisi quod quaedam brevitatis, et accelerandi / Latine reddidi, si non semper verbu / sententia tamen reposui. [. . .] In Nortnorwegen en mach men niet commen onder / Zughender Zeen wille, die achter Groclant leet / Wantet noch vorder Nordwaert leet/. Dit Nortnorwegen comt tot aen tgheberchte dat / root om gaet, om Septentrionem en het paelt / aen desen gheberchten mit, 17. Fransche mjjlen / lants, anders ist all zee. Ende dit is dat geberchre da / lant / ontrent 15. Franschen mijlen; et distat inde ad Orien/talem parte. Ende hier teghen wonnen binnen / septentrion dat Clein Volck, daer oock in / Arturus Gesten of staet. Ende oock paelter / aen een schoon offen landt. Ende dit land leet / tusschen de Provincie van Obscur, ende van de / Provincie van Bergi, Maer tusschen elck van disen / Provincien, ende desen landen, leet een Zu-/ghende Zee.

Jacobus Cnoyen von Herzogenbusch bereiste die Welt wie Mandeville, beschrieb aber was er sah mit besserem Urteilsvermögen. Er schrieb in belgischer Sprache. Die Ideen über die nördlichen Regionen, die ich vor einiger Zeit von ihm übernommen habe, folgen Wort für Wort, außer wenn ich sie der Kürze oder der Geschwindigkeit halber ins Lateinische übersetzt habe. Wenn auch nicht immer seine Worte, so habe ich doch seine Bedeutung beibehalten. [. . .] Von Nordnorwegen aus kann man das Inlandsmeer, das hinter Grocland liegt, nicht erreichen. Denn es liegt noch weiter nördlich. Dieses Nordnorwegen erstreckt sich bis zu der Bergkette, die den Nordpol umschließt, und grenzt auf dem Landweg etwa 17 Meilen (27 km) an diese Bergkette, alles andere ist Meer. Und dies ist dieselbe [Bergkette], die innerhalb von etwa 15 französischen Meilen (66 km) [liegt] und erstreckt sich dann weiter nach Osten. Und hier in der Nähe, nach Norden, leben jene kleinen Leute, von denen auch in den Gestae Arthuri[Anm. 2] gesprochen wird. Und außerdem grenzt daran ein schönes offenes Land. Und dieses Land liegt zwischen der Provinz der Finsternis und der Provinz Bergi. Aber zwischen jeder dieser Provinzen und diesen Ländern liegt ein Inlandsmeer.“

Gerhard Mercator[6]

In seiner monumentalen Weltkarte von 1569 hat Mercator links unten eine Nebenkarte der Nordpolarregion eingefügt, auf der auch Grocland eingezeichnet ist. In einer Erläuterung beschreibt er, wie er zu den Informationen über diese abgelegene und unerforschte Gegend kam:

„[. . .] Quod ad descriptum attinet eam nos accidimus ex Itinerario Jacob Cnoyen Buscoducensis, qui quaedam ex rebus gestis Arthuri Britanni citat, majorem autem partem & potiora a sacerdote quodam apud regem Noruegie anno D : 1364 didicit. Descenderat is quinto gradu ex illis quos Arturos ad has habitandas insulas miserat, & referebat anno 1360 Minoritam quendam Anglum Oxoniensem mathematicum in eas insulas veniße ipsis que (?) relictis ad vlteriora arte magica profectum descripsiße omnia, & astrolabio dimensum, eße in hanc subjectam formam fere, vti ex Jacobo collegimus.

[. . .] Die Beschreibung haben wir dem Itinerar von Jacob Cnoyen von Buscoducensis ['s-Hertogenbosch] entnommen, der einige Taten von Artus dem Briten zitiert, den größten Teil und die wichtigeren Details jedoch im Jahr des Herrn 1364 von einem gewissen Priester beim König von Norwegen erfuhr. Dieser stammte im fünften Grad von denen ab, die Artus zu diesen bewohnten Inseln geschickt hatte. Und er berichtete, dass im Jahr 1360 ein gewisser englischer Mathematiker aus Oxford, ein Minorit, auf diese Inseln gekommen sei und nach seiner Abreise weitere Fortschritte in der Zauberkunst gemacht habe. Er habe alles beschrieben und mit einem Astrolabium vermessen, fast in der Form, wie wir es von Jacob erfahren haben.“

Gerhard Mercator: Kartusche auf der Weltkarte von 1569

Jacob Cnoyen und die Inventio Fortunata

Jacob Cnoyen (auch: Jocobus, Jacques oder Jakob) war ein mittelalterlicher Reisender, über den nur sehr wenig bekannt ist. Sein Herkunftsort soll ’s-Hertogenbosch (lateinisch: Buscoducensis) in den Niederlanden sein. Er schrieb einen Reisebericht, Itinerario genannt, der heute verschollen ist und von dem wir nur aus der Sekundärliteratur wissen. In diesem Buch bezieht sich Cnoyen wiederum auf den Reisebericht eines Minoriten-Mönchs aus Oxford, der Mitte des 14. Jahrhunderts im Auftrag des englischen Königs Eduard III. mehrere Reisen unternahm, die ihn u. a. in den Nordatlantik führten. Seine Entdeckungen beschrieb er in einem dem König gewidmeten Buch mit dem Titel Inventio Fortunata (glückliche oder glückbringende Entdeckung), das heute ebenfalls verloren ist. Der Bericht des Mönchs ist sehr phantasievoll. Wie wir aus der Sekundärliteratur wissen, beschrieb er u. a. den Magnetberg am Nordpol und den Schiffe verschlingenden „Maelstrom“[Anm. 3], die auch verschiedene zeitgenössischen Kartenmacher abbilden.

Karten

Mercators Weltkarte von 1569

Aus diesen Informationen hat Mercator offenbar seine großformatige Mercator-Weltkarte von 1569 zusammengestellt, die erste bislang bekannte Karte, auf der Grocland abgebildet ist. Die Insel trägt die Bezeichnung: „Groclant insula cuius incole Suedi sunt origine.“ (Grocland ist eine Insel, deren Einwohner ursprünglich Schweden sind). Dies könnte ein Hinweis auf die Besiedlung Grönlands und Amerikas durch die Wikinger sein. Grocland ist ein weiteres Mal auf einer Nebenkarte des Nördlichen Polarkreises eingezeichnet, zwischen dem aus vier Inseln bestehenden, mythischen Nordpolarkontinent mit dem Nordpol („Rupes Nigra et altissima“) und dem viel zu kleinen Grönland („Groenlant“).

Weltkarte des Mathias Quad von 1608 (Groclant: Mitte oben)

Im Atlas Fasciculus Geographicus von Mathias Quad (latinisiert: Matthias Quadus), herausgegeben 1608 bei Johann Bussemacher in Köln, ist „Groclant“ auf zwei Karten abgebildet: der Weltkarte (TYPUS ORBIS TERRARUM) und der Karte des Nordpols (POLUS ARCTICUS, Seite 81 f.), beide Karten basieren in wesentlichen Teilen auf der Ausgabe von Mercators Nordpolar-Karte aus dem Jahr 1595.

Die Entdeckungsreisen von Martin Frobisher und John Davis auf der Suche nach der Nordwestpassage erbrachten Gewissheit, dass die Insel Grocland nicht existiert. Im frühen 17. Jahrhundert verschwindet Grocland aus den Atlanten. Die letzte Karte, auf der die Insel noch verzeichnet ist, dürfte die prächtig illustrierte Nordpolar-Karte Septentrionalium Terrarum desriptio von Gerhard Mercator in der Ausgabe von 1623 sein. Sie zeigt „Groclant“ westlich von Grönland („Groenland“) zwischen 75° und 80° nördlicher Breite unmittelbar südlich des geheimnisvollen Nordkontinentes („Terra Septentrionalis Incognita“). Die Erläuterung mit dem Hinweis auf die Initialbesiedlung der Schweden ist entfernt.

Grocland ist nur auf Mercator-Karten oder deren Derivaten abgebildet. Die Insel erscheint nur für die relativ kurze Zeit von rund 40 Jahren auf den Karten und in den Atlanten. Hauptsächlich sind dies Werke, die auf den Karten von Gerhard Mercator beruhen.[7]

Beschreibung und Name

Über Grocland ist wenig bekannt. Auf den Karten ist die Insel nur als Umriss abgebildet, ohne Details im Inselinnern. In Mercators Brief an John Dee steht nur die kurze Anmerkung, dass Artus Grocland besiedelt habe, das von Riesen bewohnt sei, die 23 Fuß (rund 7 Meter) groß seien („In hit Grocland vant hij volcke lanck 23 voet, daer men lande mede meet“).[2]

Der Ursprung des Namens Grocland ist heute nicht mehr ersichtlich. Eine einfache Erklärung wäre, dass die Bezeichnung auf einem Schreib- oder Kopierfehler beruht. Auf alten Karten wird Grönland meist „Groenland“ oder „Groenlant“ geschrieben. Das „e“ könnte bei unaufmerksamer Schreibweise durchaus mit einem „c“ verwechselt werden. Deutlich wird das in einer Karte von 1582 von Michael Lok, die in Hakluyts Buch Divers Voyages enthalten ist.[8] Dort ist ein Teil der Insel Grocland abgebildet mit der Bezeichnung „Groetland“, die aber auch als „Groctland“ gelesen werden kann. Auf derselben Karte findet man auch Grönland, geschrieben: „Groenland“, als Halbinsel des amerikanischen Kontinents.

Der Historiker Thomas Greene, Associate Professor an der University of North Georgia, glaubt, die Insel Grocland sei mit Grönland identisch und beruft sich dabei auf eine Anmerkung von John Dee: „Grocland to / me seemeth to be our Groenlande“ (Grocland scheint mir unser Groenland zu sein).[9][2]

Fazit

Die Insel Grocland gibt es nicht, sie ist eine Erfindung mittelalterlicher Mythen, die heute nicht mehr im Original erhalten sind. Welcher Insel im Nordpolarmeer sie entsprechen könnte, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Der amerikanische Schriftsteller William Henry Babcock (1849–1922) hält Grocland für eine vergrößerte Darstellung der Diskoinsel auf den Karten oder eine näher an Grönland herangerückte Darstellung der Baffininsel.[10]

Anmerkungen

  1. John Dees Manuskriptsammlung unter dem Titel: Brytanici Imperii Limites wird im Original in der British Library aufbewahrt.
  2. Gestae Arthuri, deutsch: Die Taten Arthurs, ist ein verschollener mittelalterlicher Text, wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert oder früher, der die Eroberungen von König Artus in der Arktis beschrieb.
  3. vielleicht identisch mit dem Moskenstraumen

Einzelnachweise

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