Kohlrabizirkus

Großmarkthalle in Leipzig, auch Kohlrabizirkus genannt From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Kohlrabizirkus ist die frühere Großmarkthalle der Stadt Leipzig, die heute als Veranstaltungshalle genutzt wird. Sie steht unter Denkmalschutz.[1] Der in der Umgangssprache aufgrund ihrer Form und früheren Funktion entstandene Name ist inzwischen offiziell etabliert.[2]

Kohlrabizirkus, Ansicht von Osten (2007)

Lage und Gestalt

Frontansicht und Draufsicht schematisch
Kellerweg mit Eingangsbrücke im Bau (1929)

Die Halle steht im Leipziger Ortsteil Zentrum-Südost in dem von der Semmelweisstraße und der Straße An den Tierkliniken gebildeten Winkel mit der Adresse An den Tierkliniken 38.

Auf einer rechteckigen Gesamtgrundfläche der Halle von 175 × 100 Metern[3] erheben sich auf einem Unterbau die beiden freitragenden Kuppeln mit einer Spannweite von 75 Metern und einer Gesamthöhe des Gebäudes von 29 Metern. Die Kuppeln bestehen aus je 16 Teilschalen aus Stahlbeton mit eine Dicke von etwa neun Zentimetern mit vier Lagen Stahlbewehrung, die auf einem Zugring von 65 Meter Durchmesser aufsitzen und dort mit ihren Grundkanten zu einem Achteck angeordnet sind. Der Zugring wird von acht 12 Meter hohen schräggestellten Stahlstützen in Bogenform getragen.

Im Kuppelscheitel befindet sich in drei Abstufungen ein Oberlicht von 28 Meter Durchmesser. Weiteres Tageslicht erhält die Halle durch ein um das gesamte Gebäude unterhalb seiner Oberkante umlaufendes etwa drei Meter hohes Fensterband.

Die gesamte Halle ruht auf einem Kellergeschoss. Dieses wird auf drei Seiten, außer im Westen, von Fahrwegen umgeben, die über eine Rampe an der Ostseite erreicht werden. Deshalb ist der ebenerdige Zugang zur Halle an diesen Seiten nur über Brücken möglich.

An der Nord- und der Ostseite der Halle sind bis in die Höhe des Fensterbandes reichende, etwa zehn Meter breite Klinkerbauten für Büros und Nebenräume angesetzt. An der Westseite schließt sich ein flacher Hallenbau an, in welchen früher der Gleisanschluss der Eisenbahn führte.

Geschichte als Großmarkthalle

Kuppelbau (September 1928)
Obst- und Gemüsegroßmarkt (1930)

1891 war in der Nähe des Roßplatzes für die Versorgung der schnell wachsenden Stadt die Zentralmarkthalle eröffnet worden. Bald aber fehlte für Leipzig und Umgebung ein Umschlagplatz für den Gemüsegroßhandel mit Eisenbahnanschluss. Anfang der 1920er Jahre reifte der Plan zum Bau einer Großmarkthalle mit Anbindung an die Eisenbahnanlagen im Südosten der Stadt, der nach Antritt von Hubert Ritter (1886–1967) als Stadtbaurat im Jahre 1925 konkretisiert wurde. Von ihm stammte die architektonische Planung, während die Konstruktion und die Berechnung der Kuppeln in den Händen der Bauingenieure Franz Dischinger (1887–1953) und dem damals erst 24-jährigen Hubert Rüsch (1903–1979) lagen. Der Bau erfolgte von Mai 1927 bis Oktober 1929. Die Kuppeln errichtete die Firma Dyckerhoff & Widmann AG. Die Kuppeln waren zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung die größten Massivkuppeln der Welt und wurden 2013 von der Bundesingenieurkammer als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland ausgezeichnet.[4] Geplant waren eine dritte Kuppel und ein Hochhaus, die aber beide nicht zur Ausführung kamen.

Zum Obst- und Gemüsehandel wurde die Halle von drei 160 Meter langen Gängen durchzogen, an denen die Stände der Großhändler lagen. Die Türen zu den Gängen mit den Zugangsbrücken sind an der Südseite heute noch erkennbar. Die Zulieferung der Ware geschah meist per Eisenbahn oder LKW, der Abtransport durch die Einzelhändler mit Handkarren, Pferdewagen oder LKW. Auch der Transport per Straßenbahn mit speziellen Güterwagen wurde genutzt, denn in der Tiroler Straße (heute Semmelweisstraße) war seit 1928 eine Straßenbahn-Endstelle, die ab 1947 nur noch für den Güterverkehr genutzt wurde.[5]

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Halle zwar Schäden,[6] aber die Kuppeln hielten, und der Betrieb wurde nicht unterbrochen. Im Oktober 1995 wurde der Großhandel von Obst und Gemüse in der Großmarkthalle beendet. Er erfolgt seitdem im privatwirtschaftlich neu erbauten, nordwestlich der Stadt gelegenen Großmarkt Leipzig.[7]

Nachnutzung

Nach Auszug des Großmarktes wurden die Teile unter jeder der beiden Kuppeln einzeln genutzt. In der Nordhalle fanden Konzerte, Flohmärkte u. ä. statt. Die Südhalle wurde in den Jahren 2000 bis 2012 im Winter als Eisdom genutzt und stellte mit 2200 m² die größte Indoor-Eislauffläche Deutschlands dar. 2012 zog die Eishockeymannschaft Icefighters Leipzig, die die Halle ab 2010 genutzt hatte, an eine andere Spielstätte und die Eisfläche wurde aufgegeben. Im September 2014 wurde die European Darts Trophy ausgetragen.

Im Jahr 2017 kaufte die Vicus Group AG die Großmarkthalle.[8] Seit Saisonbeginn 2018/2019 ist die Nordhalle die Heimstatt der Icefighters Leipzig und trägt seit September 2024 den Sponsorennamen anona Icedome.[9] Dafür wurden eine entsprechende Eisfläche sowie Tribünen für vorerst 2.500 Zuschauer hergerichtet.[10] in der Folgezeit kam es zu Auseinandersetzungen mit der Vicus Group wegen Schäden an der Halle und Mietforderungen, die bis zur Aussperrung gingen. Dennoch konnten die Eishockeyspiele termingemäß durchgeführt werden.[11]

Am 27. Juli 2021 hat schließlich die Stadt Leipzig das Objekt für 11,5 Mio. Euro von der Vicus Group AG erworben und der Leipziger Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft (LEVG) mit dem Auftrag der Sanierung übertragen.[12] Deren Konzept sieht unter anderem vor, die Halle unter der Südkuppel an einen externen Betreiber für Konzerte, Musicals und Ausstellungen zu vermieten, im westlichen Flachanbau Bouldern und eine Brauerei zu ermöglichen, Büroräume für kreatives Gewerbe zu nutzen und am umgebenden Tiefweg eine Atelierstraße einzurichten. Im Februar 2026 hat das Ptogramm mit der Sanierung der Südkuppel begonnen.[13]

Von Mai 2014 bis Januar 2025 bestand im Souterrain an der Nordseite der Techno-Club Institut für Zukunft, in dessen Räumlichkeiten im April 2025 der Techno-Club Axxon N. öffnete und im Januar 2026 aufgrund Insolvenz schloss.[14] Die Stadt will an der Clubkultur im Kohlrabizirkus festhalten und möglicherweise sogar einen zweiten Club etablieren.[15]

Literatur

Commons: Kohlrabizirkus – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI