Gruol & Blessing

ehemalige Orgelbauwerkstätte From Wikipedia, the free encyclopedia

Gruol & Blessing war eine 1789 in Bissingen an der Teck gegründete Orgelbauwerkstätte. Noch heute existieren einige ihrer romantischen Orgeln im Stil der Zeit vor allem in Baden-Württemberg und stehen zum Teil unter Denkmalschutz. Der Betrieb wurde 1863 aufgegeben.

Schnelle Fakten
Gruol & Blessing
Rechtsform Personengesellschaft
Gründung 1789
Auflösung 1870
Auflösungsgrund Aufgabe
Sitz Bissingen an der Teck Deutschland Deutschland
Branche Orgelbau
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Erbauerschild von Wilhelm Blessing in Böhmenkirch

Werk

Zwischen 1789 und 1863 bauten Johann Viktor Gruol der Ältere und seine Söhne Johann Viktor der Jüngere und Johann Georg (1798–1833) zusammen mit einigen bekannten Schülern und Partnern wie zum Beispiel Christoph Ludwig Goll und Wilhelm Blessing (* 12. April 1832; † 26. Juni 1870) zwischen einer und drei Orgeln jährlich. Die Orgeln von Gruol zählen zu den bedeutendsten romantischen Orgeln im Südwesten Deutschlands, vor allem in Baden-Württemberg. Sie zeichnen sich durch einen besonders weichen Klang aus. Gestaltet sind die Prospekte überwiegend im Stil der Neugotik, des Barocks oder Rokokos. Die Kegelladen- und Schleifladenorgeln haben in der Regel ein bis zwei Manuale und bis zu 30 Register sowie Metall- als auch Holzpfeifen. Einige Gruol-Orgeln wurden aufwendig restauriert und stehen heute unter Denkmalschutz.[1][2][3]

Geschichte

Nach seiner Lehrzeit bei dem Orgelbauer Johann Andreas Goll in Weilheim an der Teck eröffnete Johann Viktor Gruol der Ältere 1789 in der Hinteren Straße 1 in Bissingen an der Teck eine Orgelwerkstätte.[4] Erste bekannte Arbeiten waren die 1793 durchgeführten umfangreichen Reparaturarbeiten an der Haußdörfer-Orgel in Oberlenningen sowie die 1795 gebaute Orgel der Peterskirche in Weilheim.[5]

Zwei seiner Söhne, Johann Georg und Johann Viktor, erlernten ebenfalls den Beruf des Orgelbauers. Ab 1823 bauten sie zusammen die Orgel für die Marienkirche in Bissingen.[3] Nach dem Tod von Johann Georg Gruol 1833 und Johann Viktor Gruol d. Ä. 1836 führte Johann Viktor Gruol d. J. den Betrieb zusammen mit seinen Schülern Christoph Ludwig Goll und Wilhelm Blessing weiter. Zwischen 1841 und 1845 hatte Goll den Betrieb vorübergehend verlassen, um bei Schäfer in Heilbronn und Weigle in Echterdingen zu arbeiten. 1845 baute Victor Gruol d. J. seine erste Kegelladenorgel für die Gemeinde Rommelshausen. Aufgrund von Mängeln kam es zu einer Gewährleistungsklage. Nachdem ein Sachverständiger die Mängel bestätigt hatte, musste die Orgel von Gruol sowie den Orgelbaumeistern Schäfer und Weigle nachgebessert werden. Der Prozess schadeten Gruols fachlicher Reputation so, dass in Folge der Auftrag für die neue (II/P/37)-Orgel der Stadtkirche Giengen an die Gebrüder Link als Subunternehmer von Gruol abgegeben werden musste. So entstand die erste Link-Orgel.[6][7]

Ab 1850 war Christoph Ludwig Goll als Assessor an der Firma Gruol beteiligt, die fortan unter Gruol & Goll firmierte. Goll schied 1854 aus und übernahm in Kirchheim seine eigene Werkstatt. Für ihn trat Wilhelm Blessing als Kompagnon ein, und man firmierte unter Gruol & Blessing. In dieser Zeit entstanden zusammen acht Orgeln.[6][1]

Nach dem Ausscheiden von Viktor Gruol d. J. um 1863 zog auch Wilhelm Blessing weg, er arbeitete ab 1863 bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1870 als Orgelbauer in seiner Geburtsstadt Esslingen am Neckar. Viktor Gruol d. J. verstarb 1871.[4][6][8]

Werkliste (Auswahl)

Weitere Informationen Jahr, Ort ...
JahrOrtGebäudeBildManualeRegisterBemerkungen
1795 Weilheim an der Teck Peterskirche II/P 23 Gruol d. Ä.; mechanische Schleifladen[5]
um 1800 Wimsheim Michaelskirche I/P 10 Gruol d. Ä.; ursprünglich für eine Kirche in Mönsheim gebaut. Später wurde sie von der Kirchengemeinde Wimsheim für die alte Michaelskirche erworben und 1883 in den Kirchenneubau übernommen. Restauriert 1977.[9][10]
1803 Ochsenwang Mörikekirche I/P 6 Gruol d. Ä.; heute Orgelneubau im alten Gehäuse durch die Firma Weigle (1927, I/P/6, pneumatische Kegelladen)[5]
1809 Schopfloch Johanneskirche I/P 14 Gruol d. Ä.; mechanische Schleifladen. Restauriert 2004, denkmalgeschützt.[5][11]
1809 Hofen Ottiliakirche I/P 6 Gruol d. Ä.; seit 1974 Kilianskirche in Mundelsheim[12]
1824 Bissingen an der Teck Marienkirche II/P 20 Johann Viktor, Johann Georg, und Johann Viktor Gruol; mechanische Schleifladen.[3][5][10]
1825 Klingenberg Evangelische Kirche I/P 8 Gruol d. Ä.; mechanische Schleifladen, 1975 restauriert[10]
1829 Rommelsbach Martin-Luther-Kirche I/P 14 Gruol d. Ä.; 1929 wurde in das Gehäuse eine Weigle-Orgel eingebaut.[13]
1832 Tübingen-Derendingen St.-Gallus-Kirche I/P 14 1981 restauriert und auf II/P/21 erweitert
1834 Reutlingen-Sondelfingen Stephanuskirche I/P 12 Gruol d. J.; 1962 ersetzt; Teile wurden 1979 zu Restaurierung der Orgel in Beuren verwendet.[2]
1836 Bolheim Evangelische Kirche Gruol d. Ä.; 1890 wurde von Link ein komplett neues Spielwerk eingebaut[14]
1838 Tübingen Schlosskirche I/P ? [15] Gruol d. J.; Prospekt erhalten, Werk heute Weigle 1957 (II/13)[16]
1839 Beuren Nikolauskirche II/P 23 Gruol d. J.; mechanische Schleifladen. Restauriert 1979.[2]
1840 Riederich Ev. Auferstehungskirche Gruol d. J.[17]
1841 Berkheim Michaelskirche I/P 9
1842 Gechingen Martinskirche
I/P 6 Gruol d. J. Die Orgel befindet sich heute in der Musikhistorischen Sammlung Jehle in Albstadt-Lautlingen und steht unter Denkmalschutz.[18]
1842 Lontal St. Ulrich I/P 6 Gruol d. J.; 1985 restauriert von Link[19][20]
1843 Heidenheim an der Brenz-Mergelstetten Ev. Kirche Die alten Holzpfeifen wurden 1967 weitgehend in die neue Link-Orgel eingebaut.[21]
1844 Donnstetten St. Georgskirche I/P 9 1982 Erweiterung um zweites Manual, 2006 Restaurierung
1845 Rommelshausen Mauritiuskirche I/P 14 Gruol d. J.; mechanische Kegelladen im Manual, Schleiflade im Pedal; 1853/1854 Revision durch Weigle; 1937 Erweiterungsumbau durch Walcker; 1993 restauriert.[22]
1846 Münsingen-Rietheim Ev. Kirche I/P 9
1851 Gutenberg Nikolauskirche I/P 10 Gruol & Goll; 1954 auf zwei Manuale erweitert[5]
1853 Seeburg Johanneskirche
I/P 7 Gruol & Goll; mechanische Kegelladen, denkmalgeschützt[23][24]
1853 Dapfen Dorfkirche I/P 12
1853 Enzklösterle Ev. Kirche
1858 Hepsisau Ev. Kirche I/P 7 Gruol & Blessing; mechanische Kegelladen[5]
1862 Kleinengstingen Blasiuskirche
II/P 13 Gruol & Blessing; mechanische Kegelladen, denkmalgeschützt[25][1][26]
1865 Inneringen St. Martin
II/P 20 Blessing; 1943 durchgreifend umgebaut, 2011–2012 restauriert/rekonstruiert durch Orgelbau Vleugels[27]
1866 Dettingen an der Erms Ev. Stiftskirche Dettingen an der Erms
II/P 30 Blessing; Kegelladenorgel, denkmalgeschützt, größte erhaltene Blessing-Orgel
1869 Böhmenkirch St. Hippolyt II/P 17 Blessing; mechanische Kegelladen[28]
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Trivia

  • Die 1862 von Gruol & Blessing für die Evangelische Kirche in Kleinengstingen gebaute Orgel (Werknummer 80) mit zwei Manualen und 13 Registern kostete damals 1489 Gulden. Sie hatte 10 Jahre Garantie und wurde am 21. Juli 1862 mittels drei zweispännigen Fuhrwerken geliefert.[25]
  • Eine Orgelpfeife aus der um 1803 in Ochsenwang erbauten Gruol-Orgel wurde mit Datum vom 17. September 1833 von Eduard Mörike signiert und ist heute im Mörikehaus Ochsenwang ausgestellt.[29]
  • Seit 2014 gibt es Klingeltöne von der 1809 gebauten Gruol-Orgel in Schopfloch zum Download.[30]

Literatur

  • Ernst Leuze: Orgeln unter Teck. In: Schriftenreihe Stadtarchiv Kirchheim unter Teck. Band 36. Eigenverlag, Kirchheim unter Teck 2013, ISBN 978-3-925589-61-4.
  • Manfred Keller, Alfred Hub: Bissingen – Heimat zwischen Teck und Breitenstein. Eigenverlag, Kirchheim unter Teck 1972.
  • Hermann Fischer, Theodor Wohnhaas: Lexikon süddeutscher Orgelbauer. Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven 1994, ISBN 3-7959-0598-2, S. 128.

Einzelnachweise

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