Hans Conrad Gyger

Schweizer Kartograf und Ingenieur From Wikipedia, the free encyclopedia

Hans Conrad Gyger (* 22. Juli 1599 in Zürich; † 25. September 1674 ebenda; heimatberechtigt ebenda) war ein Schweizer Kartograf, Vermessungsingenieur und Maler. Er gilt als bedeutendster Schweizer Kartograf des 17. Jahrhunderts.[1]

Hans Conrad Gyger, gezeichnet von Conrad Meyer

Leben

Hans Conrad Gyger: Überraschung von Venus und Mars durch Vulkan. Hinterglasgemälde, 1631

Hans Conrad Gyger war der Sohn des Glasmalers[2][3][4] (oder Glasers[1]) und Ehegerichtsweibels Hans Georg Gyger († 1639), Zünfter zur Meisen, und der Verena, geborene Leemann. Ein Bruder seines Vaters war Arzt, Professor der Naturlehre und Astrologe (Christoph Gyger, † 1626), ein anderer unterrichtete als Rechenmeister und verfasste Rechenbücher (Philipp Gyger, 1569–1623).[4] Hans Conrad absolvierte eine Lehre bei Jos Murers Sohn Josias Murer (1564–1630),[3][5] der als Glasmaler, aber auch als Plan- und Kartenzeichner tätig war. Vermutlich vermittelte Murer seinem Lehrling auch die damals neue Technik des Feldmessens durch Triangulation.[5] (Nach anderen Quellen war der Glasmaler Christoph Nüscheler, 1589–1661, Gygers Lehrmeister.[2][1]) 1619, im Alter von erst 20 Jahren, wurde Gyger zum Quartiermeister ernannt. Der Dreißigjährige Krieg hatte begonnen, und auch in der Alten Eidgenossenschaft verstärkten sich die Spannungen zwischen reformierten und katholischen Ständen. 1641 wählte der Rat der Stadt Zürich Gyger als Planzeichner für die neue Stadtbefestigung.[3] 1643 wurde er «Zwölfer» der Zunft zur Meisen und Mitglied des Grossen Rats von Zürich, 1647 (oder 1649[2]) Amtmann im Kappelerhof.[2][1] Dank dieser gehobenen Stellung hatte er fortan ein gesichertes Einkommen; das Amt liess ihm aber auch genügend Zeit für seine kartografischen Arbeiten.[2]

Gyger heiratete 1627 Elisabeth Meyer aus Herisau. Die beiden hatten fünf Töchter und fünf Söhne (oder drei Töchter und drei Söhne[4]), von denen einer, Johann Georg (1627–1687), Maler wurde.[2][5]

Kartografisches Werk

Gygers handgemalte Reliefkarte des Zürcher Gebiets, 230 × 226 cm

Gyger veröffentlichte mehrere Karten des Kantons Zürich und der Schweiz. Von 1644 bis 1660 entstanden zehn Karten der Zürcher Landschaft, auf denen die Truppensammlungsplätze und deren Einzugsgebiete eingezeichnet sind.

Gleichzeitig arbeitete er im Auftrag der Zürcher Regierung an einer grossen, handgemalten Reliefkarte des Zürcher Gebiets (230 × 226 cm). 1667 wurde sie nach 38-jähriger Arbeit fertiggestellt. Die Karte im Massstab 1:32'000 gilt als Meisterwerk der plastischen Geländedarstellung. Gyger war der erste, welcher eine Landschaft auf diese Art darstellte. Es war damals und noch lange danach üblich, Hügel und Berge auf Karten in Kavalierperspektive darzustellen. Weil die Karte militärischer Geheimhaltung unterlag, hatte seine Pionierleistung keinen unmittelbaren Einfluss auf andere Kartografen.

Der Schweizer Kartograf Eduard Imhof würdigte Gyger und seine Arbeiten in der Monatsschrift „Atlantis“ im Jahre 1944 wie folgt: «Diese Karte überragt nicht nur alle übrigen schweizerischen Karten des 17. und des 18. Jahrhunderts, sie besass zu ihrer Zeit auch im Auslande keinen Nebenbuhler. Ja, man kann sagen, dass sie in der malerischen Unmittelbarkeit der Landschaftsabbildung bis auf unsere Tage nirgends überboten worden ist.»[6]

Neben seiner Arbeit als Kartenmaler war Gyger auch als Glasmaler tätig.

Druck und Nachzeichnungen der Gygerkarte

Kupferstich der Gygerkarte aus dem Jahr 1685
Nachzeichnung der Gygerkarte von Johannes Müller, 1763: Region Baden-Wettingen (Blatt F4)

1685, 11 Jahre nach Hans Conrad Gygers Tod, liess sein Sohn Johann Georg die Karte des Zürcher Gebiets als Kupferstich auf 6 kleinen Blättern herausgeben; für den Stich war Johannes Meyer der Jüngere verantwortlich. Die Karte wurde für diese gedruckte Ausgabe vereinfacht und stark verkleinert, ungefähr im Massstab 1:100'000, dafür von kunstvollen Abbildungen umrahmt. Das ganze Werk ist 76 × 80 cm gross.[7] Um 1750 wurde es neu aufgelegt; in einzelnen Exemplaren dieser zweiten Ausgabe sind Abbildungen oder Teile der Karte koloriert.[8]

Im 18. Jahrhundert wurde Gygers handgemalte Karte mehrfach nachgezeichnet, in annähernd originaler Grösse, aufgeteilt in zahlreiche, handliche Blätter. Eine äusserst sorgfältig ausgeführte Neuschöpfung aus dem Jahr 1763 stammt von Johannes Müller, der damals als «obrigkeitlicher Ingenieur» des Zürcher Stadtstaates amtete. Sie besteht aus 55 Teilblättern im Format von ca. 35 × 36 cm; die ganze Karte ist 222 × 212 cm gross.[9] Sehr ähnlich, aber nicht ganz so geschickt gezeichnet und beschriftet, ist eine Karte aus dem Jahr 1764, die auf 12 Blättern erhalten ist (aus ursprünglich kleineren Teilen zusammengeklebt); ihr Gesamtformat beträgt 223 × 213 cm. Auch dieses Werk wird mit Johannes Müller in Verbindung gebracht; die Zuschreibung ist aber unsicher.[10] Eine dritte Karte des Zürcher Gebiets aus dem 18. Jahrhundert ist weder datiert noch einem Urheber zuzuschreiben; sie ist insgesamt 169 × 177 cm gross und besteht aus 12 Blättern. Auch sie beruft sich ausdrücklich auf Hans Conrad Gyger. Anders als dessen Werk ist sie aber nicht nach Osten orientiert, sondern nach Süden, und die Höhenzüge sind zwar elegant, aber etwas stereotyp, wellenförmig dargestellt. Sehr fein und individuell sind auf dieser Karte grössere Ortschaften, Kirchen und Schlösser eingezeichnet.[11]

Eine weitere, zwischen 1702 und 1765 gezeichnete Karte in 56 Teilblättern, welche lange als sogenannte «Messtischkarte» Hans Conrad Gyger selbst zugeschrieben worden war,[12] diente als Vorlage einer Reproduktion aus dem Jahr 1891 mit dem Titel Hans Konrad Gyger’s Züricher-Cantons-Carte 1667,[13] anlässlich des Internationalen Geographischen Kongresses vom August 1891 in Bern. 1967, zum 300-jährigen Jubiläum von Gygers Werk, wurde die gleiche Nachzeichnung seiner Karte noch einmal reproduziert, als Faksimile-Druck unter dem Titel Karte des Kantons Zürich aus dem Jahr 1667 in 56 Blättern.[14]

Karte des oberen Zürichsees

Karte des oberen Zürichsees, um 1640

Im Juli 2012 konnte die Zentralbibliothek Zürich für 9000 Franken in Zofingen eine seit Jahrhunderten verschollene Karte des oberen Zürichsees ersteigern. Die 30 mal 57 Zentimeter grosse Karte war bisher nur aus einem Werkverzeichnis Gygers und zwei Kopien aus dem 18. Jahrhundert bekannt.[15]

Sie entstand um 1640 und illustriert einen Grenzstreit zwischen den Kantonen Zürich und Schwyz, der zwischen 1635 und 1643 beim Frauenwinkel bei Pfäffikon SZ verhandelt wurde. Thema der Auseinandersetzungen waren die Handelsschifffahrt und die Erträge aus der Fischerei; vergeblich hatten die Schwyzer versucht, die Grenzen zu ihren Gunsten zu verschieben. Um die politische Trennung darzustellen, malte Gyger die Zürcher Gebiete in einem hellen Braun, das Schwyzer Gebiet graugrün. In den 1920er-Jahren war die Karte auf Holz aufgezogen worden.

Aufgetaucht war sie in der Gegend um Aarau auf einem Dachstock in der Hinterlassenschaft einer verstorbenen älteren Frau. Wie diese in den Besitz der Karte gekommen war, ist nicht bekannt.[16]

Literatur

  • Hans-Peter Höhener: Gyger [Geiger], Hans Conrad. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Arthur Dürst: Hans Conrad Gygers grosse Karte des Zürcher Gebiets von 1667. In. Zürcher Taschenbuch 1971, S. 31–42 (Digitalisat).
  • Hans-Uli Feldmann und Samuel Wyder: Hans Conrad Gyger : seine Schweizerkarten (1620–1657). In: Cartographica Helvetica, Murten 2012 (=Sonderheft, 21). 2012.[17]
  • Eduard Imhof: Gyger, Hans Conrad. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 7. Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 362 (deutsche-biographie.de).
  • Samuel Wyder: Grenz- und Zehntenpläne von Hans Conrad Gyger (1599–1674). In: Cartographica Helvetica Heft 35 (2007) S. 31–39. (doi:10.5169/seals-16709).
  • Samuel Wyder: Grenz-, Zehnten- und Befestigungspläne des Zürcher Gebiets von Hans Conrad Gyger (1599–1674). Cartographica Helvetica, Murten 2006. (= Cartographica Helvetica; Sonderheft 18). ISSN 1422-3392.

Einzelnachweise

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