Haggada
Erzählung und Handlungsanweisung für den jüdischen Seder (Vorabend des Pessachfestes)
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Die Haggada (hebräisch הגדה, Plural הגדות Haggadot, zu נגד; dt. „erzählen“, „berichten“; deutsch veraltet Agade) ist im religiösen Leben der Juden Erzählung und Handlungsanweisung für den Seder, die Zeremonie am Erev Pessach, dem Vorabend des Fests der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei.


Definition
Der Ausdruck Haggada (hebräisch הַגָּדָה שֶׁל פֶּסַח Haggada schel Pessach) ist nicht zu verwechseln mit Aggada[1], womit im Sinnes eines Oberbegriffs, erzählende oder homiletische Texte aus dem Talmud gemeint sind. Haggada bezeichnet die Sammlung oder Fassung von Aggada-Texten, die speziell für den Pessach-Seder genutzt werden.[2][3] Die Haggada ist ein liturgischer Text des Pessach-Seders, der aus der rabbinischen Auslegungstradition hervorgegangen ist und daher zur rabbinischen Literatur gezählt wird.
Schmuel ha-Nagid definierte erweitert die „Haggada als jedwede Auslegung im Talmud zu jedem Thema, das nicht Gebot [ Halacha ] sei.“[4] Aus literarischer Perspektive ist die Haggada eine komplexe, multiperspektivische Textsammlung, also Textstrukturen in der verschiedene Narrative, Lehrmeinungen und liturgische Elemente gleichzeitig auftreten und die historische Erinnerung, ethische Lehre und liturgische Praxis miteinander verbindet. Sie besteht aus biblischen Zitaten, erzählenden Midraschim, Gebeten und Ritualanweisungen, die thematisch und episodisch angeordnet sind. Stilistisch zeichnet sie sich durch dialogische Strukturen, Wiederholungen, Parallelismen und symbolische Sprache aus, wobei Gegenstände und Handlungen als Metaphern für historische und spirituelle Inhalte dienen. Es finden sich Kurzkommentare zu Textstellen des Tanachs, Erzählungen, biographische aber auch historische Anekdoten, Sagen und Märchen, Fabeln, Sprichwörter, philosophischen Weisheiten oder Leitgedanken, Trostsprüchen u. v. m. Besonders auffällig ist der performative Charakter der Texte, sind sie doch nicht nur zum Lesen, sondern auch zur Rezitation und aktiven Teilnahme am Seder gedacht. Dadurch verbindet die Haggada Elemente von Didaktik, Epik und Drama, während ihre primäre Funktion die Vergegenwärtigung der Exodus-Erfahrung und die Vermittlung von Tradition und Identität ist.[5]
„(…) Ziel und Zweck der Haggada ist ganz allgemein die religiöse Daseinsbewältigung. Mag auch das unterhaltsame Moment oft allbeherrschend erscheinen, so gibt es doch kaum einen haggadischen Text, der nicht auch sittlich-religiöse Belehrung bieten will. Die Haggada ergänzt somit die Halakha. (…) Zugleich ergänzt sie die religiöse Praxis durch eine Theologie, sofern man von einer solchen im rabbinischen Judentum sprechen kann: keine theoretisch-abstrakten Thesen, sondern «erzählende» Theologie bzw. eine Theologie in Aphorismen und Gleichnissen. (…)“
Pessach-Haggada
Diese Pessach-Haggada ist ein mitunter bebildertes Büchlein, aus dem beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Es ist teils auf Aramäisch, teils auf Hebräisch geschrieben (heute meist mit Übersetzung und Erklärungen in der Landessprache) und beschreibt die im Buch Exodus geschilderten Vorgänge: das Exil in Ägypten und den Auszug in die Freiheit. Dazu kommen traditionelle rabbinische Ausschmückungen und Auslegungen dieser Geschichte. Zahlreiche traditionelle Lieder begleiten das Festmahl, das Teil des Sederabends ist. Hierzu gehört das Lied der vier Fragen Ma Nischtana (hebräisch מַה נִּשְׁתַּנָּה, deutsch „Was unterscheidet...“) und Echad mi jodea (hebräisch אחד מי יודע Eins – wer weiß es?), ein traditioneller Frage-Antwort-Gesang, eine Zählgeschichte. Es zählt gemeinsame jüdische Motive und Lehren auf. Den traditionellen Abschluss der Haggada bildet das Lied Chad gadja (reichsaramäisch חַד גַּדְיָא) und das Lied Dajenu („es hätte uns genügt“).

Rezeption
Zu den bekanntesten Haggadot zählt die aus Deutschland stammende so genannte Vogelkopf-Haggada, die um ca. 1300 geschaffen wurde. Eine ebenso berühmte wie bemerkenswerte Handschrift ist die in Spanien hergestellte Sarajevo-Haggada um 1314.
Literatur
- Zvi Shua Faust: History of the Kibbutz Haggadah. Jerusalem 2011.
- Michael Shire, Walter Homolka, Andreas Nachama, Jonah Sievers (Hrsg.): Die Pessach Haggada. Hebräisch/Deutsch mit Transliteration. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-942271-89-9 (64 S., Übersetzer: Annette Böckler).
- Elazar Ari Lipinski: Abrabanel Haggada. Pessach das Fest der Fragen. Pessach-Ausgabe 109/2009 der Zeitschrift des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Bayern, S. 3–4 (pdf; 274 kB). English illustrated version: Abravanel Pesach Haggada, A Holiday of Questions – by Ari Lipinski
Weblinks
- Die Vogelkopf-Haggada im Jewish Heritage Online Magazine
- www.talmud.de/sarajevo – Die Sarajevo-Haggadah aus dem 14. Jahrhundert in Bildern (aufbewahrt im Nationalmuseum von Bosnien und Herzegowina)
- de.chabad.org/Haggada – Die komplette Haggada auf Deutsch mit Anleitungen und Erklärungen
- Der vollständige Text der Haggadah als Volltext
- The Passover Haggadah in the Yale University Library Collections Virtuelle Ausstellung von Handschriften, frühen und modernen Druckausgaben
- Tegernseer Haggadah Passah-Haggada – BSB Cod.hebr. 200 in der Sammlung der bayerischen Staatsbibliothek