Haldane-Mission

Diplomatische Reise, die der britische Kriegsminister Richard Haldane vom 8. bis 9. Februar 1912 nach Berlin unternahm From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Haldane-Mission wird eine diplomatische Reise bezeichnet, die der britische Kriegsminister Richard Haldane vom 8. bis 9. Februar 1912 nach Berlin unternahm. Er traf sich dort mit dem deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, Kaiser Wilhelm II. und dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes Alfred von Tirpitz, um das Flottenwettrüsten zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Vereinigten Königreich zu beenden.

Richard Burdon Haldane

Die deutschen Verhandlungsführer beharrten auf ein britisches Neutralitätsversprechen für einen künftigen europäischen Krieg und britische Unterstützung beim Erwerb weiterer Kolonien für Deutschland. Die britische Seite bestand auf einer substanziellen Reduzierung der deutschen Flottenrüstung. Die Haldane-Mission endete damit ohne verwertbare Ergebnisse, da die Ziele beider Seiten unvereinbar waren.

Die deutsch-britischen Beziehungen vor 1912

Die britische Dreadnought, Sinnbild des internationalen Flottenrüstungswettlaufs

Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches waren die deutsch-britischen Beziehungen in eine neue Phase eingetreten. Benjamin Disraeli und Otto von Bismarck hatten auf dem Berliner Kongress 1878 große Einigkeit gezeigt.[1] Die Gesamttendenz guter Beziehungen setzte sich auch unter Disraelis Nachfolgern William Ewart Gladstone und Lord Salisbury fort.[1][2] Obwohl Salisbury sich in der andauernden Ägypten-Frage – die einen Zankapfel zwischen Großbritannien und Frankreich darstellte – durch Bismarck regelrecht erpresst fühlte,[2] agierten beide Mächte einvernehmlich. Bismarck war es in der von ihm vermittelten Mittelmeerentente von 1887 auch gelungen, Großbritannien an den von ihm geschaffenen Dreibund anzunähern.[3] Im Februar 1889 hatte Bismarck ein Bündnisangebot an Großbritannien gerichtet. Salisbury hatte dieses zumindest erwogen; letztlich kam es aufgrund der Rahmenbedingungen nicht dazu.[4] Außerdem wollte er seine Nachfolger nicht binden und zusätzlich widersprach ein festes Bündnis auch dem Konzept der splendid isolation.

Mit dem Regierungsantritt von Wilhelm II. kam es bald zu einer Neuorientierung der deutschen Außenpolitik. 1896 verärgerte er London mit der Krüger-Depesche;[5] im Gefolge der Affäre löste Großbritannien die Mittelmeerentente auf. Im frühen 20. Jahrhundert hatten sich die Beziehungen zunehmend verschlechtert. Mit der Verabschiedung des 2. Flottengesetzes im Jahr 1900 war zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich ein Flottenwettrüsten entbrannt.[6] Der federführende Admiral Alfred von Tirpitz strebte unter dem Begriff der Risikoflotte eine starke Hochseeflotte an, die stark genug wäre, die dominante britische Royal Navy herauszufordern. Tirpitz’ Pläne hatten eine dezidiert antibritische Stoßrichtung und bedeuteten eine Abkehr von den deutschen Bemühungen, Großbritannien an den Dreibund anzubinden.[7] Er rechtfertigte den Bau der Flotte damit, dass das Deutsche Reich nur so das Wohlwollen und substantielle Zugeständnisse Großbritanniens erzwingen könne.[8] Großbritannien als Inselstaat sah das Primat seiner Marine als unabdingbar. Seit langem existierte die Doktrin des two powers standard, die für die Royal Navy eine Stärke vorsah, die die summierte Stärke der beiden nächstgrößeren Marinen übertreffen müsse. Bereits seit 1903 waren sich die Verantwortlichen in London bewusst, dass sich die Flottenrüstung des Deutschen Reiches gegen Großbritannien richtete.[9]

In Beantwortung der deutschen Flottennovellen von 1906 und 1908, die drei bzw. sogar vier neue Großkampfschiffe pro Jahr vorsahen, entschied sich die britische Regierung dafür, den eigenen Flottenbau zu verschärfen, um den Vorsprung der Royal Navy unter allen Umständen zu behaupten.[9] Großbritannien beantwortete die Flottennovelle von 1908 mit der Ankündigung, acht eigene neue Dreadnought-Schiffe pro Jahr zu bauen.[10] Zudem gab die gleichermaßen aggressive und unstete Außenpolitik des Deutschen Reiches in Großbritannien Grund zur Sorge. Sir Eyre Crowe gab in einer Denkschrift vom 1. Januar 1907 seine Einschätzung wieder, dass die deutsche Außenpolitik von einer aggressiven Grundhaltung durchdrungen sei, nach Hegemonie zunächst in Europa und mithilfe des Ausbaus der Hochseeflotte auch in Übersee strebe. Als Konsequenz müsse die von Deutschland ausgehende Gefahr konsequent eingedämmt werden, um den europäischen Frieden zu bewahren.[11] Die britische Öffentlichkeit reagierte mit großer Unruhe auf die deutsche Flottenrüstung.[12] In Großbritannien kam es 1909 zum sogenannten Naval Scare, die aus Sorge über die Gefahr der deutschen Flottenrüstung zeitweise in eine Invasionsangst mündete. Dazu gab es bis 1912 wiederholte Auseinandersetzungen zwischen der britischen und deutschen Presse, die die öffentliche Stimmung in beiden Ländern aufzuheizen versuchten.[13] Diese auf britischer Seite vor allem von der Northcliffe-Presse lancierten Kampagnen bedeuteten oft eine zusätzliche Belastung besonders für die regierenden Liberalen.[14]

Die vom Leiter des Auswärtigen Amts Alfred von Kiderlen-Waechter initiierte Marokkopolitik – von Wolfgang Mommsen als allzu machiavellistisch charakterisiert – mündete im Sommer 1911 in die Zweite Marokkokrise.[15] Statt die 1904 geschlossene Entente cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien zu hintertreiben, kam es zu einem engeren Schulterschluss zwischen beiden Ländern und Großbritannien stellte sich offen an die Seite Frankreichs. Der bislang außenpolitisch nicht hervorgetretene Schatzkanzler David Lloyd George warnte Deutschland in seiner Mansion-House-Rede davor, dass man weder eine übermäßige Schwächung Frankreichs noch einen Ausschluss Großbritanniens aus den laufenden Vorgängen akzeptieren werde.[16] Mit der klaren Positionierung Großbritanniens auf die Seite Frankreichs scheiterte die Absicht des Auswärtigen Amts, eine Internationalisierung der Krise zu vermeiden; zudem war das so gestärkte Frankreich nun umso weniger kompromissbereit.[17] Zugleich trat die außenpolitische Isolation des Deutschen Reichs in Europa, das allenfalls halbherzige Unterstützung von seinem einzigen Verbündeten Österreich-Ungarn erhielt, offen zutage und es musste in der Folge von seiner aggressiven Kanonenboot-Politik wieder zurückweichen. Im Marokko-Kongo-Vertrag musste Deutschland seine Ansprüche in Marokko aufgeben und erhielt im Austausch mit einigen Gebieten in Zentralafrika nur einen Bruchteil dessen, was die deutsche Regierung ursprünglich angestrebt hatte.[18]

Beide Seiten vor der Haldane-Mission

Auf deutscher Seite

Theobald von Bethmann Hollweg (1913)

Nach dem Debakel in der Zweiten Marokkokrise war Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg um eine realistischere Außenpolitik bemüht, die sich in Anlehnung an Großbritannien auf bestimmte Zielsetzungen konzentrieren sollte. Statt einer Politik, die auf Stärke und Konfrontation beruhte, wollte Bethmann Hollweg eine Annäherung an Großbritannien suchen.[19] Bethmann Hollweg sah die Verständigung mit Großbritannien als außenpolitisches Schlüsselprojekt an. Nur durch einen Ausgleich mit Großbritannien war für Bethmann Hollweg die Absicherung der Machtstellung des Deutschen Reiches gegen die Bedrohung der Französisch-Russischen Allianz möglich. Fernziel seiner Politik war ein Neutralitätsabkommen mit London.[20] Unabhängig davon propagierte der deutsche Botschaftsrat in London, Richard von Kühlmann, ein außenpolitisches Programm, das Deutschland als Juniorpartner des British Empire sah. In enger Abstimmung sollte das Deutsche Reich seine Ziele nicht im Gegensatz, sondern in Anlehnung zu London durchführen. Konkret sah er vor allem den Erwerb weiterer Kolonien in Mittelafrika als wünschenswert an,[21] die mit Duldung Großbritanniens durchgeführt werden sollte. Als Hindernis für eine Verständigung zwischen Großbritannien und Deutschland hatte Bethmann Hollweg vor allem das von Tirpitz betriebene Flottenrüstungsprogramm ausgemacht.

Dagegen gab es auch im Bürgertum breite Kreise, die sich von einer Annäherung an Großbritannien nichts erwarteten und glaubten, dass das Reich nur durch gesteigerte Rüstungsausgaben zu Land und vor allem zur See seine Ziele erreichen könne. Für diese Strategie erfand der freikonservative Politiker Hans Delbrück den Begriff des „trockenen Krieges“. Vor allem die Nationalliberalen traten im Reichstag für eine konsequente Aufrüstung ein.[22] Daneben gab es zudem eine kleine, jedoch einflussreiche Gruppe, die überzeugt war, dass sich das Deutsche Reich auf einen großen europäischen Krieg vorbereiten müsse und diesen gegebenenfalls in einem günstigen Moment selbst auslösen solle, um eine Einkreisung durch Russland, Frankreich und Großbritannien zu verhindern.[23] Diese Gruppe erhielt Unterstützung von der Neuen Rechten, die sich aus Gruppierungen wie dem Wehrverein und anderen nationalen Agitationsverbänden zusammensetzte. Nach dem Debakel in der Marokkokrise nahmen die Befürworter dieser Ansichten auch im bürgerlichen Lager zu. Wolfgang Mommsen konstatiert, dass in den Führungseliten mit dem Gedanken eines Präventivkrieges immer häufiger geliebäugelt wurde. Vor allem das Anfang 1912 veröffentlichte Buch Deutschland und der nächste Krieg des Generals a. D. Friedrich von Bernhardi, in dem er einen großen Krieg als unvermeidlich sah und sich dabei auf die geistigen deutschen Traditionen berief, fand großen Anklang.[24] Admiral von Tirpitz sah dadurch und durch die anti-britischen Stimmungen auf dem Höhepunkt der zweiten Marokkokrise seine Chance, eine erneute Verschärfung der Flottenrüstung in Form einer neuen Flottennovelle zu erreichen, durch die ein drittes Geschwader Großkampfschiffe gebildet werden sollte.[25] Tirpitz konnte hier weiterhin auf die Unterstützung von Kaiser Wilhelm II. zählen, der erst am 27. August 1911 bei einem Essen des Hamburger Senats geäußert hatte, dass die starke Flotte nötig sei, um Deutschland den ihm „zustehenden Platz an der Sonne“ zu erhalten.[26]

Bethmann Hollweg sah demgegenüber durch eine erneute Flottennovelle seine politische Strategie gefährdet, weil in seiner Überzeugung dadurch eine Annäherung an Großbritannien illusorisch geworden wäre. Im Herbst 1911 kam es darüber zu einem indirekt ausgetragenen Ringen zwischen Bethmann Hollweg und Tirpitz.[27] Unterstützt wurde der Reichskanzler durch den deutschen Botschafter in London, Paul Graf Wolff Metternich zur Gracht, der davor warnte, dass die Flottenrüstung letztlich zum Kriegsgrund zwischen beiden Mächten werden könnte. Metternichs Warnungen wurden allerdings von seinem Marineattaché Wilhelm Widenmann ständig unterlaufen.[28] Kaiser Wilhelm II. stand zwischen den Lagern, neigte insgesamt allerdings Tirpitz zu, so dass Bethmann Hollweg die Flottenvorlage bei der Herbeiführung eines politischen Abkommens mit Großbritannien in sein Verhandlungspaket mit einbeziehen musste.[29]

Auf britischer Seite

Edward Grey, 1. Viscount Grey of Fallodon (ca. 1918)

Nach der Ablösung der konservativen Regierung durch die Liberalen im Dezember 1905 hatte die neu formierte liberale Regierung es sich zum Ziel gemacht, „die gigantischen Rüstungsausgaben“ ihrer Vorgänger zu reduzieren.[30] Innenpolitisch riefen die liberalen Regierungen unter Henry Campbell-Bannerman und seinem Nachfolger H. H. Asquith (ab 1908) ein aufwändiges Wohlfahrtsprogramm ins Leben.[31] Problematisch waren diese Reformen aufgrund ihrer finanziellen Implikationen. Parallel zu den Mehrausgaben für das Wohlfahrtsprogramm mussten durch das Flottenwettrüsten immer größere Summen für Unterhalt und Ausbau der Royal Navy aufgewendet werden. Bereits beim liberalen Regierungsantritt im Jahr 1905 hatten die Zuwendungen für die Royal Navy 30 Millionen Pfund betragen, ein Fünftel der jährlichen Gesamthaushalts.[32] Durch das allgemeine Flottenwettrüsten stiegen diese Ausgaben noch einmal an. Um den two power standard zu erhalten, sah sich die britische Regierung gezwungen, die Ausgaben stetig zu erhöhen. Der finanziellen Mehrbelastung standen jedoch keine gestiegenen Einnahmen gegenüber.[33] Der liberalen Regierung war deshalb an einer Vereinbarung gelegen, um den allgemeinen Rüstungswettlauf zu beenden.[34] Asquiths Regierung hatte von ihren beiden Vorgängerregierungen die eingeleitete Ausgleichspolitik mit dem republikanischen Frankreich geerbt, die Außenminister Edward Grey fortführte und ausbaute. Gleichzeitig erfolgte 1907 ein Ausgleich mit dem russischen Zarenreich.[35] Asquith glaubte nun, in Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg einen geeigneten Ansprechpartner zu haben, um mit Deutschland eine Vereinbarung mit dem Ziel zu treffen, das Flottenwettrüsten wenigstens zu verlangsamen. Der Reichskanzler galt in London, anders als sein Vorgänger, als Mann des Friedens.

Außenminister Grey seinerseits hatte das kaiserliche Deutschland bereits früher als einen internationalen Unruhestifter identifiziert. Aus seiner Sicht strebe Deutschland eine hegemoniale Rolle an, die mit dem von Großbritannien verfochtenen Balance-of-Power-Konzept unvereinbar war.[36] 1902 hatte Grey sich zum ersten Mal dahingehend geäußert, dass Großbritannien sich deshalb gegen Deutschland orientieren solle.[37] In dieser Ansicht wurde Grey von einer Gruppe Diplomaten im Foreign Office wie Arthur Nicolson und Eyre Crowe unterstützt, die die Ausgleichspolitik mit Frankreich und Russland fortführen wollten und die Aufrüstung des deutschen Kaiserreichs als Vorspiel zu einer militärischen Aggression sahen.[38] Eine weitere Grundlage für Nicolson war die Befürchtung, Frankreich und Russland an einen feindlich gesinnten Kontinentalblock unter deutscher Führung zu verlieren, wenn man beide nicht unterstütze.[39] In einer Rede im Unterhaus im August 1907 hatte Grey den Rüstungswettlauf beklagt; gleichzeitig unterstützte er die Entscheidungen, den britischen Vorsprung zur See um jeden Preis zu erhalten. Eine Vereinbarung mit dem deutschen Kaiserreich war Grey zwar willkommen, jedoch war für ihn klar, dass ein Ausgleich mit Deutschland keinesfalls auf Kosten der Entente mit Frankreich gehen dürfe. Bereits im Oktober 1905 hatte er sich im Kabinett in diesem Sinn geäußert.[40] Im November 1911 hatte er die Grenzen einer Vereinbarung mit Deutschland erneut klar gezogen, als er im Unterhaus erklärte, dass man sich keine besitzenswerten neuen Freundschaften auf Kosten alter Freundschaften mache.[41]

Dagegen gab es im Kabinett eine Gruppe von Ministern bestehend aus John Morley, John Simon, John Elliot Burns, Earl Beauchamp und Lewis Harcourt, die sowohl Greys immer engeres Bündnis mit Frankreich als auch seine Ausgleichspolitik mit Russland kritisch sahen.[42] Im November 1911 hatte sich das Kabinett auf Morleys Initiative hin mit 15 zu 5 Stimmen dagegen ausgesprochen, bindende Zusagen bei Gesprächen zwischen den Generalstäben Großbritanniens und anderer Länder (namentlich Frankreich) zuzulassen.[43] Statt der Ausgleichspolitik mit Frankreich und Russland noch militärische Absprachen hinzuzufügen und damit den Charakter einer militärischen Allianz zu geben, suchte diese Gruppe eine Verständigung mit dem Deutschen Kaiserreich. Sie bevorzugte eine friedliche Einigung – die Bildung einer Triple Entente mit Frankreich und Russland könnte Deutschland nur zu einer noch aggressiveren Haltung bewegen.[44] Kolonialminister Lewis Harcourt, der zur Anti-Grey-Fraktion zählte,[45] propagierte seit langem, dass man dem Expansionsdrang des Deutschen Reiches begrenzte Möglichkeiten in Übersee ermöglichen sollte, um die aggressiven Energien Deutschlands abzulenken.[46]

Verlauf der Haldane-Mission

Erste Kontakte und Vorplanungen

Erste informelle Kontakte über ein Abkommen waren durch den deutschen Reeder Alfred Ballin und den britischen Bankier deutsch-jüdischer Herkunft Sir Ernest Cassel zustande gekommen. Beide besprachen Ballins Vorschlag, ob der Erste Lord der Admiralität Winston Churchill nach Berlin zu Sondierungsgesprächen kommen könnte.[47] Im Kabinett wurde die Möglichkeit besprochen und ein Memorandum angefertigt, in dem die Positionen festgelegt wurden. Großbritannien wäre für Zugeständnisse bei der deutschen Flottenrüstung bereit gewesen, Deutschlands koloniale Ambitionen zu unterstützen. Statt Churchill reiste zunächst Cassel mit Einverständnis der britischen Regierung nach Deutschland. Andeutungsweise wurde der Vorschlag gemacht, dass Deutschland im Gegenzug für koloniale Zugeständnisse und gegenseitige Zusagen die eigene Flottenrüstung beschränken würde.[48] Für Kaiser Wilhelm waren diese Vorsondierungen bereits vielversprechend genug, um weitere Verhandlungen zu unterstützen. In der Deutung seines Biographen John C. G. Röhl ging Wilhelm II. von der falschen Vorstellung aus, dass die von ihm unterstützte Flottenrüstung die Briten nun gezwungen habe, nachzugeben und Verhandlungen zu suchen.[49]

Das britische Kabinett trat am 2. Februar 1912 zusammen und beschloss, die Verhandlungen fortzuführen. Allerdings sollte nicht der vorgeschlagene Außenminister Grey nach Berlin reisen.[50] Ihn zu entsenden, hätte der Reise einen offiziellen Charakter gegeben und wäre aus Sicht der Beteiligten voreilig gewesen, da ein mögliches Scheitern bzw. ein ergebnisloser Abbruch der Gespräche dann in der Außenwirkung negative Konsequenzen nach sich gezogen hätte. Kriegsminister Richard Haldane dagegen war aus Sicht der britischen Seite der ideale Mann für die Mission; ein langjähriger Freund und Vertrauter von Asquith und Grey, stand er beiden auch politisch nahe. Als langjähriger Kriegsminister verfügte er über genügend politisches Gewicht, dazu war er bekanntermaßen ein Germanophiler und sprach fließend Deutsch.[51] Haldane hatte in Dresden und Göttingen Philosophie studiert und seit der Jahrhundertwende regelmäßig in Weimar Urlaub gemacht, um sich dort mit den Klassikern zu beschäftigen.[52] Seine Affinität zur deutschen Philosophie hatte ihn dazu bewegt, mehrere Bücher aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen und ihm den Spitznamen „Schopenhauer“ von Asquith eingebracht. Außerdem kannte er Kaiser Wilhelm II. persönlich und hatte ihn in erst im Vorjahr in sein Londoner Haus eingeladen.[53]

In Berlin kam es im unmittelbaren Vorfeld von Haldanes Eintreffen zu harten Auseinandersetzungen über die einzunehmende diplomatische Linie. Tirpitz war zu keinen ernsthaften Kompromissen bei der Flottenvorlage bereit. Reichskanzler Bethmann Hollweg, der durch von Kiderlen-Waechter und Botschafter Metternich unterstützt wurde, wollte dagegen unbedingt ein weitreichendes Abkommen sowie ein Einvernehmen über koloniale Erwerbungen erreichen und dafür die Flottennovelle stark beschneiden oder auch ganz opfern.[54]

Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1902

Haldane in Berlin

In Begleitung seines Neffen J. B. S. Haldane und von Cassel reiste Haldane unter dem Deckmantel einer Universitätsangelegenheit nach Berlin, wo er am 8. Februar 1912 eintraf.[55] Dort hatte er zunächst eine freundliche Besprechung mit Reichskanzler Bethmann Hollweg. Haldane machte klar, dass die wachsende Macht Deutschlands andere europäische Mächte dazu bewegt habe, enger zusammenzurücken. Bethmann Hollweg regte ein uneingeschränktes Neutralitätsabkommen zwischen Deutschland und Großbritannien an. Haldane lehnte diese erste vorgebrachte Formel ab, da eine unbeschränkte Neutralitätsgarantie inakzeptabel sei: Großbritannien könne eine mögliche Zerstörung Frankreichs als Großmacht durch Deutschland nicht hinnehmen. Bethmann Hollweg akzeptierte den Einwand und versprach, eine neue Formel auszuarbeiten.[56] Der gesteckte Rahmen eines möglichen Abkommens blieb somit vage. Die Diskussion verlagerte sich dann auf den Flottenbau und auf koloniale Fragen. Eine Einigung wurde nicht erzielt. Aus Bethmann Hollwegs Sicht war es wichtiger, überhaupt ein Einvernehmen zu erreichen und dann eine Übereinkunft zu erzielen – Detailfragen sollten später geklärt werden.[57]

Am Folgetag kam Haldane bei einem Mittagessen mit Kaiser Wilhelm II. zusammen, dem ein Gespräch zwischen ihm, Kaiser Wilhelm II. und Admiral Tirpitz folgte.[58] Tirpitz zeigte sich unnachgiebig und wollte auf die Flottennovelle unter keinen Umständen verzichten; er war allenfalls zu einer temporären Aussetzung und Streckung des Bauprogramms bereit. Hier bot er an, mit dem Bau des ersten zusätzlichen Schiffes nicht schon 1912, sondern erst 1913 zu beginnen. Tirpitz präsentierte Haldane eine Reihe von Gründen, die es (aus seiner Sicht) Deutschland unmöglich machten, auf die Flottennovelle zu verzichten. Haldane, der sich in der Interpretation Wolfgang Mommsens als Emissär mit Sondierungsauftrag sah und zunächst nur die Angebote der deutschen Seite erkunden sollte, machte hierzu keine Kommentare.[59] Aus Sicht Mommsens sei das ein Fehler gewesen, da Wilhelm und Tirpitz hier den (irrigen) Eindruck gewonnen hätten, dass bereits ihre mageren Zugeständnisse ausreichend seien.[60] Dem deutschen Historiker Rainer F. Schmidt zufolge sei Haldane jedoch mit der konkreten Forderung auf „einen Verzicht auf die geplanten drei zusätzlichen Schlachtschiffe oder zumindest die Verlangsamung des deutschen Bauprogramms auf zwölf statt sechs Jahre als Vorbedingung für jedes Abkommen“ angereist.[61] Während den Verhandlungen versicherte die britische Seite (unter anderem auch Haldane selbst) Frankreich, dass es bei den laufenden Verhandlungen um eine Entspannung, nicht jedoch um eine gegen Frankreich gerichtete Allianz mit Deutschland gehe.[62]

Am Abend traf Haldane erneut mit Bethmann Hollweg in der Wilhelmstrasse zusammen.[63] Sondierungsgespräche über koloniale Vereinbarungen und die Bagdadbahn verliefen positiv. Der Kernpunkt, ein gegenseitiges Neutralitätsabkommen im Fall eines europäischen Krieges, fand wiederum keine definitive Einigung. Haldane brachte eine politische Formel vor, in der beide Mächte sich verpflichten sollten, keinen unprovozierten Angriff gegeneinander zu unternehmen und keinerlei Kombinationen beizutreten, die eine aggressive Richtung gegen den jeweils anderen hätten. Deutschland beharrte indes auf einer Neutralitätsgarantie. Haldane kehrte am 10. Februar wieder nach London zurück. Bethmann Hollweg gab ihm eine vertrauliche Kopie der geplanten neuen Flottennovelle mit.[64]

Weiterer Verhandlungsverlauf

Premierminister H. H. Asquith

Auf britischer Seite erkannte man schnell, dass das deutsche Kaiserreich keine nennenswerten Gegenleistungen für die geforderten britischen Neutralitätsgarantien bot, sondern allenfalls eine zeitweilige Verlangsamung des Flottenbaus in Aussicht stellte. Damit war eine substanzielle Entlastung der Ausgaben für die Flottenrüstung nicht gegeben. Bei einer Kabinettssitzung am 14. Februar traten Harcourt und Crewe für eine Fortführung der Gespräche bezüglich der kolonialen Fragen ein. Asquith und Lloyd George widersprachen und wollten weitere Gespräche über deutsche koloniale Ambitionen nur dann zulassen, wenn das Deutsche Reich die geplante Flottennovelle wieder rückgängig mache.[65] Die Verhandlungen zwischen beiden Seiten liefen danach weiter, mit Grey und Haldane auf der einen, Botschafter Metternich und Bethmann Hollweg auf der anderen Seite. Am 12. März avisierte Metternich in der deutschen Botschaft, dass das Flottengesetz aufgehoben werde, wenn im Gegenzug eine geeignete politische Formel gefunden werden könne. Die daraufhin entworfene Formel des Foreign Office sah vor, keine unprovozierten Angriffe gegen den anderen zu unternehmen, keinen offensiven Kombinationen gegen den anderen beizutreten oder zu unterstützen und bei Differenzen oder Missverständnissen diese freundschaftlich beizulegen.[66] Der Entwurf wurde am 14. März im Kabinett diskutiert. Grey kam unter Druck von Haldane und Harcourt, das Wort Neutralität in die Formel aufzunehmen, widerstand dem jedoch.[67] Bei mehreren Treffen zwischen Grey und Metternich kam es zu einem Tauziehen um die Aufnahme einer Neutralitätsformel, die für die deutsche Seite in der gegebenen Form jedoch nicht ausreichend war.[68]

Parallel dazu bestand auf deutscher Seite der enttäuschte Wilhelm II. darauf, dass die britische Regierung wieder zum ursprünglichen „Angebot“ Haldanes zurückkehren solle. Auf einen Bericht von Botschafter Metternich hin ließ der Kaiser ihn telegrafisch mitteilen, dass die geplante Verlagerung eines Teils der britischen Mittelmeerflotte in die Nordsee als ein Kriegsfall anzusehen sei und mit der sofortigen deutschen Mobilmachung beantwortet werde. Bethmann Hollweg beantwortete das mit einem Rücktrittsgesuch, worauf der Kaiser zurückzog.[69]

Die Verhandlungen gingen pro forma zwei Monate weiter, hauptsächlich deshalb, da beide Seiten nicht die Verantwortung eines Abbruchs auf sich nehmen wollten.[70]

Der konsternierte Asquith schrieb an Grey, dass die Verhandlungen aus seiner Sicht zum Scheitern verurteilt seien: „Ich gestehe, immer mehr Zweifel zu haben über die Klugheit, diese Verhandlungen weiterzuführen. Nichts, was weniger als eine unbedingte Neutralitätsgarantie von unserer Seite beinhaltet, wird ihren Anforderungen gerecht. Und selbst hierfür macht Deutschland im Gegenzug kein festes oder solides Gegenangebot.“[71]

Die Verhandlungen endeten ergebnislos, als die deutsche Seite Fakten schuf und die Flottennovelle öffentlich ankündigte. Die britische Seite antwortete durch Winston Churchill, der im Namen der britischen Regierung ankündigte, dass man das eigene Bauprogramm stets im gleichen Umfang steigern werde, um die bestehende Überlegenheit der Royal Navy um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Die deutsche Flottenaufrüstung kanzelte er als „Luxusflotte“ ab, die im Gegensatz zur britischen Politik keinen realen nationalen Bedürfnissen Deutschlands diene, sondern lediglich die Prestigesucht der Deutschen befriedige. Damit war auch Tirpitz’ Plan, den britischen Vorsprung zur See aufzuholen, endgültig gescheitert.[72]

Ungeachtet des Scheiterns der Haldane-Mission knüpfte Bethmann Hollweg weitere Verhandlungen mit London an, um eine Einigung über kolonialpolitische Fragen zu erzielen. Diese verliefen zunächst ebenfalls erfolglos, da London erst einmal nicht mehr an einem Erfolg der Verhandlungen interessiert war. Nachdem es im Herbst 1912 zu einer erneuten Krise auf dem Balkan gekommen war, stand Europa mehrfach am Rande eines Kriegs. Deutschland und Großbritannien arbeiteten auf der Londoner Botschafterkonferenz gemeinsam darauf hin, eine regionale Beschränkung der Konflikte zu erreichen.[73] Weitere Verhandlungen bezüglich einer Einigung über den Erwerb von Kolonien in Afrika schlossen sich an. Für Bethmann Hollweg waren diese Verhandlungen lediglich ein Hebel, um mit Großbritannien zu einem politischen Ausgleich zu kommen. Hiervon erhoffte sich Bethmann Hollweg, dass Großbritannien im Fall eines europäischen Konflikts vermittelnd eingreifen würde, um eine Eskalation zu verhindern.[74] Im August 1913 kam es zum Abschluss eines Abkommens, in dem die afrikanischen Kolonien Portugals in eine britische und deutsche Interessensphäre aufgeteilt wurden.[75]

Forschungsgeschichte

Bereits wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begannen Historiker damit, die Haldane-Mission und ihre Folgen in ihrer Arbeit zu behandeln. 1928 veröffentlichte der amerikanische Historiker Sidney Bradshaw Fay sein Buch über die Ursprünge des Ersten Weltkriegs. Er sah bei Edward Grey ein starkes Misstrauen Deutschland gegenüber und die Angst, Frankreich zu verärgern. Dazu sei er von Anfang an pessimistisch über die Erfolgsaussichten der Mission gewesen.[76] Am Ende sei die Mission aus zwei Gründen gescheitert: Einerseits Großbritanniens Widerwille, ein politisches Abkommen zu schließen, das seine Freiheit eingeschränkt hätte, Frankreich zu Hilfe zu kommen. Andererseits Deutschlands Widerwille, Zugeständnisse bei der Flottenrüstung zu machen. Lediglich bei den besprochenen kolonialen Themen sei es möglich gewesen, erfolgreich zu verhandeln.[77]

Der britische Historiker E. L. Woodward veröffentlichte 1935 das Buch Great Britain and the German Navy. Er widmete der Haldane-Mission ein eigenes Kapitel. Woodward sah sowohl Haldane als auch Bethmann Hollweg fest entschlossen, ein Abkommen in die Wege zu leiten. Woodward sah auf deutscher Seite vor allem den ambitionierten Plan, für Zugeständnisse in der Flottenrüstung die anglo-französische Entente zu sprengen.[78] Weiter unterstellte er der deutschen Seite ein folgenschweres Missverständnis, dass sie unverbindliche Äußerungen Haldanes bereits als feste Garantien und Zusagen wertete, obwohl der inoffizielle Charakter von Haldanes Besuch klar gewesen sei.[79]

Der deutsche Historiker Wolfgang Mommsen, der der Haldane-Mission in seinem Buch über die Außenpolitik des Deutschen Reiches ein Kapitel widmete, sah 1993 mit der Haldane-Mission die Außenpolitik des Deutschen Reiches an einem Scheideweg. Seines Erachtens war der Kaiser seinem Verfassungsauftrag nicht gewachsen. Auch Bethmann Hollweg und Kiderlen-Waechter hätten verkannt, dass ein unbedingtes Neutralitätsangebot von London nicht zu haben gewesen sei. Nur eine Politik der kleinen Schritte und vertrauensbildende Maßnahmen hätten den Weg hierhin ebnen können.[80]

Demgegenüber beurteilte Niall Ferguson 1998 das Scheitern der Verhandlungen als Folge der unnachgiebigen britischen Haltung; sie beruhe auf einer Position der (maritimen) Stärke. Während Bethmann Hollweg für die Anerkennung der britischen Flottenüberlegenheit eine Gegenleistung wünschte, sei Großbritannien nicht bereit gewesen, eine Neutralitätsverpflichtung abzugeben.[81]

Bethmann Hollweg und Kiderlen-Waechter hätten in der internen Auseinandersetzung mit Tirpitz und Kaiser Wilhelm II. ein entscheidendes Gefecht im Kampf um Entspannung der bilateralen Beziehungen oder Wettrüsten verloren, meinte Klaus Hildebrand 2008. Damit hätten die „Falken“ in der Reichsleitung einen verhängnisvollen Sieg errungen, im Irrglauben, sich am besten dem Argument der Waffen zu überlassen und Großbritannien im maritimen Wettrüsten schlagen zu können.[82]

Auch John C. G. Röhl zog in seiner Biographie Wilhelms II. 2008 ein ähnliches Fazit und sah die Ereignisse im Februar 1912 rund um Haldanes Mission in Berlin als entscheidendes Ereignis in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Selten, so Röhl, sei die Unvereinbarkeit zwischen Großbritanniens Politik des Machtgleichgewichts, die auf den Erhalt des Status quo abzielte, und dem Anspruch des Deutschen Reiches auf die Führung Kontinentaleuropas so deutlich sichtbar geworden.[83]

Christopher Clark sah 2012 die Erfolgschancen der Haldane-Mission von Anfang an als gering. Allein die Tatsache, dass Haldane unter dem Deckmantel einer privaten Reise nach Berlin entsandt wurde und nicht ermächtigt war, Zusagen zu geben, zeige die Begrenztheit der Mission auf, die nur in der historischen Rückschau jene Relevanz erreicht habe, die sie nun genieße. Auch hätten auf britischer Seite von Anfang an mächtige Interessengruppen gegen die Initiative gestanden. Dabei habe es auf beiden Seiten eine Gruppe wichtiger Politiker gegeben, die einen Ausgleich suchten. Am Ende hätten strukturelle und politische Zwänge eine bleibende Détente zwischen beiden Seiten verhindert.[84]

Für Grey-Biograph T. G. Otte passte das Abgeben einer Neutralitätsgarantie nicht in Greys Konzept, sich uneindeutig und ambivalent zu verhalten; bereits früher habe er es vermieden, Frankreich unbeschränkte Bündniszusagen und Garantien für einen Kriegsfall zu geben. Nun sei es für ihn schlüssig gewesen, Deutschland eine Neutralitätsgarantie für einen möglichen europäischen Krieg zu verweigern.[85]

Rainer F. Schmidt meinte, dass die Haldane-Mission für Grey und seine Freunde im Außenministerium lediglich ein innenpolitische Manöver gewesen sei.[86]

Literatur

Anmerkungen

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