Haller Madonna
Gemälde von Albrecht Dürer
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Die sogenannte Haller Madonna ist ein zwischen 1496 und 1500 entstandenes Marienbildnis von Albrecht Dürer. Es befindet sich heute in der National Gallery of Art in Washington, D.C. und stammt aus der Samuel H. Kress Sammlung.[1] Auf der Rückseite der 52,4 × 42,2 cm großen Holztafel befindet sich ein weiteres Gemälde Dürers: Auszug Lots mit seinen Töchtern (Genesis 19, 24–29).[2]

Bildbeschreibung
Auf der Vorderseite ist in sorgfältiger Feinmalerei eine monumentale Halbfigur der Maria mit dem Jesuskind in einem Innenraum dargestellt. Von dort geht der Blick auf eine bergige Landschaft. Das Kind steht mit einem Fuß auf einem Kissen und hält eine Frucht.
Auf der Rückseite der Holztafel sind Lot und seine Töchter zu sehen. Sie verlassen Sodom und Gomorra. Im Hintergrund sind die brennenden Städte sowie Lots Frau, die zu einer Salzsäule geworden ist, dargestellt. Dieses Motiv gilt als die erste bekannte Darstellung dieses Sujets in der Malerei, die nicht als Buchillustration entstanden ist.
Technischer Befund

Das Bildträger besteht aus vier Brettern mit vertikaler Maserung. Auf der Rückseite sind Bearbeitungsspuren sichtbar. Unterzeichnungen, vermutlich mit Eisengallustinte, wurden im Körper des Kindes und im Gesicht der Madonna nachgewiesen. Veränderungen erfolgten u. a. am linken Fuß des Kindes und am Wappen in der unteren rechten Ecke. Bei späteren Retuschen wurde Ultramarinblau verwendet, das erst ab 1828 hergestellt wurde. Das Bild befindet sich insgesamt in gutem Zustand, weist jedoch Risse, Krakelee und kleinere Retuschen auf. Die Rückseite zeigt keine erkennbare Grundierung oder Unterzeichnung und weist Spuren von Wurmbefall, Oberflächenverlusten und Übermalungen auf. Trotzdem handelt es sich um eines der am besten erhaltenen Werke aus der frühen Schaffenszeit des Künstlers.[3]
Provenienz
Das Gemälde tauchte 1932 aus englischem Privatbesitz auf und wurde zunächst Giovanni Bellini zugeschrieben. Nach der Reinigung und Entfernung einer auf die Rückseite der Holztafel verklebten Leinwand wurde die Bemalung der Rückseite entdeckt, woraufhin eine Zuschreibung an Albrecht Dürer diskutiert wurde. Im Jahr 1934 führte Max J. Friedländer das Werk als gesichertes Gemälde Dürers in die kunsthistorische Forschung ein. Anschließend befand sich das Bild in der Sammlung von Heinrich von Thyssen-Bornemisza in Lugano und war bis 1952 unter der Bezeichnung „Madonna Thyssen“ bekannt. Anschließend wurde es von der Samuel H. Kress Collection erworben und erhielt den Beinamen „Haller-Madonna“ nach dem Wappen der Nürnberger Patrizierfamilie Haller, das sich unten links auf der Vorderseite befindet. Das zweite, rechts angebrachte Wappen war stark übermalt und nicht eindeutig zu identifizieren, doch Bertold Freiherr von Haller erkannte es als Handelsmarke der Familie Koberger. Damit gilt der Auftraggeber des Gemäldes als bestimmt: Wolf III. Haller zu Kalchreuth (1467–1508), der 1491 Ursula Koberger (1471–um 1525) geheiratet hatte, die Tochter von Dürers Paten Anton Koberger.[4]
Vollständige Provenienz: Wahrscheinlich ein Mitglied der Familie Haller, Nürnberg. Möglicherweise Paul von Praun [gest. 1616] und Nachkommen, Nürnberg, mindestens bis 1778. Charles à Court Repington [gest. 1925], Amington Hall, Warwickshire; verkauft an Mrs. Phyllis Loder, London. (Verkauf, Christie’s, London, 29. April 1932, Nr. 51, als Bellini); (Vaz Dias.) Baron Heinrich Thyssen-Bornemisza [1875–1947], Villa Favorita, Lugano-Castagnola, bis 1934. (Pinakos, Inc. [Rudolf Heinemann] in Kommission bei M. Knoedler & Co., New York, 1950); 1950 von der Samuel H. Kress Foundation, New York, erworben; 1952 wurde es durch Tausch an die National Gallery of Art in Washington, D.C., abgegeben.[3]
Datierung
Die Forschung datiert die Entstehung des Bildes unterschiedlich zwischen 1495 und 1505. Friedländer schlug für die Vorderseite 1498–1502 und für die Rückseite 1497 vor, Panofsky 1497–1499. Andere Autoren wie die Tietzes, Anzelewsky und Stechow nehmen eine gleichzeitige Entstehung um 1496–1498 an. Stilistische Merkmale wie die Nähe zu Giovanni Bellini sprechen eher für eine Datierung vor 1500. Die Komposition der Madonna mit Kind steht in engem Zusammenhang mit zeitgenössischen Werken Giovanni Bellinis. Vergleichbar sind etwa die Madonna degli Alberetti (1487, Accademia, Venedig)[5] und das Altarbild in San Giobbe (1487)[6]. Für Lot und seine Töchter lassen sich stilistische Bezüge zu Dürers Apokalypse-Holzschnitten (1498) und seinen Feder- und Aquarellstudien der 1490er Jahre feststellen.[4]
Besonderheiten
Albrecht Dürer schuf nur wenige doppelseitig bemalte Tafeln, darunter das Porträt seines Vaters (1490, Uffizien, Florenz), das Porträt des Hans Tucher (1499, Schlossmuseum Weimar), den Büßenden Hieronymus (um 1494–1497, Fitzwilliam Museum, Cambridge) und das Bildnis eines Mannes (1507, Kunsthistorisches Museum, Wien). Wie bei diesen Tafeln ist auch hier die Vorderseite sorgfältiger ausgeführt als die Rückseite. Die Kombination von Madonna mit Kind und Lot und seine Töchter auf Vorder- und Rückseite ist einzigartig. Die Deutung der ikonographischen Zusammenhänge bleibt offen. Ob es sich ursprünglich um den Flügel eines Diptychons oder um ein einzelnes Andachtsbild handelte, ist ungeklärt.[4]
Literatur
- John Oliver Hand with the assistance of Sally E. Mansfield: German Paintings of the Fifteenth through Seventeenth Centuries. National Gallery of Art Washington, CAMBRIDGE UNIVERSITY PRESS, 1993, S. 49 ff.
- Hans Tietze und Erica Tietze-Conrat: Kritisches Verzeichnis der Werke Albrecht Dürers, Band 1 (bis 1405), Benno Filser, Augsburg 1928 doi:10.11588/diglit.55259, Band 2, Holbein, Basel/Leipzig 1937.
- Erwin Panofsky: The Life and Art of Albrecht Dürer. 2 Bände. Princeton University Press, Princeton, NJ 1943, rev. Fassung 1955 (Digitalisat)
- Wolfgang Stechow: Dürer in America: His Graphic Work, New York 1971.
- Fedja Anzelewsky: Albrecht Dürer. Das malerische Werk. 2 Bände, 2. neubearb. Auflage, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 1991 (zuerst 1971).
- Albrecht Dürer. Herausgegeben von: Klaus Albrecht Schröder, Maria Luise Sternath, Texte von: Johann Konrad Eberlein, Kristina Hermann-Fiore, Katherine Crawford Luber, Berthold Hinz, Matthias Mende, Ernst Rebel, Dr. Martin Schawe, Anna Scherbaum, Klaus Albrecht Schröder, Elisabeth Trux, Dr. Heinz Widauer, Hatje Cantz 2003, ISBN 3-7757-1330-1.
- Norbert Wolf: Albrecht Dürer – Werkverzeichnis. Prestel Verlag 2019.