Hanna Sahlfeld-Singer
Schweizer Politikerin, Theologin und Pfarrerin
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Hanna Sahlfeld-Singer (* 17. Oktober 1943 in Flawil; † 11. Oktober 2025 in Hannover; heimatberechtigt in Nennigkofen) war eine Schweizer Theologin, Pfarrerin und Politikerin (SP). Sie gehörte 1971 zu den ersten elf Frauen im Nationalrat.

Leben
Hanna Singer, Tochter des Webermeisters Werner Singer und der Hausfrau Margrith Singer, geborene Hohl, besuchte die Primar- und Sekundarschule in Flawil sowie die Kantonsschule in St. Gallen und studierte dann evangelische Theologie in Zürich, Basel und Wien. Nach ihrem Praktikum in Oberhelfenschwil wurde sie 1969 ordiniert. Am 22. September 1968 heiratete sie Rolf Sahlfeld. Ab November desselben Jahres hatte sie eine Teilzeitstelle für pfarramtliche Tätigkeiten in Altstätten inne, wo ihr Mann Pfarrer war.
1970 hielt Hanna Sahlfeld-Singer eine 1.-August-Rede über das Frauenstimmrecht, die ihr ein Jahr später – nach dessen Annahme suchten die Parteien nach Kandidatinnen – einen Platz auf der Liste der Sozialdemokratischen Partei (SP) im Wahlkreis St. Gallen für die Nationalratswahlen eintrug. Nach ihrer Wahl musste sie aufgrund des aus der Zeit des Kulturkampfs stammenden kirchlichen Ausnahmeartikels von 1874 (Artikel 75 Bundesverfassung), der Bürger geistlichen Stands aus dem Parlament ausschloss, ihre Anstellung bei der Kirche aufgeben, um ihr Mandat wahrzunehmen. Daher war sie bei der konstituierenden Sitzung des neugewählten Parlaments am 29. November 1971 noch nicht dabei, sondern hatte ihren ersten Sitzungstag erst vierzehn Tage später, am 13. Dezember 1971. Sie war mit 28 Jahren die jüngste der zwölf Parlamentarierinnen der ersten Generation[1] (elf Nationalrätinnen und eine Ständerätin) und war die erste sozialdemokratische Nationalrätin des Kantons St. Gallen. 1972 gebar sie ihr zweites Kind, womit sie die erste Frau war, die während der Amtszeit im Bundesparlament Mutter wurde.

Trotz der Wiederwahl 1975 verzichtete Sahlfeld-Singer auf eine weitere Legislaturperiode. Da ihr Ehemann, der seine Stelle in Altstätten aufgegeben hatte, wegen seiner deutschen Herkunft und ihres politischen Engagements keine Stelle als Pfarrer im Kanton St. Gallen gefunden hatte, war das Ehepaar zunächst nach Wil umgezogen, von wo aus Rolf Sahlfeld in den Kanton Zürich pendelte. Die Familie wurde von Verwandten unterstützt, bis sie im Herbst 1975 beschloss, in die Bundesrepublik Deutschland umzuziehen. Von 1976 bis 2003 war Sahlfeld-Singer Schulpastorin für evangelische Religionslehre am Erzbischöflichen Gymnasium St. Angela in Wipperfürth in Nordrhein-Westfalen. Sie nahm kein Parteiamt mehr an, setzte sich aber weiter für Entwicklungspolitik und Ökumene ein, so 1981 als Mitgründerin der Ökumenischen Initiative Weltladen. Unter anderem für dieses Engagement wurde sie 2003 mit dem ersten Bürgerpreis der Christlich Demokratischen Union Wipperfürth ausgezeichnet. Im Ruhestand zog Sahlfeld-Singer nach Barsinghausen bei Hannover (Niedersachsen).
Im Oktober 2025, wenige Tage vor ihrem 82. Geburtstag, starb Hanna Sahlfeld-Singer in Hannover.
Vorstösse im Nationalrat
Im Nationalrat setzte sich Sahlfeld-Singer unter anderem für folgende Themen ein:
- Besserer Mieterschutz
- Einführung eines Zivildienstes
- Verbesserung Tierschutz / Schächtverbot[2]
- Einführung von Tempo 40 innerorts
- Revision des Eherechts[3]
- Bessere Arbeitsbedingungen für Arbeiterinnen und Arbeiter von Schweizer Firmen in Südafrika[4]
- Einschränkung von Suchtmittel-Werbung[5]
- Kostenübernahme von Schwangerschaftsverhütung durch die Krankenkassen[6]
- Schweizerische Flüchtlingspolitik[7]
- Ersatz von kurzen Freiheitsstrafen durch Geldstrafen[8]
- Beihilfen / Stipendien für Aus- und Weiterbildung von Erwachsenen[9]
- Einführung einer Lebensmitteldeklaration[10]
Literatur
- Fabienne Amlinger: Hanna Sahlfeld-Singer. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 22. Januar 2026.
- Susan Boos: Zu früh am richtigen Ort. In: Marina Widmer, Heidi Witzig (Hrsg.): Blütenweiss bis rabenschwarz. St. Galler Frauen – 200 Porträts. Limmat, Zürich 2003, S. 328–329.
- Urs Geiser: «Passt auf, haltet an euren Rechten fest». In: Swissinfo, 6. Februar 2021. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- Karl Graf (Hrsg.): Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, 1971–2009. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2010, S. 53.
- Käthi Koenig: Der steinige Weg in den Nationalrat. In: Kirchenbote Online, 26. Februar 2021. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- Philipp Loser: «Den jungen Männern sage ich: Habt keine Angst vor selbstbewussten Frauen!». In: Der Bund, 2. September 2021. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- Susanne Wenger: Beim Frauenstimmrecht verspätete sich die Schweiz ganz bewusst. In: SwissCommunity.org, 4. Februar 2021. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
Nachrufe
- Marc Tribelhorn: Dem Zeitgeist voraus – zum Tod der Politpionierin Hanna Sahlfeld-Singer. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Oktober 2025. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- Simon Bordier: Hanna Sahlfeld-Singer, eine der ersten Frauen im Nationalrat, ist tot. In: Tages-Anzeiger, 16. Oktober 2025. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- Michael Graber: Sie hat viele Türen aufgestossen: Hanna Sahlfeld-Singer ist gestorben. In: Zofinger Tagblatt, 17. Oktober 2025. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- Christa Kamm-Sager: Sie war eine der ersten Nationalrätinnen der Schweiz: St.Gallerin Hanna Sahlfeld-Singer ist verstorben. In: Badener Tagblatt, 16. Oktober 2025. Abgerufen am 17. Oktober 2025
Weblinks
- Hanna Sahlfeld-Singer auf der Website der Bundesversammlung
- Die Bundeshaus-Pionierinnen Gabrielle Nanchen & Hanna Sahlfeld-Singer in Die Bundesversammlung. Das Schweizer Parlament.
- Publikationen von und über Hanna Sahlfeld-Singer im Katalog Helveticat der Schweizerischen Nationalbibliothek
- Hanna Sahlfeld-Singer – für viele war sie reine Provokation, TV-Beitrag SRF-News, 3. September 2021