Hanna Solf
Angehörige des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus
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Johanna „Hanna“ Susanne Elisabeth Solf, geb. Dotti (* 14. November 1887 in Neuenhagen bei Berlin; † 4. November 1954 in Starnberg), war eine deutsche Politikerin und Angehörige des deutschen Widerstandes. Nach ihr ist der Solf-Kreis benannt.

Leben
Johanna Solf wurde als Tochter des Amtsvorstehers und Gutsbesitzers George Leopold Dotti (1853–1915) und seiner Frau Elisabeth Therese Maria Weygoldt (1858–1913)[1] am 14. November 1887 in Neuenhagen geboren. Sie heiratete 1908 den damaligen kaiserlichen Gouverneur von Samoa und späteren Staatssekretär im Auswärtigen Amt und deutschen Botschafter in Tokio, Wilhelm Solf. Die beiden hatten drei Kinder: Ihre Tochter So'oa'emalelagi „Lagi“ von Ballestrem wurde 1909 in Vailima auf Samoa geboren. Ein Sohn kam 1910 in Bournemouth zur Welt, ein weiterer wurde 1922 geboren.[2][2.1] Ihr Mann war von 1921 bis 1928 Botschafter in Japan.[3]
Die Aufenthalte außerhalb Deutschlands (Samoa, Indien, Deutsch-Ostafrika, Japan und England) prägten Hanna Solf und sorgten nicht zuletzt für das tiefe Verständnis anderer Kulturen. In den 1920er Jahren besuchte sie die Veranstaltungen des SeSiSo-Clubs, dessen Vorsitzender Wilhelm Solf war. Bereits dort war sie ebenso wie ihr Mann davon überzeugt, dass für eine freiheitliche und soziale Gesellschaft der Austausch der Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen unerlässlich war. Diese Überzeugung führte auch zu der Gründung des Solf-Kreises. Nach der Machtergreifung Hitlers nahm sie früh Kontakt zu Regimekritikern auf, etwa zu General von Hammerstein, dessen Treffen sie mit Richard Kuenzer regelmäßig besuchte.[2.2]
Nach dem Ableben ihres Mannes im Jahr 1936 setzte Hanna Solf sein Engagement unermüdlich fort. Zusammen mit ihrer Tochter unterstützte sie viele Menschen bei der Beschaffung von Fluchtpapieren aus Deutschland. In der Zwischenzeit stellte sie ihnen sichere Verstecke zur Verfügung, auch in der Wohnung ihrer Tochter. Das Solf-Haus fungierte in dieser Zeit als ein zentraler Treffpunkt für Hitlergegner, die sich Teegesellschaft nannte.[3]
In ihrem Salon versammelten sich Diplomaten des Auswärtigen Amtes, darunter der Gesandte Otto Kiep, der Legationsrat Hilger van Scherpenberg sowie der Botschaftsrat a. D. Albrecht Graf von Bernstorff. Zudem waren bedeutende Industrielle wie Nikolaus von Halem und einflussreiche Publizisten wie Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg,[4] Aber auch couragierte Frauen wie Maria Gräfin von Maltzan und Hannah von Bredow, Elisabeth von Thadden, die Juristin Hanna Kiep oder die Schauspielerin Isa Vermehren kamen bei den Treffen zusammen.[3]
1941 stattete der japanische Außenminister Matsuoka Yōsuke dem Solf-Kreis einen Besuch ab, während er sich im Frühjahr in Berlin befand. Hanna Solf versuchte – gemeinsam mit ihrer Tochter – einigen von den Nationalsozialisten Verfolgten den sicheren Weg in die Schweiz zu ermöglichen. Dazu besorgte sie falsche Pässe und Maria von Maltzan, eine ausdauernde Schwimmerin, schwamm mit den Flüchtlingen durch den Bodensee. Solf hatte u. a. für diese Aktionen ein Haus in Garmisch-Partenkirchen erworben, in dem ihre jüngste Schwester Elisabeth Dotti wohnen konnte. Als Solf und ihre Tochter 1943 total ausgebombt wurden, fanden sie dort Zuflucht.[2.3]
SS-Sturmbannführer Kriminalrat Lange hielt in Berlin die „Teegäste“ unter ständiger Beobachtung, doch den Fäden ins Ausland konnte er nicht auf die Spur kommen. Himmler selbst gab den Befehl alle Personen im Umkreis zu verhaften.[2.4]
Am 10. September 1943 ließ der Spitzel Paul Reckzeh auf Befehl des SS-Sturmbannführers Kriminalrat Herbert Lange die Teegesellschaft von Elisabeth von Thadden festnehmen. Von Maltzan, Solf und von Ballestrem waren bei diesem Treffen nur zufällig nicht anwesend gewesen. Am 12. Januar kamen auch in die Wohnung der Solfs in Garmisch Beamte der Gestapo, um sie festzunehmen und nach München zu bringen. Dort wurden sie in einem Turmzimmer ohne Fenster von zwei Beamtinnen festgehalten. Nach drei Tagen verbrachte man Solf nach Berlin, von Ballestrem wurde weitere zwei Monate dort gefangen gehalten.[2.3]
Von Berlin, wo Solf verhört worden war, kam sie in das KZ Sachsenhausen. Obwohl sie gequält und beinahe jeden Tag verhört wurde, verriet sie keines der Mitglieder des Solf-Kreises.[3] Im März 1944 sahen sich Solf und von Ballestrem wieder, sie waren beide in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht worden. Sie konnten sich auf einem Hofgang von Ballestrem zuwinken und in der Folge sogar ab und an sehen.[2.5] Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli brachte man Solf in eine Kellerzelle und dann in das Zuchthaus Cottbus.[2.6] Im Dezember wurde Solf in das Untersuchungsgefängnis Moabit überstellt, wo auch ihre Tochter in Untersuchungshaft saß.[2.7] Den Verhandlungstermin im Fall „Solf und fünf andere“ setzte der Präsident des Volksgerichtshofs Roland Freisler auf den 8. Februar 1945 fest. Angeklagt wartete sie im Gefängnis Moabit auf den bevorstehenden Prozess.[2.8] Der japanische Botschafter in Berlin Hiroshi Oshima setzte sich 1944 direkt bei Freisler für Solf und von Ballestrem ein.[2.3]

Zwei Tage vor dem geplanten Gerichtstermin am 3. Februar 1945 verstarb Freisler, wodurch die Prozessakten verloren gingen. Am 23. April 1945 kam die Entlassung. Ernst Ludwig Heuss, ein Sohn von Bundespräsident Theodor Heuss, war es gelungen einen Beamten des Justizministerium zu überreden Entlassungspapiere auszustellen.[2.9] Nach ihrer Entlassung musste Hanna Solf erfahren, dass über 70 Angehörige des Solf-Kreises den Rollkommandos zum Opfer gefallen waren.[2.9] Sie selbst wog nur noch 42 Kilogramm.[2.10]
Hanna Solf wurde zunächst von ihrem Sohn in England aufgenommen. Als ihre Vermögensangelegenheiten geregelt waren, zog sie nach Starnberg.[2.9] Sie sah es als ihre zukünftige Aufgabe aufklärend zu wirken, ihre internationalen Beziehungen nutzte sie um zu zeigen, dass nicht alle für Hitler waren.[3] Im Zuge der Nürnberger Prozesse sagte Solf 1947 als Zeugin aus.[5]
Hanna Solf starb am 4. November 1954. Sie wurde auf dem Starnberger Friedhof begraben.[2.10]
In ihrem Geburtsort Neuenhagen ist seit 2007 die Johanna-Solf-Straße nach ihr benannt.[6] Ihr Elternhaus wurde rekonstruiert und dient heute als Haus der Begegnungen und des Lernens.[7]
Literatur
- Wolfgang Benz, Walter H. Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-596-15083-3, S. 298–300.
- Jonathan Freedland: The Traitors Circle: The Rebels Against the Nazis and the Spy Who Betrayed Them. London 2025, ISBN 978-1399813679
- Ursula Köhler-Lutterbeck, Monika Siedentopf: Lexikon der 1000 Frauen, Bonn 2000, ISBN 3-8012-0276-3, S. 343.
- Christiane Kruse: Johanna Solf. In: Dies.: Frauen gegen Hitler. Weiblicher Widerstand im „Dritten Reich“. BeBra Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-89809-252-4, S. 176–179.