Hanns Kreisel
deutscher Mykologe
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Hanns Kreisel (* 16. Juli 1931 in Leipzig; † 18. Januar 2017 in Wolgast) war ein deutscher Mykologe und emeritierter Hochschullehrer. Sein botanisch-mykologisches Autorenkürzel lautet „Kreisel“.
Leben
Frühe Jahre
Hanns Kreisel wurde 1931 als Sohn des Verlagsbuchhändlers Hanns Horst Kreisel (1891–1944) und dessen Frau, der Handarbeitslehrerin, Redakteurin, Graphikerin und Verlagsbuchhändlerin Marianne, geb. Neugebauer (1894–1982), geboren. Die Familie des Vaters stammte aus dem sächsischen oberen Erzgebirge, die Familie mütterlicherseits aus der Oberlausitz. In seiner Kindheit in Leipzig interessierte er sich für Geologie, Botanik und die Ornithologie. Während seiner Schulzeit nahm er an Lehrveranstaltungen des Naturkundemuseums in Leipzig teil und war dort Mitbegründer einer „Pilzkundlichen Arbeitsgemeinschaft“.
Im Jahr 1949 absolvierte Kreisel das Abitur an der Thomasschule. Im gleichen Jahr wurde er Praktikant im Forstrevier Naunhof. Danach war er für ein Jahr als technische Hilfskraft in der Abteilung Angewandte Pilzkunde am Institut für Gartenbau der Universität Leipzig angestellt.
Studium und universitäre Arbeit
Ab 1951 begann Hanns Kreisel das Studium der Biologie und Geologie an der Universität Greifswald. Er war Schüler von Werner Rothmaler, Heinrich Boriss, Robert Bauch, A. Kurt Beyer, und Hans Werli. Während seiner Studienzeit war er Mitbegründer des von Rothmaler initiierten Studentenzirkels „Jean Baptiste de Lamarck“, in dem u. a. Feldarbeit organisiert wurde. Im Jahr 1956 legte Kreisel bei Rothmaler seine Diplomarbeit über die Pilzflora des Darß ab. Anschließend erhielt er eine Anstellung als Assistent am Institut für Agrobiologie in Greifswald.
Im Jahr 1960 promovierte Kreisel mit einer Arbeit über die Lycoperdaceae (heute Champignonverwandte, Agaricaceae) der DDR zum Dr. rer. nat. und wurde wissenschaftlicher Oberassistent. Im gleichen Jahr regte er auf dem 3. Europäischen Mykologenkongress in Prag die internationale Koordinierung der Pilzkartierung an, was den Ausgangspunkt für die spätere „Europakartierung“ darstellt.
Ab 1962 arbeitete Kreisel im Botanischen Institut der Greifswalder Universität unter Heinrich Borriss, wo er u. a. die Pilzkulturensammlung betreute, die hauptsächlich Joch- und imperfekte Pilze umfasste. Auf dem 5. Europäischen Mykologenkongress 1966 in Warschau nahm er Kontakt mit Mykologen wie Marinus Anton Donk, Rudolf Arnold Maas Geesteranus und Fredrik E. Eckblad auf. Aufgrund der geografischen Nähe stand er mit polnischen und tschechischen Mykologen in besonders engem Kontakt. Ebenfalls im Jahr 1966 habilitierte sich Kreisel mit einer Weltmonografie der Gattung Bovista, die 1967 als Beiheft der Nova Hedwigia erschien.
Erste universitäre Lehrtätigkeit
Von 1968 bis 1971 war Kreisel Gastprofessor an der Universität La Habana in Kuba. Neben Lehrveranstaltungen und der Erarbeitung von Lehrmaterial arbeitete er sich in die Flora, Funga und Vegetationsgeographie der Karibik ein. 1970 hielt er Gastvorlesungen an der Nationale Autonome Universität von Mexiko, wo er die Mykologen Teófilo Herrera, Gastón Guzmán und Evangelina Pérez-Silva kennenlernte.
Anschließend war Hanns Kreisel ab 1971 am Institut für Mikrobiologie der Universität in Greifswald beschäftigt. Dort übernahm und erweiterte er die Pilzkulturensammlung des Botanischen Instituts und baute ein mykologisches Laboratorium auf. Im Jahr 1971 wurde ihm die Lehrbefähigung verliehen. Ab 1977 war er außerordentlicher Professor für Mykologie im Fachbereich Allgemeine Mikrobiologie. Im Jahr 1978 wurde er zum Hochschuldozenten berufen.
Ab 1975 übernahm Kreisel die Herausgabe des von Edmund Michael begründeten und später von Bruno Hennig in fünf Bänden fortgeführten Handbuches für Pilzfreunde. Bis 1988 veröffentlichte er mehrere Neubearbeitungen der Bände 1 bis 5 und erweiterte das Werk einen 6. Band mit Register und Bestimmungsschlüsseln.
Nach der Deutschen Wiedervereinigung
Von 1990 bis 1996 war Hanns Kreisel Mitglied des Rates der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät und von 1991 bis 1994 zudem Direktor der Fachrichtung Biologie der Universität Greifswald. In dieser Zeit war er an der Erarbeitung von Roten Listen, Kartierungsprojekten, Wörterbüchern, Sammelwerken u. a. beteiligt und erstellte systematische Übersichten mehrerer Bauchpilz-Gattungen. Von 1992 bis 1996 bekleidete er den Lehrstuhl für allgemeine und spezielle Botanik an der Universität in Greifswald. Es folgten Gastvorlesungen in Wien, Siena, Spanien und Argentinien.
Im Jahr 1996 zog Kreisel in ein Eigenheim in Potthagen (zu Weitenhagen). Im Oktober desselben Jahres trat Kreisel in den Ruhestand, wobei er weiterhin in der Lehre und in der mykologischen Forschungs aktiv blieb. Im Jahr 1997 erhielt er Lehraufträge an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. In den Jahren 1999 und 2001 war er Gastforscher an der Universität Alcalá. 1999 unternahm er mit seinem Greifswalder Kollegen Frieder Schauer eine dreiwöchige Studienreise nach Argentinien, wo er Vorträge an den Universitäten Bariloche, Buenos Aires und La Plata. Dabei begegnete er u. a. Jorge Wright, Angélica Arambarri und Irma Gamundí. Zusammen mit bedeutenden Mykologen erstellte Kreisel Übersichten über Pilze aus verschiedenen Teilen der Welt, darunter Afrika, die Seychellen und der Jemen. Nach 2000 beschäftigte sich Kreisel mit Schauer u. a. ab 2008 im Rahmen eines geförderten Forschungsprojekts mit dem Pilzbewuchs auf Reetdächern in Norddeutschland.
Familie und Tod
Im Jahr 1956 heiratete er Karla Hahn (1931–2017), eine ehemalige Kommilitonin, die später auf dem Gebiet der Geologie promovierte. Aus der Ehe gingen ein Sohn (* 1957) und eine Tochter (* 1960) hervor. Im Frühjahr 2014 erlitt Hanns Kreisel einen Schlaganfall, was seine Arbeitstätigkeit abrupt einschränkte. Er starb im Januar 2017 und wurde am 17. Februar auf dem Friedhof in Leipzig-Baalsdorf beerdigt. Seine Frau Karla verstarb wenige Wochen später im April.
Wirken
Seine Arbeitsgebiete umfassten die Systematik der höheren Pilze und der Schimmelpilze, Ethnomykologie, Paläomykologie, Geobotanik, Fragen der angewandten Mykologie. Er war Autor, Mitautor oder Herausgeber einer Reihe von Hand-, Lehr- und Sachbücher, zum Teil in spanischer Sprache. Seine Arbeit umfasste die Zusammenarbeit mit Mykologen in Europa, dem Nahen Osten, Asien und Südamerika.
Kreisel gehörte zu den Spezialisten für die Pilzgruppen der Bauchpilze sowie für subfossile Pilze, von denen er beispielsweise Untersuchungsmaterial aus der Baugrube des Ozeaneum Stralsund untersuchte und bearbeitete.
Kreisel war außerdem Redakteur bei mehreren internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften.
Mitgliedschaften und Ehrungen
- Länderbeauftragter der Deutschen Gesellschaft für Mykologie e. V. für Mecklenburg-Vorpommern
- 1978 wurde er in Ungarn mit der Carolus-Clusius-Medaille geehrt.
- Seit 2004 war er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mykologie.
Werke
- Die phytopathogenen Großpilze Deutschlands. (Basidiomycetes mit Ausschluß der Rost- und Brandpilze). Gustav Fischer, Jena 1961.
- Grundzüge eines natürlichen Systems der Pilze. Gustav Fischer, Jena 1969.
- [Herausgeber:] Pilzflora der Deutschen Demokratischen Republik. Basidiomycetes (Gallert-, Hut- und Bauchpilze). Gustav Fischer, Jena 1987.
- Mit Bruno Hennig: Taschenbuch für Pilzfreunde. Ein praktischer Ratgeber für den Pilzsammler. Gustav Fischer, Jena 1987.
- Bestimmungsschlüssel und Gesamtregister der Bände I bis V. In: Edmund Michael, Bruno Hennig, Hanns Kreisel: Handbuch für Pilzfreunde. Sechster Band: Die Gattungen der Großpilze Europas. Herausgegeben und bearbeitet von Hanns Kreisel. Gustav Fischer, Jena 1988, ISBN 3-334-00221-7
- Pilze von Mecklenburg-Vorpommern. Arteninventar, Habitatbindung, Dynamik. Weissdorn-Verlag, Jena 2011, ISBN 978-3-936055-65-8
- Ethnomykologie. Verzeichnis der ethnomykologisch, biotechnologisch und toxikologisch relevanten Pilze. Literatur – Kunst – Volksmedizin – Pharmazie – Techniken – Drogen – Toxine – Farbstoffe. Weissdorn-Verlag, Jena 2014, ISBN 978-3-936055-68-9
Literatur
- Heinrich Dörfelt, Jutta Harre: Hanns Kreisel – sein Leben und sein mykologisches Werk, Weissdorn-Verlag Jena 2022, ISBN 978-3-936055-73-3
- Heinrich Dörfelt: Nachruf. Prof. Dr. Hanns Kreisel (1931 – 2017). In: Boletus. Nr. 38, 2017. (PDF; 1,9 MB)
Weiterführende Literatur
- Horst-Herbert Handke: Dr. Hanns Kreisel zum Professor berufen. In: Mykologisches Mitteilungsblatt. Nr. 21, 1977. S. 117–118.
- Heinrich Dörfelt: Prof. Dr. habil. H. Kreisel – 60 Jahre. In: Boletus. Nr. 15, 1991. S. 33–34.
- Heinrich Dörfelt: Prof. Dr. habil. Hanns Kreisel – 65 Jahre. In: Zeitschrift für Mykologie. Nr. 62, 1996. S. 231–232.
- Frieder Schauer: Professor Dr. Hanns Kreisel zum 65. Geburtstag. In: Feddes Repertorium. Nr. 107, 1996. S. 263–264.
- Andreas Bresinsky: Prof. Dr. Hanns Kreisel zur Vollendung seines 70. Lebensjahres. In: Feddes Repertorium. Nr. 113, 2002. S. 2–6.
- Heinrich Dörfelt: Prof. Dr. habil. Hanns Kreisel – 75 Jahre. In: Boletus. Nr. 29, 2006: 57–60.
- Petra Bonin: Prof. Dr. Hanns Kreisel zum 85. Geburtstag. In: Zeitschrift für Mykologie. Nr. 82, 2016. S. 291–294.
Weblinks
- Literatur von und über Hanns Kreisel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Literatur über Hanns Kreisel in der Landesbibliographie MV
- Mit 75 rastlos im Dienst der Wissenschaft – Professor Dr. Hanns Kreisel. Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 1. April 2010, archiviert vom am 17. August 2010; abgerufen am 19. Januar 2017.
- Kreisel, Hanns beim Index Fungorum
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kreisel, Hanns |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Mykologe |
| GEBURTSDATUM | 16. Juli 1931 |
| GEBURTSORT | Leipzig |
| STERBEDATUM | 18. Januar 2017 |
| STERBEORT | Wolgast |