Harald Gottfried

deutscher Spion der DDR From Wikipedia, the free encyclopedia

Harald Gottfried (* 1935 in Netzheim), Deckname Helmut, ist ein ehemaliger deutscher Spion der Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und Diplom-Ingenieur.

Leben

Gottfried wuchs bei Bromberg auf. Seine Familie flüchtete 1945 vor der Roten Armee nach Sachsen. 1947 wurde in Waldheim sein Vater, ein Lehrer, wegen Agitation und Propaganda gegen den Kommunismus zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er in Bautzen verbüßte. Seine Mutter wurde an die Dorfschule Urnshausen versetzt. Dort baute Gottfried eine Gruppe der Freien Deutschen Jugend (FDJ) auf. Mit 17 Jahren bat er um Aufnahme in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). 1953 absolvierte er sein Abitur in Bad Liebenstein und am Pädagogischen Institut Dresden ein Studium der Geschichtswissenschaft und Geographie. Danach war er als Fachlehrer tätig. 1954 flüchtete seine Mutter mit seinen beiden Schwestern in die Bundesrepublik. Gottfried bewarb sich bei der Kasernierten Volkspolizei, woraufhin er vom MfS angesprochen wurde, seiner Familie als Perspektivagent zu folgen. Er willigte ein und siedelte mit 20 Jahren in die Bundesrepublik über, durchlief das Notaufnahmeverfahren, war in einem Flüchtlingslager und ließ sich in der Kriegsstraße 97 in Karlsruhe nieder, wo er als Hilfsarbeiter in verschiedenen Betrieben tätig war. Er erwarb das Zusatzabitur für DDR-Flüchtlinge am Bismarck-Gymnasium Karlsruhe.

Gottfried schrieb sich an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ein, um sein Studium der Geschichtswissenschaft und Geographie auf Lehramt fortzusetzen. Anschließend erhielt er von der HV A die Weisung, er solle stattdessen an die TH Karlsruhe gehen, weil ein Werdegang als Lehrer keinen nachrichtendienstlichen Wert hätte. Er wurde nach zehn Semestern Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik mit Spezialisierung in Nachrichtentechnik. Im Nebenfach belegte er Vorlesungen in Reaktorphysik und Reaktortechnik. 1963 heiratete er eine geschiedene Frau mit zwei Töchtern. Die HV A wollte ihn zuvor erfolglos davon abbringen, sich zu binden. Dazu sollte er ein Semester in Bonn studieren, kehrte aber bereits nach sechs Wochen nach Karlsruhe zurück. Am 1. April 1963 wurde er beim Forschungsreaktor am Kernforschungszentrum Karlsruhe und dort in der Sicherheitsgruppe eingestellt, die für die Überwachung und Kontrolle zuständig war. Später wechselte er ins Labor für Elektronik und Messtechnik, wo er für die Entwicklung der Digitaltechnik und die Wartung von Vielkanalanalysatoren verantwortlich war. Dadurch hatte er in alle Bereiche des Zentrums Zutritt. Er beschäftigte sich mit der Einführung der Mikroelektronik in das Zentrum. Daneben war er Fußballer in der Abteilung Reaktorbetrieb und Judoka im Karlsruher Judoclub. Er wurde in den Betriebsrat und den geschäftsführenden Ausschuss berufen, was seine nachrichtendienstlich relevanten Zugänge erweiterte. Ein Wechsel zur Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition der Bundeswehr nach Meppen scheiterte. Ein Engagement in der zentralen Leitung der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr lehnte die HV A ab. Stattdessen sollte er promovieren, um seine nachrichtendienstlichen Zugänge zu verbessern.

Durch einen für die Central Intelligence Agency arbeitenden Doppelagenten konnte Gottfried, so seine eigenen Angaben, am 20. September 1968 verhaftet werden. Er war jedoch auch bereits 1953 vom Militärischen Abschirmdienst als Angehöriger der FDJ registriert worden, der die Bundestagswahl 1953 stören wollte. Jedoch war er am Grenzübergang Wartha/Herleshausen abgefangen worden.

Gottfried wurde vom Oberlandesgericht Karlsruhe zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, kam aber bereits nach 13 Monaten durch einen Agentenaustausch frei. Er erhielt in 13 Jahren Spionagetätigkeit nur 7800 Deutsche Mark (DM) Agentenlohn (50 DM „Vertrauensspesen“ pro Monat), da er aus Überzeugung handelte und eine höhere Vergütung ablehnte. Die HV A steuerte ihn über Kurzwelle, wobei ein Gedichtband von Heinrich Heine zur Entschlüsselung geheimer Nachrichten diente. Zur Materialübergabe nutzte er einen Toten Briefkasten. Auch versteckte er Minox-Filme auf der Zugtoilette eines Interzonenzuges. Seine Kuriere waren Siegfried, Walter und Hilde. Reisen nach Ost-Berlin legendierte er als Verwandschaftsbesuche in Norddeutschland.

Zurück in der DDR heiratete Gottfried 1974 Monika, mit der er drei Söhne hat. Er promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin 1975 zum Dr. phil. und 1985 Dr. sc. phil., war Direktor für wissenschaftlichen Gerätebau an der Universität und außerordentlicher Dozent. 1993 wurde er in den Vorruhestand versetzt. Danach war er selbständig im Bereich Computertechnik und als Honorardozent tätig.

Siehe auch

Schriften

  • Unmittelbar am Reaktor. In: Klaus Eichner, Gotthold Schramm (Hrsg.): Top-Spione im Westen: Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich. Überarbeitete Neuausgabe. Das Neue Berlin (Eulenspiegel Verlagsgruppe), Berlin 2016, ISBN 978-3-360-01310-1, S. 155–159.
  • Ein konzeptioneller Beitrag zur Entwicklung der Messautomatisierung zur Messkommunikation unter besonderer Berücksichtigung der Mikroprozessortechnik. Berlin 1985, DNB 930720660.
  • Zur Wechselwirkung von Einzelwissenschaft und Philosophie: dargestellt an Untersuchungen zu Inhalt und Form der Technikwissenschaft Mikroelektronik unter besonderer Berücksichtigung des empirischen und theoretischen Wissens. Berlin 1975, DNB 790973146.

Literatur

  • Michael Wala: Der Stasi-Mythos: DDR-Auslandsaufklärung und der Verfassungsschutz. Ch. Links, Berlin 2023, ISBN 978-3-96289-192-3, S. 121.
  • Hendrik van Bergh: Köln 4713. Geschichte und Geschichten des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz. J.W. Naumann Verlag, Würzburg 1981, ISBN 3-88567-010-0, S. 462–465 (aufgelistet sind 14 Spionageabwehr-Erfolge des BfV).

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