Hedy West
US-amerikanische Sängerin
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Hedy West, auch Hedie, eigentlich Hedwig Grace West, (geboren am 6. April 1938 in Cass Station, Cartersville, Bartow County, Georgia; gestorben am 3. Juli 2005 in New York City) war eine US-amerikanische Banjospielerin, Songschreiberin und Sängerin von Folkmusik. Ihre bekanntesten Lieder waren Cotton Mill Girls[1] und 500 Miles, das vielfach gecovert wurde.
Leben
West war die zweite Tochter des Arbeiter- und Bürgerrechtsaktivisten, Dichters und Pädagogen Donald Lee West (1906–1992) und dessen Frau Mabel Constance Connie (geborene Adams; 1909–1990). Sie hatte eine ältere Schwester, Ann (* 1933, verheiratete Williams). Ihr Vater gab ihr den Vornamen Hedwig, nach einem deutschen Arzt, der ein Freund von ihm war, und Grace nach der Südstaatenautorin Grace Lumpkin (1892–1980). Sie wuchs im Norden von Georgia in einer sehr musikalischen Bergbauernfamilie auf einer Farm in Kenesaw auf. Ihr Großonkel Gus (Augustus) Mulkey spielte Geige, während ihre Großmutter Lillie Mulkey West, die großen Einfluss auf Wests musikalische Entwicklung hatte, Banjo spielte.
Bereits im Alter von vier Jahren erhielt West Klavierunterricht und erlernte mit dem Schulbeginn zudem autodidaktisch das fünfsaitige Banjo zu spielen. Im Alter von zwölf Jahren gewann sie einen Preis für Balladengesang. Sie trat als Teenager auf Folkfestivals in der näheren Umgebung und in den Nachbarstaaten auf. Im Jahr 1957 gewann sie den ersten Preis beim Folk Festival in Nashville. Sie studierte bis 1958 Englisch und Musik (Piano, Flöte und Musiktheorie) am Western Carolina College, das sie mit einem Bachelor of Arts abschloss[2] und zog 1959 nach New York, um am Mannes College ihr Studium fortzusetzen und an der Columbia University Theaterwissenschaften zu studieren. 1961 wurde sie von Pete Seeger eingeladen, mit ihm in einem Konzert (Sing Out Hootenanny 1962) in der Carnegie Hall aufzutreten. Anschließend begab sie sich mit ihm auf eine Tournee.[3] Nachdem sie auf dem Kompilationsalbum New Folks für Vanguard Records gesungen hatte, wurde ihr Talent schnell erkannt und sie nahm zwei Soloalben für das Label auf.
Anfang der 1960er Jahre zog sie nach Los Angeles an die Westküste um, wo sie ihre Gesangskarriere fortsetzte und heiratete. West reiste regelmäßig nach England und lebte anschließend sieben Jahre in London. Sie tourte durch die Folk-Clubs des Landes und trat beim Cambridge Festival und dem ersten Keele Folk Festival auf. In dieser Zeit war sie auch mehrmals in der Bundesrepublik unterwegs, so beispielsweise 1966 beim Festival auf der Burg Waldeck und je eine LP für Folk Variety Records und Bear Family Records einspielte. In London nahm West drei Alben für Lloyd at Topic und ein weiteres Serves ’em fine für Fontana auf.
Anfang der 1970er Jahre war West mehrmals in Deutschland, wo sie eine Reihe weiterer Aufnahmen machte, darunter eine mit ihrem amerikanischen Landsmann Bill Clifton (Getting Folk out of the Country, 1974), und das Album Love, Hell and Biscuits. Anschließend kehrte sie in die USA zurück, um ein Kompositionsstudium zu absolvieren. Ende der 1970er Jahre erhielt sie vom amerikanischen National Endowment for the Arts eine Förderung, um ein Projekt über die Musik und das Leben ihrer Großmutter zu finanzieren. 1979 kam sie nochmals nach Deutschland und nahm am Open Ohr Festival in Mainz teil. Im selben Jahr gab unterstützte sie Alan Lomax bei der Zusammenstellung einer Anthologie amerikanischer Volkslieder. Als sie an Krebs erkrankte, hörte sie auf zu singen. West leitete mehrere Jahre lang das renommierte Folk-Festival in Pipestam. Zuletzt lebte sie in Stony Brook auf Long Island.
Hintergrund
Die meisten ihrer Lieder erlernte West zunächst von ihrer Großmutter. Auch ihr Vater, der Gewerkschaftsführer der Bergarbeiter und später als Lehrer tätig war, verfasste in den 1930er Jahren viele Gedichte und Lieder der Kohlebergleute, die er ihr beibrachte. Zu diesen Lidern gehörten unter anderem Lament for Barney Graham, Davison Wilder Blues, Shut Up in the Mines at Coal Creek und The Coal Miner’s Child (eine Neukomposition von The Orphan Girl) die im Album Old Times and Hard Times erschienen. West begleitete ihren Gesang zumeist mit ihrem Banjo, manchmal auch auf der Gitarre. Sie vertonte einige Gedichte ihres Vaters, darunter Anger in the Land, das auf der Geschichte über den Lynchmord an einem Schwarzen basierte, die der Bruder des Opfers Don West erzählt hatte. Dieses Lied wurde später von Pete Seeger gesungen.
West schöpfte zahlreiche ihrer Stücke aus der eigenen Familientradition, die sie durch ausgewählte Stücke aus anderen Quellen ergänzte, manchmal um alternative Versionen von Liedern und Balladen zu finden, die sie in ihrer Jugend erlernt hatte.[4] Viele dieser Lieder hatten ihre Wurzeln in den Volksliedern Großbritanniens und Irlands, wie beispielsweise Little Matty Groves, The Wife of Usher’s Well oder Cotton Mill Girls. Darüber hinaus verfasste sie auch eigene Songs beziehungsweise neue Kreationen dieser Balladen. Ihr Songwriting bekam zeitweise eine politische Dimension, und sie engagierte sich in den Freiheitsbewegungen der 1960er Jahre und darüber hinaus.
Lillie Etta Mulkey West
Lillie Etta Mulkey West (1888–1980) war das 8. von 12 Kindern des Farmers und Mühlenbetreibers Asberry Kimsey Mulkey (25. März 1850 – 16. April 1937) und dessen Frau Talitha Prudence (geborene Sparks; 25. Mai 1852 – 25. März 1926). Ihr Vater stelle die Möbel und ihre Mutter die Kleidung für die Familie her. Mulkey West war eine klassische Balladensängerin aus den Appalachen, die auch als Quilterin und Kräuterheilkundige (das Wissen hatte sie von ihrem Großvater erhalten) tätig war. Sie war einerseits Traditionalistin und andererseits fest in der modernen Welt verankert. Im Jahr 1905 heiratete sie James Oliver West (11. September 1884 – 7. März 1939), mit dem sie mehrere Kinder hatte, darunter ihr ältester Sohn Donald Lee West, den Vater von Hedy West. Um 1920 zog sie mit ihrer Familie ins Cobb County, um dort durch Arbeit im Textilgewerbe ein besseres Auskommen zu finden. 1948 zog sie mit ihren verbliebenen sechs Kindern Youngcane, nahe Blairsville im Union County, wo sie einen kleinen Laden eröffnete.[5]
Donald Lee West
Donald Lee (Don) West (1906–1992) Devil’s Hollow, nahe Ellijay, im Gilmer County geboren. Er schrieb sich 1923 an der Berry School in Rome ein. Dort organisierte er in seinem letzten Schuljahr einen Protest gegen den rassistischen Film Die Geburt einer Nation, der dort gezeigt wurde. Aufgrund seiner Teilnahme musste er die Schule ohne Abschluss verlassen. Anschließend arneitete er kurzzeitig bei einer Telefongesellschaft und schrieb er sich an der Lincoln Memorial University (LMU) in Tennessee ein. Dort lernte er Mabel Constance Adams kennen, die er bald darauf heiratete. Eine erneute beteiligung an einer Protestaktion führte zu einem zeitweisen Verweis von der LMU. Er konnte sein Studium jedoch 1929 erfolgreich dort abschließen. Nun begab er sich nach Nashville, um an der Divinity School der Vanderbilt University ein Studium der Theologie zu beginnen. Während dieser Zeit wandte sich West dem Sozialismus zu und begann, sich in der Arbeiterbewegung zu engagieren. 1931 schloss er sein Studium ab und veröffentlichte seinen ersten Gedichtband Crab-Grass. Er organisierte 1932 den Bergarbeiterstreik in Wilder, Tennessee. Nach seiner Rückkehr nach Georgia gründete er die Southern Folk School and Libraries in Kennesaw und widmete sich der politischen und gewerkschaftlichen Arbeit. Er arbeitete eng mit der Kommunistischen Partei zusammen und setzte sich für den afroamerikanischen Arbeiterführers Angelo Herndon (1913–1997) ein, der im Januar 1933 nach dem Aufstandsgesetz verurteilt worden war. Von 1936 bis 1937 war er Leiter der Kentucky Workers Alliance, einer militanten Arbeitslosenorganisation.[6] Einige seiner Dichtungen und Texte wurden später von seiner Tochter Hedwig Grace in ihren Liedern verarbeitet.
Familie
West war mehrmals verheiratet:[7]
- 1. (1960–1966) mit dem Luft- und Raumfahrtingenieur Karl Georg Ludolff (1936–2013), die Ehe wurde geschieden
- 2. 1968 mit dem Rundfunksprecher Pete Myers (1939–1998), die Ehe wurde geschieden
- 3. 1980 mit Joseph Katz (1920–1988), Professor für Philosophie und Psychologie an der State University of New York und hinterließ aus dieser Verbindung eine Tochter
- Talitha (* 1980), erhielt ihren Vornamen nach ihrer Urgroßmutter Talitha Prudence Sparks Mulkey.[8]
Werke (Auswahl)
Alben[4]
- um 1962: Hedy West – Accompanying Herself On The 5 String Banjo (Vanguard VRS-9124, Maynard Solomon, New York City, inklusive Five Hundred Miles)
- um 1963: Hedy West Vol. 2 (Vanguard VRS-9162 / VSD 79162, Maynard Solomon, New York City)
- 1963: Old Times and Hard Times (Folk-Legacy Records FSA-32, Topic Records, London)
- 1966: Pretty Saro and other Appalachian Ballads (Topic 12T146, Bill Leader, London)
- 1967: Ballads (Topic 12T163, London)
- 1974–1976: Love, Hell, and Biscuits (Bear Family BF15008, Richard Weize, USA und Westdeutschland, begleitet von Tracy Schwarz (1938–2025); eine Sammlung von Liedern über Bergleute, Fabrik- und Landarbeiter)
Lieder
- 500 Miles
- Fair Rosamund
- The Brown Girl (archive.org im Audioarchiv – Internet Archive)
- Pans of Biscuits auf der Musikkassette Save the Children: Songs from the Hearts of Women Juli 1967, Santa Monica, CA. B-Seite (archive.org im Audioarchiv – Internet Archive)
Bücher
- Songbook. Verlag Rolf Gekeler, Erlangen 1968 (Mit deutscher Übersetzung der Songtexte).
Literatur
- Hedy West. In: The Broadside of Boston. Band 2, Nr. 15, S. 3 (englisch, folknewengland.org PDF).
- Cratis D. Williams: Hedy West Songbird of the Appalachians. In: Ann Williams (Hrsg.): The Appalachian South. Band 1, Nr. 1. Charleston, West Virginia 1965, S. 8–11 (englisch, Textarchiv – Internet Archive).
- Kaarel Siniveer: West, Hedy. In: Folk Lexikon. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-499-16275-X, S. 273–274 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- Derek Schofield: Hedy West. In: The Guardian. 12. September 2005 (theguardian.com).
- West, Hedy. In: Colin Larkin (Hrsg.): The Encyclopedia of Popular Music. Band 8: Swift, Rob – ZZ Top. Oxford University Press, New York 2006, ISBN 0-19-531373-9, S. 594 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- James J. Lorence: A hard journey : the life of Don West. University of Illinois Press, Urbana 2007, ISBN 978-0-252-03231-8 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- Martin Charles Strong: Hedy West. In: The great folk discography. Band 1: Pioneers & early legends. Polygon, Edinburgh 2010, ISBN 978-1-84697-141-9, S. 315–316 (englisch, Textarchiv – Internet Archive).
- Ken Hunt: West, Grace Hedwig (Hedy, earlier Hedie) (1938–2005), banjoist, singer, and composer. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Stand: 12. November 2020. doi:10.1093/odnb/9780198614128.013.90000369169.
Weblinks
- Hedwig “Hedy” Grace West singer and songwriter. In: Georgia Women of Achievement. georgiawomen.org
- 500 Miles (Hedy West). youtube.com
- Hedy West bei Discogs
- Pete Seegers Rainbow Quest. Episode 36: Mississippi John Hurt; Hedy West; Paul Cadwell im Audioarchiv – Internet Archive (unter anderem mit Wolf Biermanns Ballade vom Briefträger William L. Moore einem Lied über William L. Moore, das sie auf Deutsch singt, Minute 32, Black and white unite unite im Audioarchiv – Internet Archive)