Heinrich Schaeffer
deutscher Künstler und Fälscher
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Heinrich Friedrich Schaeffer (* 28. August 1837 in Trier; † 18. Dezember 1884 in Nizza) war ein deutscher Künstler, Kunsthändler, Journalist, Fälscher und Hochstapler.[1]
Leben
Überblick
Heinrich Schaeffer stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater Adam Joseph Schaeffer war preußischer Militärmusiker, später Steuerbeamter.[2] Heinrich Schaeffer wuchs in Trier (damals (Königreich Preußen) auf, wo er das Handwerk eines Vergolders erlernte. Er kam dabei mit der Arbeit des Historienmalers Johann Jakob Kieffer in Berührung, der ein Bruder von Schaeffers Lehrmeister war und mit diesem gemeinsam Aufträge ausführte.[3]
Er zog nach Paris, wo er sich ein weiteres Handwerk aneignete. In Stuttgart studierte er Bildhauerei und hatte erste Erfolge mit Skulpturen. Von den verschiedenen Fernreisen, über die er berichtete, ist nur diejenige in die Vereinigten Staaten zuverlässig belegt. Als Grabungsleiter in Nennig fälschte er Ausgrabungsfunde. In Rom führte er einen aufsehenerregenden Prozess gegen einen Bildhauerkonkurrenten, zunächst vor der Justiz des Kirchenstaates, nach dessen Auflösung vor italienischen Gerichten. In Nizza betätigte sich Schaeffer kurzzeitig als Konsulatssekretär, hauptsächlich jedoch als Kunstsammler, -händler und -fälscher.
Schaeffer, der keine höhere Schulbildung genossen hatte, war sprachbegabt: sein Italienisch hatte muttersprachliches Niveau und sein Französisch war passabel. Er besaß auch brauchbare Kenntnisse in Latein, wie seinen Inschriftenfälschungen in Nennig zeigen.[3] Über sein Leben hat er mehrfach Artikel in der Presse veröffentlicht, wobei Fiktion und Fakten verschwimmen.[4] In einem Geflecht von Fälschungen und Verleumdungen führte Schaeffer über 40 Gerichtsprozesse,[5] wurde jedoch nur einmal zu einer Haft verurteilt, was letztendlich 1871 zu seiner Ausweisung aus Italien führte.
Paris und Stuttgart
Im Winter 1855/56, reiste Schaeffer im Alter von 18 Jahren nach Paris, fand Arbeit in einer Gipsmühle und stieg dort zum Modelleur und Stuckateur auf.[6] 1857 hielt er sich in Stuttgart auf, wo er von Carl Alexander Heideloff und dessen Schwester Mathilde Heideloff gefördert wurde. Stipendien ermöglichten ihm das Studium der Bildhauerei an der Königlichen Kunstschule Stuttgart.[6] Schaeffer erwarb erste Anerkennung als Künstler mit Porträtbüsten, unter anderem von Ludwig Uhland und Friedrich Rückert.[7] 1863 wurde er Meister des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main.[8] Nach Streitigkeiten in der Familie Heideloff wurde Schaeffer zum ersten Mal wegen Urkundenfälschung und Diebstahl angezeigt.[6] Auch bei einem Theaterbrand (Brandstiftung) 1864 wurde Schaeffer beschuldigt.[9] Vom September 1864 bis zum Frühjahr 1865 hielt er sich nicht in Stuttgart auf. Möglicherweise reiste er nach Ägypten, zumindest veröffentlichten Zeitungen in Trier und Stuttgart entsprechende von ihm verfasste Reiseberichte. Auch in Russland will er nach eigenen Angaben gewesen sein.[10] Danach war Schaeffer für kurze Zeit wieder in Stuttgart.
1865 klagte Schaeffer gegen den russischen Adligen Anton von Schuttenbach, der ihn um Geld betrogen und mit falschen Gewinnversprechungen nach Russland gelockt habe. Als im September 1865 Spottgedichte über Schaeffer auftauchten, klagte er gegen deren Verfasser Friedrich Keppler, der daraufhin Gegenklage erhob. Unter anderem durch Zeugenbestechungen konnte Schaeffer sich in diesem Verfahren als Opfer darstellen und wurde von allen Anschuldigungen freigesprochen.[11]
Vom Herbst 1865 bis zum Frühjahr 1866 unternahm Schaeffer eine Reise in die Vereinigten Staaten kurz nach dem Sezessionskrieg. Angeblich erhielt er dort vier Aufträge für Büsten prominenter Bürgerkriegshelden. In Baltimore veröffentlichte er abschätzige Zeitungsartikel über die Zustände in Württemberg. 1866 kehrte er nach Trier zurück.[12]
Nennig
In Nennig, etwa 40 km von Trier entfernt, waren 1852 zufällig die Überreste einer Römischen Villa mit einem großen Fußbodenmosaik entdeckt worden. 1866 wurde Schaeffer Grabungsleiter in Nennig.[9] Trotz einiger Grabungserfolge ließ Schaeffer von ihm selbst angefertigte Reste einer Steininschrift auftauchen, mit der er die Geschichte der Villa mit der Igeler Säule verbinden wollte. Zudem legte er eigene Zeichnungen von Wandmalereien und Mosaikresten vor, die nach ihrer Freilegung an der frischen Luft zerfallen seien.[13][14] Schon früh gab es Betrugsvermutungen, es kam zu Anzeigen und Verleumdungen.[15] Schaeffer zog 1867 wieder nach Stuttgart, um sich in einem Prozess vor Gericht zu verteidigen.[16] Danach ging er nach Rom.[12]
Rom
Im Dezember 1867[17] kam Schaeffer in Rom an, wo er vorher (1862 und/oder 1863) bereits mindestens einmal für kurze Zeit gewesen war.[18] Er hatte Ateliers an wechselnden Adressen.[19] 1868 wurde er Mitglied im Verein Deutscher Künstler in Rom, wovon er sich zusätzliche Aufträge versprach.[20] Es folgten heftige gerichtliche Auseinandersetzungen mit dem Bildhauer Joseph von Kopf, die ihre Wurzeln bereits 1863[18] in Stuttgart hatten, als Kopf einen Auftrag des württembergischen Königshauses erhielt, der zuvor bereits Schaeffer zugesagt worden war.[21]
Der Prozess fand unter gegenseitigen Beschuldigungen, Verleumdungen, falschen Zeugenaussagen und begleitet von Handgreiflichkeiten statt, zunächst vor der Justiz des Kirchenstaates, nach dessen Auflösung vor italienischen Gerichten. Er fand ein reges Presseecho nicht nur in Italien. Im März 1870 gab es einen Ausweisungsbefehl gegen Schaeffer, der ausgesetzt wurde, solange der Prozess nicht beendet war. Zwischenzeitlich fand Schaeffer Kirchenasyl bei den Jesuiten in Rom. Er arbeitete als Journalist, unter anderem bei der 1871 gegründeten Zeitung La Capitale. 1871 erging das Urteil im Kopf-Schaeffer-Prozess: beide Beschuldigten wurden freigesprochen. Allerdings wurde Schaeffer wenig später wegen illegalen Waffentragens zu 25 Tagen Haft verurteilt (bereits durch die lange Untersuchungshaft abgegolten), sofort des Landes verwiesen und an die Schweizer Grenze gebracht.[22]
Im April 1872 reiste Schaeffer nach Schottland.[23]
Heirat in Göttingen und Zeit in Nizza
Am 16. November 1872 heiratete er in Göttingen Marie Momme, die einer wohlhabenden Familie entstammte. Im Ehevertrag bezeichnete Schaeffer sich als „Professor der Bildhauerei“. Das Paar ließ sich in Nizza nieder. Der erste Sohn, geboren 1873, starb 1877 Kindesalter. Im Jahr 1879 wurde der zweite Sohn Maurice Henri Joseph Schaeffer geboren.[23]
Anfang 1872 stellte der deutsche Konsul Schencking Schaeffer in Nizza als Sekretär ein. Die kurzzeitige Beschäftigung endete, als der Konsul von Schaeffers schlechtem Ruf erfuhr.[24] Schaeffer war in Nizza als Kunstsammler, -händler und -fälscher tätig. Spätestens ab 1874 durfte er wieder in Italien einreisen, wo er (wie auch an anderen Orten) günstig alte Gemälde erwarb, die er dann überarbeitete und teuer zum Verkauf anbot, meist als wiederentdeckte Werke bekannter Künstler.[25] Um die Überarbeitungen zu erklären, gab er an, eine neuartige Restaurierungsmethode entwickelt zu haben, den „processo elettrico“.[26] Zudem erfand er zur Förderung seiner Geschäfte eine „Malerschule von Nizza“ am Übergang von der Gotik zur Renaissance um die Maler Jean Mirailhet (1394? – vor 1457) und Ludovico Brea (um 1450 – um 1523).[27]
Heinrich Schaeffer starb am 18. Dezember 1884 im Alter von 47 Jahren in Nizza an einer Lungenentzündung, nachdem er sich beim Reinigen seiner Arbeitsgeräte die Atemwege verätzt hatte.
Nachlass und Nachwirkung
Schaeffer hinterließ eine Sammlung mit 224 Renaissance- und Barockgemälden, die 1886 versteigert werden sollten.[28] Der dazu erstellte Katalog listete Werke von Leonardo da Vinci, Correggio, Veronese, Tizian, Murillo, Rubens, Nicolas Poussin und etlichen anderen bekannten Malern.[29]
Schaeffer schrieb zahlreiche, teils autobiografische Artikel für verschiedene Zeitungen, insbesondere die römische Zeitung La Capitale.[30]
Der Romanzyklus Um die Weltherrschaft von John Retcliffe (Pseudonym des deutschen Schriftstellers Hermann Goedsche), erst vollendet nach dem Tod des Autors 1878, bedient sich der von Schaeffer geschriebenen und 1871 in einer österreichischen Zeitung veröffentlichten Artikelserie Eine dunkle Hof- und Künstlergeschichte mit autobiografischen Elementen.[31]
Literatur
- Alexander Hilpert: Der Fälscher Heinrich Schaeffer. Der Fälscher Heinrich Schaeffer. Strategien der Grenzüberschreitung und Authentisierung im 19. Jahrhundert. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2025, ISBN 978-3-11-157214-7.
Weblinks
- Ein Fälscher aus Trier sorgt vor 150 Jahren für eine antike Sensation. Volksfreund TV Podcast auf YouTube
- Tatort Römervilla: Der Inschriftenfälscher von Nennig auf der Website Straßen der Römer