Helga Goetze

deutsche Künstlerin, Schriftstellerin und politische Aktivistin From Wikipedia, the free encyclopedia

Helga Sophia Goetze (* 12. März 1922 in Magdeburg; † 29. Januar 2008 in Winsen (Luhe)), geborene Helga Troch, als Künstlerin auch Helga Sophia, war eine deutsche Künstlerin, Schriftstellerin und politische Aktivistin.

Helga Goetze, Kassel 1987
Helga Goetzes Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin

Leben

Helga Goetze lebte ab 1939 in Hamburg, später in Berlin. 1966 schloss sie eine Ausbildung zur Wirtschaftsleiterin ab.[1]

Sie eröffnete 1972 in ihrem Haus ein Institut für Sexualinformation. Von 1970 bis 1977 war sie in Hamburg aktiv und fiel dort durch ihre sex-positiven feministischen Aktionen auf. In dieser Zeit schaltete sie in den St. Pauli-Nachrichten Kontaktanzeigen, in denen sie sich unter anderem mit der Formulierung „Weibliches Wesen, geistig vielseitig interessiert, sucht“ vorstellte.[2] Zwischen 1975 und 1978 suchte sie mehrfach den Kontakt mit dem damaligen Kommunenetzwerk von Otto Muehl, der Aktionsanalytischen Organisation, und besuchte Muehl vier Mal auf dem Friedrichshof, dem Sitz der Kommune im österreichischen Burgenland. Das Angebot Muehls, in seine Kommune einzuziehen, nahm sie jedoch nicht an.

Sie veröffentlichte Gedichte und stickte Bilder, die gelegentlich ausgestellt werden. Bekanntheit erlangte sie 1973 durch einen Auftritt in der ARD-Talkshow Podium, in der sie als „aus ihrer Rolle gefallene“ Hausfrau über weibliche Sexualität im Alter und ihre Vorstellungen von Polygamie sprach.[2]

̀Aus ihrer Ehe mit einem Prokuristen der Deutschen Bank gingen sieben Kinder hervor.[1] Nach einem sexuellen Erweckungserlebnis während eines Sizilien-Urlaubs 1968, das sie selbst als einschneidend beschrieb, verließ sie 1974 ihre Familie in Hamburg und zog 1978 nach Berlin, wo sie zunächst in Kreuzberg und später in Charlottenburg lebte.[2] In Charlottenburg gründete sie ihre „Geni(t)ale Universität“ und hielt dort sogenannte „Märchenstunden“ ab.[2]

1982 spielte sie in dem Film Rote Liebe von Rosa von Praunheim die Hauptrolle und wurde dadurch einem größeren Publikum bekannt.[3] Der ZDF- und Kinofilm wurde u. a. im Museum of Modern Art gezeigt.[4][5]

Anlass für ihre Präsenz an der Gedächtniskirche war eine Veranstaltung des CDU-Politikers Norbert Blüm am 17. Juni 1983, von der sie auf einem Plakat erfuhr und zu der sie spontan fuhr, um sich „mal wieder zu zeigen“.[2] Ab 1983 stand Goetze fast täglich ein paar Stunden an der Gedächtniskirche und vor der Mensa der TU Berlin mit ihrem Slogan Ficken ist Frieden.[6][7] Sie verstand diese Auftritte als Ein-Frau-Mahnwache für sexuelle Selbstbestimmung, dokumentierte in Notizen und Tagebüchern die Reaktionen der Vorbeigehenden und führte dieses tägliche Ritual bis in die frühen 2000er-Jahre fort.[2] Mehr als stadtbekannt war die als „primäre Tabubrecherin“ bezeichnete Aktivistin, die in handbestickten Umhängen mit Schildern um den Hals auftrat, mit heller Stimme umgetextete Volkslieder sang, Passantinnen und Passanten provozierte und immer wieder in Auseinandersetzungen mit der Polizei geriet.[2] In Rückblicken wird sie als frühe sexpositive Aktivistin in Berlin beschrieben.[2] Ihre radikale Sexualpolitik stieß auch in der westdeutschen Frauenbewegung der 1980er-Jahre auf Widerspruch; die Zeitschrift Courage bezeichnete sie 1983 in einem Interviewtitel als „schamlose Alte“.[2]

Nach einem Schlaganfall wohnte sie ab Ende August 2007 in einem Pflegeheim in Maschen. Ihr Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Ihr Leben wurde 2022 anlässlich ihres 100. Geburtstages in einer bislang unveröffentlichten Biografie ausführlich dargestellt (s. Weblinks).

Das Kunsthaus der Berliner Villa Oppenheim widmete ihr ab dem 26. September 2025 eine mehrmonatige Ausstellung über ihr Leben und Werk.[8] Die Ausstellung unter dem Titel „Weibliches Wesen, geistig vielseitig interessiert, sucht – Helga Goetze“ zeigt neben ihren Stickbildern zahlreiche Dokumente wie Briefe, Polizeiprotokolle, Zeitungsartikel und Filmmaterial sowie Texte und Grafiken und präsentiert ihren Nachlass eingebettet in die Gemäldesammlung des Hauses.[2] Sie thematisiert sowohl die Würdigung ihres künstlerischen und aktivistischen Wirkens als auch umstrittene Aspekte, darunter ihre Nähe zur Kommune um Otto Muehl, und bezieht Stimmen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler ein, die versuchen, Goetze in aktuelle queerfeministische Debatten einzuordnen.[2] Die Schau wurde bis zum 15. März 2026 angekündigt.[2]

Veröffentlichungen

Ausstellungen

Ein Überblick der Einzel- und Gruppenausstellungen findet sich in der Künstlerdatenbank ArtFacts.net.[9] Werke befinden sich in der Collection de l’Art Brut in Lausanne sowie der Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin in Berlin und in privatem Besitz.

Helga-Goetze-Stiftung

Am 3. Februar 2020 ehrte das Stadtmuseum Berlin Helga Goetze mit der Gründung einer eigenen Stiftung. Die Helga-Goetze-Stiftung umfasst rund 280 stilistisch einzigartige Stickbilder unterschiedlicher Formate und rund 300 Grafiken mit feministischen Botschaften und außergewöhnlichen kulturgeschichtlichen Aussagen, die von den 1960er-Jahren bis 2007 reichen.[10] Die Stiftung bewahrt damit einen wesentlichen Teil ihres künstlerischen Nachlasses, während ihre schriftlichen Hinterlassenschaften im feministischen Archiv FFBIZ archiviert werden.[2]

Einzelnachweise

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