Helmut Geist (Geograph)

deutscher Geograph, Professor für Humangeographie From Wikipedia, the free encyclopedia

Helmut J. Geist (* 1958 in Kastl) ist ein deutscher Geograph. Von 2006 bis 2012 war er Professor für Humangeographie an der Universität Aberdeen in Schottland.

Leben und Werk

Aufgewachsen im ländlichen Raum der mittleren Oberpfalz legte Geist im Mai 1977 eine sog. Reifeprüfung am Max-Reger-Gymnasium Amberg ab. Wegen einer Sportverletzung vom Wehrdienst zurückgestellt, begann und absolvierte er ein Studium der Geographie in Würzburg und, ausgestattet mit einem Stipendium des Verbands der Deutsch-Amerikanischen Clubs, in den USA.[1] Nach militärischer Musterung 1978 und Kriegsdienstverweigerung 1979 verrichtete er zivilen Ersatzdienst bei der Deutschen Lepra- und Tuberkulosenhilfe.[2] Parallel zu Studium und Zivildienst engagierte er sich als Fachschaftler und in einer Sprechergruppe der KHG Würzburg gegen Militarismus,[3] für ein Recht auf Entwicklung in der damals sog. Dritten Welt,[4] und für (mehr) Radwege am Studienort.[5]

Nach Abschluss einer von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg geförderten Diplomarbeit[6] wurde Geist 1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie[7] und promovierte 1989 mit einer preislich ausgezeichneten Arbeit[8] über agrare Tragfähigkeit in der Region Thiès der westafrikanischen Republik Senegal.[9][10] Als Akademischer Rat löste er 1992 das mittlerweile beamtenrechtliche Uni-Dienstverhältnis und agierte freischaffend als Gastdozent für politische Bildung[11] und Fremdenführer deutscher Reisegruppen in Europa und Afrika.[12] Um politökologischen Fragestellungen zu Afrika im globalen Wandel nachzugehen, betätigte sich Geist von 1994 bis 1998 als Postdoc am Lehrstuhl für Entwicklungsgeographie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.[13][14]

Das Jahr vor der Millenniumswende verbrachte Geist mittels eines Stipendiums des German Marshall Fund am Deutsch-Amerikanischen Zentrum für Gastwissenschaftler in Washington DC.[15] Aus den USA wechselte er nach Wallonien, um von 2000 bis 2005 als geschäftsführender Direktor das am Geographischen Institut der Universität Louvain-la-Neuve angesiedelte sog. LUCC(Land Use and Cover Change)-Projekt,[16] ein Gemeinschaftsvorhaben von IGBP und IHDP, zu managen. Parallel war er an zentraler Stelle tätig, um gemäß dem LUCC-Forschungsplan aus der Perspektive von Erdsystemwissenschaft meta-analytische Studien zu erstellen über Entwaldung[17] und Desertifikation.[18]

Im Mai 2005 wurde Geist von der Universität Aberdeen in Schottland als Professor für Humangeographie (established chair) auf den Lehrstuhl Sixth Century Chair in Human-Environment Interactions berufen.[19][20] Die am dortigen Geographischen Institut historisch starke Forschung zum nordischen, ländlichen Raum erweiterte er perspektivisch mit einem Fokus auf globale, politisierte Mensch/Umwelt-Beziehungen: „Geist's work offered international perspectives on land-use change, informed by political ecology perspectives, including (…) global economic drivers of local land-use change, (…) desertification and agricultural transitions“.[21] Parallel war er von 2004 bis 2008 und wiederum von 2012 bis 2016 für die Internationale Geographische Union im Steuerungskomitee der Kommission Land Use & Land Cover Changes tätig.[22]

Ab 2013 lehrte Geist Wirtschaftsgeographie an Standorten der Internationalen Berufsakademie in den neuen Bundesländern und Politische Ökologie im Master-Studiengang "Geographie: Ressourcenanalyse und -management" der Georg-August-Universität Göttingen.[23]

Parallel zu Tätigkeiten als Gutachter und Berater war Geist Leiter und Mitwirkender etlicher akademischer Drittmittelprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der British Ecological Society und im Rahmen von Vorhaben der Umweltpolitik der Europäischen Union.

Geist ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Wirkung

Mit der Wende 1984 des Diskurses in der deutschen Geographischen Entwicklungsforschung von politökonomisch argumentierender Dependenztheorie zur entwicklungssoziologisch fundierten „Verflechtung von Produktionsweisen“ leistete Geist mit seiner 1986 (in Teilen veröffentlichten) Diplomarbeit über die Verknüpfung von Mais- und Tabakanbau[24] einen paradigmatisch zeitnahen Beitrag, der im erkenntnistheoretischen Gehalt noch heute alles andere als „überholt“[25] ist.

Mittels einer doppelten Kehrtwendung weg von tradierter Wirtschaftsgeographie und apolitischer Ökologie, damit auf Distanz gehend zur eigenen Dissertation,[26] gelangte Geist mit Politischer Ökologie zu einer „neue(n) Sichtweise der Mensch-Umwelt-Beziehungen in den Tropen“, im Grunde genommen „ein von britischen Dritte-Welt-Forschern entworfenes Konzept, das Geist (1992)[27] erstmals in der deutschen Entwicklungsdebatte vorstellte“.[28] In der deutschsprachigen, sozialwissenschaftlichen Forschung zu globalen Mensch/Umwelt-Beziehungen wurde damit erstmals ein explizit politökologischer Ansatz verankert[29] und in der geographischen Fachwissenschaft eine „dritte Säule“ zwischen Human- und Physiogeographie eingezogen.[30]

Über das LUCC-Projekt urteilte man, dass es für die Analyse globaler Umweltveränderungen „in nahezu mustergültiger Weise Bandbreite und Potentiale fachübergreifender Kooperationsmöglichkeiten verschiedenster Fachdisziplinen (zeige)“.[31] Selbstverfasste und ko-produzierte LUCC-Arbeiten von Geist fanden 2018 Eingang in den IPBES-Bericht des Weltbiodiversitätsrats[32] und 2019 in den IPCC-Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme des Weltklimarats.[33] Am Beispiel von Veränderungen in Trockengebieten entwarf er eine auf dem Landsystem-Ansatz fußende Klassifizierungsmethode, die soziale und biophysikalische Indikatoren kombinierte: „The first real attempt to bring these aspects together (…) [in] a typology of degradation causes and outcomes.“[34]

Als Resonanz zweier Vorträge 1997 am Goethe-Institut Dar es Salaam[35] und 1998 an der Universität Kapstadt[36] begann Geist bahnbrechend eine nicht-medizinische, ökologische und von Politischer Ökonomie informierte Tabakforschung zu konzeptualisieren. Dabei stellte er die politökologischen Ursachen und Konsequenzen des Holzverbrauchs und der Abholzung für Anbau und als curing bezeichnete Auftrocknung grüner Tabakblätter auf bäuerlichen Betrieben im Ökosystem der afrikanischen Miombowälder ins Zentrum seiner Analysen.[37][38] Weitergehend rückte er lokale Fallstudien in den globalen Kontext politischer Regulierungsbemühungen (supply-side tobacco control).[39]

Seitdem begleitet und gestaltet Geist tabakkritische Projekte weltweit nach dem Prinzip empirisch fundierter und gesellschaftlich engagierter Wissenschaft (evidence based advocacy-driven research):

  • mit einem im Mai 1999 an der University of London gehaltenen und in der lokalen Presse resonierenden Plenumsvortrag[40][41] anlässlich des 3rd Meeting of the UN's Environment and Health Ministers unter Leitung von Gro Harlem Brundtland;
  • als wissenschaftlicher Fachberater (und Darsteller im Film) der Dokumentation Rauchopfer von Peter Heller, die 2003/2004 von Arte und 3sat gesendet wurde, nachdem sie auf dem Internationalen Filmfestival in Parma 2003 mit dem Grand Prix Leonardo in Gold als bester globalisierungskritischer Beitrag des Jahres ausgezeichnet worden war;[42]
  • mit einer von der SZ als „Kampfschrift“[43] qualifizierten Buch-Koproduktion,[44] aus der anlässlich einer Debatte im Deutschen Bundestag 2006 erstmals in einem deutschen Parlament die globale Dimension der sozialökologischen Problematik afrikanischer Tabakproduzenten zitiert wurde;[45]
  • als Gutachter einer Studiengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Alternativen zum Tabakanbau auf deren Treffen im Juni 2008 in Mexiko-Stadt auf der Basis der Artikel 17&18 des internationalen WHO-Tabakkontrollübereinkommens 2005;[46]
  • mit politökologischem Input in TEEB, der die globalen Lieferketten des Tabaksektors als riskant und reputationsschädigend ausweist und an Investoren appelliert, Kapital vom Tabakregime fernzuhalten (Desinvestition);[47]
  • als Leiter und Ko-Autor einer internationalen Panel-Studie 2009,[48] von der Kelley Lee et al. berichten, dass ein von British American Tobacco (BAT) in einem Gutachten zum WHO-Rahmenübereinkommen schlussfolgert, die Zerstörung tropischer Trockenwälder „[deforestation] may be the single most negative impact of tobacco cultivation on the environment […] given the results of the study by Geist et al. [2009]“;[49]
  • mit beratender Unterstützung der Aktivitäten des deutschen WHO-Kollaborationszentrums für Tabakregulierung am Heidelberger DKFZ als Referent im Plenum der Deutschen Konferenzen für Tabakkontrolle 2006 und 2016 und als Zuarbeiter der DKFZ-Rote Reihe;[50]
  • als Mitverfasser zusammen mit Stella Bialous et al. der ersten WHO-Studie 2017 zu den Gesamtwirkungen von Tabakrauchen auf die natürliche Umwelt,[51] die Ökosystemzerstörungen im Verbund mit wirtschaftlicher Fehlentwicklung in Anbauländern des globalen Südens konstatiert und transnationale Tabakkonzerne wie BAT mit Merchandising of Doubt konfrontiert.[52]

Publikationen (Auswahl)

  • Rezension: Anarchistische Ökologien - Eine Umweltgeschichte der Emanzipation. In: Berliner Debatte Initial, Jg. 36, Heft 4, 2025, S. 571-574; freier Volltext.
  • Perspektivenwechsel der Politischen Ökologie – Back to the roots! In: Geographica Helvetica, Jg. 77, Heft 4, 2022, S. 511–522; freier Volltext.
  • (als Hrsg. mit Beate Lohnert:) Coping with Changing Environments – Social Dimensions of Endangered Ecosystems in the Developing World. Ashgate, Aldershot 1999, Neuauflage Routledge Revivals, Milton Park/New York 2018, ISBN 978-1-138-61112-2.
  • The Causes and Progression of Desertification. Ashgate, Aldershot/Burlington, VT 2005, Neuauflage Routledge, London 2017, ISBN 978-1-138-27811-0.
  • mit Stephen Whitfield und Antonio Augusto Rossotto Ioris: Deliberative Assessment in Complex Socioecological Systems - Recommendations for Environmental Assessment in Drylands. In: Environmental Monitoring and Assessment, Nr. 183, Heft 1/4, 2011, S. 465–483; freier Volltext.
  • (als Hrsg.:) Our Earth’s Changing Land - An Encyclopedia of Land-Use and Land-Cover Change. Greenwood Press, Westport, CT/London 2006.
  • (als Hrsg. mit E. F. Lambin:) Land-Use and Land-Cover Change. Springer, Berlin/Heidelberg 2006.
  • Wandel oder Kollaps? Theoretische Überlegungen zu globaler Umweltveränderung und Landnutzung in hotspots der Regenwald- und Trockenzone. In: Geographische Zeitschrift, Band 94, Heft 3, 2006, S. 143–159; freier Volltext.
  • (mit Thomas P. Tomich, Andrea T. Cattaneo u. a.:) Balancing Agricultural Development and Environmental Objectives – Assessing Tradeoffs in the Humid Tropics. In: Cheryl A. Palm, Stephen A. Vosti, Pedro A. Sanchez, Polly J. Ericksen (Hrsg.): Slash-And-Burn Agriculture – The Search for Alternatives. Columbia University Press, New York 2005, S. 415–440.
  • Causes and Pathways of Land Change in Southern Africa during the Past 300 Years - Moving from Simplifications to Complexity and Generality. In: Erdkunde, Band 56, Heft 2, 2002, S. 144–156.
  • Exploring the Entry Points for Political Ecology in the International Research Agenda on Global Environmental Change. In: Zeitschrift fűr Wirtschaftsgeographie, Jg. 43, Heft 3/4, 1999, S. 158–168.

Einzelnachweise

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