INC 4 lb
Familie von Brandbomben
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INC 4 lb bezeichnet eine Familie von kleinen Brandbomben, die im Vereinigten Königreich entwickelt wurden. INC steht für Incendiary und 4 lb für die Gewichtsklasse der Bombe. Die offizielle Bezeichnung gemäß dem Air Ministry lautete Bomb Incendiary Aircraft 4 lb. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Millionen dieser Bomben auf deutsche Städte abgeworfen. Dort wurde sie umgangssprachlich als Thermitstab oder Stabbrandbombe bezeichnet.
| INC 4 lb | |
|---|---|
| Allgemeine Angaben | |
| Bezeichnung: | INC 4 lb |
| Typ: | Brandbombe |
| Herkunftsland: | |
| Hersteller: | Armament Department des Royal Aircraft Establishment & ICI |
| Entwicklung: | 1934 |
| Indienststellung: | 1936 |
| Einsatzzeit: | 1936–1940er-Jahre |
| Technische Daten | |
| Gefechtsgewicht: | 1,81 kg |
| Länge: | 0,546 m |
| Durchmesser: | 42,4 mm |
| Spannweite: | 42,4 mm |
| Ausstattung | |
| Gefechtskopf: | 0,225–0,228 kg Thermit |
| Zünder: | Aufschlagzünder |
| Waffenplattformen: | Bomber |
| Liste von Bomben nach Herkunftsnation | |
Entwicklung
Im August 1934 wurde vom Air Ministry die Entwicklung einer neuen, kleinen Brandbombe angestoßen. Die neue Bombe sollte die 1916 von Dr. Francis Ranken entwickelten Thermit-Kleinbomben 5 oz Mk I und 6,5 oz Mk II ersetzen. Diese Baby Incendiary Bomb‘s (BIB) wogen 0,14 bzw. 0,18 kg. Im Mai 1935 hatte das Armament Department des Royal Aircraft Establishment (RAE) ein erstes Modell der neuen Thermit-Bombe mit einem Gewicht von 4 Pfund (1,81 kg) erstellt. Darauffolgend wurde der Entwurf mehrfach angepasst und auch die Zusammensetzung des Thermits abgeändert. Zwischen Juli und September 1936 wurde ein erstes Produktionslos von 200 der Bomben in Orford Ness getestet. Ende September 1936 bekam die Bombe vom Air Ministry die offizielle Bezeichnung Bomb Incendiary Aircraft 4 lb., Mark I (INC 4 lb Mk.I). Am 20. Oktober desselben Jahres gab das Verteidigungsministerium des Vereinigten Königreichs bei Imperial Chemical Industries (ICI) ein erstes Produktionslos von 4,5 Millionen INC 4 lb in Auftrag. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die Royal Air Force mehr als 5 Millionen dieser Bomben im Bestand. Zwischen 1940 und 1942 wurde die monatliche Produktion der INC 4 lb von 500.000 auf 3 Millionen Stück gesteigert. Dafür wurden ab 1942 jährlich 20.000 Tonnen Magnesium von der Magnesium Elektron Ltd. bereitgestellt. Im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes wurde das Bombenmodell, in leicht abgeänderter Form auch in den Vereinigten Staaten produziert und an die Royal Air Force geliefert. 1943 erreichte eine erste Lieferung von 4,5 Millionen dieser AN-M50 bezeichneten Bomben Großbritannien. Die INC 4 lb wurden auch an verschiedene Luftstreitkräfte der Commonwealth-Staaten abgegeben. Die Bombe verblieb bis zum Kriegsende in Produktion. Schätzungsweise wurden über 100 Millionen INC 4 lb in verschiedenen Ausführungen bis zum Kriegsende hergestellt.[1][2][3][4][5][6]
Technik
Die INC 4 lb war eine Stabbrandbombe die aus Abwurfbehältern oder verpackt in Streubomben abgeworfen wurde. Sie wurde im Flächenbombardement gegen Städte und Industrieanlagen mit hohem Anteil an brennbaren Materialien eingesetzt. Die Bomben wurden aus mittlerer sowie großer Flughöhe abgeworfen. Sie wurden beim Aufschlag auf der Erdoberfläche gezündet.[7]
Bombe

Die komplette Bombe wog rund 1,81 kg und hatte eine längliche Rumpfform mit einem sechseckigen Querschnitt. Die Länge der Bombe betrug 54,6 cm (21,5 inch) und die Schlüsselweite 42,4 mm (1,67 inch). Der 1,7-kg-schwere Bombenkörper aus brennbarem Elektron entsprach einem sechsseitigen Prisma mit einer Länge von 34 cm (ohne Zünder). Im Bombenkörper verlief über die der ganze Länge eine Bohrung mit 22,2 mm Durchmesser. In dieser waren 13 Pellets aus Thermit mit einem Gesamtgewicht von 225 g geschichtet. Der Bombenkörper wog leer 570 g. Vorne am Bombenkörper war der flache Bombenkopf aus Stahl in der Bohrung eingeschraubt. Der Bombenkopf war 4,76 cm lang und wog 600 g. Hinten am Bombenkörper war der „Midgley-Harmer“ bezeichnete Aufschlagzünder eingeschraubt. Dies war ein einfach aufgebauter Zünder mit einer schraubfedergespannten Zündnadel. Unter dem Zünder befand sich ein Anzündhütchen mit einem Gewicht von 0,1 g (1,62 Grain). Zwischen dem Anzündhütchen und dem hintersten Thermit-Pellet war die Anzündladung aus einer Schießpulver-Schellack-Paste platziert. Gesichert war der Zünder durch einen seitlich aus dem Bombenkörper herausragenden, federbelasteter Sicherungsstift. Dieser wurde, während sich die Bombe im Abwurfbehälter befand, durch die Nachbarbombe eingedrückt. Hinten im Bombenkörper, beim Zünder waren seitlich vier Lüftungsbohrungen angebracht, welche die anfängliche Redoxreaktion des Thermits unterstützten. Das ebenfalls sechseckige Heckteil war 20,5 cm lang und bestand aus gefalzten Blechen. Das hohle Heckteil war zuhinterst durch eine Kappe aus Weißblech verschlossen und vorne mit drei Schrauben am Bombenkörper befestigt. Bis auf das Heckteil und den Bombenkopf waren nahezu alle Teile der Bombe brennbar. Die Grundfarbe des Bombenkörpers war hellgrau und das Heckteil dunkelgrün oder grau. Der Bombenkopf hatte einen mattroten Anstrich. Dort waren zwei schwarze und ein roter Streifen angebracht, welche die INC 4 lb als Brandbombe kennzeichnete.[3][7][8][9][10]
Die INC 4 lb wurden für den Abwurf in Abwurfbehälter oder Streubomben gepackt. Nach dem Abwurf aus dem Abwurfbehälter bzw. dem Ausstoßen aus der Streubombe folgten die INC 4 lb einer Wurfparabel und verteilten sich nach dem Gießkannenprinzip über der Zielfläche. In Abhängigkeit von Flughöhe und Fluggeschwindigkeit verteilten sich die Bomben über ein größeres oder kleineres Gebiet. Aus großer Flughöhe abgeworfen konnte die INC 4 lb Dachziegel und Stahlbetonplatten mit einer Stärke von 76 von 102 mm durchschlagen bevor sie nach 20 bis 25 Sekunden zündete. Danach sollte sie im Dachgeschoss abbrennen und dabei das Gebäude in Brand setzen. Beim Aufprall schlug die Zündnadel auf die Anzündladung und nach einer Verzögerung begann die Thermitreaktion im Bombenkörper. Dabei trat eine grelle Stichflamme aus der Bombe hervor. Die Thermitreaktion lief während rund 25 Sekunden bei einer Temperatur von bis zu 2500 °C ab. Dabei wurde der Bombenkörper aus Elektron entzündet. Dieser brannte nun während rund 10 Minuten bei rund 1300 °C ab und zerschmolz die Bombe zu einer weißglühenden, brennenden Metallschmelze. Ein direktes Löschen der INC 4 lb mit Wasser oder Sand war nicht möglich. Sich einer abbrennenden Bombe zu nähern, war durch die teilweise verbauten Sprengladungen im Bombenkörper gefährlich.[7][8][11][12][13][14]
Abwurfbehälter & Streubomben

Die INC 4 lb wurden nicht einzeln, sondern massenweise aus an Flugzeugen montierten Abwurfbehältern und ab 1943 mit Streubomben abgeworfen. Die INC 4 lb konnten von leichten Bombern wie der Bristol Blenheim, Handley Page Hampden oder De Havilland Mosquito wie auch von den schweren Bombern Vickers Wellington, Armstrong Whitworth Whitley, Handley Page Halifax, Short Stirling und Avro Lancaster eingesetzt werden. Für die Royal Air Force wurden die folgenden Abwurfbehälter und Streubomben entwickelt:[7][8][15]
- Small Bomb Container (SBC) SBC 160: mit 40 × INC 4 lb
- Small Bomb Container (SBC) SBC 250 Mk.1: mit 60 × INC 4 lb
- Small Bomb Container (SBC) SBC 250 Mk.1A: mit 90 × INC 4 lb
- Small Bomb Container (SBC) SBC 250 Mk.2: mit 150 × INC 4 lb
- Small Bomb Container (SBC) SBC 500: mit 236 × INC 4 lb
- Cluster Projectile CP 500lb No. 14 Mk.1: mit 106 × INC 4 lb, Gewicht 204 kg
- Cluster Projectile CP 750lb No. 15 Mk.1: mit 158 × INC 4 lb, Gewicht 302 kg
- Cluster Projectile CP 1000lb No. 16 Mk.1: mit 236 × INC 4 lb, Gewicht 424 kg
Varianten
Die INC 4 lb wurde von 1936 bis 1945 in verschiedenen Ausführungen in Millionen produziert. Von der Bombe entstanden die folgenden Modelle:
INC 4 lb Mk.I
Diese Ausführung war das Standardmodell wie oben beschrieben. Die INC 4 lb Mk.I wurde bis im September 1943 produziert.[3][8]
INC 4 lb Mk.II
Die Ausführung INC 4 lb Mk.II entstand anfangs 1940. Dieses Bombenmodell unterschied sich zur INC 4 lb Mk.I lediglich durch ein minimal verkürztes Heckteil, damit die Bombe in die verschiedenen Small Bomb Container (SBC) passte.[3][16]
INC 4 lb Mk.III
Im Jahr 1940 konnte die britische-Kriegswirtschaft das Elektron für den Bombenkörper nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung stellen, so dass Einsparungen notwendig wurden. Daraufhin vergrößerte man die Bohrung im Elektron-Bombenkörper von 22,2 mm auf 25,4 mm und befüllte diese mit größeren Thermit-Pellets. Weiter wurde ein vergrößertes Anzündhütchen mit 0,15 g (1,7 Grain) verbaut und die Abdeckung im Bombenheck modifiziert. Zusätzlich wurde der Heckstopfen beim Zünder angepasst und der stählerne Bombenkopf durch einen solchen aus Gusseisen ersetzt. Daneben wurden die seitlichen Lüftungsbohrungen von vier auf zwei reduziert. Die INC 4 lb Mk.III ging im August 1941 produziert.[3][8][17]
INC 4 lb Mk.IV
Bei diesem Bombenmodell handelte es sich um eine Weiterentwicklung der INC 4 lb Mk.III. Dieses Bombenmodell wurde entwickelt, um die Zuverlässigkeit und Handhabungssicherheit zu verbessern. Die INC 4 lb konnte bereits nach einem Fall aus 1,52 m Höhe zünden und die Thermitreaktion in Gang setzen. Dieser Umstand führte wiederholt zu Unfällen bei der Handhabung mit den Bomben. Bei der INC 4 lb Mk.IV wurde der Zünder, die Zündersicherung sowie die Anzündladung modifiziert. Damit konnte die Handhabungssicherheit verbessert und der Anteil von Blindgängern (mitunter bis 40 %) verringert werden. Die INC 4 lb Mk.IV wurde ab September 1942 produziert.[3][8][17]
INC 4 lb Mk.V
Bei diesem Modell wurde der gusseiserne Bombenkopf nicht in den Bombenkörper eingeschraubt, sondern bei der Herstellung wurde der Elektron-Bombenkörper auf den Bombenkopf aufgegossen. Die Bombenfüllung bestand nicht mehr aus Thermit-Pellets, sondern aus feinkörnigem Thermit-Granulat, das in den Bombenkörper gepresst wurde. Weiter wurde das Batist zwischen dem Anzündhütchen und der Anzündladung weggelassen und die Anzündladung direkt in das Thermit gepresst. Dieses Bombenmodell wurde Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes in den USA für die United States Army Air Forces (USAAF) und die Royal Air Force (RAF) als AN-M50A1 produziert. Die INC 4 lb Mk.V wurde 1944 ausgesondert.[3][5][8]
INC 4 lb. Mk.III.E & INC 4 lb. Mk.IV.E
Die Bombenmodelle mit dem Suffix „E“ wurden ab 1937 entwickelt und gingen ab 1939 parallel zu den anderen INC 4 lb-Bombenmodellen in die Serienproduktion. Die E-Modelle entsprachen den Ausführungen INC 4 lb Mk.III und INC 4 lb Mk.IV, hatten aber einen neuen, hohlen Bombenkopf aus Gusseisen. Im Zapfen des Bombenkopfs befand sich anfänglich ein Behälter aus Pappe, später eine Büchse aus Weißblech mit 10–12 g Schießpulver. Dem verlängerten Zapfen mussten die untersten drei Thermit-Pellets weichen. Das Schießpulver (auch Zerlegerladung bezeichnet) explodierte 2 bis 3 Minuten nach der Bombenzündung und verstreute das brennende Thermit und Elektron. Die Explosion des Schießpulvers war nicht tödlich, sondern diente lediglich der Abschreckung, um Bergungs- und Löschversuche zu behindern. Das Modell INC 4 lb. Mk.IV.E wurde Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes in den USA für die USAAF und die RAF als AN-M50XA1 produziert.[3][5][8][18]
INC 4 lb. Mk.I.X, INC 4 lb. Mk.II.X & INC 4 lb. Mk.III.X
Die Bombenmodelle mit dem Suffix „X“ entsprechen den Ausführungen INC 4 lb. Mk.I, Mk.II und Mk.III, hatten aber einen neuen Bombenkopf aus Stahl mit einer mittigen Bohrung zum Bombenkörper. In der Bohrung waren 4 Pellets aus Tetryl und oben zum Bombenkörper hin eine Anzündladung eingesetzt. Das Tetryl explodierte 2 bis 5 Minuten nach der Bombenzündung und zerlegten den Bombenkopf in Splitter. Diese wirkten auf kurze Distanz tödlich. Damit sollte die Feuerwehr auf Distanz gehalten und Löschversuche verhindert werden. Diese Bombenmodelle wurden ab Dezember 1940 entwickelt und 1942 erstmals eingesetzt. Das Modell Mk.III.X wurde Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes in den USA für die USAAF und die RAF als AN-M50XA2 produziert.[3][5][8][19]
Einsatz

Während des Zweiten Weltkriegs wurden vom RAF Bomber Command rund 80 Millionen INC 4 lb auf deutschen Städten abgeworfen. Das Bombenmodell kam vermutlich erstmalig, in kleinem Umfang bei den Luftangriffen auf das Ruhrgebiet ab Mai 1940 zum Einsatz. Ein erster geplanter Großeinsatz der INC 4 lb im Oktober gegen Nürnberg scheiterte, da bis auf einen Bomber, alle anderen fälschlicherweise die Stadt Schwabach angriffen. Im Kontext der Area Bombing Directive wurde ab März 1942 die INC 4 lb massenweise, zusammen mit weiteren Fliegerbomben beim Flächenbombardement deutscher Städte abgeworfen. Dabei bestand die Typische Beladung eines Bombers vom Typ Avro Lancaster aus einer 1814-kg-Luftmine („Cookie“) sowie 14 SBC’s mit total 3304 INC 4 lb. Auch bei den Großangriffen auf Köln 1942, Hamburg 1943, Berlin 1943–1945, sowie auf Dresden 1945 wurden Millionen von INC 4 lb abgeworfen. Zusammen mit Spreng- und Phosphorbomben waren die INC 4 lb der Hauptauslöser für die dabei entfachen Feuerstürme. Die Angriffe mit den INC 4 lb-Bomben verursachten enorme Verluste unter der Zivilbevölkerung und ganze Teile der bombardierten Städte wurden ein Raub der Flammen. Neben Städten in Deutschland wurden auch weitere Ziele der Achsenmächte in Europa und Asien mit der INC 4 lb bombardiert. Die Bombe wurde bis zum Kriegsende eingesetzt. Bei der Royal Air Force wurde die INC 4 lb Ende der 1940er-Jahre ausgesondert.[2][3][20][21][22][23][24]
Nutzerstaaten
Literatur
- The Air Ministry: The Second World War 1939–1945 Royal Air Force - Armament Vol I: Bombs and Bombing Equipment. Vereinigtes Königreich, 1952.
- Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. Propyläen Verlag, Deutschland, 2002, ISBN 3-548-60432-3.
- Malvern Lumsden: Incendiary Weapons. Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), Schweden, 1975, ISBN 0-262-19139-3.
- Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, Deutschland, 2014, ISBN 978-3-87134-782-5.
Weblinks
- Stabbrandbombe INC 4 lb bei elohans.selfhost.co (deutsch)
- Belehrungsblatt über Beseitigung feindlicher Abwurfmunition 1943 - Britische Brand- und Sprengbomben bei michaelhiske.de (deutsch)
- British Bomb, 4 lb IB, Mk 1, Mk 1E, Mk 2, Mk 2E, Mk 3, Mk 3E bei bulletpicker.com (englisch)
- British Bomb, 4 lb IB, Mk 4, Mk 4E, Mk 5, Mk 5E bei bulletpicker.com (englisch)
- Berlin Bombenkrieg 1940-45: Bombensturm! (Part II) bei berlinluftterror.com (deutsch)
- Bomb, incendiary, aircraft, 4lb., Mk. IV bei rafmuseum.org.uk (englisch)