Ida Dehmel

deutsche Lyrikerin und Frauenrechtlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Ida Dehmel (* 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein als Ida Coblenz; † 29. September 1942 in Hamburg) war eine deutsche Kunstförderin, Gründerin künstlerischer Vereinigungen und Frauenrechtlerin. Sie war die Muse und Jugendfreundin Stefan Georges, die zweite Frau Richard Dehmels und die jüngere Schwester der Mannheimer Frauenrechtlerin Alice Bensheimer.

Ida Dehmel (vor 1916), Fotografie von Jacob Hilsdorf

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie als Jüdin ausgegrenzt und entrechtet. Der unmittelbar bevorstehenden Deportation und Ermordung entzog sie sich durch Suizid.

Leben und Werk

Ida Dehmel kam 1870 als Tochter des jüdisch-deutschen Weinhändlers Simon Zacharias Coblenz in Bingen zur Welt. Bereits in der Jugend zeigte sie großes Interesse an Literatur, Musik und Malerei. 1892 schloss sie Freundschaft mit dem Dichter Stefan George und entwickelte ein lebhaftes Interesse für Dichtung und Literatur. Zu einem Liebesverhältnis mit George kam es trotz des vertrauten Umgangs nicht.[1]

Auf Wunsch des Vaters heiratete sie 1895 den Berliner Kaufmann und Konsul Leopold Auerbach. Noch im selben Jahr wurde das einzige Kind, Heinz Lux Auerbach-Dehmel (* 26. Dezember 1895; † 6. Januar 1917) geboren.[2] Die Ehe verlief unglücklich, verschaffte Ida aber die materiellen Voraussetzungen zur Führung eines fortschrittlichen Salons in ihrer Wohnung in der Lennéstraße am Berliner Tiergarten. So war sie in der Lage, aufgrund ihrer gesellschaftlichen Beziehungen modernen Künstlern ein Publikum zu verschaffen. Unter ihnen waren etwa Edvard Munch, Conrad Ansorge und Stanisław Przybyszewski.

Im Herbst des Jahres 1895 begegnete Ida erstmals dem Lyriker Richard Dehmel und wurde wenig später seine Muse und Geliebte. Dehmel, der mit der Kinderbuchautorin Paula Dehmel verheiratet war und bereits zwei Kinder hatte, verarbeitete seine Leidenschaft für die junge Frau insbesondere in seinem vierten Gedichtband Weib und Welt (1896), der u. a. die Erzählung Die gelbe Katze sowie das Gedicht Verklärte Nacht enthält, das den Auftakt für sein episches Hauptwerk, den Romanzenroman Zwei Menschen (1903), bildete und von Arnold Schönberg später vertont wurde.

Richard Dehmel und seine Frau Ida im Nietzsche-Archiv, 1905

1901 heirateten Ida und Richard Dehmel, die sich beide von ihren Ehegatten hatten scheiden lassen, und bezogen eine kunstvoll eingerichtete Wohnung in Blankenese bei Hamburg. Das Paar bewegte sich in Künstlerkreisen in Darmstadt, Weimar und Wien, und zahlreiche Künstler kamen auf diese Weise auch nach Blankenese. Ida Dehmel besuchte überregionale Kunstereignisse und unterstützte, ermutigte und inspirierte Schriftsteller sowie bildende Künstler. Enge Verbindungen entstanden zum Dichter Alfred Mombert und zur Malerin Julie Wolfthorn, die sie mehrfach porträtierte. 1903 erschien Richard Dehmels erfolgreiches Buch Zwei Menschen, als dessen Vorbilder die Leser den Dichter und seine Frau sahen. Zwei Menschen regte mehrere Maler zu neuen Bildern an, darunter Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner. Ab 1906 engagierte sich Ida Dehmel im neu gegründeten Hamburger Frauenclub. Wie ihre Schwester Alice Bensheimer kämpfte sie für das Frauenwahlrecht.

Das Dehmel-Haus in Hamburg

1912 bezogen die Dehmels ein vom Architekten Walther Baedeker neu errichtetes Haus in Blankenese (heute Dehmel-Haus), das sie zum Gesamtkunstwerk ausgestalteten. Ida Dehmel führte eine Werkstatt für künstlerische Perlarbeiten, beteiligte sich an Ausstellungen und wurde Mitglied im Deutschen Werkbund. 1916 gründete sie zusammen mit Rosa Schapire den „Frauenbund zur Förderung Deutscher Bildender Kunst“, der Werke noch nicht anerkannter Künstler wie Franz Marc oder Oskar Kokoschka in Museen platzierte. Als Redakteurin des Organs Frau und Staat engagierte sich sie sich weiterhin für Frauenrechte. Sie schrieb Zeitungsartikel und Rezensionen. Der Erste Weltkrieg hatte einschneidende Veränderungen mit sich gebracht, da sowohl der Ehemann Richard als auch der Sohn Heinz Lux als Soldaten im Feld standen; ersterer hatte sich trotz seines fortgeschrittenen Alters freiwillig gemeldet. Über den Verlust des einzigen Sohnes, der am 6. Januar 1917 fiel, war sie untröstlich und fand durch den seelischen Beistand ihres Mannes und durch ihre Arbeit nur mühsam ins Leben zurück.

Gedenktafel am Jungfernstieg
Stolperstein in Bingen vor dem ehemaligen Wohnhaus von Ida Dehmel
Stolperstein in Blankenese in der Richard-Dehmel-Straße

Am 8. Februar 1920 erlag Richard Dehmel den Folgen einer Venenentzündung, die erstmals im Herbst 1915 aufgetreten war und einen mehrwöchigen Lazarettaufenthalt und anschließendem zweimonatigen Genesungsurlaub erforderlich gemacht hatte.[3] Nach dem Tod ihres Mannes widmete Ida Dehmel sich der Pflege seines literarischen Nachlasses. Der Verkauf des von ihr angelegten Dehmel-Archivs an die Stadt Hamburg ermöglichte es, das Dehmel-Haus als Erinnerungsort zu erhalten. Die ca. 40.000 Archivalien blieben unter ihrer Verwaltung im Haus. Ida Dehmel veranstaltete Führungen, Vorträge und Empfänge. 1926 gründete sie den Künstlerinnenverband GEDOK, der Künstlerinnen aller Sparten und Kunstförderer vereinigte, und übernahm den Vorsitz im Dachverband. Sie gehörte außerdem dem Vorstand des ersten deutschen Zonta-Clubs an.

Ab 1933 wurde Ida Dehmel als Jüdin ausgegrenzt. Sie musste ihre Ämter niederlegen und durfte nicht mehr publizieren. Viele Künstlerfreunde verließen das Land. Obwohl sie noch mehrere Seereisen unternahm, kam eine Emigration für Ida Dehmel nicht in Betracht. Stattdessen harrte sie im Dehmel-Haus aus, um den Nachlass ihres Mannes zu bewahren. Eingaben verschiedener Personen, darunter Peter Suhrkamp[4], und vor allem der Einsatz des Juristen Robert Gärtner, des Ehemannes ihrer Nichte Marianne Gärtner geb. Neumeier, verhinderten zwar zunächst ihre Enteignung und die Deportation. Doch wurde die Deportation mit dem Evakuierungsbefehl vom Mittwoch, dem 22. Oktober 1941, in Hamburg in die Wege geleitet. Angesichts des Schicksals ihrer jüdisch-deutschen Mitbürger und der zunehmend von Angst, Einsamkeit und gesundheitlicher Beeinträchtigung bestimmten Lebenssituation nahm sich Ida Dehmel am 29. September 1942 das Leben.[5]

Ehrungen

Die GEDOK, Bundesverband der Künstlerinnen und Kunstfördernden e. V., verleiht u. a. folgende Preise: Ida Dehmel-Literaturpreis und Ida Dehmel-Kunstpreis, der mit einer Ausstellung verbunden ist.[6] Sowohl in Bingen am Rhein als auch in Hamburg-Blankenese sind vor ihren Wohnsitzen Stolpersteine verlegt. In Mannheim ist eine Ringstraße nach ihr benannt. Die Stadt Hamburg hat ihr einen Frauenort gewidmet.[7]

Werke

  • Ida Dehmel: Daija. Ein biographischer Roman aus Bingen. Textausgabe und Studien. Hrsg. von François van Menxel und Hans-Joachim Hoffmann. Verlag Mathias Ess, Bingen 2025 (Schriften des Arbeitskreises Jüdisches Bingen Bd. 20). ISBN 978-3-945676-95-0.
  • Ida Dehmel: „Ich hoffe lächelnd zu sterben.“ Die Briefe an Marie und Bolko Stern 1933–1942. Hrsg. von François Van Menxel und Hans-Joachim Hoffmann. Tectum Verlag, Baden-Baden 2025. ISBN 978-3689004606.
  • Ida Dehmel: „Ihr Leben war bis zum Rand erfüllt.“ Die Familienkorrespondenz (1887–1942). Hrsg. von François van Menxel und Hans-Joachim Hoffmann. Tectum Verlag, Baden-Baden 2024, ISBN 978-3-689-00089-9.
  • Ida Dehmel: Przybyszewski wie ich ihn sah. In: Pologne Litteraire. Revue Mensuelle. Nr. 96, Warschau, 15.9.1934, S. 2.
  • Ida Dehmel (Hrsg.): Richard Dehmel: Ausgewählte Briefe. 2 Bde. Bd. 1: Aus den Jahren 1883 bis 1902, Bd. 2: Aus den Jahren 1902 bis 1920. S. Fischer Verlag, Berlin 1922/23.
  • Ida Dehmel: Richard Dehmels Blankenese. In: Almanach zur Altonaer-Blankeneser Woche 1928. Altona: Hammerich & Lesser 1928, S. 16.
  • Ida Dehmel, Ida / Richard Dehmel: Zur Erinnerung an unsern lieben Heinz Lux, 6. Januar 1917. Hamburg [1917] [Privatdruck].

Literatur

  • Therese Chromik: Ida Dehmel. Ein Leben für die Kunst. Husum Verlag, Husum 2015 (2. Aufl. 2023), ISBN 978-3-89876-783-5.
  • Jürgen Egyptien: Schwester, Huldin, Ritterin: Ida Coblenz, Gertrud Kantorowicz und Edith Landmann. Jüdische Frauen im Dienste Stefan Georges. In: Zions Töchter. Jüdische Frauen in Literatur, Kunst und Politik. Hrsg. von Andrea M. Lauritsch. LIT Verlag, Wien 2006, S. 149–184.
  • Hans-Joachim Hoffmann und François Van Menxel (Hrsg.): Die jüdische Familie Simon Zacharias Coblenz (1836–1910) aus Bingen. 2., überarb. Aufl. Verlag Mathias Ess, Bingen 2025 [2017]. (Schriften des Arbeitskreises Jüdisches Bingen Bd. 8). ISBN 978-3-945676-91-2.
  • Elisabeth Höpker-Herberg: Frau Isi: Materialien zur Biographie Ida Dehmels, beschrieben anhand einer Lebensskizze. In: The Leo Baeck Institute Year Book 12 (1967), H. 1 [Januar 1967], S. 103–134.
  • Elisabeth Höpker-Herberg: Ida Coblenz. Zeugnisse zu ihrem George-Erlebnis. In: Frauen um Stefan George. Hrsg. von Ute Oelmann und Ulrich Raulff. Wallstein Verlag, Göttingen 2010 (Castrum peregrini N.F. Bd. 3), S. 85–102.
  • Elisabeth Höpker-Herberg: Ida Dehmel. Maklerin in rebus litterarum. In: Liebe, die im Abgrund Anker wirft. Autoren und literarisches Feld im Hamburg des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Inge Stephan und Hans-Gerd Winter. Argument Verlag, Hamburg/Berlin 1990, S. 13–39.
  • Julia Ilgner: Neuromantische Medienprosa. Richard Dehmels Burleske Die gelbe Katze im publizistischen Kontext des Simplicissimus. In: Gespenstische Technologie. Technik- und Medienreflexion in neoromantischen Texten um 1900. Hrsg. von Raphael Stübe und Stefan Tetzlaff. Königshausen & Neumann, Würzburg 2025 (Film – Medium – Diskurs Bd. 125), S. 317–372.
  • Helmut Stubbe da Luz: Die Stadtmütter Ida Dehmel, Emma Ender, Margarete Treuge. Verlag des Vereins für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1994, ISBN 3-923356-55-2.
  • Carolin Vogel: „Wir leben auf dem Meer wie auf einer anderen Erde“. Nachtrag in Ida Dehmels Tagebuch einer Weltreise an Bord der »Reliance« 1936. In: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 14.04.2020, Open access.
  • Carolin Vogel: Zwei Menschen. Richard und Ida Dehmel. Texte, Bilder, Dokumente. Göttingen 2021, ISBN 978-3-8353-3727-5. (Enthält zahlreiche Briefe und Texte von Ida Dehmel.)
  • Vogel, Carolin: „Ich lebe hier als steinerner Gast.“ Ida Dehmel und das Dehmel-Haus 1933–1939. In: Blankenese im Nationalsozialismus 1933–1939. Entrechtung – Volksgemeinschaft – Diktatur. Hrsg. von Jan Kurz und Fabian Wehner. KJM Buchverlag, Hamburg 2021 (Edition Gezeiten Bd. 6), S. 134–151.
  • Carolin Vogel: Ida Dehmel. "Schwarz oder weiß, nur nit grau". Hentrich & Hentrich, Leipzig 2025 (Jüdische Miniaturen Bd. 335), ISBN 978-3-95565-718-5.
  • Jürgen Viering: „Nicht aus Eitelkeit – der Gesammterscheinung wegen“. Zur Beziehung zwischen Stefan George und Ida Coblenz. In: Euphorion 102 (2008), H. 2, S. 203–239.
  • Matthias Wegner: Aber die Liebe. Der Lebenstraum der Ida Dehmel. Claassen Verlag, München 2000, ISBN 3-546-00202-4.
  • Fabian Lorenz Winter: Die einräumende Ida. Dehmels Blankeneser Archivschrank (1912/2021). In: Wandlungen des Sammelns. Praktiken, Wissen, Anordnungen – Ein Reader. Hrsg. von Susanne Friedrich, Jana Mangold, Susanne Rau unter Mitarb. von Constanze Schaller. Transcript Verlag, Bielefeld 2024 (Edition Kulturwissenschaft, Bd. 301), S. 266–275.
Commons: Ida Dehmel – Sammlung von Bildern
Wikisource: Ida Dehmel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

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