Irma Stern

südafrikanische Künstlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Irma Stern (geb. 2. Oktober 1894 in Schweizer-Reneke, Südafrika; gest. 23. August 1966 in Kapstadt) war eine deutsch-südafrikanische Künstlerin.[1] Sie arbeitete als Malerin und auch als Bildhauerin.

Leben und Wirken

Irma Stern in Einbeck, mit Soldaten als Zuschauern (1915)
Congo (1943)

Irma Sterns Eltern waren die deutsch-jüdischen Auswanderer Samuel Stern und seine Frau Henny, geb. Fels. Ihr Vater wurde während des Burenkrieges von den Briten wegen seiner pro-burischen Gesinnung in einem Konzentrationslager interniert. Irma und ihr jüngerer Bruder Rudi wurden deshalb von ihrer Mutter nach Kapstadt gebracht. Sie kehrten von 1901 bis 1909 zurück nach Deutschland und ließen sich in Berlin nieder. In den folgenden Jahren wechselte die Familie ihren Wohnsitz mehrfach zwischen Deutschland und Südafrika: 1909–1911 Rückkehr nach Südafrika, seit Mai 1911 wieder in Deutschland. Ab 1912 besuchte Irma Stern in Berlin die Reimann’sche Kunstschule. Ab 1913 war sie gemeinsam mit ihrer Freundin Marianne Brandt an der Großherzoglich Sächsischen Kunstakademie in Weimar. Wegen des Beginns des Ersten Weltkriegs und des Ausscheidens ihres Lehrers Gari Melchers wechselte sie nach Berlin und studierte bis 1916 bei Martin Brandenburg in den von Arthur Lewin-Funcke geleiteten „Studien-Ateliers für Malerei und Plastik“.[2]

Ab 1917 pflegte sie eine Künstlerfreundschaft mit Max Pechstein. Wie er wurde sie Mitglied der Novembergruppe und beteiligte sich an deren Ausstellungen. Ihre erste Einzelausstellung hatte Stern 1919 in Berlin (Galerie Fritz Gurlitt). 1920 kehrte Stern mit ihrer Familie nach Kapstadt zurück. Sie hatte dort 1922 ihre erste Einzelausstellung. Zunächst als Künstlerin verspottet und abgetan, wurde sie ab Mitte der 1920er Jahre zunehmend anerkannt – nicht zuletzt wegen ihrer Erfolge und Ausstellungen in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich.

Im Jahre 1926 heiratete sie ihren ehemaligen Privatlehrer Johannes Prinz. Er war seit 1923 Professor für Germanistik an der Universität Kapstadt. 1934 folgte die Scheidung.

Irma Stern unternahm umfangreiche Reisen in Afrika und nach Europa. Nach 1933 wurden ihre Werke in Deutschland nicht mehr ausgestellt, bis eine große Retrospektive 1996/1997 in der Kunsthalle Bielefeld die Künstlerin und ihr Werk auch hier wieder bekannt machte. Insgesamt hatte sie mehr als 100 Ausstellungen in Südafrika und Europa.[2]

Eingang des Irma Stern Museums

Das Irma Stern Museum im Besitz des Irma Stern Trust wurde 1971 gegründet und untersteht der University of Capetown. Es befindet sich in dem Haus, in dem die Künstlerin fast vier Jahrzehnte lang lebte. Sie zog 1927 in The Firs in Rondebosch ein und lebte dort bis zu ihrem Tod. Ihr Atelier und weitere Räume geben eine Vorstellung davon, wie sie zu Irma Sterns Lebzeiten eingerichtet waren. Zu sehen sind wichtige Werke Irma Sterns sowie europäische und vor allem afrikanische Kunst aus ihrer umfangreichen Kunstsammlung. Im Obergeschoss finden Wechselausstellungen zeitgenössischer südafrikanischer Künstlerinnen und Künstler statt.

Dass Irma Stern in Südafrika heute verehrt wird, hat auch damit zu tun, dass sie ihre afrikanischen Modelle ähnlich respektvoll darstellte wie weiße. Nach ihrem Tod 1966 wurde Sterns Sammlung zum nationalen Erbe Südafrikas erklärt.

Als das Gemälde Arab Priest bei der Versteigerung in London im Frühjahr 2011 mit über 3 Millionen britischen Pfund das Doppelte des Schätzpreises erzielte und damit weit mehr als wichtige Arbeiten bekannter Avantgardekünstler aus Europa wie Kurt Schwitters, die Brücke-Maler oder ihr Freund und Förderer Max Pechstein, war das eine Sensation. Auch die Versteigerung von Arab in Black, das für 930.000 Euro einen neuen Besitzer fand, war aufsehenerregend – Irma Stern hatte das Gemälde ursprünglich verkauft, um Nelson Mandelas juristische Verteidigung mitzufinanzieren.[3]

Rezeption

Irma Stern war Gründungsmitglied der Novembergruppe, eng mit dem Brücke-Künstler Max Pechstein befreundet und wurde in den 1920er-Jahren von den wichtigsten Galerien in Berlin ausgestellt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde sie als Jüdin verfolgt und ihre expressionistischen Werke als „entartet“ diffamiert. Während Irma Stern in Südafrika als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Moderne gilt, ist sie in Deutschland heute kaum noch bekannt.

„Sterns Werk ist komplex und von einer unauflösbaren historischen Ambivalenz geprägt:“[1] Während sie sich als Frau in einem männerdominierten Kunstbetrieb behaupten musste und als Jüdin Ausgrenzung und Antisemitismus erlebte, profitierte sie in Südafrika als weiße Künstlerin von den kolonialistisch-rassistischen Gesellschaftsstrukturen des Apartheidsystems und „inszenierte sich als Kennerin“ Schwarzer Kulturen. Das Berliner Brücke-Museum thematisierte in der Ausstellung Irma Stern. Eine Künstlerin der Moderne zwischen Berlin und Kapstadt (2025) die Ambivalenz dieser Verschränkungen im Diskurs der deutsche Geschichte.[1]

Werke

Zu den wichtigsten Werken Irma Sterns gehören:[4]

  • Das ewige Kind, 1916, Öl auf Hartfaserplatte
  • Umgababa, 1922, Öl auf Leinwand
  • Still Life with Mask, 1933, Öl auf Leinwand auf Hartfaserplatte
  • Young Malay Maiden with Black Hair, 1938, Öl auf Leinwand
  • Malay Bride, 1942, Öl auf Leinwand
  • Watussi Queen, 1943, Öl auf Leinwand
  • The Golden Shawl, 1945, Öl auf Leinwand
  • Zanzibar boy, 1945, Öl auf Leinwand
  • Dienstmädchen in Uniform, 1955, Öl auf Leinwand

Ausstellungen

Irma Stern nahm in den 1920er Jahren an zahlreichen Ausstellungen teil, u. a. in Berlin, Breslau, Brüssel, London, Amsterdam, Paris und Wien und nach dem Krieg bei den Biennalen in Venedig (1948, 1950, 1958) und Sao Paulo (1957). Wichtige Einzelausstellungen sind u. a.:

  • Erste Einzelausstellung in der Galerie Fritz Gurlitt, Berlin, 1919
  • An Exhibition of Modern Art by Irma Stern, Ashbeys Gallery, Kapstadt, erste Einzelausstellung in Südafrika, 1922
  • Retrospektive in der Kunsthalle Bielefeld, 1996/1997
  • Irma Stern. Eine Künstlerin der Moderne zwischen Berlin und Kapstadt, Brücke-Museum, Berlin, 13. Juli bis 2. November 2025

Sammlungen

Werke von Irma Stern befinden sich in Südafrika in jedem größeren Kunstmuseum.

Bedeutende Werke Irma Sterns zeigen folgende Kunstsammlungen:

Literatur

(chronologisch sortiert)

  • Max Osborn: Irma Stern. Mit einem Auszug aus dem „Tagebuch einer Malerin“. Klinkhardt & Biermann, Leipzig 1927 (= Junge Kunst, 51)
  • Neville Dubow: Irma Stern. Cape Town 1974, ISBN 0869775707.
  • Neville Dubow: Paradise, the Journal and Letters (1917–1933) of Irma Stern. Edited with a Commentary. Chameleon Press, Diep River 1991, ISBN 1-874812-08-X.
  • Karel Schoeman: Irma Stern: The Early Years (1894–1933). Cape Town 1994, ISBN 0-86968-112-5.
  • Marion Arnold: Irma Stern: A Feast for the Eye. 1995, ISBN 0-620-19014-0
  • Stern, Irma. In: The Dictionary of Art, Band 29, 1996, S. 641.
  • Irma Stern und der Expressionismus. Afrika und Europa. Bilder und Zeichnungen bis 1945. Irene Below, Jutta Hülsewig-Johnen, Ausstellungskatalog, Kunsthalle Bielefeld. Kerber Verlag, 1996.
  • Irene Below: Stern, Irma. In: Delia Gaze (Hrsg.): Dictionary of Women Artists. Fitzroy Dearborn, London/Chicago 1997, S. 1318–1322.
  • Irene Below: Irma Stern (1894 - 1966): Afrika mit den Augen einer weißen Malerin; moderne Kunst zwischen Europa und Afrika - Zentrum und Peripherie und die Debatte um moderne Kunst in nicht-westlichen Ländern. In: Kritische Berichte. 25 (1997), 3, S. 42–68.
  • Irene Below: Hidden treasures, Irma Stern. Society of Bibliophiles in Cape Town, 2000, ISBN 0-620-26727-5.
  • Mona Berman: Remembering Irma: Irma Stern: A Memoir with Letters. 2003, ISBN 1-919930-27-2.
  • Helene Smuts: At home with Irma Stern: A guidebook to the UCT Irma Stern Museum. Cape Town 2004, ISBN 978-0-620-39702-5.
  • Susanne Gerhard: Stern, Irma. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 106, De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-023272-1, S. 162 f.
  • Sean O’Toole: Irma Stern. Afrikanerin in Europa, Europäerin in Afrika. Prestel Verlag, München 2020, ISBN 1-350-18749-6.
  • Lisa Hörstmann, Lisa Marei Schmidt (Hrsg.): Irma Stern : Eine Künstlerin der Moderne zwischen Berlin und Kapstadt. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2025, ISBN 978-3-7774-4529-8.

Irma Stern und ihre Werke spielen eine wichtige Rolle im Roman Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte von Jonas Jonasson.

Einzelnachweise

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