Jacques Muyal
marokkanischer Musikproduzent
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Leben und Wirken
Muyal wuchs in Tanger auf, seine Kindheit und Jugend ist auch von der Geschichte der Stadt und deren Entwicklung von einer spanischsprachigen Internationalen Zone (1923–1959) zu einer postkolonialen Stadt und einem Knotenpunkt der marokkanischen Kultur geprägt. Anfang 1955 entdeckte er den Jazz, als er auf dem Kurzwellenradio der Familie Voice of America und Willis Conovers Sendung Jazz Hour mit ihrem Titelsong – Duke Ellingtons „Take the "A" Train“ hörte.[5] Muyal besuchte die Grundschule während der Blütezeit der Internationalen Zone. Schon als kleiner Junge nahmen ihn seine Eltern mit ins Teatro Cervantes, um berühmte Künstler wie den kubanischen Bolerista Antonio Machín, den argentinischen Crooner Carlos Gardel und den mexikanischen Sänger Jorge Negrete zu sehen. Als Schüler des Lycée Regnault verbrachte er Zeit im dänischen Club Safari, dem bekanntesten Jazzclub der Internationalen Zone. Dort lernte er Robert „Juice“ Wilson kennen, einen in Missouri geborenen Saxophonisten und Geiger, der sich 1936 in Tanger niedergelassen hatte.[6][5]
Muyals Leidenschaft für Musik und seine Zweisprachigkeit führten dazu, dass er 1955 von der Voice of America engagiert wurde, die seit dem Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Gesandtschaft ihren Sitz hatte. Muyal wurde eingestellt, um spanische Übersetzungen der „Jazz Hour“ anzufertigen, die anschließend auf VOA Spanish ausgestrahlt wurden; seine erste Übersetzung war eine Übertragung des Newport Jazz Festivals von 1955. Als das US-Außenministerium 1956 sein Jazzdiplomatie-Programm Jazz Ambassadors ins Leben rief, war Tanger eine der regelmäßigen Stationen der „Jambassadors“. Als der Flötist Herbie Mann im März 1959 zusammen mit Carlos „Patato“ Valdes und José Mangual in Tanger auftrat, wurde Muyal mit der Moderation ihres Konzerts im Cinema Alhambra beauftragt. Er veröffentlichte eine Rezension des Konzerts in der Tangier Times und stellte den Lesern den „Afro-Kubanischen Jazz“ vor.[5]
In Tanger entbrannten die gegensätzlichen politischen Ansichten in Kämpfen um die Kontrolle von Radio Tanger International (RTI) zwischen den Franzosen und den Amerikanern. 1956 geriet André Francis, Leiter des Jazzprogramms bei RTI, immer wieder mit dem amerikanischen Senderchef („Mr. Southworth“) aneinander. Eines Tages rief er Muyal an, um ihm mitzuteilen, dass er nach Frankreich zurückkehren würde, und bot ihm seine Sendung an. Schon bald moderierte der 15-Jährige jeden Freitagabend seine eigene Sendung „Le Club de Jazz“ und wurde auch im Jazz Magazine erwähnt. Kurz darauf kam der französische Promoter Marcel Romano – der Miles Davis für die Aufnahme des Soundtracks zu Louis Malles Film Fahrstuhl zum Schafott (1958) engagiert hatte – nach Tanger und wurde Mentor des jungen DJ. Muyal schrieb später den spanischen Text für den Song „No Hay Problema“ (gespielt von Art Blakey) für den Film Gefährliche Liebschaften (1959).[5]
Ende des Jahrzehnts lernte Muyal den Trompeter Idrees Sulieman, den Pianisten Oscar Dennard, den Bassisten Jamil Nasser und den Schlagzeuger Buster Smith kennen; die Musiker waren nach Tanger gekommen, auf der Suche nach Auftritten und musikalischer Inspiration, aber auch aus religiösen Gründen. Muyal buchte die Musiker für drei Monate im Casino de Tanger, wo sie als „4 American Jazzmen in Tangier“ auftraten. Zuvor lud er sie jedoch ins Studio von Radio Tanger ein, wo er spontan eine Session aufnahm. Als Dennard kurz darauf in Kairo starb, hinterließ er keine Aufnahmen unter eigenem Namen – bis auf die spontane Session bei Radio Tanger. Diese Aufnahme veröffentlichte Muyal 1989, nachdem er Anfang der 1970er-Jahre auf das Band stieß und Kassettenkopien an einige seiner amerikanischen Freunde geschickt hatte – Cedar Walton, Billy Higgins, McCoy Tyner.[5]
Nach dem Abitur zog Muyal zum Studium nach Paris, wo er nebenbei als Jazzveranstalter arbeitete. Daraufhin zog er nach Genf, wo er an de École Polytechnique Lausanne einen Abschluss in Tontechnik erwarb. Muyal begann regelmäßig nach Nordamerika zu reisen. In den USA fand er in Norman Granz, dem Gründer von Verve Records, einen Mentor. Mitte der 1970er-Jahre, mit dem Aufstieg der Fania All-Stars, wurde er zu einer wichtigen Verbindung zwischen Europa und der Welt des Latin Jazz und produzierte später Dokumentarfilme für das spanische Fernsehen über den Saxophonisten Paquito D’Rivera und die Musikszene in Havanna. Zu seinen Produktionen gehört das Bossa-Nova-Album Kenny Barron and the Brazilian Knights, aufgenommen 2012 in Rio de Janeiro.[5]
Auf Labels wie Groovin' High, Verve, EmArcy, Storyville und TCB Records erschienen von Muyal produzierte Alben von Ed Cherry, Claudio Roditi, Roberta Gambarini, Roy Hargrove, Gary Smulyan, Oscar Peterson, Tommy Flanagan/Hank Jones (Live in Marciac 1993) und Jon Faddis, schließlich 2019 das Duoalbum Live - The Art of Piano Duo von Kenny Barron und Mulgrew Miller. Muyal war auch Co-Produzent des Albums Paris 1969 von Thelonious Monk. Zu seinen letzten Produktionen zählen ein Album von Dizzy Gillespie, mit dem er eng befreundet war (At Montreux July 16, 1975) und von Phil Woods (Bird with Strings ... And More!).
2017 erschien das Album The 4 American Jazzmen in Tangier, das auf Aufnahmen basiert, die er 1959 in Marokko machte,[5][7] ebenso die Schweizer Fernsehdokumentation Jazz: The Only Way of Life von Jacques Matthey, in der Muyal im Mittelpunkt steht.[8] Anlässlich des 100. Geburtstags von Dizzy Gillespie wurde im damaligen Kennedy Center in Washington D.C. ein 90-minütiger Film über den verstorbenen Trompeter präsentiert, der aus bisher unveröffentlichtem Privatmaterial Muyals zusammengestellt wurde.[5] Muyal lebte zuletzt im schweizerischen Nyon.[4]
Diskographische Hinweise
- Oscar Dennard. The Legendary (Somethin’ Else, 1989)
- Idress Sulieman Quartet featuring Oscar Dennard 4 American Jazzmen in Tangier (2Sunnyside, 2017)
Weblinks
- Antoine Hürlimann: L'ami Nyonnais des plus grands noms du jazz fait l'objet d'un documentaire. In: 24 Heures. 21. April 2017, abgerufen am 17. Januar 2026 (französisch).
- Jacques Muyal bei IMDb
- Jacques Muyal bei Discogs