Jan Gruter
Schriftsteller und Polyhistor
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Jan Gruter (latinisiert Janus Gruterus, eigentlich Jan de Gruytere; * 3. Dezember 1560 in Antwerpen; † 10. oder 20. September 1627 auf dem Bierhelderhof bei Heidelberg) war ein Renaissance-Humanist, Epigraphiker, Schriftsteller, Universalgelehrter und Bibliothekar.


Leben
Janus Gruter war ein Sohn des Antwerpener Kaufmanns und Bürgermeisters Walter (Wouter) de Gruutere († 1588 in Danzig) und der Catherine Tishem (Thysmayer) († 1595) aus Norwich. Gruters Familie floh während des niederländischen Befreiungskrieges nach Großbritannien. Dort studierte Gruter ab 1577 an der University of Cambridge Jura. Noch im selben Jahr folgte er seinen Eltern zurück in die Heimat und wechselte er an die Universität Leiden, wo er unter anderem Schüler bei Hugo Donellus und Justus Lipsius wurde. 1584 schloss Gruter sein Studium mit der Promotion zum Dr. iur. ab. Auf das Studium folgte eine Art Kavalierstour, welche Gruter in fast fünf Jahren an viele Universitäten in Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz führten. An der Universität Rostock fand diese akademische Wanderschaft ein vorläufiges Ende.[1] Hier hielt er ab 1586 historische Vorlesungen und verkehrte auch in Danzig.
Über ein Sondervotum gelangte der damals in Gelehrtenkreisen anerkannte Philologe Gruter 1590 an die Universität Wittenberg. Hier trat er die Nachfolge von Andreas Franckenberger als Professor für Geschichte an. In Wittenberg verfasste Gruter 1591 sein erstes bedeutendes Werk „Suspicionum libri IX“, das eine Sammlung textkritischer Bemerkungen zu verschiedenen lateinischen Autoren wie Plautus, Seneca und Apuleius war. Nach dem Tod des Kurfürsten Christian I. von Sachsen wurde die sächsische Kirchenordnung von 1580 außer Kraft gesetzt und die Mitglieder der Wittenberger Universität mussten ihre Zustimmung zur Konkordienformel in einem Revers (Recht) niederlegen. Wie fast die Hälfte der Lehrkräfte an der philosophischen Fakultät wollte Gruter diese nicht unterschreiben, da er sie als Vertreter eines gemäßigten Humanismus aus Gewissensgründen nicht akzeptierte, und musste die Universität verlassen.
Gruter ging Anfang Mai 1592 nach Heidelberg und wurde im Februar des Folgejahres durch Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz als Professor für Geschichte an die Universität Heidelberg berufen, trotz Widerständen gegen diese Personalentscheidung in der Universität selber. Hier fand Gruter sich im Kreis junger Wissenschaftler und Schriftsteller mit Martin Opitz, Georg Michael Lingelsheim, Caspar von Barth und Julius Wilhelm Zincgref wieder. Ab 1603 leitete er als Nachfolger von Paul Melissus die Heidelberger Bibliotheca Palatina. Mit Hilfe dieses Literaturbestandes und seines Gelehrtennetzwerkes konnte er in Zusammenarbeit mit Markus Welser und Joseph Justus Scaliger auch eine umfassende Sammlung aller damals bekannten römischen Inschriften veröffentlichen.
Als sich nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges die katholischen Truppen Mitte 1621 Heidelberg zu nähern begannen, wich Gruter erst nach Bretten zu seinem Schwiegersohn Oswald Smend, dann nach Tübingen aus.[2] Bei diesen Wohnortwechseln wurde seine Privatbibliothek auf verschiedene Standorte verteilt und der in Heidelberg verbliebene Hauptteil wurde durch unsachgemäße Lagerung sowie Diebstahl reduziert. Die Forschung geht davon aus, dass nach der Eroberung Heidelbergs 1622 durch Johann T’Serclaes von Tilly wesentliche Teile seines Bücherbestandes im Auftrag des päpstlichen Gesandten Leone Allacci zusammen mit der Bibliotheca Palatina nach Rom abtransportiert und dort in die Vatikanische Apostolische Bibliothek eingegliedert wurden.[3]
1624 kehrte er nach Bretten zurück und zog zwei Jahre später mit seinem Schwiegersohn auf dessen neu gekauften Wohnsitz, den Bierhelderhof bei Heidelberg. Dort starb Gruter im Folgejahr, 1627, und wurde in der Peterskirche bestattet.[4]
Gruter war viermal verheiratet und verlor Frauen und Kinder durch die Pest und andere Krankheiten: Seine erste Frau Johanna, Tochter des Henrich Smet, die er am 15. Juli 1592 kurz nach seiner Ankunft in Heidelberg geheirat hatte, starb am 10. März 1594 im Kindbett. Wohl im Folgejahr 1595 heiratete Gruter eine Tochter des Jacobus Kimedoncius, die 1599 verstarb. Die dritte Ehe schloss er am 10. Mai 1601; die Gattin Katharina Stöckle starb am 10. August 1607 durch einen Fenstersturz unklarer Ursache; die wohl zwei Kinder dieser Ehe kamen früh ums Leben. Vermutlich im Mai 1612 vermählte sich Gruter mit einer Angehörigen der Familie van den Corput, die jedoch am 20. September desselben Jahres bereits verstorben war. In den Sammlungen der Vatikanischen Bibliothek in Rom findet sich das Epithalamium (Hochzeitsgedicht) „Clarissimo juris utriusque Doctori Domino Jano Grutero Sponso“ von Anton Praetorius für Jan Gruter anlässlich dessen Hochzeit mit seiner dritten Frau Katharina Stöckle aus Speyer.
Werke
Gruter veröffentlichte unter anderem Sammelbände von Werken europäischer Dichter und Sprichwörter, eine Weltgeschichte und eine Inschriftensammlung. Diverse Texte antiker Autoren edierte und kommentierte er. Zudem betätigte er sich selbst poetisch, veröffentlichte eigene Gedichtbände und soll Balthasar Venator zufolge 500 niederländische Sonette geschrieben haben. Gruter verwendete bei seinen Veröffentlichungen gelegentlich das anagrammatische Pseudonym Ranutius Gherus.
Gruters Werke finden sich in allen bedeutenden Bibliotheken. Die Kataloge der British Library in London verzeichnen 73 und der Bibliothèque nationale de France 80 seiner Werke. Im aktuellen online-Katalog des VD 17 finden sich 117 Titel.
Schriften
- Suspicionum libri IX. Wittenberg 1591. – Erläuterungen und Emendationen zu verschiedenen Textstellen unterschiedlicher antiker Schriftsteller
- als Herausgeber: Lampas sive fax artium, hoc est thesaurus criticus, quem ex otiosa bibliothecarum custodia eruit. 6 Bände, Frankfurt 1602–1612. – Sammlung verschiedener Abhandlungen zeitgenössischer Gelehrter; ein siebenter Band wurde 1634 durch J. Ph. Pareus herausgegeben
- Discursus politici in C. Cornelium Tacitum. Heidelberg 1604. – Sachkommentar zu verschiedenen Stellen aus dem Werk des Tacitus
- Inscriptiones antiquae totius orbis Romani, in corpus absolutißimum redactae. Heidelberg 1602–1603 (Digitalisat); 2. Auflage 1616 (Digitalisat). – Sammlung antiker Inschriften
- unter dem Pseudonym Ranutius Gherus: Deliciae portarum Gallorum, Italorum, Belgicorum etc. Frankfurt 1603–1612. – Sammlung neulateinischer Dichtung
- Florilegium ethico-politicum – accedunt gnomae paroemiaeque Graecorum, item proverbia Germanica, Italica, Belgica, Gallica, Hispanica. Frankfurt am Main 1610. – Sammlung von Sprichwörtern und Denksprüchen aus verschiedenen Sprachen
- unter dem Pseudonym Johannes Gualterius: Chronicon chronicorum ecclestastico-politicum. 4 Bände, Frankfurt am Main 1614. – Zusammenstellung wichtiger Ereignisse der politischen und Kirchengeschichte
- Florilegium Magnum seu Polyanthea. Band 2, Argentorati 1624. – Fortsetzung des Florilegium ethico-politicum von 1610
- Bibliotheca exulum seu enchiridion divinae humanaeque prudentiae. Frankfurt am Main 1625. – Alphabetisch nach Stichworten geordnete Sammlung von Spruchversen
Editionen
- Wilhelm Kühlmann, Volker Hartmann, Susann El Kholi (Hrsg.): Die deutschen Humanisten. Abteilung 1: Die Kurpfalz. Band I/2: Janus Gruter. Brepols, Turnhout 2005, ISBN 2-503-52017-0 (Sammlung von Texten zur schriftstellerischen und editorischen Tätigkeit Gruters im Rahmen der Rezeption antiker und mittelalterlicher Literatur; Kurzbiographie Gruters auf S. 531–532)
Literatur
- Conrad Bursian: Gruter, Jan. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 10, Duncker & Humblot, Leipzig 1879, S. 68–71.
- Peter Fuchs: Gruter, Jan. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 7. Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 238–240 (deutsche-biographie.de).
- Leonard Forster: Janus Gruter’s English years. Studies in the continuity of Dutch literature in exile in Elizabethan England (= Publications of the Sir Thomas Browne Institute. Special series, 3). University Press, Leiden 1967.
- Gottfried Smend: Jan Gruter. Sein Leben und Wirken. Ein Niederländer auf deutschen Hochschulen, letzter Bibliothekar der alten Palatina zu Heidelberg. Bonner Universitäts-Buchdruckerei, Bonn 1939.
- Heinz Kathe: Die Wittenberger Philosophische Fakultät 1502–1817 (= Mitteldeutsche Forschungen. Band 117). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2002, ISBN 3-412-04402-4.