Jan Miel
flämischer Maler
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Jan Miel, auch Bicke; Bike; Miele; Milo u. a. (* um 1599 in Beveren-Waas bei Antwerpen; † April 1664 in Turin), war ein flämischer Maler, Zeichner und Kupferstecher des 17. Jahrhunderts, der den größten Teil seiner künstlerischen Laufbahn in Italien verbrachte. Er gilt als eine der zentralen Persönlichkeiten der Bamboccianti, einer Gruppe niederländischer und flämischer Genremaler, die im Rom des 17. Jahrhunderts Szenen aus dem Alltag der einfachen Bevölkerung darstellten. Im Verlauf seiner Karriere wandte er sich zunehmend der klassizistischen Historienmalerei zu und wurde schließlich Hofmaler von Herzog Karl Emanuel II. von Savoyen in Turin.[1]

Leben
Über Miels Ausbildung ist nur wenig Gesichertes überliefert. Als Geburtsort wird überwiegend Beveren-Waas im Gebiet von Antwerpen angenommen; in älteren Quellen wird gelegentlich auch Antwerpen selbst oder vereinzelt ’s-Hertogenbosch genannt. In der kunsthistorischen Literatur wurde der Antwerpener Maler Gerard Seghers als möglicher Lehrmeister vermutet. Der römische Biograf Giovanni Battista Passeri berichtete in seiner 1772 veröffentlichten Künstlerbiografie Vite de’ pittori, scultori ed architetti,[2] Jan Miel habe bei Anthonis van Dyck gearbeitet; ob dies in Flandern oder in Italien geschah, blieb jedoch unklar. Ein unabhängiger Beleg für diese Angabe ist bislang nicht nachgewiesen.[3]
Spätestens Mitte der 1630er Jahre hielt sich Jan Miel in Rom auf; 1636 ist er dort erstmals urkundlich belegt. Er blieb bis 1658 in der Stadt und schloss sich der Gemeinschaft der Bentvueghels an, einer Vereinigung niederländischer und flämischer Künstler in Rom. Innerhalb dieser Gruppe führte er die Bentnamen „Honingh-bie“ oder „Mielo“.[4] Für seine frühe Entwicklung war die Freundschaft mit Pieter van Laer (Bentname: Bamboccio) von entscheidender Bedeutung. Dessen Einfluss zeigt sich besonders in Miels frühen römischen Genrebildern mit Darstellungen des alltäglichen Lebens: Straßenhändler, Bettler, Tavernenbesucher, Karnevalsszenen und bäuerliche Gesellschaften.[3]
In den 1640er Jahren begann Miel, seinen Stil zu erweitern und größere Kompositionen zu entwickeln, in denen die erzählerischen Aspekte des städtischen Lebens stärker ausgearbeitet wurden. Um 1641–1643 arbeitete er gemeinsam mit Andrea Sacchi an der Ausstattung des Palazzo Barberini. Diese Zusammenarbeit trug zur Hinwendung Miels zu einem stärker klassizistischen Stil bei. 1648 wurde Miel als einer der wenigen nordeuropäischen Künstler in die Accademia di San Luca aufgenommen. Seit dem 9. Januar 1650 war er Mitglied der Congregazione dei Virtuosi al Pantheon, deren Regent er 1654 wurde. Weitere Mitgliedschaften verbanden ihn mit der römischen Künstler- und Pilgergemeinschaft, darunter die Confraternita di Santa Maria in Campo Santo Teutonico und die Confraternita di San Giuliano dei Fiamminghi.[3]
Zwischen 1646 und 1656 schuf Miel mehrere Altarbilder für römische Kirchen. 1656 erhielt er von Papst Alexander VII. den Auftrag für eine großformatige Darstellung des Durchzugs der Israeliten durch das Rote Meer, die sich heute in der Galerie des Palazzo del Quirinale befindet. Im Jahr 1657 wurde er mit Restaurierungsarbeiten in der Cappella Paolina im Vatikan betraut. Im Oktober 1658 verließ Jan Miel Rom und ließ sich in Turin nieder. Dort wurde er zum Hofmaler von Herzog Karl Emanuel II. von Savoyen ernannt. Für den savoyischen Hof schuf er umfangreiche Dekorationen im Palazzo Reale sowie zahlreiche Gemälde und Fresken für die Sala di Diana im herzoglichen Jagdschloss Venaria Reale. Für seine Dienste erhielt er den Verdienstorden der Heiligen Mauritius und Lazarus und führte fortan den Titel „Cavaliere“.[3]
Am 5. Dezember 1663 besuchten ihn die niederländischen Reisenden Willem Schellinks und Jacques Thierry in Turin. Schellinks vermerkte in seinem Reisetagebuch, der Herzog habe Miel das Ritterkreuz verliehen. Jan Miel starb im April 1664 in Turin und wurde in der Kathedrale der Stadt beigesetzt.[3]
Werk
Das künstlerische Schaffen Miels lässt sich in drei Hauptphasen gliedern, die eng mit seiner biografischen Entwicklung verbunden sind.
Frühe römische Phase
In den 1630er und frühen 1640er Jahren arbeitete Miel im Umfeld der Bamboccianti. Seine Gemälde zeigen Szenen des römischen Alltagslebens: Marktplätze, Tavernen, Karnevalsfeiern und bäuerliche Gesellschaften. Dabei orientierte er sich an Pieter van Laer, entwickelte jedoch eine besonders erzählerische und figurenreiche Bildgestaltung. Zeitgenössische Autoren wie Filippo Baldinucci lobten seine Fähigkeit, Gruppen von Bettlern, Müßiggängern und einfachen Leuten mit prägnanter Physiognomie und lebendiger Gestik darzustellen. Zu den charakteristischen Werken dieser Phase gehören etwa Fröhliche Gesellschaft vor einer Trattoria (Staatliches Museum Schwerin) sowie mehrere Karnevalsdarstellungen, darunter Karneval in Rom (1653, Museo Nacional del Prado, Madrid). Eine besondere Rolle spielen in seinem Werk Darstellungen der Commedia dell’arte. In Gemälden wie Der Quacksalber (Eremitage, Sankt Petersburg) treten Figuren wie Il Dottore oder Zanni auf, wodurch das Genre eine ausgeprägt theatralische Dimension erhält.[3]
Klassizistische Phase in Rom

In den 1640er und 1650er Jahren wandte sich Miel zunehmend der religiösen Historienmalerei zu und orientierte sich stärker am römischen Klassizismus. In dieser Zeit entstanden mehrere Freskenzyklen für römische Kirchen. In San Lorenzo in Lucina malte er zwei Szenen aus der Legende des heiligen Antonius von Padua, in Santa Maria dell’Anima Szenen aus der Legende des heiligen Lambert. Zu seinen bedeutenden Altarwerken zählt die Madonna mit Kind und Heiligen (1651) für den Hochaltar des Duomo di Santa Maria della Scala in Chieri. Die monumentale Darstellung des Durchzugs durch das Rote Meer im Palazzo del Quirinale gehört ebenfalls zu den Hauptwerken dieser Phase.[3]
Turiner Phase
Nach seiner Übersiedlung nach Turin im Jahr 1658 arbeitete Miel hauptsächlich im Dienst des savoyischen Hofes. Sein Werk konzentrierte sich nun auf repräsentative Historien- und Jagddarstellungen. Für das Jagdschloss Venaria Reale schuf er umfangreiche Dekorationen mit großformatigen Jagdszenen auf Leinwand und als Fresko. Diese späten Werke orientieren sich stärker an den klassischen Vorbildern der italienischen Malerei, insbesondere an Raffael und Annibale Carracci, deren Kompositionen Jan Miel intensiv studiert hatte. Stilistisch bilden sie einen deutlichen Kontrast zu seinen frühen Bamboccianti-Bildern. Ein charakteristisches Element von Miels Tätigkeit war seine Arbeit als Staffagefigurenmaler. Er ergänzte wiederholt Architektur- und Landschaftsdarstellungen anderer Maler mit Figurengruppen. Besonders häufig arbeitete er mit Viviano Codazzi, Alessandro Salucci, Gaspard Dughet und Angeluccio zusammen. Die Zusammenarbeit mit Alessandro Salucci dauerte etwa von 1635 bis zu Miels Weggang aus Rom im Jahr 1658. Das einzige sicher datierte gemeinsame Werk ist der Imaginäre Seehafen (1656, Cincinnati Art Museum). Ältere Quellen erwähnen zudem Staffierungen in Landschaften von Claude Lorrain, deren Zuschreibungen jedoch nicht in allen Fällen gesichert sind.[3]
Neben seiner Tätigkeit als Maler arbeitete Miel auch als Kupferstecher. Er entwarf unter anderem Titelblätter für literarische Werke wie La Poverta Contenta von Daniello Bartoli (Rom 1650) und De Bello Belgico von Famiano Strada (Rom 1647).[1]
Werke Jan Miels befinden sich heute in zahlreichen internationalen Sammlungen, darunter im Louvre in Paris, im Metropolitan Museum of Art in New York, in der Eremitage in Sankt Petersburg, im Museo del Prado in Madrid, in den Uffizien in Florenz, im Fitzwilliam Museum in Cambridge sowie im Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Zeichnungen Jan Miels werden unter anderem im Rijksmuseum in Amsterdam, im Städel Museum in Frankfurt am Main und in der National Gallery of Scotland in Edinburgh aufbewahrt.[3]
Literatur
- Didier Bodart, Les peintres des Pays-Bas méridionaux et de la principauté de Liège à Rome au XVIIe siècle, Institut historique belge de Rome, Bruxelles/Rome 1970.
- Emmanuel Bénézit, Dictionary of Artists, Band 9: Maele – Müller, Éditions Gründ, Paris 2006.
- Giuliano Briganti, Ludovica Trezzani, Laura Laureati, I Bamboccianti. Pittori della vita quotidiana a Roma nel Seicento, Ugo Bozzi Editore, Rom 1983.
- Godefridus Joannes Hoogewerff, De Bentvueghels. Historisch overzicht van de schildersbent te Rome, Martinus Nijhoff, Den Haag 1952.
- Thomas Kren, Jan Miel (1599–1664). A Flemish Painter in Rome, UMI Research Press, Ann Arbor 1982.
- Bert W. Meijer, Repertory of Dutch and Flemish Paintings in Italian Public Collections, Band 3, Centro Di, Florenz 2011.
- Ulrich Thieme, Felix Becker (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Band 24, E. A. Seemann, Leipzig 1930.
- I Bamboccianti. Niederländische Malerrebellen im Rom des Barock, Ausstellungskatalog Wallraf-Richartz-Museum Köln / Centraal Museum Utrecht, Electa, Mailand 1991.
- Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, De Gruyter, 2009.