Josef Joffe
deutscher Journalist
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Leben
Jugend und Studium
Josef Joffe wurde während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg in einem Bunker in Łódź geboren,[2] in dem sich seine Eltern, der Kaufmann Fajfusz Joffé und seine Frau Bluma, geb. Gluk, versteckt hielten. Diese waren Juweliere jüdischen Glaubens und zogen nach Kriegsende in das von den Briten besetzte Berlin-Charlottenburg, wo sie ein Fachgeschäft für Uhren und Edelmetallankauf betrieben. Nach seiner Schulzeit in West-Berlin studierte Joffe in den USA und erlangte 1967 an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University den Master of Arts in International Studies und 1975 den Ph.D. (Doktorgrad) in Politologie an der Harvard University.[3] Von 1965 bis 1966 belegte er zudem Vorlesungen in Europäischen Studien am College of Europe in Brügge.[4]
Berufliche Laufbahn
Seine journalistische Laufbahn begann Joffe 1976 bei der Wochenzeitung Die Zeit in Hamburg, zunächst als politischer Redakteur, dann als Chef des Ressorts Dossier. Von 1985 bis 2000 war er Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung in München. Im April 2000 wurde er neben Helmut Schmidt Herausgeber der Zeit. Im Januar 2001 wurde Michael Naumann ebenfalls Zeit-Herausgeber, und von 2001 bis 2004 war Joffe gemeinsam mit ihm auch Chefredakteur des Blattes.[1]
Auch im Ausland erschienen Beiträge Joffes in namhaften Publikationen: New York Review of Books, New York Times Book Review, Times Literary Supplement, Commentary, New York Times Magazine, New Republic und Weekly Standard in den USA sowie Prospect (London) und Commentaire (Paris). Er war regelmäßiger Autor im Wall Street Journal, der New York Times und der Washington Post und in den Magazinen Time und Newsweek.[5]
Mit der Redaktionsleitung des Zeit-Dossiers und in seiner späteren Position als Herausgeber war Joffe lange nicht auf ein bestimmtes Themenfeld festgelegt. Ein Schwerpunkt seiner Publikationen lag jedoch auf außenpolitischen Themen, etwa auf dem Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland und Europas zu den USA und Israel.[6] In Zeit-Beilagen veröffentlichte er zudem Automobilkolumnen, und zusammen mit seiner Ehefrau übersetzte er Art Spiegelmans Comic Maus – Die Geschichte eines Überlebenden ins Deutsche.[7]
Joffe galt bei Beginn des Irak-Krieges als Befürworter[8][9] der US-amerikanischen Politik und Kritiker der Position der deutschen Bundesregierung. Angesichts möglicher Bedrohungen durch den Iran änderte er diese Position jedoch und hielt den Irakkrieg für einen strategischen Fehler insbesondere der USA.[10] Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 bezeichnete er Kritiker der amerikanischen Außenpolitik als „Russlandversteher“ und warf ihnen Verharmlosung, Zweckoptimismus und Hilflosigkeit vor.[11]
Seine Herausgeberschaft bei der Wochenzeitung Die Zeit ruhte bereits seit Mai 2022, ehe er im März 2023 ganz aus dieser Funktion ausschied. Laut Recherchen des Magazins Der Spiegel hatte Joffe im Januar 2017 den mit ihm befreundeten und mutmaßlich in den Cum-Ex-Skandal verwickelten Bankier Max M. Warburg Jr. vor Recherchen seiner Zeitung gewarnt. Joffe wies zwar Kritik Warburgs an der Cum-Ex-Berichterstattung der Zeit zurück, räumte jedoch ein, er habe sich für ihn um „Schadensbegrenzung“ bemüht. Seiner Intervention sei es zu verdanken gewesen, dass der Zeit-Artikel zu dem Thema aufgeschoben worden sei und die Bank die Gelegenheit erhalten habe, Widerrede zu leisten.[12][13] Nach Beendigung seiner Herausgebertätigkeit[14][15] war Joffe noch weiterhin Autor von Zeit online.[16]
Als Dozent für internationale Politik lehrte Joffe zeitweise in München, an der Johns-Hopkins-Universität, in Harvard und an der Stanford-Universität.[5]
Mitgliedschaften

Joffe war und ist in zahlreichen Organisationen, Kuratorien und Gremien engagiert, so beim Deutschen Museum in München, dem Aspen Institute Berlin, der Jacobs University Bremen, der Atlantik-Brücke (bis 2008), der Hoover Institution und der American Academy in Berlin. Als Verfechter der Wiederherstellung des traditionsreichen deutschen Reformjudentums war er unter anderem Kuratoriumsvorsitzender des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam.[17] Zudem war er Mitglied des Verwaltungsrates des Leo Baeck Instituts New York, bei der Ben-Gurion-Universität im Negev sowie dem Jugendbildungswerk Humanity in Action in Berlin, Beirat der Hypovereinsbank und der Goldman Sachs Foundation, Mitglied der Trilateralen Kommission, des International Institute for Strategic Studies und der Münchner Sicherheitskonferenz.[5] Er ist Beirat des Aspen Institut[18], Autor und im Vorstand des American Institute for Contemporary German Studies.[19][20]
Ferner ist bzw. war er Mitglied in folgenden Redaktionsbeiräten: „International Security“ (Harvard/MIT),[21] „The American Interest“[22] (Washington), „Prospect“ (London)[23] und „Internationale Politik“ (Berlin).
Die Mitgliedschaft in einigen der genannten Institutionen wurde von Joffe 2014 bestritten.[24] Joffe wurde in der ZDF-Kabarett-Sendung Die Anstalt vom 29. April 2014 in diesem Zusammenhang Vernetzung mit Thinktanks und politischen Kreisen vorgeworfen. Er bezeichnete die der Sendung zugrunde liegende Untersuchung von Uwe Krüger als „keine gute Wissenschaft“[25] und erwirkte beim Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung, wonach das ZDF nicht mehr behaupten dürfe, er sei Mitglied, Beirat oder Vorstand von acht Organisationen;[24] die Verfügung wurde aufgehoben.[26] Im Hauptsacheverfahren im November 2014 wurde seine Klage wegen des satirischen Charakters der Sendung abgewiesen.[27][28] Das Oberlandesgericht in Hamburg hob dieses Urteil auf Joffes Berufung hin im September 2015 auf,[29] doch der Bundesgerichtshof folgte am 10. Januar 2017 der Auffassung der Erstinstanz.[30]
Privates
Joffe lebt in Hamburg, ist mit der Journalistin Christine Brinck verheiratet und hat zwei Töchter.[31]
Auszeichnungen
- 1983: Theodor-Wolff-Preis
- 1996: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland
- 1998: Ludwig-Börne-Preis
- 2012: Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik
Bücher
- Friede ohne Waffen? Der Streit um die Nachrüstung. Heyne, München 1981, ISBN 3-453-01524-X.
- Das waren die Achtziger Jahre. Rückblick auf ein Jahrzehnt, das uns bevorsteht. Rowohlt, Reinbek 1982, ISBN 3-499-14887-0 (zusammen mit Michael Naumann u. a.)
- Eroding Empire. Western relations with Eastern Europe. The Brookings Institution, Washington, D.C. 1987, ISBN 0-8157-3213-9.
- The Limited Partnership. Europe, the United States, and the burdens of alliance. Ballinger, Cambridge, Mass. 1987, ISBN 0-88730-216-5.
- A Century's Journey. How the great powers shape the world. Basic Books, New York 1999, ISBN 0-465-05475-7 (zusammen mit Robert A. Pastor u. a.).
- Die Hypermacht. Warum die USA die Welt beherrschen. Hanser, München 2006, ISBN 3-446-20744-9.
- Schöner denken. Wie man politisch unkorrekt ist. Piper, München 2007, ISBN 3-492-05016-6 (zusammen mit Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Henryk M. Broder).
- Hypermacht und Friedensmacht: Die Zukunft der europäisch-amerikanischen Beziehungen. Robert-Bosch-Stiftung, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-939574-07-1.
- Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß. Der jüdische Humor als Weisheit, Witz und Waffe. Siedler Verlag, 2015.
Übersetzungen
- Art Spiegelman: Maus – Die Geschichte eines Überlebenden. Übersetzung Christine Brinck, Josef Joffe. Rowohlt, Reinbek
- Bd. 1. Mein Vater kotzt Geschichte aus, 1989; ISBN 3-498-06233-6. 5. Aufl. 2005 ISBN 3-499-22461-5
- Bd. 2. Und hier begann mein Unglück, 1992; ISBN 3-498-06260-3. 4. Aufl. 2005 ISBN 3-499-22462-3
Weblinks
- Literatur von und über Josef Joffe im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Biografie von Josef Joffe auf der Seite der Bosch-Stiftung
- Josef Joffe - Der Dickbrettbohrer in der Google-Buchsuche
