Joseph Henrion
belgischer gehörlose Lehrer
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Biographie
Kindheit
Joseph Henrion wurde 1793 taub als eines von fünf Kindern geboren. Er war das einzige gehörlose Kind und sein Vater, Walter Henrion, war Schneider. Seine Familie war trotz der bescheidenen Verhältnisse kultiviert und gebildet. Henrions Vater wusste von der Existenz des Institut Impérial des Sourds-Muets de Paris, das von Abbe Sicard, einem Schüler und Nachfolger von Abbé de l’Épée geleitet wurde.[4] Er beantragte beim Gemeinderat von Verviers die Aufnahme seines damals achtjährigen Sohnes, da Belgien unter der Französischen Revolution vom Ersten Konsul Napoléon Bonaparte verwaltet wurde. Innenminister Jean-Baptiste Chaptal kam dem Wunsch nach.
Im Alter von 11 Jahren reiste der junge Joseph mit der Postkutsche nach Paris, wo er in die Lehre von Abbe Sicard, Jean Massieu und Laurent Clerc ging. Abbé Sicard hielt jeden Monat öffentliche Sitzungen ab, um seine Werke und seine öffentlichen Übungen zur Demonstration seiner Methode und seiner Vorgehensweisen vorzustellen: Henrion erschien bei diesen Sitzungen, bei denen sich neben den Königen und dem Papst und all die angesehenen Männer drängten, die Frankreich in den Wissenschaften und Künsten hervorbrachte.
6 Jahre später, nach Abschluss seiner Ausbildung, hätte er in seine Heimat zurückkehren sollen, doch Sicard konnte ihn in seiner Nähe halten. 2 Jahre lang diente Henrion ihm als Sekretär und Faktotum. 1813 verließ er das Institut. Zurück im belgischen Verviers arbeitete er als Schneider bei seinem Vater.
Lehrtätigkeit
Um 1819 traf er Jean-Baptiste Pouplin, einen Lehrer in Lüttich, der das Projekt einer Gründung einer Schule für Gehörlose entwickelte, aus der später die École Pouplin in Lüttich hervorging. J-B Pouplin war mit den gestischen Methoden der Äbte l'Epée und Sicard, die Joseph Henrion nun beherrschte, nicht vertraut. Pouplin stellte ihn daher sehr gern als ersten gehörlosen belgischen Lehrer ein. 10 Jahre später, nach einem Besuch von Wilhelm I. als König der Niederlande, wurde die Schule mit dem Titel "Institut Royal" ausgezeichnet. Zwischen Henrion und der Tochter von Jean-Baptiste Pouplin hatte sich eine innige Bindung entwickelt, sodass eine Heirat bald ihren beiderseitigen Wunsch erfüllte. Leider konnte Jean-Baptiste nicht an der Feier teilnehmen, da er bereits verstorben war.
Sébastien Gathy, ein ehemaliger Schüler von Joseph Henrion, sprach mit folgenden Worten über ihn:"(...) Je ne puis sans attendrissement me rappeler mes premiers rapports avec lui. J'étais bien jeune alors et j'arrivais à l'institut complètement inculte. Je n'exagère pas en disant que je me vis transporté dans un autre monde. Joseph Henrion n'était pas seulement, pour nous, un instituteur, c'était véritablement un père, bon, sensible, indulgent".
Henrion blieb seiner Aufgabe treu. Von 1822 bis 1863, also 41 Jahre lang, widmete er sich unermüdlich seinen Gefährten, mal als Lehrer, mal als ihr Berater, ihr Wohltäter und ihr Freund. Auf seinen Antrag hin wurde ihm dann die Altersrente zuerkannt, er blieb jedoch im Amt, bis ein Nachfolger gefunden war.
Am 14. April 1864 wurde auf Initiative von Sébatien Gathy und Louis Souheur, 2 der brillantesten Schüler Henrions, die Société de secours mutuels de Liège gegründet, die die erste ihrer Art in Europa war. Diese Gesellschaft fusionierte im April 1983 mit dem heutigen Foyer des Sourds et Malentendants de la Province de Liège. Henrion konnte wegen seinem Alter nicht mehr den Vorsitz übernehmen. Louis Souheur nahm sofort an: als Bildhauer hatte der erste Präsident die Seele eines Künstlers und Lüttich besitzt viele verschiedene Werke von ihm, in denen sich sein Genie offenbart. Sébastien Gathy wurde zum Generalsekretär dieser Gesellschaft ernannt.
Lebensende
Am 9. Juni 1868 würdigte der belgische König Léopold II. Joseph Henrions Verdienste, in dem er ihn zum Ritter seines Ordens erhob. Minister J. Bara verlieh ihm den Orden. Er ist zu dem der erste belgische Gehörlose, der mit diesem Orden ausgezeichnet wurde.
Im Alter von 75 Jahren starb er im Oktober 1868 friedlich in den Armen seiner Frau und seines ältesten Sohnes.
Ehrung
Film
Der gehörlose Regisseur Claude Steenwerckx beschreibt den Werdegang von Henrion und gibt Einblicke in die Geschichte der Gehörlosenbildung, deren Fortschritt durch den "Mailänder Kongress", der den reinen Oralismus aufzwang, fast ein Jahrhundert behindert wurde.
Der in Langue des Signes de Belgique francophonegedrehte Film enthielt keinen Soundtrack. Dank der Ünterstützung der Cinémathèque wurde er später von Michel Berckmans (gemeinnützige Organisation EMOI) mit Musik und Ton versehen.
Olivier Waegemans und Chantal Gerday sangen wunderschöne Lieder über Joseph Henrion in Gebärdensprache.
Straße
Seit November 1910 gibt es eine nach ihm benannte Straße: Die Rue Joseph Henrion verbindet die Rue Toussaint Beaujean mit der Rue Naniot in Ans.
Literatur
- Sébastien Gathy: Société de secours mutuels des sourds-muets des deux sexes à Liège. Hrsg.: Imprimerie H. Vaillant-Carmanne. Liège 1890, OCLC 1166817089, S. 68–71 (französisch, google.es).