Joseph Kony

ugandischer Führer der Rebellengruppe LRA From Wikipedia, the free encyclopedia

Joseph Rao Kony (* um 1961 in Odek, Uganda) ist ein Kriegsverbrecher und Führer der Lord’s Resistance Army („Widerstandsarmee des Herrn“, LRA), einer Rebellengruppe, die die Zivilbevölkerung im Norden Ugandas und später auch in der Zentralafrikanischen Republik und Demokratischen Republik Kongo sowie Südsudan terrorisiert und der Regierung Ugandas unter Yoweri Museveni den Krieg erklärt hatte, mit dem Ziel, ein theokratisches Herrschaftssystem in Uganda einzuführen, das auf den biblischen Zehn Geboten basieren sollte.[1] Nach ihm wird seit dem Jahr 2005 weltweit mit Haftbefehl durch den internationalen Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag gefahndet.[2] Im September 2025 begann der IStGH eine dreitägige Anhörung zur Bestätigung der Anklage in Abwesenheit Konys; der Haftbefehl umfasst 32 Anklagepunkte, darunter Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.[3] Andere Berichte nennen 39 Anklagepunkte, darunter Mord, sexuelle Versklavung, Entführung und der Einsatz von Kindersoldaten.[4] Sein Aufenthaltsort ist offiziell unbekannt; seit 2017 wird er in der Region Darfur im Westen des Sudans vermutet.[3] In dem Jahr erließ der IStGH ebenso Haftbefehle gegen Konys Stellvertreter Vincent Otti und die Kommandeure Raska Lukwiya, Okot Odhiambo und Dominic Ongwen. Ongwen wurde gefasst und 2021 verurteilt; Lukwiya, Odhiambo und Otti sind tot.[5]

Plakat der Aktion Kony 2012 am Roman-Dmowski-Kreisel in Warschau neben dem Gebäude der Rotunde PKO (21. April 2012)

Die von Kony seit 1987 angeführte Lord’s Resistance Army soll im LRA-Konflikt geschätzt 66.000 Kinder entführt und zu Soldaten ausgebildet haben und wird für die interne Vertreibung von mehr als zwei Millionen Menschen verantwortlich gemacht.[6] Die LRA erlangte Berüchtigtkeit für das Abtrennen von Gliedmaßen oder Teilen des Gesichts von Opfern.[4] Berichte sprechen von einem stark geschwächten Anführer mit nur noch einigen Dutzend getreuen Gefolgsleuten, vornehmlich Angehörigen.[3]

Leben

Joseph Kony, ein Acholi, wurde 1961 als Kind einer armen Familie im nordugandischen Dorf Odek geboren. Er entwickelte sich von einem katholischen Ministranten und Schulabbrecher zu einem schwer fassbaren und brutalen Rebellenführer, der sich selbst als Geistermedium, Gebieter und Befreier bezeichnet. Kony trat erstmals im Januar 1987 im vermuteten Alter von 26 Jahren auf. Er führte die LRA an, die er als eine von zahlreichen Gruppierungen, die nach dem Zerfall des Holy Spirit Movement seiner Cousine (manche Quellen sprechen von Tante, z. B. Hope-international) Alice Auma Lakwena entstanden, begründet hatte. Von dieser wurde er maßgeblich beeinflusst.

Er erhielt 1986[7] angeblich vom „Heiligen Geist“ den Befehl, die LRA zu gründen, und verließ unbewaffnet seinen Heimatort Odek zusammen mit 11 Anhängern am 1. April 1987.[8] Im selben Jahr stieß sein späterer Generalleutnant Vincent Otti zu seiner Gruppe,[9] den er 2007 wegen einer angeblichen Verschwörung gegen ihn erschießen ließ.[10]

Konys Gruppierung setzt sich für einen christlich-theokratischen Staat in Uganda auf der Basis der Bibel und der Zehn Gebote ein; Kony erklärte zudem, er kämpfe für die Rechte der Acholi in Norduganda.[4] Die Mehrehe ist in Konys Konzeption des christlichen Fundamentalismus gemäß dem Alten Testament gestattet, das Schwein wird gemäß einschlägigen Äußerungen des Alten Testaments als ein unreines Tier aufgefasst und der Verzehr von Schweinefleisch untersagt. Kony selbst bekundete, dass er vom „Heiligen Geist“ in seinem Kampf angeführt werde.

2008 hielt er sich unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo auf, wo er aufgrund der geografischen und politischen Gegebenheiten nur schwer gestellt werden kann.[11] Seit 2010 wird er – unter sudanesischem Schutz – in der Enklave Kafia Kingi vermutet.[12][13] Seit 2017 wird sein Aufenthaltsort darüber hinaus in der Region Darfur vermutet; laut seinem Sohn Ali Kony hält er sich im Westen des Sudans versteckt.[3] Ali Kony, der 2023 zusammen mit seiner Mutter nach Uganda zurückkehrte, erhielt dort Amnestie, trat in die ugandische Armee ein und gab Hinweise auf den Aufenthaltsort seines Vaters; er schilderte zugleich, dass Joseph Kony dutzende Frauen – teils als Sexsklavinnen – und Hunderte Kinder habe und körperlich stark geschwächt sei.[3] Nach militärischem Druck wurde die LRA 2005 aus Uganda verdrängt und operierte anschließend vor allem in Südsudan, DR Kongo und der Zentralafrikanische Republik; in der Region wurden ihr zudem Wilderei und illegaler Bergbau zugeschrieben.[4]

Anklagen

Nach fast 20 Jahren Terror wurden am 13. Oktober 2005[14] die Ermittlungen beim Internationalen Strafgerichtshof eingeleitet und ein Haftbefehl erhoben. Es heißt, dass Kony Ende 2003 befohlen habe, Zivilisten zu töten, zu berauben und zu verschleppen, darunter solche, die in Camps für Binnenvertriebene lebten. Darauf hätten die hohen Kommandeure der LRA und alle Brigade-Kommandeure begonnen, verschiedene Regionen in Uganda anzugreifen. Der Haftbefehl gegen Joseph Kony nennt 33 Anklagepunkte, darunter:

Im März 2009 wurde der Gesetzesentwurf des Lord’s Resistance Disarmament and Northern Uganda Recovery Act of 2009 vorgelegt[15] und im März 2010 vom US-Kongress angenommen. Im Zuge dessen wurden 100 US-Soldaten als Berater entsandt.[16]

Am 24. März 2014 berichtet die Washington Post über die Verlegung von vier US-amerikanischen VTOL-Transportern vom Typ CV-22 Osprey und die Entsendung von 150 Soldaten des Air Force Special Operations Command (AFSOC) nach Uganda. Die Soldaten sollen die Suche nach Joseph Kony unterstützen.[17][18] Im April 2017 teilte ein Sprecher der ugandischen Armee mit, dass die Suche nach Kony eingestellt werde. Seine LRA sei auf unter 100 Mitglieder geschrumpft und stelle somit keine Gefahr mehr für das Land dar.[19]

Ab dem 9. September 2025 verhandelte der IStGH an drei Tagen in Den Haag die Bestätigung der Anklage gegen Kony, obwohl dieser weiterhin flüchtig ist; das Gericht stützte sich dabei auf 32 Anklagepunkte, darunter Angriffe auf die Zivilbevölkerung, sexuelle Versklavung, Raub und Plünderungen, Mord sowie Rekrutierung und Ausbildung von Kindersoldaten.[3] Es handelt sich um die erste Bestätigungsanhörung des IStGH ohne Anwesenheit des Beschuldigten; die Richter hören Anklage, Verteidigung und Vertreter der Opfer, Kony wird durch einen vom Gericht bestellten Rechtsbeistand vertreten, und ein Hauptverfahren kann erst beginnen, wenn er festgenommen ist.[4] Die mutmaßlichen Taten wurden vor allem in den Jahren 2003 bis 2004 im Norden Ugandas begangen; die Anklage umfasst auch geschlechtsspezifische Verbrechen wie Versklavung, Vergewaltigung, Zwangsheirat und erzwungene Schwangerschaften.[4] Völkerrechtler sehen in der Anhörung einen möglichen Präzedenzfall für weitere Verfahren gegen flüchtige Beschuldigte.[4] Die Anklage beschreibt außerdem, dass Kinder regelmäßig auf dem Schulweg oder von Feldern entführt und zum Töten gezwungen wurden.[4] Friedensgespräche zwischen der ugandischen Regierung und Kony scheiterten 2008, unter anderem weil Kony Zusicherungen verlangte, nicht strafrechtlich verfolgt zu werden.[4] Die Anhörung wurde zur Einbeziehung betroffener Gemeinden u. a. in einer Schule in Gulu übertragen und in lokale Sprachen übersetzt.[3] Im November 2025 wurde die Anklage bestätigt.[20]

Aufarbeitung und Entschädigungen

Der Treuhandfonds für Opfer des IStGH hat für die Opfer des LRA-Konflikts einen Fonds eingerichtet; nach der Verurteilung des LRA-Kommandeurs Dominic Ongwen (2021) ordneten die Richter Auszahlungen aus dem mittlerweile über 50 Millionen US-Dollar schweren Fonds an. Seit April 2025 werden Mittel an lokale Organisationen vergeben – für psychologische Beratung, Prothesen und ökonomische Hilfe.[3] Diese Entschädigungen sind politisch umstritten: Kritiker sehen darin ein Instrument der Regierungspartei von Präsident Yoweri Museveni mit Blick auf die Wahlen im Januar 2026. Zudem erzeugen die Zahlungen Spannungen zwischen Gemeinden, da die acht in Konys Anklageschrift benannten Tatorte – Vertriebenenlager, die auch im Ongwen-Verfahren verhandelt wurden – bevorzugt berücksichtigt würden, während andere betroffene Orte bislang leer ausgingen.[3]

Kony 2012

Die Organisation Invisible Children Inc. startete 2011/12 die Kampagne Kony 2012 zur Ergreifung Joseph Konys. Dadurch gerieten die Taten Konys stark in den Fokus der Öffentlichkeit. Wenig später kündigte die Afrikanische Union an, 5000 Soldaten nach Zentralafrika zu entsenden, um Joseph Kony dort festzunehmen.[21] Ende Juni 2012 stimmte der UN-Sicherheitsrat in einer Präsidialerklärung der Entsendung der Truppen zur Ergreifung Konys und zur Zerschlagung seiner Widerstandsarmee zu.[22] Im Januar 2013 wurde Konys Leibwächter und Chef-Logistiker getötet.[23] Anfang April desselben Jahres setzten die USA ein Kopfgeld in Höhe von 5 Mio. US-Dollar (3,9 Mio. Euro) auf Kony aus.[24] Unterstützung durch US-Spezialeinheiten von 2011 bis 2017 blieb erfolglos; Kony konnte nicht gefasst werden.[3]

Literatur

  • Ruddy Doom, Koen Vlassenroot: Kony’s Message: A New Koine? The Lord’s Resistance Army in Northern Uganda. In: African Affairs, Band 98, 1999, S. 5–36

Einzelnachweise

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