Judensau
mittelalterliches, antijüdisches Bildmotiv
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Tiermetapher „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijudaistischen christlichen Kunst. Es sollte Christen vor angeblichen teuflischen Gebräuchen der Juden warnen, diese ausgrenzen, demütigen, verhöhnen und das Judentum verleumden. Dort gilt das Schwein als unrein (hebräisch tame) und unterliegt einem religiösen Nahrungstabu.

Reliefs, Skulpturen, Plastiken oder Wandbilder mit diesem Motiv erschienen seit 1230 vor allem im deutschsprachigen Raum. Insgesamt sind mindestens 52 Exemplare belegt, 47 davon sind noch erhalten. Seit dem 15. Jahrhundert erschien das Motiv auch als aggressive Typenkarikatur in Druckwerken, seit dem 19. Jahrhundert auch als antisemitische Karikatur. Analoge deutschsprachige Schimpfworte wie „Judensau“ / „Judensäue“, „Saujude(n)“, „Judenschwein(e)“ oder „Schweinejude(n)“ tauchen seit etwa 1800 in Druckwerken auf. Die nationalsozialistische Propaganda griff diese Hetze auf und bereitete auch damit den Holocaust vor.
Gegen Personen gerichtete Ausdrücke oder bildhafte Darstellungen dieser Art können angezeigt und nach deutschem Strafrecht je nach Umständen als Beleidigung (§ 185), verhetzende Beleidigung (§ 192a) oder Volksverhetzung (§ 130) bestraft werden. Ähnliche Straftatbestände gelten in Österreich mit § 115 StGB und in der Schweiz mit der Rassismus-Strafnorm (Art. 261bis StGB).
Christlich-antijudaistische Vorgeschichte
Tiervergleiche
Die enge Verbindung von Juden und Schweinen in den hochmittelalterlichen Skulpturen geht auf eine lange Tradition antijüdischer Tiervergleiche im Christentum zurück. Die dort seit dem 2. Jahrhundert üblichen Bestiarien schrieben Juden in moralisierenden Begleittexten Blindheit, Bilderverehrung und den Christusmord zu. Obwohl das Schwein und Ferkel oft darin vorkamen, wurden diese Tiervergleiche noch nicht auf Juden bezogen.[1]
Schon einige Kirchenväter beschimpften Juden und christliche Häretiker als „Schweine“. Johannes Chrysostomos übertrug diese Herabsetzung im Jahr 388 in acht Hetzpredigten auf den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge.[2] Er beschrieb Juden als Menschen, „die ihrem Bauch leben, gaffen nach dem, was sie gerade vor Augen haben, nicht besser als Schweine und Ziegenböcke, das Verderben und die Krankheit der ganzen Erde.“[3] Seine Kennzeichnung der Juden als Schweine, Vielfraße und von Fleischeslust Besessene beeinflusste mittelalterliche Autoren und gilt als früher literarischer Anstoß für das verwandte „Judensau“-Motiv.[4] Bei allen Tiervergleichen hielt er jedoch fest, dass Juden Menschen geblieben seien, wenn auch der übelsten Art. – Andere christliche Autoren ordneten den Christen die nach biblischer Kategorie „reinen“, den Juden die „unreinen“ Tierarten zu. Sie lobten ihre Allegorien als der wörtlichen jüdischen Bibelexegese überlegene, da mehrfache („wiederkäuende“) Auslegung.[5]
Mit der Übernahme hellenistischer Tugend- und Lasterkataloge bildete die christliche Theologie seit dem 5. Jahrhundert die Reihe der „Sieben Todsünden“ heraus: Die letzten beiden, Völlerei (lateinisch gula) und Wollust (luxuria), wurden oft als Schwein dargestellt, das die Unreinen und die Sünder symbolisiert. Deren häufige Beispielfiguren waren Juden. Ebenso verkörperten Affen und Mönche die inconstantia (Untreue, Unbeständigkeit).[6] Der Schweinevergleich stand ebenso für eine sündhafte Religionsausübung wie für einen unsauberen, gefräßigen, von Promiskuität geprägten Lebensstil oder für unlautere Geschäftspraktiken. Er sollte einfache Christen mit drastischen Bildern vor analogen Lastern warnen.[7]
In der christlichen Morallehre verkörperte das Schwein als unreines Tier und der Jude als Nichtchrist die Sündenvorstellungen von „Unkeuschheit“ und „Unmäßigkeit“.[8] Dieser Tiervergleich verband Unreinheit mit moralischer und spiritueller Gefahr und machte die angeblichen moralischen wie intellektuellen Defizite der Juden anschaulich. Er ließ sich leicht in bildende Kunst übertragen.[9]
Ab 1100 verglichen christliche Polemiken Juden besonders oft mit Hunden, Schlangen und Schweinen. Frühscholastische Theologen erwogen nun, Juden wegen ihrer Ablehnung des Christentums die Vernunft und damit die gemeinsame Basis des Menschseins abzusprechen,[10] so Odo von Cambrai und Petrus Venerabilis.[5]
Im Mittelalter symbolisierte das Schwein in der christlichen Ikonografie den Teufel,[11] so dass die späteren Bilder eines Juden säugenden Schweins auch den Vers „Ihr habt den Teufel zum Vater“ (Joh 4,22 EU) im Neuen Testament (NT) veranschaulichten.[12]
Apokryphe Kindheitslegenden

Nach einer antijüdischen Legende im christlich-apokryphen Arabischen Kindheitsevangelium (um 600) versteckten sich jüdische Kinder im Haus vor dem Knaben Jesus, dessen Wunderkraft man im Dorf fürchtete. Als ihre Eltern ihm vorlogen, im Haus befänden sich nur Ziegen, habe er die Kinder mit den Worten „Es sei so“ in Ziegen verwandelt. Nach dem Pseudo-Matthäus-Evangelium (ab 800) verwandelte Jesus die in einem Ofen versteckten Kinder in Schweine.[13]
Diese Legenden beeinflussten auch einige Suren des Koran: Nach Sure 5,60–62 verwandelte Allah Juden und Christen, die den Islam verspotteten und die jüdischen Speisegebote übertraten, in Affen und Schweine.[14] Laut einem Hadith nannte Mohammed die Juden des Stammes Banū Quraiza „Brüder von Affen und Schweinen“, bevor er sie vernichtete.[15] Koranausleger deuteten jene Suren als Warnung an Muslime, nicht von Allahs Geboten abzufallen, um am Jüngsten Tag nicht genauso verwandelt zu werden.[16]
In späteren englisch-französischen Varianten der Kindheitslegende verwandelt Jesus die Schweine (anders als die Ziegen im arabischen Original) nicht in Menschenkinder zurück. Fortan hätten die Juden jedes Schwein als artverwandt betrachtet und darum keins mehr gebraten und gegessen; dies verbiete ihnen ihr Gesetz.[17] Christliche Judenfeinde deuteten das biblische Schweineopferverbot also zum Kannibalismus-Verbot um, um eine Wesensgleichheit von Juden und Schweinen zu behaupten. Diese Diffamierung rechtfertigte Gewalt gegen Juden und bereitete so ihre Vertreibung aus England (1290) mit vor.[18]
Populäre Abbilder der im Ofen versteckten und in Ferkel verwandelten Kinder, etwa im Holkham Bible Picture Book (1327–1335), gelten als englisches Pendant zu den mitteleuropäisch-deutschen „Judensau“-Skulpturen derselben Epoche.[19] Der Historiker Isaiah Shachar führte eine Variante der Kindheitslegende auf eine der Qisas al-anbiyāʾ (vor 1036) des Schiiten ath-Thaʿlabī zurück,[20] betonte jedoch: Diese Legenden hätten das „Judensau“-Motiv nicht direkt beeinflusst, da ihm das Verwandlungsmotiv fehlt.[21.1]
Literarische Anstöße
Hrabanus Maurus bezog das Schwein in seiner bebilderten Enzyklopädie De universo (847) auf Juden und behauptete, sie „vererbten“ ihre gottlose, sündhafte Unmäßigkeit und Unkeuschheit in gleicher Weise. Dazu gab er den Psalmvers Ps 17,14 EU irrtümlich in falscher Übersetzung wieder: „Du füllst ihren Leib mit deinen verborgenen Gütern, sie sind gesättigt mit Schweinefleisch [statt: ‚auch ihre Söhne werden satt‘] und hinterlassen das, was übrig ist, ihren Kindern.“ Die Juden, so kommentierte Maurus, seien voll unreiner Dinge, die Gott verborgen (verboten) habe, und hinterließen ihre Sünden mit dem Ruf „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ in Mt 27,25 EU ihren Nachkommen. Auf diese Verknüpfung des jüdischen Schweineverzehrverbots mit einer erblichen Schuld am Tod Jesu führen Historiker das spätere „Judensau“-Motiv zurück.[22] De universo war bis 1500 besonders unter Klerikern verbreitet und regte handschriftliche Tierfabeln ebenso wie Skulpturen an.[21.2]
Das Tora-Verbot des Opferns und Verzehrs von Schweinen, die zu den unreinen Tierarten zählten (Lev 11,7 EU; Dtn 14,8 EU), hatte im Judentum eine lange Tradition. Seit dem babylonischen Exil (ab 539 v. Chr.) wurden Verstöße dagegen als Abfall zu Fremdkulten verurteilt (Jes 65,4 EU; Jes 66,3.17 EU).[23] So wurde das Schwein im jüdischen Priestertum zum Symbol unerlaubter Opfer.[24] Nichtjuden verspotteten das bekannte jüdische Nahrungstabu oft.[25] Der Seleukidenherrscher Antiochos IV. (175–164 v. Chr.) benutzte es zur Verfolgung der jüdischen Religion (1 Makk 1,47 EU; 2 Makk 6,18–31 EU). Seitdem gehört der völlige Verzicht auf Schweineprodukte zum Bekenntnis gläubiger Juden (siehe jüdische Speisegesetze).[26] Nach der Niederschlagung des jüdischen Bar-Kochba-Aufstands (132–136) ließ Kaiser Hadrian eventuell ein Schwein als Siegeszeichen in ein Stadttor Jerusalems meißeln; der Eber war ein Symbol der Legio X Fretensis, die Jerusalem erobert hatte.[21.3] Im antiken rabbinischen Judentum war das Schwein daher kodierter Ausdruck für das gewalttätige Römische Reich, ebenso im Urchristentum (Mt 7,6 EU;[27] Mk 5,1–20 EU).[28] Rabbinische Legenden und Midraschim machten das Vermeiden von Schweinefleisch zum Symbol jüdischen Widerstands gegen das pagane und das christliche Römische Reich, seine Kultur und Werte.[29] Unreine Tiere waren in jüdischen Polemiken oft Metaphern für Gegner der Juden. Da Christen das jüdische Schweineopferverbot zweifellos kannten und wussten, dass Juden das Schwein verabscheuten und jede Nähe zu dieser Tierart mieden, richtete sich das „Judensau“-Motiv von Beginn an entschieden gegen die jüdische Religion.[30]
Bildhafte Anstöße
Im Hochmittelalter war der Katholizismus die alleinherrschende Weltanschauung Europas. Juden waren nun fast die einzige nichtchristliche Minderheit. Dies zeigte sich auch in der kirchlichen Architektur und Kunst. Skulpturen an Kirchengebäuden stellten die siegreiche Ecclesia der unterlegenen Synagoga gegenüber (Ecclesia und Synagoge). Beide Figuren waren meist hoheitsvoll und wohlgestaltet. Während der Kreuzzüge (ab 1096) erhielt die Synagogenfigur auch vulgäre und pornografische Züge, etwa indem sie auf einer Sau gegen die Kirchenfigur reitet, die hoch zu Ross sitzt, oder sich mit der nackten Eva als Symbol von Unzucht, Erbsünde und Tod verbündet.[31]

Wohl angeregt von den frühen Bestiarien, wurden im englischen Sprachraum Skulpturen einer Sau mit Ferkeln als Abbilder von Lastern in und an Kirchengebäuden üblich. Im 12. Jahrhundert entstanden auch im deutschen Sprachraum solche Reliefs, etwa an einem Tor in Remagen und an einem Kapitell, vermutlich aus St. Severin (Köln). Sie symbolisierten gula und luxuria, jedoch noch ohne Bezug auf Juden.[21.4]
Kirchenpolitische Anstöße
Im 13. Jahrhundert wurde die frühkirchliche Substitutionstheologie sozialpolitisch zementiert. Das 4. Laterankonzil von 1215 ordnete eine diskriminierende Kleiderordnung für Juden und ihren Ausschluss aus weltlichen Ämtern an. Das markierte sie als „Ungläubige“ und leitete ihre spätere europaweite Ghettoisierung ein. Im selben Zeitraum wurden Juden immer häufiger angeklagt, Ritualmorde und Hostienfrevel zu verüben. Neben solche Anklagen trat ab 1230 das bildhafte „Judensau“-Motiv in und an Kirchengebäuden.[32]
Seit etwa 1380 bezeichneten Christen zwangsgetaufte Juden in Spanien als Marranos („Schweine“), die innerlich Juden geblieben seien. Sie unterstellten ihnen eine unveränderliche Wesensart und schlossen sie mit dem frührassistischen Kriterium der Blutsreinheit (limpieza de sangre) vom gesellschaftlichen Aufstieg aus. Später wurden die spanischen Juden und Judenchristen vertrieben, viele bei Pogromen ermordet.[33] Dabei gelangte das Schimpfwort Marranos auch nach Italien. Es gilt als Äquivalent zum deutschen Wort „Judensau“,[34] das solche Skulpturen vielleicht mit anregte.[35] Zwei um 1500 geschnitzte Miserikordien im Chorgestühl der Kathedrale von Ciudad Rodrigo (Spanien) stellen ein lesendes oder schreibendes Schwein dar. Laut einigen Kunsthistorikern sollten damit gebildete Marranos herabgesetzt werden.[36]
In Spanien entstanden jedoch keine „Judensau“-Skulpturen. Zwangsgetaufte Juden wurden nicht zum Schweinefleischverzehr genötigt, und kirchliche Quellen werteten das biblische Schweinefleischverbot nicht ab. Darum ist der genaue literarische Anlass für das Motiv unklar.[37] Es kam ohne Begleittext aus, beleidigte und verhöhnte Juden direkt, indem es sie mit dem am meisten verachteten Tier, mit Schmutz, Völlerei und Wollust identifizierte.[1] Es trat fast nur in deutschsprachigen Orten im oder benachbart zum damaligen Heiligen Römischen Reich auf.[38]
Der „Judeneid“
Die bildhafte Assoziation von Juden mit Schweinen und der „Judeneid“ können sich gegenseitig beeinflusst haben.[39] In dessen frühesten Varianten mussten Juden bei ihrem Eid im Rechtsstreit mit Christen barfuß auf einer Ziegenhaut stehen. Ab dem 13. Jahrhundert wurde dazu stattdessen eine Schweinehaut verlangt.[40] Laut dem Sachsenspiegel (ab 1220) und dem Schwabenspiegel (ab 1380) mussten Juden beim Eid auf der Schwarte einer Sau stehen. Der Sachsenspiegel verlangte zudem, dass die Sau zwei Wochen zuvor Ferkel geboren hatte.[41][21.5]
Reliefs, Skulpturen und Wandbilder ab 1230
Hauptmerkmale und Zweck

Mittelalterliche Plastiken oder Wandbilder einer „Judensau“ stellen Menschen und Schweine in intimem Kontakt dar. Die menschlichen Figuren zeigen die typischen Kennzeichen der vom Laterankonzil 1215 verordneten Judentracht, etwa einen „Judenhut“. Oft saugen sie wie Ferkel an den Zitzen einer Sau, küssen, lecken oder umarmen Schweine.[42] In anderen Varianten reiten sie verkehrt herum auf einem Schwein, das Gesicht dem Anus zugewandt, aus dem Kot und Urin spritzt.[43]
Diese Bilder gelten als früheste Form einer judenfeindlichen Karikatur, die drei sozialpsychologische Hauptzwecke erfüllte:
- die Juden dem allgemeinen Spott preiszugeben, indem auf ihre angeblich typischen Verhaltensweisen hingedeutet wurde;
- diese antijudaistischen Vorurteile der Betrachter zu verfestigen und zur Abgrenzung von Juden, indirekt so auch zum Handeln gegen sie zu ermuntern;
- die Juden in ihrem religiösen Selbstverständnis anzugreifen und zu verletzen.[44]
Das häufige Motiv des Saugens an Zitzen und After einer Sau stellt Juden als Heuchler dar, die ihr eigenes Toraverbot brechen und sich heimlich Milch und Exkremente des Schweins zuführen.[45] Das Bildschema würdigt sie mehrfach herab: Es bezichtigt sie des Brechens von Anstandsregeln und religiösen Tabus, des Begehens der Todsünden Völlerei und Wollust und der intimen Beziehung zu Tieren. Es entmenschlicht sie zu Wesen, die der Verdammnis geweiht seien und nicht respektiert werden könnten.[46]
Viele dieser Skulpturen verknüpfen die dargestellte Intimität zwischen Mensch und Tier mit Ausscheidungs- und Verdauungsprozessen.[47] Diese Obszönität sollte beim Betrachter Ekel, Schamgefühl, Hass und Verachtung hervorrufen und Juden möglichst wirksam diffamieren,[48] in besonders quälender Form öffentlich verunglimpfen, demütigen und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgrenzen. Das Motiv suggeriert dem Betrachter, dass Juden besonders sündige, abstoßende, verkehrte und ausschweifende Dinge tun und mit Schweinen artverwandt seien. Damit diffamierte es Juden nach ihrer angeblichen Abkunft, nicht über ihren Glauben, repräsentiert also eine allmähliche Ablösung der christlichen Judenfeindschaft von ihren religiösen Wurzeln.[49] Es verneint die Menschenwürde, auf die es in der jüdischen Religion gerade ankommt. So untermauerte es die gesellschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Minderheit. Darum sehen Historiker darin einen Vorläufer des späteren Antisemitismus.[50]
Mit dem Schwein als Symbol des Teufels verkündeten diese Bilder dem Betrachter also, dass Juden als Ungläubige dem Teufel verfallen seien und außerhalb der christlichen, ja der menschlichen Gemeinschaft stünden.[51] Dabei sollten die antijüdischen Skulpturen auch die Einigkeit und Tugendhaftigkeit der Christen gegenüber den Juden beschwören und so indirekt auch ihre Abgrenzung gegen christliche Abweichler und Laienbewegungen stärken. Diese stellten im Hochmittelalter die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Elite in Frage und wurden darum wie die Juden zu Ketzern und Falschgläubigen erklärt und verfolgt.[52]
Vorkommen
Die genaue Zahl der bildhaften „Judensau“-Darstellungen an Gebäuden ist ungewiss. Bis 2007 waren in Europa 48 Exemplare bekannt,[53] mindestens vier weitere wurden seitdem gefunden. Mindestens 47 Exemplare sind noch vorhanden, davon 39 an oder in Kirchen, fünf an oder bei anderen Gebäuden, zwei in Museen. Einige sind stark verwittert oder beschädigt; sechs sind zerstört und nur noch literarisch, grafisch oder fotografisch dokumentiert. Weitere sind nur in frühen Quellen erwähnt und nicht mehr auffindbar.[12]
| Ort | Merkmale[54] | Entstehungszeit | Bild |
|---|---|---|---|
| Liebfrauenkirche (Aarschot), Belgien | Miserikordie[55] | um 1500 | |
| St. Laurentius (Ahrweiler) | Wasserspeier[56] | 1295 | |
| Aschersleben | Sau-Relief am „Sautor“, zerstört[57] | 1494 | |
| Wernerkapelle (Bacharach) | Wasserspeier; stark beschädigt[56][21.6] | um 1290 | |
| Stiftskirche St. Peter (Bad Wimpfen) | Wasserspeier;[21.7] restaurierte Kopie. Original seit 1995 im Reichsstädtischen Museum[58] | ||
| Basler Münster, Schweiz | geschnitzte Miserikordie am Domherrengestühl, 1932 entfernt[59] | nach 1363 | |
| Heilig Dreifaltigkeit (Bayreuth) | Sockel einer Heiligenfigur außen, 2004 großenteils zerstört[60] | 1430–1440 | |
| St. Peter und Paul (Brandenburg an der Havel) | Säulenkapitell im Kreuzgang[52] | 1235–1250 | |
| Franziskanerkirche (Bratislava), Slowakei | Wasserspeier an Außensäule; 1897 ersetzt; Original verloren[61][62] | 1280–1297 | [63] |
| Stiftskirche Bützow | Kapitellrelief an einem Bündelpfeiler beim Eingang; restauriert[64] | um 1314 | |
| Burgtor Cadolzburg | Sandsteinrelief, stark verwittert[65] | ab 1420 | |
| St.-Stephani-Kirche (Calbe) | unechter Wasserspeier, 2019/2020 restauriert und verhüllt[66] | um 1900 | |
| Martinsmünster (Colmar) | Figur beim Westportal[21.8] | um 1350 | |
| Martinsmünster Colmar | Wasserspeier an Südseite des Chores[21.9][67] | um 1350 | |
| Maria-Magdalenen-Kirche (Eberswalde) | Säulenkapitell im nördlichen Seitenschiff[68][21.10] | um 1284 | |
| Erfurter Dom | spätgotisches geschnitztes Flachrelief am linken Chorgestühl[21.11][69] | 1400–1410 | |
| Kathedrale von Évora, Portugal | Konsole des Axialportals[70] | um 1330 | |
| Alte Brücke (Frankfurt am Main) | Außengemälde am Brückenturm, 1801 zerstört[71] | 1475 | |
| Kathedrale von Gniezno | Kapitell mit Relief am Portal der St. Andreas Kapelle[21.12] | um 1350 | |
| Goslar | Stück eines Säulenkapitells aus unbekanntem Gebäude Goslars, ausgestellt im Lapidarium der Kaiserpfalz Goslar | um 1250 | |
| Schloss Greillenstein | Zwergenfigur aus Sandstein[72] | um 1700 | [73] |
| Härkeberga kyrka, Uppland, Schweden | Innenwandgemälde von Albertus Pictor[74][75] | um 1480 | |
| Dom zu Halberstadt | Sandstein-Konsole eines Standbilds der Chorscheitelkapelle[76] | 1362 bis 1400 | |
| St. Marien (Heilbad Heiligenstadt) | Fragment eines Wasserspeiers der Annenkapelle, stark verwittert[21.13] | um 1300 | |
| Kloster Heiligenberg | Siegelstempel[77] | 1240–1250 | |
| Kloster Heilsbronn | Sockel für Heiligenfigur an Säule im „Mortuarium“[78] | um 1430 | |
| Kirche von Husby-Sjutolft, Uppland, Schweden | Deckenfresko von Albertus Pictor[75][62] | 1470–1480 | |
| Stadtapotheke Kelheim | Außenwandrelief, 1945 entfernt[21.14] | 1519 | [79] |
| Kölner Dom | Holzschnitzerei am Chorgestühl | um 1310 | |
| Kölner Dom | Wasserspeier am Südostchor, restauriert[80] | um 1280 | |
| Kölner Dom | Wasserspeier zwischen Michaels- und Agneskapelle, Kopie[81] | um 1300 | |
| St. Bartholomäus (Kolín), Tschechien | Kapitell der südöstlichen Innensäule[82] | um 1280 | |
| St. Marien (Lemgo) | Sandsteinskulptur, westliches Atrium[21.15] | um 1310 | |
| Schlosskapelle St. Lorenz der Burg Lipnice, Tschechien | Säulenkapitell im Altarraum[83] | um 1350 | |
| Magdeburger Dom | Sandsteinfries, Ernst-Kapelle[21.16] | um 1270 oder 1493 | |
| Kathedrale von Metz | Sandsteinrelief, Karmel-Kapelle[21.17] | um 1300–1330 | |
| Nordhäuser Dom | geschnitztes Chorgestühl[21.18] | um 1380 | |
| St. Sebald (Nürnberg) | Sandsteinskulptur als Konsole am Südostchor, restauriert[78] | um 1380 | |
| St. Marien (Osnabrück) | Sandsteinskulptur am Brautportal | um 1330; nachgebildet um 1850 | [84] |
| Marienkirche (Pirna) | Steinskulptur am Fuß der Kanzel[85] | ~1520 | |
| Regensburger Dom | Steinskulptur, Wandpfeiler außen am Südeingang[21.19] restauriert | 14. Jh. | |
| Salzburg, Österreich | Steinskulptur am Rathausturm von Hans Valkenauer; um 1800 entfernt[86][21.20] | um 1487 | |
| Spalt | Sandsteinrelief am Haus Stiftsgasse 10; stark verwittert[87] | 15. Jh. | |
| Straßburger Münster | Sandsteinreliefs in Arkaden-Zwickeln des Triforiums[88][46] | 1250–1290 | |
| Schloss Telč | Holzschnitzerei im Goldenen Saal[89] | 1550–1561 | |
| St. Wenzeslaus (Theilenberg) | Sandsteinrelief an der Ostseite des Turms; stark verwittert[90] | 14. Jh. | |
| Dom zu Uppsala, Schweden | Relief am Säulenkapitell im Chor[91] | um 1350 | |
| Wiener Neustadt, Österreich | Sandsteinrelief am Hauptplatz Nr. 16; beschädigt; heute im Museum St. Peter an der Sperr[92] | ab 1496 | |
| Wipperfürth | Kupferrelief am Marktbrunnen; um 1850 entfernt[93] | 1331 | |
| Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg | „Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg, 1570 an die Südostecke der Chorfassade verlegt und betitelt, 2012 restauriert | um 1290 | |
| St. Viktor (Xanten) | Steinsockel einer Marienfigur an der Nordseite vor dem Hochchor[21.21] | 1263–1267 | [94] |
| St. Nikolai (Zerbst/Anhalt) | Steinrelief an Strebepfeiler der Nordostseite[21.22] | 1446–1448 | |
| Zerbst/Anhalt | geschnitzter gotischer Balken am Wohnhaus Markt 16;[21.23] heute im Stadtmuseum | [95] | |
Isaiah Shachar lokalisierte in seiner maßgeblichen Forschungsarbeit 37 „Judensau“-Skulpturen,[21.24] darunter mindestens vier nicht oder nicht mehr vorhandene aus unbestätigten gedruckten Quellen:
- an Gasthöfen in Dessau, um Berliner Juden vom Besuch fernzuhalten;
- in Diesdorf (Magdeburg);
- an einer Hauptkirche in Köthen (Anhalt);
- in Torgau.[21.25]
Die von 1856 bis 1921 kolportierte Angabe einer „Judensau“ im Freisinger Dom wurde 1995 entkräftet.[96] Auch die von Shachar erwähnten Beispiele in Friedberg (Hessen)[97] und Heidingsfeld[98] sind fiktiv.
Bedeutungswandel
Als älteste bekannte „Judensau“ gilt das Relief im Domkreuzgang von Brandenburg.[12] Es entstand zwischen 1235 und 1250, als es keine Judengemeinden in Brandenburg gab. Es zeigt eine Sau mit einem menschlichen Arm und Kopf, der einen spitzen Hut trägt, und die vier Ferkel und eine Menschenfigur säugt. An ihrem Hinterteil macht sich eine weitere Figur zu schaffen; vorn reicht eine Frau mit Schleier dem Tier etwas. Mit diesen Merkmalen sollte das Relief nach heutigem Forschungsstand Juden schmähen.[52] Nur Joachim Schlenk deutete es 1987 als Fabelwesen, den Spitzhut als Ritterhelm.[99]
Isaiah Shachar datierte auch die Skulpturen in Bad Wimpfen, Eberswalde, Lemgo, Magdeburg und Xanten in das 13. Jahrhundert und deutete sie als „moralische Exempelfiguren für alle Sünder“, die noch nicht das Judentum als solches verhöhnen, sondern Christen eindringlich vor dem angeblichen sündhaften Treiben der Juden warnen sollten.[21.26]
Der Wasserspeier in Bad Wimpfen entstand wohl, bevor Juden sich dort ansiedelten. Er zeigt eine riesige Sau, an deren rechtem Vorderbein eine Figur mit Judenhut und Vollbart kniet und an einer Zitze saugt. Die rechte Hand hält sie, die linke drängt ein Ferkel fort, das an einer anderen Zitze gegenüber saugt.[21.27][100]
Das Relief an einem Säulenkapitell der Maria-Magdalenen-Kirche in Eberswalde zeigt eine Sau, die eine Figur mit Judenhut küsst.[68] Es war zum benachbarten damaligen Judenviertel ausgerichtet. Nach dem Vorwurf eines Hostienfrevels kam es in Eberswalde zu einem Judenpogrom.[101]
Das Relief in Xanten gehört zu einem Konsolenpaar, das Skulpturen von Maria und Elisabet trägt. Es zeigt eine kniende Figur, in deren Judenhut eine Sau beißt, während eine zweite, nackte kauernde Judenfigur an ihrer Zitze saugt. Die zweite Konsole stellt einen Löwen und Drachen im Kampf dar. Laut Isaiah Shachar sollten beide Szenen die Christen vor den Mächten des Bösen warnen, im Kontrast zur heilvollen Begegnung der Mütter Jesu und des Täufers darüber. Das Judensaurelief zeige Gier und Völlerei mit satirischer Note: Die Sau beißt gierig in den Hut, wie der kleinere Jude in ihre Zitze beißt, so dass sie sich gegenseitig „aussaugen“. Juden waren seit 1096 in Xanten wohnhaft und mehrmals Pogromen und Zwangstaufen ausgeliefert.[102]
In das 14. Jahrhundert datiert Shachar die Figuren in Colmar, Gnesen, Heiligenstadt, Köln, Metz, Nordhausen, Regensburg und Uppsala. Er bestritt ihre Herkunft aus dem Motiv der Kapitolinischen Wölfin, die Romulus und Remus säugt.[21.28] Dagegen deutete der Historiker Rudolf Reiser die Regensburger Skulptur 2013 wegen ihres langen Schwanzes als säugende Wölfin.[103]
Das Fries im Magdeburger Dom zeigt drei männliche Figuren mit Spitzhüten. Eine kniet neben zwei Ferkeln unter einer Sau und saugt an einer Zitze; die zweite ist dem Hinterteil der Sau zugewandt, das ihre abgebrochene rechte Hand wohl berührte; die dritte hält eine Schriftrolle. Eine der Sau zugewandte Frau hält eine Schüssel mit Eicheln.[104] Zwischen den Beinen der Sau tummeln sich zwei Hunde. Diese Verbindung zweier verachteter Tierarten sollte die Juden noch stärker erniedrigen.[105]

Die Holzschnitzerei am Chorgestühl des Kölner Doms zeigt im Feld oben links drei als Juden markierte Figuren: Einer umarmt eine Sau, der zweite saugt kniend an ihren Zitzen, der dritte füttert sie. Im Feld rechts daneben kippt eine Judenfigur einen Trog aus, aus dem ein Schwein und mehrere Ferkel herausfallen. Das Motiv spielt wohl auf jene christlich-apokryphe Kindheitslegende an, wonach Jesus eine in einem Trog versteckte Mutter und ihre Kinder in Schweine verwandelte. Eine weitere Judenfigur führt einen christlichen Knaben an der Hand. Ein „W“ und „Mart“ darüber identifiziert ihn als den angeblich von Juden ermordeten Märtyrer Werner von Oberwesel. Diese seit 1287 bekannte Ritualmordlegende führte im Rheinland oft zu Pogromen an Juden.[106] Diese antijudaistischen Motive hingen also eng zusammen.[107]
Der Wasserspeier am Südostchor des Doms stellt ein hockendes Schwein das, das einen Mann mit Judenhut säugt. Der zweite Wasserspeier zeigt ein Mischwesen: Der tierische Unterkörper hat Paarhufe wie die eines Schweins; der menschliche Oberkörper trägt ein Tuch, das einem Tallit ähnelt, aber ohne Schaufäden.[81]
Das Relief in St. Sebald (Nürnberg) zeigt vier männliche Figuren. Zwei hängen an den Zitzen einer Sau; eine trägt den Judenhut. Eine füttert links die Sau, eine fängt ihre Exkremente in einem Topf auf.[108]
Zwei Reliefs in Böhmen ahmen die etablierten deutschen Versionen nach. In Kolín sieht man drei männliche Figuren mit Judenhut unter einer Sau; einer saugt ihre Zitze, einer hält ihren Schwanz, der dritte füttert sie. Dies symbolisiert die Todsünde der Völlerei. In der zum Bistum Magdeburg gehörigen Stadt wohnten anfangs meist deutschsprachige Christen, keine Juden.[82] Die Figur in der Burgkapelle von Lipnice nad Sázavou ist von dämonischen Köpfen an weiteren Säulen umgeben, darunter einem Teufelskopf mit Grimasse, Stoßzähnen und herausgestreckter Zunge. Sie war jedoch hinter dem Altar platziert.[83]
Das Relief in Bützow zeigt fünf als Juden markierte Figuren bei einer Muttersau. Eine sitzt auf einem Thron, liest in einem Buch und unterweist die übrigen offenbar im Umgang mit der Sau. Dies diffamiert Tora und Talmud des Judentums. Ein weiteres Säulenrelief gegenüber zeigt zwei sitzende Affen mit Judenhüten, die einen Spiegel halten und mit der freien Hand auf ihre Köpfe zeigen. Die Komposition ist einmalig.[64]
Der südliche Wasserspeier am Münster Colmar zeigt eine riesige Sau mit weit geöffnetem Maul und vier Figuren mit Judenhüten, langem Haar, Bärten und Mänteln, davon zwei, die an den Zitzen der Sau saugen.[109]
Das Relief im Erfurter Dom stellt den religiösen Gegensatz als Turnier dar: Die Kirchenfigur reitet auf einem Pferd, die Synagogenfigur auf einem Schwein. Auf dem geschnitzten Holzrelief in Aarschot reitet ein Jude rückwärts auf einem Ziegenbock, der auch ein Teufelssymbol war, und hebt dessen Schwanz an. Wegen dieser Merkmale gilt das dortige Exemplar als verwandt mit „Judensau“-Schandbildern[110] und wird mit ihnen aufgeführt.[111]
Das Konsolenrelief in Evora zeigt zwei Figuren mit dem typischen Judenhut. Eine ist als Hund, die andere als Mensch mit Schweinekopf dargestellt, identifiziert also Jude und Schwein. Dieses einzige südeuropäische Beispiel wird vereinzelt mit den mitteleuropäischen Figuren verglichen.[112]
Ein im Kloster Heiligenberg bei Bruchhausen-Vilsen gefundenes Stempelsiegel aus dem 13. Jahrhundert zeigt einen Juden mit Spitzhut, der am Hinterteil einer Sau kniet, ein Hinterbein hält und seinen Mund ihrem After zuwendet. Die zugehörige lateinische Umschrift wurde verschieden gedeutet.[113] Wer der Siegelführer war und wozu das diffamierende Siegelbild gewählt wurde, sind ungeklärte Forschungsfragen.[77]
Das Wandgemälde in Spalt zeigt einen Juden mit Spitzhut, der unter einer Sau liegt und an einer ihrer Zitzen saugt, während er mit einem Arm ein Vorderbein der Sau hochdrückt. Es war ursprünglich an der Bibliothek des Spalter Chorherrenstifts angebracht. Es wurde bei einer Hausrenovierung 1969 verputzt, konnte aber wieder freigelegt werden.[114]
Die Skulptur an St. Nikolai in Zerbst entstand im Kontext einer lokalen Pest-Epidemie von 1448 und Pestpogromen an Judengemeinden.[115]
Das Brautportal der ab 1300 erbauten gotischen Hallenkirche St. Marien in Osnabrück ist links und rechts von je fünf Skulpturen flankiert, die das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen darstellen. Die Kontrastfiguren der Ecclesia links (mit Krone) und Synagoga rechts (mit Augenbinde) führen die jeweilige Fünferreihe an. Der Sockel der Synagogenfigur ist als Sau modelliert.[84] Das diffamierte die jüdischen Familien, die 1327 in der benachbarten „Schweinestraße“ (damaliger Name) hinter der Kirche wohnten. 1336 zwang der Stadtrat den lokalen Juden einen separaten Fleischverkauf auf und markierte ihre Verkaufsbänke mit einem „Judenbild“, wahrscheinlich einer weiteren „Judensau“. 1350 wurden die Osnabrücker Juden bei einem Pestpogrom fast alle ermordet, ihr Eigentum wurde geraubt.[116]
Das „Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg entstand um 1290 beim Kirchenbau.[117] Es gehörte wohl zu einem Bildzyklus zur Abwehr von Dämonen und Sünden an der Nordfassade, wurde aber 1570 bei einem Umbau an die Südostecke des Chors versetzt.[118] Dabei wurde die Überschrift Rabini Schem HaMphoras ergänzt, die mit Bezug auf Martin Luthers Schmähschrift Vom Schem Hamphoras (1543) den hebräischen Gottesnamen und das rabbinische Judentum als Schweinerei diffamiert.[119] Das verschärfte den religiösen Gegensatz von Kirche und Synagoge in der frühen Neuzeit zur totalen Verachtung des Judentums.[120]
Ab dem 15. Jahrhundert erschienen solche Bilder auch an nichtkirchlichen Bauten, also für einen erweiterten Adressatenkreis des Bürgertums.[121] Das älteste Beispiel ist das Relief am Burgtor von Cadolzburg (gebaut ab 1420) unter den Wappen der Hohenzollern.[65] Es zeigt drei Figuren, die eine Sau umgeben: Eine mit Judenhut beugt sich zu ihrem Hinterteil, eine kniet und saugt an einer Zitze, die dritte mit Bart umarmt ihren Hals. Weitere Judenfiguren tanzen um ein Goldenes Kalb.[51]
Das Wandbild am Frankfurter Brückenturm (um 1475) zeigte einen Rabbiner, der verkehrt herum auf einer Sau reitet, einen jungen Juden unter dem Bauch an den Zitzen, einen weiteren am After oder der Vulva saugend; hinter der Sau stehend den Teufel und eine auf einem Ziegenbock reitende Jüdin. Darüber war der verstümmelte und gefolterte Simon von Trient zu sehen. Unter dem Bild stand: „Saug du die Milch, friß du den Dreck, Das ist doch euer best Geschleck.“[122] Diese Verknüpfung des „Judensau“-Motivs mit einer Ritualmordlegende sollte eine Pogromstimmung schüren.[71] Beim Fettmilch-Aufstand (1614) wurde dieses Bild auch als Glasfenstergemälde an einem Bürgerhaus dargestellt.[123] In den 1690er Jahren ließ der Stadtrat das Wandbild trotz Protesten der Frankfurter Juden erneuern.[124] Es befand sich direkt gegenüber der Frankfurter Judengasse und blieb bis zum Abriss des Brückenturms 1801 eine touristische Attraktion der Stadt.[125]
1494 vertrieb die Stadt Aschersleben die dortigen Juden durch das westliche Stadttor und ließ ein Saurelief daran anbringen. Eine im Turmknopf der nahen Stephanikirche gefundene Urkunde belegt den Vorgang: Die Bürger hätten „zum Andenken an der Juden Vertreibung und den Juden zum Abscheu und in Warnung nicht wieder zu kommen“ eine steinerne Sau über dem Tor angebracht. Damit endete die jüdische Gemeinde in Aschersleben für mehrere Jahrhunderte. Das „Sautor“ wurde später zerstört.[57]
Eine Steingravur an einem Privathaus in Kelheim von 1519 zeigte eine Sau, die als Juden markierte Figuren zum Lesen einer Gebotstafel mit hebräischen Buchstaben bringen. Das verhöhnte den jüdischen Toraglauben. Die Inschrift darunter bezog sich auf die damalige Vertreibung der Regensburger Juden. Das Bild wurde vor 1850 auf Klagen von Juden abgenommen, aber 1895 an die Fassade der Stadtapotheke verlegt. Als einziges öffentliches „Judensau“-Bild wurde es 1945 zerstört, auf Befehl eines Offiziers der US Army.[126] Es ist nur noch auf Fotografien dokumentiert.[127]
Um 1520, während der Reformation, schuf der Bildhauer Franz Maidburg die Kanzel der Marienkirche Pirna. Die männliche Figur am Kanzelfuß mit Schweinsgesicht trägt einen Judenhut und hält einen Geldbeutel in der Hand, die ihn unter den Mantel führt, offenbar um ihn zu verstecken.[85]
In Posen malte ein Maler im Auftrag des Stadtrats 1618 judenfeindliche Gemälde auf die Rathauswand, darunter einen auf einem Schwein reitenden Juden. Um die Bilder entfernen zu lassen, mussten protestierende Juden den Maler bezahlen. Im Verlauf schlugen und verletzten der Malergehilfe und ein Stadtrufer örtliche Juden, beschädigten ihre Synagoge und plünderten ihre Häuser. Der Vorgang zeigt, wie städtische Autoritäten das inzwischen säkularisierte „Judensau“-Motiv benutzten.[128]
Im 13-köpfigen Zwergenkabinett des Schlosses Greillenstein steht die Figur eines Juden, der auf einem Schwein reitet: Er hält in der rechten Hand ein Buch der Tora, in der linken einen Geldbeutel dem Schwein vor die Schnauze. Seine Haltung parodiert Reiterporträts von Monarchen und Feldherren. Die Figur gehört zu einer um 1700 entstandenen Skulpturensammlung für den Schlossgarten.[72]
Der Wasserspeier in Calbe zeigt das stereotypisierte Gesicht eines „Ostjuden“[66] und entstand daher wahrscheinlich erst um 1900.[129]
Druckerzeugnisse ab 1440

Grafiken
Seit der Erfindung der Druckpresse (um 1440) findet sich das Motiv vermehrt auf Druckgrafiken und gelangte so mit anderen antijüdischen Stereotypen in die populäre Kunst. Ein zwischen 1450 und 1500 hergestellter und als Einblattdruck vervielfältigter Holzschnitt aus Breisach am Rhein gilt als erste profane Judenkarikatur.[130] Sie zeigt eine riesige Sau, die vier Juden säugt und von drei weiteren umhegt wird. Zwei jüdische Zeugen im Begleittext legen nahe, es gehe dabei um sexuellen Verkehr, nicht um den Verzehr der Sau. Dies unterstellte Juden wie die textlosen älteren Skulpturen einen heimlichen Trieb zum Bruch der Toraverbote. Dagegen deuteten Juden das Schwein dieser Bilder weiterhin als Symbol der gewaltsam herrschenden Macht Roms.[131]
Ein Kupferstich von 1475–1480 zeigt abstoßende, mit dem Gelben Ring als Juden markierte Figuren, die ein nacktes Kind mit Messern schneiden und sein Blut auffangen. Der Innenkreis des Rings ist mit einer Sau ausgefüllt. Der italienische Untertitel verweist auf Simon von Trient. Das Bild verband das „Judensau“-Motiv erstmals mit der Ritualmordlegende und beeinflusste das etwas später entstandene Frankfurter Wandbild.[132]
Der Prager Künstler Matouš illustrierte von 1490 bis 1495 ein Graduale und ein Hymnenbuch für Utraquisten in Kutná Hora mit farbigen Kalligrafien, die „Judensau“-Motive aufgreifen: Ein Mann mit blauem Hut reitet rückwärts auf einer Sau und hält ihren Schwanz fest in der linken Hand. Ein Mann mit Hut reitet im Turnierkampf eine Ziege, sein Gegner einen Eber oder eine Sau. Zwei Männer, einer mit blauem Hut, küsst das Hinterteil einer Ziege, der andere den After eines Schweins. Schon eine Bible moralisée von 1220 enthielt ein Bild eines Juden, der den Hintern einer Ziege küsst. Diese Motive beeinflussten auch deutsche Schandbilder: So zeigte die Anklageschrift gegen Dietrich von Klitzing (1550) eine Figur, die rückwärts auf einem Schwein reitet und den Mund auf dessen Anus presst.[133]
Ein bis 1517 illustriertes Graduale für Utraquisten in Litoměřice zeigt im Folio zu Pfingsten biblische Szenen vom Toraempfang des Mose und Opfer des Elija. Das Rahmenwerk stellt blonde nackte Babys eines Menschenpaars einer Sau mit vielen dunkelbraunen Ferkeln gegenüber. Unter ihnen streckt ein Baby seine Hände zum Bauch der Sau und saugt an ihren Zitzen. Dies kontrastiert Christen als fruchtbare Erben des Alten Testaments mit Juden, die sich vom Schwein nähren würden und zu Ferkeln geworden seien. Das Bild spiegelte und verstärkte lokale Konflikte zwischen Utraquisten und der jüdischen Gemeinde. Diese wurde 1541 bei einem Pogrom vernichtet; 1546 wurde Juden die erneute Niederlassung am Ort verboten.[134]
Eins der 30 von Zacharias von Neuhaus geschnitzten Holzreliefs im Schloss Telč zeigt einen bärtigen Mann im schwarzen Mantel mit dem Gelben Ring. Er reitet eine fliegende Sau und hält ihren Schwanz fest in der linken, einen zerbrochenen Krug in der rechten Hand. Dieser markiert ihn als Betrüger. Die deutsche Inschrift dazu („Veitl, ein Jude, ein Prüfer von Edelsteinen. Hier reitet er auf einer Sau. Er ist 60 Jahre alt.“) meint eventuell den jüdischen Händler Feytl in Telč. Nach seinem Tod 1561 mussten seine Söhne das Vaterhaus an den Schlossherrn verkaufen. Daher könnte das Relief einen Privatkonflikt ausdrücken.[89]
Viele frühe Holzschnitte griffen das Frankfurter Wandbild auf und verschärften es. So zeigte ein Flugblatt von 1563 unter dem Titel „Der Juden Messias“ eine von zwei Teufeln begleitete Prozession von 14 Personen mit dem Gelben Ring, die die „Judensau“ zur Hölle tragen. 13 der Figuren sind mit Namen und verunglimpfenden Reimen markiert.[135]
Ab dem 16. Jahrhundert übertrugen Grafiken die assoziative Verbindung von Juden, Sau und Teufel auch auf Körpermerkmale und statteten die menschlichen Figuren etwa mit Schweinsohren, Bocksfüßen und Hörnern aus. Das Titelblatt des Pamphlets Der Jueden Erbarkeit von 1571 etwa zeigt Judenfiguren mit dem Gelben Fleck, Teufelskrallen, Klauen- und Krähenfüßen und Schweinsgesichtern mit Hörnern und Geweihen. Eine davon, ein Gaukler mit Dudelsack, reitet auf einer Sau, die ihre Exkremente frisst.[136] Die Figuren tragen jene typischen Merkmale, die seit langem dem Teufel zugeordnet wurden, etwa mit dem Symboltier des Ziegenbocks in Aarschot, Erfurt, Frankfurt und auf späteren Grafiken.[137] Auch auf „Judenspottmedaillen“ taucht das Motiv ab der Reformationszeit öfter auf.[138]
Eine bemalte Holzdecke eines Prager Bürgerhauses von 1650–1670 zeigt einen bärtigen Juden mit Hut, der auf einem Schwein reitet.[139]
In seinem Werk Kirchliche Verfassung der heutigen, sonderlich der deutschen Juden (1749) illustrierte der evangelische Pastor Georg Bodenschatz jüdische Schlachtriten mit einem (Juden verbotenen) Schwein. Damit spielte er eventuell auf das Judensaumotiv an. Nur diese Grafik wich dann von der didaktischen Absicht des Werks ab, Christen jüdische Gebräuche verständlich zu erklären.[140]
Texte
Das Fastnachtsspiel von Hans Folz Ein spil von dem herzogen von Burgland (Werktitel: Der Juden Messias) aus dem 15. Jahrhundert zeigt die Aufnahme des Motivs in der deutschsprachigen Literatur. In diesem Bühnenstück wird der jüdische Messias szenisch als Antichrist entlarvt und am Schluss als Strafe für die Juden vorgeschlagen:
„Ich sprich, das man vor allen ding
Die allergrost schweinsmuter pring,
Darunter sie sich schmiegen all
Saug ieder tutten mit schall;
Der Messias lig unter dem schwanz!“[141]
Die Szene bildet den dramatischen Höhepunkt des Spiels und gilt wegen ihrer Tabubrüche und Drastik als „eine der weitestgehenden antijüdischen Darstellungen in der volkssprachlichen Literatur des deutschen Mittelalters überhaupt“. Im Bild der „Judensau“ fasste Folz die dämonisch inspirierte „Verstocktheit“ der Juden, die aus damaliger christlicher Sicht die neue Heilsnahrung verweigern und stattdessen Exkremente und Erbrochenes, also im historischen und endzeitlichen Sinn Verdautes verzehren. Folz kannte die theologischen Stereotypen über Juden gut und transportierte sie in eine für sein Laienpublikum verständliche derb-komische, fäkal-obszöne Sprache. Diese bahnte das spätere antisemitische Schimpfwort „Saujude“ an.[142]

Besonders wirksam war Luthers Schmähschrift Vom Schem Hamphoras von 1543. Darin benutzte er das Wittenberger Relief, um den Talmud, die Bibelauslegung der Rabbiner und den jüdischen Glauben insgesamt als schmutzige Lächerlichkeit zu verhöhnen.[143] Luthers Deutung regte zahlreiche Traktate über die „Judensau“-Skulpturen an.[144]

Ab 1700 wurden die besonders populären „Judensau“-Darstellungen von Wittenberg und Frankfurt oft für antijüdische Zwecke in Büchern abgebildet und beschrieben. Dabei hat der Teufel meist eine als jüdisch angesehene Gestalt und trägt auch den Gelben Ring. Johann Jacob Schudt beschrieb das Frankfurter Bild 1714 in einem seiner antisemitischen Pamphlete: „…unter diesem Schwein liegt ein junger Jud / der die Zitzen saugt / hinter der Sau liegt ein alter Jud auf den Knien / und läst die Sau den Urin und anders aus dem Affter ihm ins Maul laufen.“ Achim von Arnim beschrieb dasselbe Bild in seiner Tischrede über die Kennzeichen des Judenthums (1811) so: „Auf einem Mutterschwein, das einen jungen Juden säugt, sitzt rücklings ein Rabbiner… ein anderer Jude horcht darunter hinein nach Prophezeiung, während die Jüdin sich an den Hörnern des Sündenbocks hält und von ihm zum Teufel geführt wird“. Arnim behauptete, die besten Maler Frankfurts hätten das Bild „durch zwey Jahrhunderte… immer neu aufgefrischt“, weil es „so allgemeynen Beifall“ gefunden habe. Er schlug vor, das Bild zur „Belustigung der Zwischenakte“ auf die Vorhänge des Berliner Schauspielhauses zu übertragen, um so jüdische Käufer der besten Logen dort zu demütigen. Johann Wolfgang von Goethe erwähnte jenes „große Spott- und Schandgemälde“ in seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1808–1838).[145]
In Schelt- und Schmähbriefen der frühen Neuzeit tauchte vermehrt das mit der „Judensau“ verwandte Motiv des „Sauritts“ auf. Deren Schandbilder zeigen Adressaten, die rückwärts auf einer Sau oder einem Esel reiten und ihr Siegel auf deren Hinterteil drücken. So prangerten sie etwa säumige Schuldner als ehrlos und vertragsbrüchig an und entwerteten ihre Insignien.[146]
Vom 14. Jahrhundert an stellten bebilderte Manuskripte Juden rückwärts auf Tieren reitend dar, etwa als Affen, die auf Eulen, Eseln, Ziegen oder Schweinen reiten. Oft halten sie dabei dem Reittier den Schwanz hoch. Ein Druck aus dem 18. Jahrhundert verknüpfte die Motive des Schweineritts und der Judensau, untertitelt mit dem Satz „Dieses ist der Juden Teuffel“.[147] Einige abgebildete Figuren machen sich am Hintern der Sau zu schaffen, schieben Geld in ihren After oder verehren ihre Exkremente.[148]
Das Motiv schlug sich auch in manchen diskriminierenden Judengesetzen der frühen Neuzeit nieder. Die „Juden-Polizei“ von Rechnitz drohte in Punkt 9 ihrer Anordnungen von 1732, diejenigen Juden, die sich mit ihrem Einfluss rühmen und ihre Gegner einschüchtern, mit einer Geldstrafe zu belegen; zudem müssten die Schuldigen „auch die Sau reiten“.[149]
Antisemitische Rezeption
1800 bis 1933
Die medial breit ausgefächerte antijüdische Propaganda im 19. Jahrhundert setzte eine etablierte, durch die älteren Bildzeugnisse verfestigte Assoziation von Juden mit Schweinen voraus. Das Schimpfwort „Judensau“ wurde in Volksliedern und Kinderreimen weitergetragen. Das Schimpfwort „Saujude“ wurde mit dem Hetzruf „Hep Hep“ durch die Hep-Hep-Krawalle von 1819 populär und auch mit Flugblättern und Spielkarten verbreitet.[151] Es erschien ab 1861 mit vielen anderen antisemitischen Ausdrücken in der Wiener Kirchenzeitung. Prominente christliche Theologen bezichtigten Juden mit diesem Vokabular der revolutionären Erhebungen 1848 und forderten eine endgültige Lösung der „Judenfrage“.[152] Das Schimpfwort wurde in Druckwerken der Folgezeit auch für Pogromaufrufe benutzt.[153]
1852 veröffentlichte Alexander Schöppner in seinem „Sagenbuch der bayerischen Lande“ die satirische Erzählung „Das Synagogenwappen zu Heidingsfeld“: Nachdem der Stadtrat von Heidingsfeld den örtlichen Juden das Anbringen des Stadtwappens an ihrer Synagoge verboten habe, hätten sie sich beim Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim darüber beklagt. Darauf habe er ihnen befohlen, sein Wappen, das zwei Säue enthielt, an ihrer Synagoge anzubringen. Der Rabbiner habe das befohlene Wappen für koscher erklären müssen; seither äßen die Heidingsfelder Juden gern Schweinefleisch.[98] 1853 erschien ein gleichnamiges Spottgedicht in Alexander Kaufmanns „Mainsagen“,[154] das er nach Eigenaussage zusammen mit Otto Friedrich Gruppe verfasst hatte.[155] Die fiktive Erzählung verdeutlicht die regionale Verachtung der Juden.[156]
Während der gesetzlichen Judenemanzipation (1870–1890) im Deutschen Kaiserreich nahm die Tradition antisemitischer Karikaturen einen Aufschwung.[157] Damalige politische Karikaturen verspotteten die Herrschenden, um über Machtverhältnisse aufzuklären und eine subversive Distanz in der Bevölkerung zu fördern. Dagegen richteten sich antisemitische Karikaturen gegen eine unterlegene Minderheit, die dem Betrachter als verabscheuungswürdig ausgeliefert und als Sündenbock angeboten wurde, etwa für die Wirtschaftskrise 1877.[158] Damit wurden aktuelle Ereignisse aufgegriffen und in Form einer „personalen Typenkarikatur“ auf eine angeblich typische, dauerhafte Charaktereigenschaft aller Juden zugespitzt, die auf Ursachen in der jüdischen Kultur, Religion und einer angeblichen „Rasse“ verweisen sollte.[159] Dies schlug sich auch in Sprichworten nieder. So enthielt Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon von 1870 den Eintrag „Bin kein Jud, leck keine Sau“.[160]
Ab 1880 entstanden vielfältige antisemitische Alltagsobjekte, die unter anderem das etablierte „Judensau“-Motiv abwandelten: etwa eine Postkarte, die drei als stereotype „Kaftan-Juden“ gekleidete Schweine mit Schläfenlocken im Gespräch auf einer Parkbank zeigt; eine Keramikspardose in Form eines „jüdischen Kapitalistenschweins“; eine Messing- oder Bronzeschale mit dem Relief eines Schweins, das sich einen Juden einverleibt, dessen Kopf ihm aus dem Hintern schaut; eine Porzellanfigur eines jüdischen Hausierers, der hinter einem Schwein sitzt und sich an dessen Ohren festhält; eine Tuschezeichnung eines Juden, der ein Trüffelschwein an der Leine führt und Schriftstücke von Verteidigern des Alfred Dreyfus in der Dreyfusaffäre (1894–1899) in der Manteltasche trägt.[161]
Im und nach dem Ersten Weltkrieg zeigten antisemitische Postkarten mit dem Titel „Levys Werdegang“ einen Juden, der auf einem Schwein reitend einem anderen Juden einen prall gefüllten Geldbeutel übergibt.[12] Das typisierte Juden als angebliche „Kriegsgewinnler“, Profiteure des Krieges und der Kriegsniederlage.[162]
Seit der Gründung der Weimarer Republik 1919 infolge der Novemberrevolution von 1918 beschimpften deutsche Rechtsradikale demokratische Politiker öffentlich als „Novemberverbrecher“ und als „Judensau“. So hetzte ein deutschnationales Stammtischlied von etwa 1920 gegen den damaligen Außenminister:
„Knallen die Gewehre – tak, tak, tak
Aufs schwarze und aufs rote Pack.
Auch Rathenau, der Walther,
Erreicht kein hohes Alter,
Knallt ab den Walther Rathenau,
Die gottverdammte Judensau!“[163]
1922 wurde Rathenau gemäß diesem Aufruf auf offener Straße erschossen.[164]
Nationalsozialismus
Seit 1919 aktivierten die Nationalsozialisten die mittelalterlichen antijudaistischen Stereotype, die das „Judensau“-Motiv mit Ritualmordlegenden, Motiven von Juden als „Blutsaugern“ und dem „Satan“ verbunden hatten, gezielt für ihre Propaganda. Damit bedrohten sie deutsche Juden schon in der Weimarer Zeit. So beschimpften und schlugen NS-Angehörige den Kaufmann Siegmund Fraenkel im Juni 1923 in einer Münchner Straßenbahn mit den Worten „Du Ostjude, du Saujude“ und verletzten ihn dabei so schwer, dass er zwei Jahre später an den Folgen starb.[165]
Das 1923 gegründete NSDAP-Hetzblatt Der Stürmer übernahm und steigerte die Tradition antisemitischer Karikaturen zu Zerrbildern von Juden mit schiefen Zähnen, Tierklauen, triefenden Mundwinkeln und gierigem Blick, die Scharen junger blonder Mädchen verführten und „vergifteten“: Das verband religiöse mit pornografischen und rassistischen Motiven und bezog sie auf die „Rassenschande“ und das „Aussaugen“ der „arischen Rasse“.[166] Oft verwendete der Stürmer in Titeln und Karikaturen das Bild vom „Judensaustall“, den es auszumisten gelte.[167] In einer Stürmer-Karikatur vom April 1934 symbolisiert das Motiv die angebliche Medienmacht der Juden: Die mit einer Mistgabel durchbohrte Sau trägt die Aufschrift „Juden-Literatur-Verlage“, die Bildunterzeile lautet: „Wenn die Sau tot ist müssen auch die Ferkel verderben.“ Als am Tropf der Verlage hängende „Ferkel“ sind Albert Einstein, Magnus Hirschfeld, Alfred Kerr, Thomas Mann, Erich Maria Remarque und andere dargestellt.[168]
Diese Hetzpropaganda bereitete die Judenverfolgung der NS-Zeit vor, die mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 einsetzte und vom „Judenboykott“ (1. April 1933) an ständig gesteigert wurde.[169] In Cadolzburg etwa führten Lehrer ihre Schulklassen ab 1933 oft zur dortigen „Judensau“. 1934 veröffentlichte ein NSDAP-Ratsherr ein antisemitisches Spottgedicht über das Relief, und der Gemeinderat ließ eine höhnische Texttafel am Bahnhof aufstellen: „Den Besuchern Cadolzburgs, insbesondere Israeliten wird empfohlen, das Steinbild am äußeren Schloßeingang (sogen. Judensau) zu besichtigen. Es sollen sich deshalb Juden in Cadolzburg von jeher nicht aufgehalten haben.“[51]
Die „Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes“ von 1935 verboten Ehen und Sexualkontakte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen streng. Der „Rassenschande“ beschuldigte jüdische Männer wurden öffentlich gedemütigt, indem man ihnen Schilder umhängte, auf denen etwa stand: „Ich nehme, ich Judensau [,] immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer.“ Nichtjüdische Frauen wurden als „Judenhure“ gedemütigt und mussten Schilder mit der Aufschrift tragen: „Ich bin am Ort das größte Schwein und lass mich nur mit Juden ein.“[170][169]
SA-Männer misshandelten und quälten den Nichtjuden Carl von Ossietzky 1936 im KZ Sonnenburg wochenlang unter Rufen wie „Jude“, „Judensau“ und „Sau“. Er starb 1938 auch an den Folgen dieser Folter.[171] Im Verlauf der Novemberpogrome 1938 beschimpften und bedrohten nichtjüdische Deutsche ihre jüdischen Nachbarn und Mitbürger oft als „Judensau“ und beteiligten sich an Zerstörungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen durch die SA.[172]
Nach Zeugnissen von Überlebenden verübten manche SS-Aufseher nationalsozialistischer Konzentrationslager sadistische Rituale: Sie zwangen jüdische Häftlinge etwa dazu, sich zu entkleiden und von einem Baum herab zu rufen: „Ich bin eine dreckige Judensau!“[173] In NS-Prozessen bezeugten Schoa-Überlebende, dass KZ-Aufseher sie monatelang Misshandlungen und Todesdrohungen ausgesetzt und dabei oft auf das Übelste als „Judensau“, „Judenhure“ oder „Drecksjud“ beschimpft hatten.[174] Laut Zeugenaussagen im Auschwitzprozess lieferte eine Täterin eine Jüdin dem Vernichtungslager Auschwitz mit den Worten aus: „Diese Judensau (oder Judenhure) hat lang genug Rassenschande getrieben, sie soll verrecken.“[175] Edgar Kupfer-Koberwitz, überlebender Häftling des KZ Dachau und Autor der Dachauer Tagebücher, beschrieb die sadistische und traumatisierende Folter der KZ-Aufseher, die einen Häftling beim Hofappell als „Saujud“ und „Judensau“ anbrüllten und stundenlang quälten, und die eigene Ohnmacht im hilflosen Versuch, dem Gequälten beizustehen, in seinem Gedicht „Erinnerung“.[176]
Fortwirken
Beschimpfungen und Schändungen
Die Ausdrücke „Judensau“, „Saujude(n)“, „Judenschwein(e)“ oder „Schweinejude(n)“ gehören bis heute zum antisemitischen Vokabular, das auf die jahrhundertelange „Judensau“-Tradition zurückgeht.[177] Es sind nach deutschem Strafrecht eindeutig strafbare Beleidigungen.[178] Anders als Fremdenfeindlichkeit entmenschlichen und bedrohen sie Personen in antisemitischer Tradition gezielt als Angehörige eines Kollektivs. Sie sind fester Bestandteil der verbreiteten Schändung jüdischer Friedhöfe.[50]
Im Strafprozess von 1950 gegen Veit Harlan, den Regisseur des NS-Propagandafilms Jud Süß von 1940, war Karena Niehoff Hauptzeugin der Anklage. Sie war ehemalige Assistentin des Drehbuchautors gewesen und wegen ihrer jüdischen Herkunft vom NS-Regime verfolgt worden. Laut ihrer Aussage hatte Harlan den Drehbuchentwurf eigenhändig antisemitisch verschärft. Zuhörer beschimpften und bedrohten sie daraufhin als „Judensau“, so dass sie Personenschutz brauchte. Dies und der folgende Freispruch für Harlan wurden weltweit beachtet und oft als Zeichen mangelnder Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit in Deutschland bewertet.[179]
Seit 1989 nahmen solche Straftaten in Deutschland zu. So wurde das gemeinsame Grab von Bertolt Brecht und Helene Weigel, die jüdischer Herkunft war, kurz nach Öffnung der Berliner Mauer mit der Parole „Sau-Jude“ beschmiert. Am 20. April 1992, dem Jahrestag des „Führergeburtstags“, und am 20. Juli 1992 warfen Neonazis Schweineköpfe vor die Synagoge in Erfurt. Auf dem beim zweiten Mal beigefügten Zettel stand: „Dieses Schwein Galinski ist endlich tot. Noch mehr Juden müssen es sein.“ Heinz Galinski, der frühere Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, war am Vortag gestorben.[180] Im Oktober 1993 wurde das Mahnmal zu deportierten Juden in Berlin-Grunewald mit Schweineköpfen geschändet.[181] Im Oktober 1998, als Martin Walser mit Ignatz Bubis um die angebliche „Moralkeule Auschwitz“ debattierte, trieben Neonazis ein Ferkel mit einem aufgemalten Davidstern und dem Namen von Ignatz Bubis über den Alexanderplatz in Berlin.[182]
Am 22. November 1999 forderte Meir Mendelssohn, der das Grab von Bubis in Israel mit Farbe übergossen hatte, das Publikum bei einem Theaterabend der Volksbühne Berlin auf, „… das Wort Judensau zu sagen, ganz normal und ganz natürlich.“[183] Die Jüdische Gemeinde zu Berlin zeigte ihn und die Veranstalter am Folgetag wegen des Verdachts der Volksverhetzung an.[184]
Rechtsradikale Fußballstadienbesucher beschimpfen und bedrohen als jüdisch angesehene Fußballer und Schiedsrichter in Deutschland seit Jahrzehnten mit solchen Ausdrücken.[185] 2006 beschloss der Verband Makkabi Deutschland, Spiele deutschjüdischer Vereine bei solchen Vorfällen künftig abzubrechen und vor Sport- und Strafgerichte zu bringen.[186] 2009 nahm der DFB „Beleidigungen (§ 185 StGB) aus rassistischen bzw. fremdenfeindlichen Motiven“ als Grund für unbefristete Stadionverbote in seine Richtlinien auf.[187] Die Beschimpfung „Judensau“ fällt unter die Diskriminierungsverbote des DFB, die Ausbilder, Schieds- und Strafrichter durchsetzen sollen.[188] Antisemitische Beschimpfungen in deutschen Stadien werden jedoch statistisch kaum erfasst und besonders auf Vereinsebene nur selten verfolgt.[189]
Im Juni 2006 beschimpfte der Schweizer Neonazi Pascal Lüthard einen Restaurantgast, dessen jüdische Identität ihm bekannt war, als „Judensau“ und wurde dafür gemäß der Schweizer Rassismus-Strafnorm rechtsgültig bestraft.[190]
Manche antisemitisch eingestellten Muslime beschimpfen Juden im Anschluss an einige Koransuren als „Affen und Schweine“.[191] Die Suren werden ähnlich wie prophetische Bibelstellen als zeitbedingte Vorwürfe an die Mehrheit der Juden gedeutet, nicht gottesfürchtig zu sein. Die Akademie für islamische Untersuchungen der al-Azhar-Universität beschloss 2003, diese Stellen nicht mehr gegen heutige Juden zu verwenden.[192]
Der Historiker Julius H. Schoeps zählt auch die antisemitische Demonstrationsparole „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein“ zur Nachwirkung des christlichen „Judensau“-Motivs.[193]
Ab November 2022 nahm antisemitische und rassistische Hetze, darunter das Schimpfwort „Judensau“, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter sprunghaft zu. Zuvor hatte der Milliardär Elon Musk das Unternehmen gekauft und viele Mitarbeiter entlassen, die für die Moderation der Tweets nach internen und externen Regeln verantwortlich gewesen waren.[194]
Im Januar 2025 legten Unbekannte einen Schweinekopf vor das Haus der in der NS-Zeit ermordeten jüdischen Familie Prager, einer Gedenkstätte in Apolda (Thüringen).[195]
Gewalttaten
Immer wieder greifen Antisemiten Menschen zusammen mit solchen Beschimpfungen auch körperlich an. In Nachkriegsdeutschland erlitten Juden, die den Holocaust überlebt und sich wieder an ihren Herkunftsorten niedergelassen hatten, öfter solche Gewalttaten. So beschimpften Bürger in Flörsheim am Main (Juni 1958) und Köppern (November 1958) jüdische Mitbürger als „Judenschwein“, „Saujud“ oder „Judensau“, drohten, sie zu erschlagen oder zu „vergasen“ und ihr Eigentum zu zerstören, und verübten Sachbeschädigungen. Die Täter wurden erst nach Presseberichten strafverfolgt und milde bestraft. Laut dem Historiker Wolfgang Kraushaar belegen solche Beispiele den Post-Holocaust-Antisemitismus.[196]
1993 beschimpfte ein Neonazi in Marl einen Obdachlosen als „Judensau“ und verletzte ihn mit Fußtritten so schwer, dass das Opfer ins Koma fiel und später verstarb.[197]
2007 beschimpfte ein 23-jähriger Muslim einen Rabbiner in Frankfurt am Main als „Scheißjuden“ und „Judensau“ und stach ihn dann nieder.[198]
2010 beschimpfte eine Neonazigruppe in Laucha einen Israeli und Enkel eines Holocaustüberlebenden als „Judensau“ und verletzte ihn schwer.[199]
2015 schrien „Adolf-Hitler-Hooligans“ (Selbstbezeichnung) den Inhaber des koscheren Schalom-Restaurants in Chemnitz an: „Hau ab aus Deutschland, du Judensau“. Dabei warfen sie Böller, Steine, Flaschen und ein Stahlrohr hinein.[200]
Antisemitische Symbolik
Der Rockmusiker Roger Waters ließ in jeder Bühnenshow seiner Tournee „The Wall“ (2010–2013) einen Ballon in Gestalt eines Schweins aufsteigen, bemalt unter anderem mit dem Davidstern. Auf Kritik erklärte er, das Schwein symbolisiere „das Böse“ und der Stern legitime Kritik am Staat Israel. Doch es wurde als Rückgriff auf die bekannte Symbolik der „Judensau“ und daher als antisemitisch eingestuft.[201]
Die österreichische rechtsextreme Black-Metal-Band „Totale Vernichtung“ bot 2014 ein T-Shirt zum Verkauf an, dessen Vorderseite das Motiv der „Frankfurter Judensau“ und den CD-Namen „Ritualmordlegenden“ trug. Die Rückseite zeigte das nationalsozialistischen Deutsche Reich in den Grenzen von 1938 und den Spruch: „Bald sind hier nur noch Menschen wie ich und du, und dann geht alles wieder mit rechten Dingen zu.“[202]
Bei der documenta fifteen 2022 in Kassel zeigte das indonesische Künstlerkollektiv „Taring Padi“ ein detailreiches Wandgemälde, darauf ein Soldat mit Schweinsgesicht und Davidstern, der einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“ trägt, und einen orthodox gekleideten Juden mit Schläfenlocken, spitzen Zähnen und SS-Runen auf der Kopfbedeckung. Diese Symbole wurden als eindeutig antisemitisch kritisiert und mit der „Judensau“ verglichen.[203] Auch der Umgang mit dem Bild, es hängenzulassen und zu verhüllen, ohne über Judenhass aufzuklären, wurde mit dem Umgang mancher Kirchen mit der „Judensau“ verglichen.[204]
Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle zeigte in ihrer Jahresausstellung im Juli 2025 eine Gipsplastik eines Studenten mit einem angedeuteten Schweinekopf neben einer Palästina-Flagge. Dies kritisierte der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt als antisemitische Bildsprache. Die Hochschulleitung bestritt dies zunächst,[205] wollte den Vorgang dann aber von einem Ethikrat untersuchen lassen.[206]
Umgang mit den Skulpturen
Der Umgang mit den historischen „Judensau“-Darstellungen ist in Deutschland seit den 1980er Jahren umstritten. 1990 empfahl die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ihren Gemeinden:
„Sofern die Kunstwerke an ihrer Stelle verbleiben, sollte der Betrachter durch Hinweise (auch in Form von Tafeln) auf Schuld und Betroffenheit der Kirche aufmerksam gemacht und zu neuer Sicht angeleitet werden.“[207]
Ab 2002 stießen die Aktionskünstler Wolfram P. Kastner und Günter Wangerin mit Protestaktionen eine bundesweite Debatte dazu an. Sie forderten, die Skulpturen wie Hakenkreuze aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, sonst würden sie Antisemitismus weiterverbreiten. Unerlässlich seien zumindest klare Distanzierungstexte. Diese fehlten bis dahin fast überall.[208]
Denkmalpfleger, Historiker, Juristen und manche Kirchenvertreter wollen die Skulpturen als Zeitzeugnisse im damaligen architektonischen Kontext erhalten. Der Denkmalpfleger Achim Hubel lehnte auch Hinweistafeln dazu ab.[209] Der Kunsthistoriker Arnold Bartetzky bezeichnete Vorstöße zur Abnahme polemisch als „Tyrannei der Beleidigten.“[210] Für den Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann würde die Entfernung die Provokation zur ständigen Auseinandersetzung mit Antisemitismus beseitigen.[211]
Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert klare Distanzierungen. Sein Präsident Josef Schuster wollte Kirchengemeinden ab 2017 vor die Wahl stellen, die Skulpturen zu entfernen oder eindeutige Erklärtafeln anzubringen. Der Vizepräsident Salomon Korn plädierte für „Aufklärung vor Beseitigung“. Im Originalkontext an Kirchen könne man mehr über diesen historischen Antisemitismus lernen als im Museum. Man dürfe die Kirchen nicht aus ihrer Verantwortung für ihre Geschichte entlassen und den im Christentum angelegten Antijudaismus nicht unsichtbar machen.[212] Dieser Argumentation folgten auch Vertreter der EKD, so bis 2018 deren Kulturbeauftragter Johann Hinrich Claussen.[213]
Eine häufige Gegenmeinung vertrat im Mai 2022 der Autor Ronen Steinke: Wie bei nach Adolf Hitler benannten Straßen in deutschen Städten sei die Entfernung der Judensaureliefs kein Reinwaschen oder Übertünchen von Geschichte, sondern nur ein nötiges „Abstandnehmen von früherer Ergebenheit“. Die Reliefs seien „Stürmer-Karikaturen“ auf „Porno-Niveau“, die Christen zu Pogromen mobilisiert hätten. Daher sei kaum zu begreifen, „mit welcher Halsstarrigkeit die Kirchen sich heute dagegen verwahren, diese Skulpturen endlich mit Hammer und Meißel abzuschlagen, um sie zum Beispiel in ein Museum zu geben.“[214]
Im März 2025 veröffentlichten fünf katholische Diözesen und drei evangelische Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen gemeinsame Leitlinien zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken in und an Kirchengebäuden.[215] Sie sollen laut Martin Bock (Melanchthon-Akademie Köln) Kirchengemeinden dazu anregen, dem Antisemitismus unter Christen entgegenzutreten, und eine würdige Lebensperspektive für jüdische Menschen in Deutschland zu schaffen helfen.[216]
Brandenburg
Seit 2014 bezeichnete eine Erklärtafel die „Judensau“ im Kreuzgang des Brandenburger Doms als „diffamierende Darstellung“. Ab November 2021 forderte der Politikwissenschaftler Michael Gray, Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Berlin, die Plastik eindeutig als Ausdruck des tradierten christlichen Judenhasses zu erklären und den Umgang damit kritisch zu erörtern. Der Domkurator Cord-Georg Hasselmann begrüßte den Vorstoß und räumte ein, dass die Erklärung nicht genügte.[217]
Im Januar 2022 beauftragte das Domstift die Kunsthistorikerin Theresa Jeroch dazu, die Geschichte und Bedeutung der Plastik zu erforschen. Marion Gardei, die Antisemitismusbeauftragte der EKBO, kündigte neue Regeln zum Umgang mit antijüdischen Plastiken und Symbolen in Kirchen an. Gemeinden müssten sich damit auseinandersetzen, solche Plastiken aus dem liturgischen Bereich ihrer Kirchen herauslösen und in einen pädagogisch-musealen Zusammenhang stellen. Laut dem Vorsitzenden der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Andreas Nachama war die Brandenburger Skulptur durch Begleitkommentare und ihren Standort außerhalb des Doms im Vorraum des Dommuseums schon als pädagogisch präsentiertes Objekt gekennzeichnet.[218]
Im Frühjahr 2023 berief der Gemeinderat eine Expertengruppe zum Umgang mit der Plastik.[219] Gemäß deren Vorschlag beschloss der Rat im Mai 2023, die Plastik hängen zu lassen, doch fortan zu verhüllen. Laut Bischof Christian Stäblein ließ sie sich wegen des Materials und der Säulenstatik nicht abnehmen.[220] Zudem sei sie Teil eines Bildprogramms, das die Abnahme zerreißen und unkenntlich machen würde. Der Kreuzgang, ursprünglich Teil der nichtöffentlichen Klosteranlage, sei heute Teil des Dommuseums. Die Verhüllung solle also nichts verdrängen, sondern Distanz und Aufklärung für Interessierte ermöglichen.[221]
Im Juni 2025 zeigte Theresa Jerochs Bericht zur Herkunft und Wirkung der Skulptur, wie die Kirche mit solchen Schmähplastiken ab dem Hochmittelalter systematisch den Hass unter den Priestern und in der Bevölkerung gegen das Judentum geschürt hatte. Im November 2025 beschloss das Domstift, die Plastik mit einem Kasten einzuhausen, den Besucher zum Betrachten öffnen müssen. Der Kastenbau sollte beginnen, sobald genug Geld dafür vorhanden ist.[222]
Calbe
In Calbe wurden 2019/2020 vierzehn historische Wasserspeier der St.-Stephani-Kirche mit Landesmitteln restauriert, darunter die „Judensau“. Der Gemeinderat wollte sie danach nicht wieder anbringen,[223] doch ordnete die lokale Denkmalbehörde dies im Juni 2020 an. Daraufhin ließ der Gemeinderat die Abnahme juristisch prüfen und die Skulptur vorläufig verhüllen.[224] Im Dezember 2024 beschloss er, die Figur am Gebäude zu belassen, aber künstlerisch zu verfremden.[225]
Im Juli 2025 erlaubte Calbes Denkmalschutz der Kirche eine „gestaltende Intervention“ als „Barriere für die Wahrnehmung“ der Skulptur. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ließ ein Auftragskunstwerk ausschreiben und wählte den Entwurf des Hallenser Künstlers Thomas Leu. Ein Geflecht aus Ölzweigen unter dem Titel „Einfriedung“ soll den Blick auf die Schmähplastik beschränken.[226] Dem Entwurf stimmte eine Arbeitsgruppe aus Gemeinderatsmitgliedern, Vertretern der Staatskanzlei, der EKM und vom Landesverband jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt zu.[227]
Mit der jahrelangen Debatte um die Skulptur verknüpft war die Frage, wer über die Gestaltung kirchlicher Gebäude zu entscheiden hat. Durch den antisemitischen Anschlag in Halle 2019 erkannten die Gemeindevertreter die Aktualität der Problematik und entschieden, die Skulptur nur noch verhüllt am Gebäude zu dulden. Am 19. November 2025 wurde das Kunstwerk enthüllt. Die Olivenzweige aus Edelmetall sollen Frieden und die Verständigung zwischen Judentum und Christentum symbolisieren. Die Kontexttafel darunter informiert über die Entstehungsgeschichte der Figur und erklärt, warum die Gemeinde sich davon distanziert.[228]
Köln
Im Jahr 2002 informierte Wolfram Kastner Dombesucher mit einem umgehängten Schild, auf dem „Judensau im Kölner Dom“ stand, über das Schnitzwerk am dortigen Chorgestühl. Marten Marquardt, Leiter der Melanchthon-Akademie Köln, forderte, alle „Judensau“-Bilder in Deutschland mit einer Tafel oder schriftlichem Material zu erklären.[229]
Damit begann eine jahrelange Auseinandersetzung in Köln. Die Domverwaltung lehnte anfangs jede Hinweistafel vor Ort strikt ab.[230] 2008 erschien eine kritische Ausgabe zu den Kölner „Judensau“-Motiven im Kölner Domblatt,[229] die 2018 zum Jahrestag der Novemberpogrome 1938 erneut veröffentlicht wurde.[231] 2021 veröffentlichte die 2017 gegründete Arbeitsgruppe „Der Dom und ‚die Juden‘“ einen thematischen Rundgang zu jenen Kunstwerken, der seit 2023 auch im Internet abrufbar ist. Zudem bietet das Domforum Führungen dazu an.[229]
Seit April 2025 zeigt ein Wandgemälde von Andrea Büttner in der Marienkapelle des Doms den 1442 zerstörten Toraschrein aus der ehemaligen Synagoge Kölns. Es verweist auf die mit dem Dom verbundene Geschichte der Kölner Juden und soll das verdeckte jüdische Fundament des Christentums und damit jüdisches Leben in Köln wieder sichtbar machen.[232]
Nürnberg
Am 15. September 2005, dem 70. Jahrestag der Nürnberger Gesetze, beschloss der Kirchenvorstand von St. Sebald in Nürnberg eine Erklärung:
„Das ‚Judensau‘-Schmähbild aus dem Spätmittelalter drückt den Judenhass aus, der die Schoa vorbereitet hat. Im selben Ungeist sind jüdische Bürger Nürnbergs bis ins 20. Jahrhundert verachtet und verteufelt, vertrieben und vernichtet worden. Voller Scham verbeugen wir uns vor den Millionen Opfern des Judenhasses. Wir bitten sie und unseren gemeinsamen Gott um Vergebung.“
Die Erklärung wurde in einem Faltblatt für Kirchenbesucher abgedruckt, aber nicht als Tafel an der Außenmauer angebracht.[233] Das Faltblatt informiert über alle judenfeindlichen Bilder in und an dieser Kirche und deren historischen Kontext.[234]
Den Mitautor des Faltblatts Axel Töllner beauftragte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern später für den dortigen christlich-jüdischen Dialog. Er verwies 2020 auf weitere judenfeindliche Darstellungen in und an Nürnberger Kirchen. Eine Entfernung der Sebalder „Judensau“ lehnte er ab, da diese zu mehr als 1500 Jahren Kirchengeschichte gehöre und vor Ort am ehesten Anlass dazu gebe, sich immer neu mit Antisemitismus auseinanderzusetzen.[235] 2024 betonte Töllner, der richtige Umgang mit den diffamierenden Skulpturen lasse sich nicht endgültig festlegen. Auch das Sebalder Faltblatt solle die Debatte nicht beenden. Die „über Jahrhunderte eingeübten antisemitischen Denk- und Sprechformen kann man nicht in wenigen Jahren völlig ablegen – das ist eine Jahrhundertaufgabe.“ Man müsse immer wieder neu erklären, „warum auch und gerade aus theologischer Sicht eine antijüdische Haltung für Christenmenschen nicht tragbar ist“.[236]
Regensburg
Das Bistum Regensburg lehnte eine Hinweistafel am Regensburger Dom zunächst ab. Im Mai 2004 hinderte Polizei die Aktionskünstler Wolfram Kastner und Günter Wangerin daran, mit Wasserfarbe „Judensau“ auf das Pflaster vor dem Dom zu schreiben. Danach verlangten auch die israelitischen Kultusgemeinden in Bayern ein Hinweisschild zum Relief am Dom.[237]
Am 30. März 2005 stellte der Freistaat Bayern als Eigentümer des Regensburger Doms folgenden Tafeltext vor:
„Die Skulptur als steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche muss im Zusammenhang mit ihrer Zeit gesehen werden. Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich. Das Verhältnis von Christentum und Judentum in unseren Tagen zeichnet sich durch Toleranz und gegenseitige Achtung aus.“[238]
Historiker kritisierten diesen Text als die Geschichte glättend, verharmlosend und belanglos.[239] Am 11. Mai 2005 hängten Kastner und Wangerin einen Gegenentwurf an die Domwand, der die christliche Mitschuld benannte. Ihre Tafel wurde am selben Tag entfernt.[240] 2014 entfernten Unbekannte die umstrittene offizielle Texttafel.[241]
Im Februar 2019, zum 500. Jahrestag der Vertreibung der Regensburger Juden, eröffnete das städtische Kulturreferat die Ausstellung Regensburg – Mittelalterliche Metropole der Juden. Für den gleichnamigen Katalog hatte die Historikerin Eva Haverkamp-Rott die „Judensau“-Skulptur eingeordnet:
„Die ‘Judensau’-Darstellung an der Südfassade des Domes ‘schaut’ in Richtung Judenviertel. Sie unterstellt Juden, sie würden an einer Sau lecken und an deren Zitzen saugen; das Schwein symbolisiert auch den Teufel. Um die Juden als Juden zu kennzeichnen, tragen sie ‘Judenhüte’. Das Gebot, nach dem Juden kein Schweinefleisch essen, wird hier zur Absurdität verkehrt. Diese ekelerregende Propaganda degradierte die Juden und war ein Angriff auf die jüdische Religion.“[242]
Stattdessen stand in der Druckvorlage der Tafeltext von 2005. Die Historikerin protestierte: Kulturreferent Klemens Unger habe den Text gegen ihren Willen gestrichen, dadurch die Skulptur verharmlost und das ganze Kapitel zur mittelalterlichen Judenverfolgung verfälscht. Daraufhin erschien der Katalog im Juli 2019, sechs Wochen nach dem Ende der Ausstellung, ganz ohne die Passage zur „Judensau“. Dies kritisierten Katalogautoren und Medienberichte als unerlaubten und sinnverändernden Eingriff:
„Zu so einem unangenehmen Erbe wie der ‚Judensau‘ am Regensburger Dom zu stehen, hieße, die in der Wissenschaft unstrittige Tatsache anzuerkennen, dass der über 1000 Jahre lang von der Kirche systematisch angeheizte Hass auf die Juden die Basis war, auf der die Nazis aufbauen konnten, auf der Auschwitz möglich war.“[243]

Im Januar 2022 einigte sich das Bistum Regensburg mit der jüdischen Gemeinde und dem Freistaat Bayern auf einen von Eva Haverkamp-Rott verfassten neuen Text für eine Hinweistafel, der auch Vorlage für andere Orte sein sollte:
„Mit dieser menschenverachtenden Propaganda wurden Jüdinnen und Juden zu Feinden des Christentums erklärt. So wurde über Jahrhunderte Hass gegen sie geschürt. Ausgrenzung, Verfolgung bis hin zum Mord waren die Folge. Heute soll diese Skulptur alle Menschen mahnen, gegen jede Form von Propaganda, Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus vorzugehen.“[244]
Im Januar 2023 wurde der Text in deutscher und englischer Sprache außen am Regensburger Dom angebracht. Weitere Informationen sind über einen QR-Code auf der Tafel im Internet abrufbar.[245]

Wittenberg
Nach interner Diskussion ab 1983 ließ der Gemeinderat der Stadtkirche 1988 eine Gedenkplatte unter dem Relief in den Boden einlassen, die auf den Holocaust als Folge dieses christlichen Judenhasses verweist.[246]
Neue Forderungen ab 2016, das Relief abzunehmen und in ein Museum oder an einen neuen Gedenkort bei der Stadtkirche zu bringen, lehnte der Gemeinderat mehrfach ab.[247] Eine Zivilklage von 2018 scheiterte nach zwei Vorinstanzen 2022 auch vor dem Bundesgerichtshof (BGH), weil die Gedenktexte das Schandmal in ein Mahnmal verwandelt hätten.[248]
Der Prozess verstärkte die Debatte zum Umgang mit solchen Skulpturen. Im Verlauf mehrten sich die Stimmen in der EKD, die eine Abnahme des Wittenberger Exemplars befürworteten.[119][249] Bis April 2023 ergänzte der Gemeinderat die Gedenk- und Aufklärungstexte zum Relief und stellte eine Bitte um Vergebung an „Gott und das jüdische Volk“ ins Zentrum.[250]
Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, forderte ab April 2023, der Stadtkirche wegen der beibehaltenen Skulptur den Titel des UNESCO-Welterbes zu entziehen.[251]
Im Februar 2026 bestätigte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) das BGH-Urteil endgültig.[252]
Zerbst
In Zerbst wurde Anfang 2022 eine Erklärtafel unter der Skulptur aufgehängt.[253] Die Kirchengemeinde, ein Förderverein und die Evangelische Landeskirche Anhalts planten ein Gegendenkmal und erhielten dazu bis März 2022 zehn künstlerische Entwürfe.[115] Ausgewählt wurde eine als Lesepult wie in einer Synagoge gestaltete Stele des Bildhauers Hans-Joachim Prager.[254] Ihre Stirnseite zitiert oben Art. 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“), unten den Bibelvers Gen 1,27 EU („Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“). Alle vier Seiten führen die Namen der NS-Opfer unter Zerbster Jüdinnen und Juden auf.[255] Bei der Enthüllung des Gegendenkmals am 1. Juni 2023 benannte Landeskirchenpräsident Joachim Liebig den Antisemitismus als jahrhundertelange Schuld des Christentums und bat alle dessen Opfer um Vergebung, „wohlwissend, dass das Leid damit nicht geschmälert wird“. Für den Bildhauer soll die Stele einen Toleranz-Diskurs fördern.[256]
Andere
In Bacharach erhielt der Wasserspeier der Wernerkapelle bis 2006 eine Informationstafel.[257] Nach Kritik von Wolfram Kastner ließ das zuständige Bistum Mainz 2013 eine Informationstafel an der Kirche in Bad Wimpfen aufstellen[58] und beschloss 2020 eine erweiterte Hinweistafel zum Wasserspeier.[258] In Basel übergab der Gemeindepfarrer des Münsters eine Replika des zerstörten Originals 1996 dem Jüdischen Museum der Schweiz.[259]
In Bayreuth forderte Pfarrer Klaus Rettig seit 2000 die Entfernung der stark verwitterten „Judensau“-Skulptur. Der Kirchenvorstand der Stadtkirche lehnte ab und beschloss stattdessen im Oktober 2004 eine Gedenktafel. Eine Woche danach zerschlugen Unbekannte die Skulptur.[260] Die Tafel wurde 2005 angebracht. Ihr Text lautet:
„Unkenntlich geworden ist das steinerne Zeugnis des Judenhasses an diesem Pfeiler. Für immer vergangen sei alle Feindseligkeit gegen das Judentum.“[261]
Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle, Kirchen- und Staatsvertreter und der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern vereinbarten im Dezember 2020, die rund 12 antijüdischen Plastiken an Kirchen hängen zu lassen, sie aber „sichtbar und gut erkennbar“ vor Ort einzuordnen.[262]
In Bützow gab die Gemeinde aus Anlass einer Kirchenrenovierung ein Faltblatt zu den dortigen Reliefs heraus, in dem es heißt:
„Die Kirchengemeinde Bützow ist voller Scham betroffen von der Schuld und dem historischen Versagen unserer Kirche und der Wirkmächtigkeit dieser unheilvollen Anmaßung – bis heute. Gemeinsam wollen wir dieses schwierige Erbe als Verantwortung begreifen und den judenfeindlichen Bildern aktiv etwas entgegensetzen.“[64]
Auf das „Judensau“-Relief in Cadolzburg machten Wolfram Kastner und Günter Wangerin im Juli 2003 mit einer Plakataktion aufmerksam und forderten eine klare Distanzierung der Stadt, die das Burgtor damals aufwändig renovieren ließ.[263] Im Januar 2004 ließ Bayerns damaliger Finanzminister Kurt Faltlhauser eine Informationstafel bei dem Relief anbringen.[264]
2007 verwies die Jüdische Gemeinde Berlin auf die „Judensau“ in Eberswalde.[265] 2010 entkräftete der Historiker Karl Grözinger Versuche, deren Entstehung aus der Hebräischen Bibel zu erklären.[266] Bis 2017 fehlte eine Hinweistafel beim Relief,[212] doch die Kirchengemeinde legte ein Informationsblatt dazu aus und klärte bei Führungen darüber auf.[101]
Das Bistum Erfurt ließ im Mai 2024 die Holzstele „Ekklesia und Synagoge“ des Bildhauers Heiko Börner im Dom aufstellen. Das Kunstwerk stellt die enge Zusammengehörigkeit von Judentum und Christentum dar, auch im Kontrast zur „Judensau“ im Chorgestühl.[267]
Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Heilsbronn erwähnt die dortige Skulptur als eine „für die klösterliche Tradition schändliche Eigentümlichkeit“ und fragt: „Wie konnten die Mönche so etwas zulassen, die im täglichen Gebet mindestens dreimal den Lobpreis von Gottes Volk Israel sangen?“[268] Eine Gemeindebroschüre deutet die Skulpturen als „Mahnmal gegen die Diffamierung jüdischer Religion durch die christliche Kirche“ und Aufforderung zum „Dialog zwischen den Menschen verschiedener Kulturen“.[269] 2022 zeigte das Münster Heilsbronn die Wanderausstellung des Jüdischen Museums Köln zu „1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland“ mit Bezug auf die „Judensau“.[270]
In Lemgo ließ der Kirchenvorstand eine Erklärtafel zur „Judensau“ aufhängen, die auf eine thronende Christusfigur gegenüber und auf aktuellen Judenhass verweist. Den Text beschließt ein Aufruf an alle Menschen, „gegen jede Form von Propaganda, Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus vorzugehen“.[271]
Im Magdeburger Dom ordnet ein Gedenkweg die judenfeindlichen Skulpturen kritisch ein, etwa mit dem Bodenplattentext: „Verschmähte Schwester Synagoge, vergib unsere todbringende Blindheit, ohne Ende gilt Gottes Verheißung dir wie uns.“ Das für Besucher unzugängliche „Judensau“-Relief wird in Domführungen einbezogen und seit 2016 auf einer Tafel kommentiert.[105]
Im September 2024 wurde am Haupteingang der Marienkirche Osnabrück eine Erklärtafel angebracht. Sie ordnet die dortige „Synagoga“ und „Judensau“ als „beabsichtigte antijüdische Propaganda“ ein, die Hass gegen Jüdinnen und Juden schürte, ihre Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung bewirkte. Man habe die Figuren vor Ort belassen, damit sie heutige Menschen „an diese Verirrungen der Kirche erinnern und uns mahnen, gegen jede Form von Propaganda, Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus vorzugehen.“[84][272]
In Spalt deutet seit 2010 eine Tafel das Relief mit Bezug auf den „Gottesmord“, ohne es zu datieren und die Deutung zu erläutern.[87]
In St. Viktor in Xanten bezeichnet eine Texttafel die Judensaureliefs als menschenverachtende, beschämende Beleidigung für Juden, die Pogrome provozierten und als Motive für die Schoah dienten. Als Gegenpol dazu ließ die Propsteigemeinde die Krypta der Kirche 1966 zur Erinnerungsstätte für Märtyrer und Opfer des Nationalsozialismus erweitern.[102]
Literatur
Überblick
- Jordan Rosenblum: Forbidden: A 3,000-Year History of Jews and the Pig. New York University Press, New York 2024, ISBN 978-1-4798-3149-4
Zu mittelalterlichen Darstellungen
- Debbra Hicks Strickland: Antisemitism in Medieval Art. In: Steven T. Katz (Hrsg.): The Cambridge Companion to Antisemitism. Cambridge University Press, Cambridge 2022, ISBN 978-1-108-78765-9, S. 268–270
- Antje Vanhoefen: „Judenhut“ und „Judensau“. Ein Beitrag zur Darstellung von Juden in der bildenden christlichen Kunst. In: Schlossmuseum Arnstadt (Hrsg.): Jüdische Familien aus Arnstadt und Plaue. (Ausstellungskatalog) Eckhaus, Weimar 2021, ISBN 978-3-945294-41-3.
- Jan Dienstbier: The Metamorphoses of the “Judensau”. In: Eva Janáčová, Jakub Hauser (Hrsg.): Visual Antisemitism in Central Europe: Imagery of Hatred. De Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-061666-8, S. 1–34 (PDF-Download)
- Caroline Walker Bynum: Dissimilar Similitudes: Devotional Objects in Late Medieval Europe. Zone Books, New York 2020, ISBN 978-1-942130-38-3, S. 125–138 (Abschnitt The Judensau, PDF; 0,2 MB)
- Birgit Wiedl: Laughing at the Beast. The Judensau. Anti-Jewish Propaganda and Humor from the Middle Ages to the Early Modern Period. In: Albrecht Classen (Hrsg.): Laughter in the Middle Ages and Early Modern Times. Epistemology of a Fundamental Human Behavior, its Meaning, and Consequences. De Gruyter, Berlin / New York 2010, ISBN 3-11-024547-7, S. 325–364 (PDF; 6,1 MB)
- Sarah Phillips: The Pig in Medieval Iconography. In: Umberto Albarella et al. (Hrsg.): Pigs and Humans: 10,000 Years of Interaction. Oxford University Press, Oxford 2007, ISBN 978-0-19-191735-6, S. 373–388
- Hermann Rusam: „Judensau“-Darstellungen in der plastischen Kunst Bayerns. Ein Zeugnis christlicher Judenfeindschaft. In: Evangelisch-Lutherischer Zentralverein für Begegnung von Christen und Juden (Hrsg.): Begegnungen. Zeitschrift für Kirche und Judentum 90, Sonderheft März 2007, ISSN 1612-4340 und ISSN 0083-5579
- Heinz Schreckenberg: Die Juden in der Kunst Europas. Ein historischer Bildatlas. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-63362-9, S. 343–349 (Das „Judensau“-Motiv)
- Petra Schöner: Judenbilder im deutschen Einblattdruck der Renaissance. Ein Beitrag zur Imagologie. Valentin Koerner, Baden-Baden 2002, ISBN 3-87320-442-8, S. 189–208 (Rezension)
- Claudine Fabre-Vassas: The Singular Beast. Jews, Christians, and the Pig. Überarbeitete Neuauflage, Columbia University Press, New York 1997, ISBN 0-231-10367-0
- Thomas Bruinier: Die „Judensau“. Zu einem Symbol des Judenhasses und seiner Geschichte. In: Forum Religion, Ausgabe 4, Kreuz-Verlag Breitsohl, Stuttgart 1995, ISSN 0343-7744, S. 4–15
- Wilfried Schouwink: Der wilde Eber in Gottes Weinberg. Zur Darstellung des Schweins in Literatur und Kunst des Mittelalters. Jan Thorbecke, Sigmaringen 1985, ISBN 3-7995-4016-4, S. 75–88
- Isaiah Shachar: The Judensau. A Medieval Anti-Jewish Motif and its History. Warburg Institute, London 1974, ISBN 0-85481-049-8 (PDF)
- Bernhard Blumenkranz: Juden und Judentum in der mittelalterlichen Kunst. Kohlhammer, Stuttgart 1965
- Franz Ludwig Bösigk: Ueber die Judenspottbilder des Mittelalters in Deutschland. In: Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte 1 (1856),S. 463–469
Zu einzelnen Skulpturen
- Theresa Jeroch: Zwischen Spott und Dämonisierung: Die antijüdische Plastik im Brandenburger Dom. In: Text und Kunst. Schriften des Domstifts Brandenburg, Band 1. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2025, ISBN 978-3-68948-037-0
- Hermann Rusam: Die Spalter Judensau - ein judenfeindliches Motiv aus dem Spätmittelalter. In: Heimatkundliche Streifzüge (Roth) Band 15, 1996, S. 78–83
Zu antisemitischen Karikaturen
- Eduard Fuchs: Die Juden in der Karikatur. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte. (1921) Nachdruck: Adrian Schelm, Leipzig 2018, ISBN 3-947190-11-5 (Volltext online)
- Monika Kucharz: Das antisemitische Stereotyp der „jüdischen Physiognomie“. Seine Entwicklung in Kunst und Karikatur. LIT, Münster 2017, ISBN 978-3-643-50808-9
- Julius H. Schoeps, Joachim Schlör (Hrsg.): Bilder der Judenfeindschaft. Antisemitismus, Vorurteile und Mythen. Bechtermünz, Augsburg 1999, ISBN 3-8289-0734-2.
- Angelika Plum: Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Eine ikonologische Untersuchung zu Feindbildern in Karikaturen. Berichte aus der Kunstgeschichte. Shaker, Aachen 1998, ISBN 3-8265-4159-6.
- Michael Wolffsohn: Das Bild als Gefahren- und Informationsquelle. Von der „Judensau“ über den „Nathan“ zum „Stürmer“ und zu Nachmann. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse, Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. Ullstein, Berlin 1992, ISBN 3-548-33161-0, S. 522–542
- Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-499-55498-4.
- Matthias Beimel: Die Karikatur als Ersatzhandlung. Antisemitismus in der NS-Propaganda und ihre Vorbilder. In: Geschichte lernen. Friedrich, Velber 3/1990, Heft 18, Klett, Stuttgart 1990, ISSN 0933-3096, S. 28–33
Zum aktuellen Umgang mit den Skulpturen
- Nikolaus Bernau: Nur am Ort ist dauerhaft kritisches Erinnern möglich. Ergebnisse einer Umfrage zum Umgang mit antijüdischen Schmähplastiken des Mittelalters. In: Kunst und Kirche, 85. Jahrgang, Nr. 4, 2022, S. 4–11
- Marten Marquardt: „Wo hat er's gelesen? Der Sau … im Hintern“. Vom Umgang mit den Schandbildern der Judensau. In: Hanna Kasparick (Hrsg.): „Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes…“: Begegnung mit anderen Religionen. Vereinnahmung – Konflikt – Frieden. Evangelisches Predigerseminar, Wittenberg 2008, S. 47–64
Weblinks
- Igal Avidan: Evangelische Perspektiven: Wie Kirchen in Deutschland mit der „Judensau“ umgehen. BR, 17. Mai 2023 (Audio).
- Barbara Schneider: Tödliche Wirkung. Tief sitzender Judenhass hat sich in der christlichen Kunst vielfach niedergeschlagen. Zeitzeichen.net, 2020.
- Daniel N. Leeson: Judensau 2010. Journal for the Study of Antisemitism Band 2, Ausgabe 2, Dezember 2010.
- Andrea-Martina Reichel: Die Kleider der Passion. Für eine Ikonographie des Kostüms. Humboldt-Universität zu Berlin, 1998 (PDF, intern S. 122–130).
- Oliver Gußmann: Das sogenannte „Judensau“- Motiv – eine Kurzinformation.