Judge Priest
Film von John Ford (1934)
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Judge Priest ist eine US-amerikanische Filmkomödie unter Regie von John Ford mit Will Rogers in der Hauptrolle. Sie basiert auf den populären Kurzgeschichten von Irvin S. Cobb um die Figur des Judge Priest.
| Film | |
| Titel | Judge Priest |
|---|---|
| Produktionsland | USA |
| Originalsprache | Englisch |
| Erscheinungsjahr | 1934 |
| Länge | 80 Minuten |
| Produktionsunternehmen | Fox Film Corporation |
| Stab | |
| Regie | John Ford |
| Drehbuch | |
| Produktion | Sol M. Wurtzel |
| Musik | Samuel Kaylin |
| Kamera | George Schneiderman |
| Schnitt | Paul Weatherwax |
| Besetzung | |
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Handlung
Kentucky im Jahr 1890: William Priest ist seit über 20 Jahren der Richter eines ländlichen Bezirks. Aufgrund seiner bescheidenen, freundlichen Art ist er bei vielen beliebt. Indes möchte sein langjähriger Kontrahent, der aufgeblasene Senator Maydew, Priest immer ein Bein stellen. Maydew kritisiert die altmodische und mitunter eigenwillige Art, wie Priest das Richteramt führt, und möchte deshalb gegen ihn kandidieren. In der Anfangsszene des Filmes klagt Maydew den Afroamerikaner Jeff wegen eines Hühnerdiebstahls an und fordert eine Haftstrafe. Richter Priest verfolgt zunächst gelangweilt Maydews Ausführungen und befragt danach Jeff, den er auf Anhieb sympathisch findet, weil beide gerne Fischen gehen. Priest spricht Jeff daraufhin frei, stellt ihn bei sich im Haus an und geht mit ihm Fischen. Priest hat die Einstellung, Menschen lieber nach ihrem Charakter als nach Gesetzesparagrafen zu beurteilen.
Jerome Priest, der Neffe des verwitweten Richters, hat sein Anwaltsstudium abgeschlossen und kehrt nun ins Dorf zurück. Er liebt Ellie May, die junge Nachbarin seines Onkels, mit der er seit Kindheitstagen befreundet ist. Doch Jeromes hochnäsige Mutter – die Schwägerin des Richters – ist gegen die Beziehung, weil Ellie May im Gegensatz zu den Priests nicht aus angesehenem Hause kommt: Ellies Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater unbekannt. Stattdessen versucht Jeromes Mutter eine Beziehung zwischen ihm und Virginia, der Tochter von Senator Maydew, einfädeln. Doch Richter Priest steht auf der Seite seines Neffen und vertreibt sowohl Virginia als auch Ellies weitere Verehrer mit verschiedenen Tricks. Eines Nachts fühlt sich Richter Priest einsam und besucht das Grab seiner vor vielen Jahren verstorbenen Frau. Dabei beobachtet er zufällig, wie der schweigsame Schmied Bob Gillis Blumen vor dem Grab von Ellies Mutter hinlegt. Daraus schließt Priest, dass Bob der unbekannte Vater von Ellie ist.
Wenig später besucht Richter Priest einen Friseurladen, in dem auch Bob Gillis sitzt. Die attraktive Ellie May läuft am Fenster vorbei, woraufhin der ungehobelte Friseur Talley und zwei andere Männer in anzüglicher Weise über Ellie May reden. Bob Gillis gerät in Wut und schlägt Talley wegen seiner Bemerkungen. Wenig später wollen sich Talley und die beiden anderen Männer dafür an Bob Gillis rächen und attackieren ihn aus dem Hinterhalt mit Billardschlägen. Gillis zieht daraufhin sein Messer und verletzt Talley in Notwehr. Talley erhebt vor Gericht Anklage gegen ihn und behauptet, dass Gillis die Schlägerei angefangen habe. Jerome Priest darf in seinem ersten Fall Gillis verteidigen, während Senator Maydew die Anklage vertritt.
Maydew verlangt einen unparteiischen Richter und zweifelt aufgrund der anstehenden Wahl Priests Korrektheit an, woraufhin dieser – enttäuscht über den Zweifel an seiner Unparteilichkeit – den Prozess an einen auswärtigen Richter abgibt. Die Verhandlung läuft zunächst denkbar schlecht, denn Gillis’ Aussage steht gegen die drei anderen Männer. Außerdem verschweigt Gillis die wahren Umstände, weil er Ellie Mays Namen nicht in den Prozess hineinziehen will. Das verschlechtert Jeromes Chancen, den Prozess zu gewinnen.
Richter Priest greift seinem Neffen unter die Arme und schließt sich der Verteidigung an. Er ruft Reverend Ashby Brand in den Zeugenstand, der die Vergangenheit von Gillis kennt. Reverend Brand erzählt nun, dass er vor seiner Priesterweihe im Sezessionskrieg auf Seiten der Konföderierten kämpfte. Als den Konföderierten die Soldaten ausgingen, verpflichtete der damalige Offizier Ashby auch Männer aus Gefängnissen, die wegen Mordes und anderer schwerer Verbrechen verurteilt waren. Unter denen war auch Gillis, der sich durch seine besondere Tapferkeit im Kampfe rehabilitieren konnte. Schließlich führt Ashby aus, dass Gillis der Vater von Ellie May sei und ihm für die Erziehung ihrer Tochter regelmäßig und stillschweigend Geld gezahlt habe. Daraufhin schlägt sich der Gerichtssaal jubelnd auf die Seite von Gillis, der freigesprochen wird. Von draußen spielt Jeff, von Richter Priest geschickt eingefädelt, Marschmusik der Konföderierten.
Der Freispruch ist nur noch Formsache. Auch Ellie May und die Mutter von Jerome versöhnen sich, einer Beziehung zwischen Jerome und Ellie steht nichts mehr im Wege. Am selben Tag findet auch eine Parade von Bürgerkriegsveteranen zum 25. Jahrestag des Kriegsendes statt, an der unter anderem auch Richter Priest teilnimmt. Gillis schaut zunächst nur zu, wird dann aber von anderen Veteranen aufgefordert, die Flagge der Konföderierten zu tragen.
Hintergrund
Komiker Will Rogers und Regisseur John Ford standen beide unter Vertrag bei Fox Studios. Gemein hatten beide auch eine Leidenschaft für das ländliche Amerika und deren Gemeinschaftsleben, die sich in den gemeinsamen Filmen der beiden widerspiegelt. Rogers und Ford drehten zusammen in kurzer Abfolge die drei Komödien Doctor Bull (1933), Judge Priest (1934) und Steamboat 'Round the Bend (1935). Die Partnerschaft wurde tragisch beendet, als Rogers im August 1935 bei einem Flugzeugabsturz umkam. Zwischen Regisseur und Hauptdarsteller kam es gelegentlich zu Schwierigkeiten, weil Rogers vor der Kamera gerne improvisierte, was den anderen Darstellern die Schauspielerei erschwerte. Dennoch blickte Ford rückblickend positiv auf die Zusammenarbeit mit Rogers zurück.[1] In einem Interview von 1972, ein Jahr vor seinem Tod, bezeichnete Ford gar Judge Priest als seinen Lieblingsfilm unter seinen Werken.[2]
Die Filmhandlung basiert lose auf den Geschichten von Judge Priest von Irvin S. Cobb, damals einer der populärsten amerikanischen Autoren. Der 1876 geborene Cobb zeichnete darin die alten Südstaaten seiner Kindheiten nach, die Figur des Richters William Priest ließ er ebenfalls auf einen echten Richter dieser Zeit namens William Pitman Bishop basieren.[3]
Oftmals kritisiert wird der afroamerikanische Schauspieler Stepin Fetchit für seine stereotypische Darstellung des Gehilfen Jeff, der faul wirkt und sich nur mit großem Akzent verständigt, aber dennoch eine Freundschaft mit Judge Priest über die Hautfarbengrenzen hinweg schließt. In vielen Filmen der 1930er-Jahre verkörperte Fetchit ähnliche Rollen und wurde so zu einem kontroversen Schauspieler der US-Filmgeschichte, wenngleich einige Kritiker heute auch subversive Elemente in Fetchits Schauspiel entdeckt haben, die den Rassismus unterlaufen. Ebenfalls bemerkenswert ist Hattie McDaniel als afroamerikanische Haushälterin des Richters. Zwar bedient auch ihre Figur sich Stereotypen, erscheint aber im Vergleich zu Fetchits Figur klüger und selbstbewusster, stimmt sogar gemeinsam mit dem Richter in ein Lied ein. Die bis dahin weitgehend unbekannte Hattie McDaniel erhielt in Judge Priest erstmals in ihrer Filmkarriere einen Credit im Vor- und Abspann, was ihrer Karriere zu einem Schub verhalf. Fünf Jahre später sollte McDaniel einen Oscar als Beste Nebendarstellerin für Vom Winde verweht (1939) gewinnen. Ursprünglich war McDaniels Rolle in Judge Priest deutlich kleiner, doch Ford vergrößerte sie, nachdem er ihr schauspielerisches Talent erkannt hatte. Interessant ist im Bezug auf die Bürgerkriegs-Thematik des Filmes die Besetzung von Henry B. Walthall in der Schlüsselrolle des Pfarrers; Walthall war ein Stummfilmstar gewesen und hatte in David Wark Griffiths umstrittenen Bürgerkriegs-Filmklassiker Die Geburt einer Nation von 1915 die männliche Hauptrolle gespielt.
Zweiter Judge-Priest-Film
1953 drehte Ford den Film Wem die Sonne lacht (Originaltitel The Sun Shines Bright) einen zweiten Judge-Priest-Film, diesmal mit Charles Winninger in der Rolle des Richters. Stepin Fetchit verkörperte erneut die Rolle des Jeff. Zwar gibt es einige Handlungselemente, die sich ähneln, aber insgesamt ist Wem die Sonne lacht eher eine Fortsetzung als eine Neuverfilmung. In Wem die Sonne lacht kommt eine Szene vor, in welcher ein Lynchmob einen Schwarzen aufhängen will und Judge Priest dies verhindern muss. In diesen Szenen übt Ford Kritik am vorherrschenden Rassismus in den Südstaaten. Das versuchte Lynching hatte Ford bereits in diesem Film von 1934 unterzubringen versucht, doch die Fox-Produzenten waren dagegen gewesen, weil es nach ihrer Meinung nicht zum eher heiteren Ton einer Komödie gepasst hätte.[4] Dies war einer der Hauptgründe, warum Ford sich 19 Jahre später zum Drehen von Wem die Sonne lacht entschied.
Rezeption
Judge Priest wurde einer der größten kommerziellen Erfolge des Jahres an den Kinokassen und zementierte Rogers’ Ruf als einer der beliebtesten amerikanischen Komiker seiner Zeit. Auch die New York Times war in ihrer Kritik vom 12. November 1934 positiv gestimmt. Der Film sei „klassischer amerikanischer Humor in seiner Spitzenklasse“, der Hauptdarsteller Will Rogers könne durch seine Warmherzigkeit überzeugen. Besonders wurde Regisseur Ford für seine „hochklassige Regieführung“ gelobt. Der Film verkörpere die sentimentale Wärme und Melancholie, die von der Figur des Richters ausgeht, überzeugend.[5]
Mit dem Abstand vieler Jahrzehnte vergab Filmkritiker Leonard Maltin Judge Priest dreieinhalb von vier Sternen: Es sei ein „außergewöhnliches Stückchen Americana“, die Figuren seien warmherzig und komisch. Rührend sei der Auftritt von Henry B. Wathall als Pfarrer in der Gerichtssaal-Szene.[6] Dave Kehr fand in seiner Kritik von 1985 den zweiten Judge-Priest-Film Wem die Sonne lacht noch etwas stärker, aber dieser Film von 1934 sei schon „eindrucksvoll genug“. Ford präsentiere in Judge Priest „eine der am tiefsten empfundenen Visionen von Gemeinschaft im amerikanischen Kino“. Im gewissen Sinne markiere dieser Film die Geburt von John Ford als filmischer Poet, obgleich er zu diesem Zeitpunkt schon viele Filme hinter sich gehabt habe.[7]
Für Jonathan Rosenbaum ist dies der Ford-Film, der am meisten „das idyllische Amerika des 19. Jahrhunderts von Mark Twain feiert und Nostalgie für das gemütliche, beschauliche Leben in eng verbundenen Kleinstadtgemeinden zum Ausdruck bringt.“ Die „wahren Triumphe dieses entspannten Meisterwerks“ seien aber die Darsteller, insbesondere Will Rogers, Stepin Fetchit und Henry B. Walthall.[8] Rosenbaum setzte Judge Priest auch 1998 auf seine persönliche Liste der besten 100 amerikanischen Filme, die vom American Film Institute nicht in deren Liste der besten 100 amerikanischen Filme aufgenommen worden waren.[9]
Weblinks
- Judge Priest bei IMDb