Judith Le Soldat
Schweizer Psychoanalytikerin, Forscherin, Dozentin und Autorin
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Biografie
Judith Le Soldat wurde in Budapest geboren und wuchs in Wien und Zürich auf. Sie studierte an der Universität Zürich Psychologie im Hauptfach und in den Nebenfächern Operations Research (Nationalökonomie) und Philosophie. Sie promovierte 1978 an der Universität Zürich im Fachbereich Klinische Psychologie bei Ulrich Moser über das Thema Wohlbefinden. Entwurf einer psychoanalytischen Theorie und Regulationsmodell (summa cum laude).
Am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) bildete sie sich zur Psychoanalytikerin aus. Ihr Lehranalytiker war Emil Grütter, ihre Supervisoren Harald Lincke, Fritz Morgenthaler, Alex Moser und Paul Parin. Ab 1976 arbeitete sie als Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Zürich. Sie war Teilnehmerin und Dozentin am Psychoanalytischen Seminar Zürich.[1]
Wissenschaftliches Werk
Le Soldats wissenschaftliches Werk umfasst bedeutende theoretische Beiträge zur Weiterentwicklung des psychoanalytischen Verständnisses der Triebtheorie, des Ödipus-Komplexes sowie einer bestimmten Entwicklungslinie der männlichen Homosexualität. Es liegt seit 2025 in einer kritisch edierten und kommentierten Werkausgabe erstmals vollständig zugänglich vor. Die Judith Le Soldat-Werkausgabe umfasst folgende fünf Bände:
Band 1: Grund zur Homosexualität. Vorlesungen zu einer neuen psychoanalytischen Theorie der Homosexualität, 2015. Der Band enthält die Vorlesungen, die Le Soldat im Wintersemester 2006/2007 an der Universität Zürich gehalten hatte. Es handelt sich dabei – erstens – um eine systematische Darstellung ihrer triebtheoretisch fundierten Erweiterung der Theorie der ödipalen Konflikte (Vorlesungen 5–7), sowie – zweitens – um eine darauf aufbauende, komprimierte Darstellung ihrer – ebenfalls triebtheoretisch fundierten – Theorie der Homosexualität (Vorlesungen 9–11). Der Band kann als eine Gesamtdarstellung und Einführung in Le Soldats theoretisches Werk gelesen werden.
Band 2: Land ohne Wiederkehr. Auf der Suche nach einer neuen psychoanalytischen Theorie der Homosexualität, 2018. Bei diesem Band handelt es sich um die Edition eines bisher unveröffentlichten Manuskriptes aus dem Nachlass. Es ist zwischen 1997 und 1999 entstanden und beinhaltet Le Soldats ersten, unvollendet gebliebenen Versuch, ihr Verständnis einer speziellen Entwicklungslinie der männlichen Homosexualität darzulegen. Das Spezielle an diesem Werk ist, dass es sich dabei um eine ganz eigene Mischung aus literarischem Road-Movie und theoretisch-wissenschaftlicher Darlegung handelt.[2]
Band 3: Raubmord und Verrat. Eine Analyse von Freuds Irma-Traum, 2020. Beim dritten Band der Werkausgabe handelt es sich um die kritisch revidierte Neuausgabe der Monographie, die 1994 unter dem Titel Eine Theorie menschlichen Unglücks. Trieb, Schuld, Phantasie erschienen ist. Le Soldat legte darin erstmals ihr triebtheoretisch fundiertes Verständnis der zentralen ödipalen Konflikte vor und leistete damit einen bedeutenden Beitrag zur Erweiterung des bisherigen Verständnisses des Ödipuskomplexes. Sie postuliert, dass sich der zentrale ödipale Konflikt nicht um die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater dreht, sondern um etwas viel Heftigeres: um Raub, Mord und Verrat; Aktionen, die – auch wenn es sich «nur» um phantasierte und dann vergessene, ins Unbewusste verdrängte Taten handelt – für die weitere psycho-sexuelle Entwicklung des Kindes folgenschwer sind. Aus dieser Weiterentwicklung der Theorie der ödipalen Konflikte ergeben sich weitreichende, klinisch und theoretisch bedeutsame Folgen hinsichtlich weiterer psychoanalytischer Konzepte, z. B. dem Kastrationskomplex oder der psychoanalytischen Konzeption der weiblichen und der männlichen Entwicklung. Da in Le Soldats Theorie der ödipalen Konflikte der kindlichen Wahrnehmung der anatomischen Geschlechtsdifferenz eine zentrale Bedeutung zukommt, beinhaltet diese Theorie auch einen vielversprechenden Ausgangspunkt für eine triebtheoretisch fundierte, psychoanalytische Gender-Theorie.
Band 4: Freiwillige Knechtschaft. Masochismus und Moral, 2021. Beim vierten Band der Werkausgabe handelt es sich um die kritisch revidierte Neuausgabe der Monographie, die 1989 unter demselben Titel erschienen ist. In diesem Werk untersucht Le Soldat Masochismus unter zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten: zum einen als Resultat eines inneren Konfliktes; zum anderen als «Symptom einer gesellschaftlichen Kraft, welche auf das Individuum einwirkt: ein gesellschaftlich bedingtes und erzeugtes Fühlen und Handeln des Einzelnen».[3] Im Kontext dieses zweiten Aspektes setzte sie sich auch mit den in den 1970er bis 1980er Jahren aktuellen Kontroversen über das Verhältnis von Psychoanalyse und Marxismus auseinander.[4] Ausgangspunkt ihrer Studie ist die Frage, weshalb so viele Menschen die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse unterstützen, unter denen sie leiden. Le Soldat widerlegt im Verlaufe ihrer Untersuchung die These von der „freiwilligen Knechtschaft“ (Étienne de La Boétie), wonach die Menschen einen heimlichen, nämlich „masochistischen“ Genuss aus den autoritären Strukturen beziehen würden. Gleichzeitig entwickelt sie ein neues, psychoanalytisches Verständnis von Masochismus und beschreibt die psychischen Verhältnisse, unter denen körperlicher Schmerz zur Bedingung für eine als befriedigend erlebte Abfuhr von Triebspannung wird.
Band 5: Kissing & Killing in Kyoto. Gesammelte Aufsätze und Artikel 1983–2001, 2025. Der fünfte und letzte Band der Werkausgabe versammelt die in Zeitschriften und Sammelbänden publizierten Aufsätze, Vorträge und Artikel. Ergänzt werden die insgesamt zehn Texte durch einen bisher unveröffentlichten Essay aus dem Nachlass und einem biographischen Abriss zu Judith Le Soldats Leben, basierend auf nachgelassenen Dokumenten. Der Titel des Bandes Kissing & Killing in Kyoto wurde dem letzten von ihr publizierten Artikel entnommen. Diesem Text kommt innerhalb von Le Soldats Werk insofern eine Sonderstellung zu, als er der einzige ist, in dem sie das, was sie in den posthum erschienenen Vorlesungen als ›die zweite Variante der Grenzüberschreitung‹ bezeichnet hatte, etwas ausführlicher darstellt, und zwar anhand von Kleists Figur der Penthesilea.
Herausgeberin der von Monika Gsell kritisch edierten Werkausgabe ist die Judith Le Soldat-Stiftung in Zürich.
Veröffentlichungen
Monographien
- Freiwillige Knechtschaft. Masochismus und Moral. Fischer, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-596-26640-8. Vergriffen, ist als Band 4 der Judith Le Soldat Werkausgabe neu aufgelegt worden.
- Eine Theorie menschlichen Unglücks. Trieb, Schuld, Phantasie. Fischer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-596-11707-0. Vergriffen, ist als Band 3 der Judith Le Soldat Werkausgabe neu aufgelegt worden.
- Grund zur Homosexualität. Vorlesungen zu einer neuen psychoanalytischen Theorie der Homosexualität. Aus dem Nachlass herausgegeben von der Judith Le Soldat-Stiftung. Kritisch ediert, kommentiert und eingeleitet von Monika Gsell. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2015, ISBN 978-3-7728-2681-8 (= LSW 1).
- Land ohne Wiederkehr. Auf der Suche nach einer neuen psychoanalytischen Theorie der Homosexualität. Aus dem Nachlass herausgegeben von der Judith Le Soldat-Stiftung. Kritisch ediert, bearbeitet, kommentiert und eingeleitet von Monika Gsell. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2018, ISBN 978-3-7728-2682-5 (= LSW 2).
- Raubmord und Verrat. Eine Analyse von Freuds Irma-Traum. Kritisch revidierte Neuausgabe von Eine Theorie menschlichen Unglücks (1994). Neu herausgegeben von der Judith Le Soldat-Stiftung. Kritisch ediert, bearbeitet, kommentiert und eingeleitet von Monika Gsell. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2020, ISBN 978-3-7728-2683-2 (= LSW 3).
- Freiwillige Knechtschaft. Masochismus und Moral. Kritisch revidierte Neuausgabe der Erstausgabe (1989). Neu herausgegeben von der Judith Le Soldat-Stiftung. Kritisch ediert, bearbeitet und kommentiert von Monika Gsell. Mit einer Einleitung von Ralf Binswanger und Monika Gsell. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2021, ISBN 978-3-7728-2684-9 (= LSW 4).
- Kissing & Killing in Kyoto. Gesammelte Aufsätze und Artikel 1983–2001. Herausgegeben von der Judith Le Soldat-Stiftung. Kritisch ediert, bearbeitet, kommentiert und eingeleitet von Monika Gsell. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2025, ISBN 978-3-7728-2685-6 (= LSW 5).
Artikel und Aufsätze
- Wohlbefinden. Entwurf einer psychoanalytischen Theorie und Regulationsmodell. Zürich 1978 (Dissertation, Universität Zürich, 1979).
- Freiwillige Knechte. Über Etienne de La Boétie: Discours de la Servitude Volontaire und die «Atomisierung des Individuums» bei Leo Löwenthal. In: Der Alltag. 6. Jg., Nr. 5, 1983, S. 41–45.
- Diskriminierende Toleranz. Zu einer Kritik an Fritz Morgenthalers Theorie der Homosexualität. In: Psychoanalytisches Seminar Zürich: Journal. Nr. 13, 1985, S. 30–32.
- Eine Parabel der Macht. Zu Ryszard Kapuscinski: König der Könige. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 53, 1985, S. 37.
- Sadismus, Masochismus und Todestrieb. Zum Problem von Sadismus und Masochismus. In: Psyche. Jg. 40, Nr. 7, 1986, S. 617–639.
- Sozialer Masochismus. In: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.): Schmerz. Kreuz, Stuttgart 1990, ISBN 3-7831-1009-2, S. 248–260.
- Das Schwarze Notizbuch. Der ungarische Dichter Miklos Radnoti. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 113, 1992, S. 69.
- Revenons à nos moutons! Irrungen im Übertragungskonflikt. In: Brigitte Grossmann-Garger, Walter Parth (Hrsg.): Heilt die Psychoanalyse? Orac, Wien 1993, ISBN 3-7007-0345-7, S. 63–71.
- Kekulés Traum. Ergänzende Betrachtungen zum Benzolring. In: Psyche. Jg. 47, Nr. 2, 1993, S. 180–201.
- Der Strich des Apelles. Zwei homosexuelle Leidenschaften. In: Psyche. Jg. 54, Nr. 8, 2000, S. 742–767.
- Kissing & Killing in Kyoto. Unordentliche Liebschaften im Triebwerk des Sadismus. In: Michael Klöpper, Reinhard Lindner (Hrsg.): Destruktivität. Wurzeln und Gesichter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-46159-3, S. 109–135.
Übersetzungen
- Judith Le Soldat: Voluntary Servitude. Masochism and Morality. Edited with a prologue by Andjela Samardzic, Vaia Tsolas and Michael Civin based on the critical edition by Monika Gsell. Introduction by Monika Gsell and Ralf Binswanger. Translated by Nils F. Schott, Routledge, London & New York 2025.
- Judith Le Soldat: Причина гомосексуальности. (Grund zur Homosexualität). Psyllabus, Moskau 2021.
Literatur
- Ralf Binswanger: (K)ein Grund zur Homosexualität: Ein Plädoyer zum Verzicht auf psychogenetische Erklärungsversuche von homosexuellen, heterosexuellen und anderen Orientierungen. In: Journal für Psychoanalyse, 57 (2016), 6–26.
- Martin Dannecker: Zur Lage des Homosexuellen. In: Patrick Henze, Aaron Lahl und Victoria Preis (Hrsg.): Psychoanalyse und männliche Homosexualität. Beiträge zu einer sexualpolitischen Debatte. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, S. 33–53.
- Markus Fäh: Judith le Soldat: Grund zur Homosexualität. In: Werkblatt. Jg. 32 (2015), Nr. 75, S. 117–122.
- Markus Fäh: Kolposwunsch, Peniswunsch und Kastrationstat. Aspekte einer Erweiterung der Theorie des Ödipuskomplexes. In: Psyche. 2018, H. 1, S. 1–23, doi:10.21706/ps-72-1-1.
- Markus Fäh (Hrsg.): Trieb und Ödipus. Einführung in das Denken und Werk von Judith Le Soldat. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2021, ISBN 978-3-7728-2921-5.
- Tobias Freimüller: Alexander Mitscherlich. Gesellschaftsdiagnosen und Psychoanalyse nach Hitler. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0187-0.
- Monika Gsell: Was ist anders am «anderen Ufer»? Zu Judith Le Soldats «Grund zur Homosexualität». In: Journal für Psychoanalyse, 57 (2016), 27–47.
- Monika Gsell: Die Bedeutung der Baubo. Zur Repräsentation des weiblichen Genitales. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-86109-147-X.
- Monika Gsell: Vom Schmusekätzchen zur aggressiven Bestie. Bisexualität, vollständiger Ödipuskomplex und das Triebschicksal des passiv-genitalen, sogenannt »weiblichen« Wunsches. In: Patrick Henze, Aaron Lahl und Victoria Preis (Hrsg.): Psychoanalyse und männliche Homosexualität. Beiträge zu einer sexualpolitischen Debatte. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, S. 95–115.
- Monika Gsell, Ralf Binswanger: Was ist eine ödipale Theorie? Replik zu May Widmer-Perrenouds kritischen Überlegungen zu Judith Le Soldats Theorie des Ödipuskomplexes. In: Psyche – Z Psychoanal 77, 2023, S. 53–173. doi:10.21706/ps-77-2-153.
- Monika Gsell: Uncanny Drives. On Nightmares and Wish Fulfillment. In: Vaia und Chrisine Anzieu-Premmereur (Hrsg.): A Psychoanalytic Exploration of the Contemporary Search for Pleasure: The Turning of the Screw. Routledge, London & New York 2023, S. 50–65. doi:10.4324/9781003384618.
- Monika Gsell: Grenzüberschreitungen. Zu Judith Le Soldats Konzeption von «Homosexualität». In: Beate Blank-Knaut, Ada Borkenhagen, Bernd Heimerl, Eckehard Pioch, Iris Lauenburg, Susen Werner (Hrsg.): Jenseits der Binarität? Der Genderdiskurs als Herausforderung für die Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Giessen 2024, S. 101–116. doi:10.30820/9783837962277.
- Patrick Henze: Konflikte im schwulen Imperium. Über die psychoanalytische Homosexualitätstheorie von Judith Le Soldat. Patrick Henze im Gespräch mit der Psychoanalytikerin und Geschlechterforscherin Monika Gsell. In: Janin Afken, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen und Benedikt Wolf (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten, 2019, Wallstein Verlag, Göttingen, 2019, ISBN 978-3-8353-3525-7, S. 181–203.
- Carlotta von Maltzan: Masochismus und Macht. Eine kritische Untersuchung am Beispiel von Klaus Manns „Mephisto. Roman einer Karriere“ (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik. Bd. 383). Dieter Heinz Akademischer Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-88099-388-2.
- Frank Matakas: Zur Beziehung zwischen Sexualität und Aggression. Vortrag am 04. 10. 2002 vor der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Köln Düsseldorf e.V. (PDF).
- Lothar Schon, Falk Stakelbeck: [Besprechung von] Judith Le Soldat: Werkausgabe Band 1: Grund zur Homosexualität. In: Journal für Psychoanalyse, 57 (2016), 191–193. doi:10.18754/jfp.57.13.
- Falk Stakelbeck: Welches Geschlecht haben wir? In: Forum der Psychoanalyse, 39, 2023, S. 3–16.
- Dominic Suter: Camille – Reaktivierter Konflikt, Übertragung und Wunsch-Abwehr-Dynamik. In: Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, S. 122–137 doi:10.18754/jfp.62.8.
- Thomas von Salis: Nachruf auf Judith Le Soldat. In: Journal für Psychoanalyse. H. 49, 2008, S. 158–161 (PDF).
- May Widmer-Perrenoud: Einige kritische Überlegungen zu Judith Le Soldats Theorie des Ödipuskomplexes. In: Psyche – Z Psychoanal , 76, 2022, S. 63–76 doi:10.21706/ps-76-1-63.
