Lager Nocra
italienisches Straf- und Konzentrationslager in Eritrea
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Das Lager Nocra war ein italienisches Straflager in der Kolonie Eritrea, das vom liberalen Königreich Italien 1887 auf der Insel Nocra im Roten Meer eingerichtet wurde. Es wurde zum Symbol für die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung durch die italienischen Kolonialmacht.

Von 1936 bis 1941 war es unter dem faschistischen Italien neben dem Konzentrationslager Danane eins von zwei Konzentrationslagern, die infolge des Abessinienkriegs der Internierung politischer Gefangener aus Italienisch-Ostafrika dienten.
Mit einer Sterberate von 58 Prozent gilt Nocra als das brutalste aller italienischen Konzentrationslager und wird von Historikern deshalb auch als Todes- oder Vernichtungslager eingeordnet.
Geschichte
Straflager Nocra
Die etwa 55 km nordöstlich von Massaua gelegene Insel Nocra wurde im Sommer 1887 vom Oberbefehlshaber der italienischen Kolonialtruppen, General Tancredi Saletta, als idealer Standort für ein Gefangenenlager ausgemacht. Saletta hatte nach der Niederlage von Dogali Carlo Gené als Oberbefehlshaber abgelöst. Nach Dogali war es zu zahlreichen Verhaftungen gekommen, vor allem Einheimische verdächtigte man mit den Äthiopiern unter einer Decke zu stecken. Bald reichte der Platz im Gefängnis von Massaua nicht mehr aus und man lagerte die Gefangenen zunächst nach Assab aus. Zwischen September und Oktober 1887 wurden auf Nocra die ersten Arbeiten ausgeführt. Die Kosten dafür von 6500 Lire trug das Innenministerium.[1]
Die unwirtliche, wüstenartige Insel war fast vegetationslos und fiel durch ihre extremen Klimabedingungen auf, mit Temperaturen die bei über 50⁰ Celsius lagen und hoher Luftfeuchtigkeit. Neben der isolierten Lage, die eine gewisse Geheimhaltung gewährleistete und Fluchtversuche fast aussichtslos machte, fiel die Wahl auf Nocra auch wegen des Inselklimas, das als zusätzliche Strafe angesehen wurde. Des Weiteren befand sich ein Steinbruch auf der Insel, in dem die Inhaftierten Zwangsarbeit ableisten mussten.[2]
Das erste Lager, Gustavo Ottolenghi klassifiziert es als Straflager,[3] bestand aus einem gemauerten Gebäude für die Wachen sowie Zelten und einfachen Tukul, die Platz für 200 Gefangene boten. Acht Erdlöcher dienten als Strafzellen.[4] In dem etwa 500 m² großen Straflager fanden zunächst Kriminelle mit langen Haftstrafen Platz, wie Mörder, Diebe und Sexualverbrecher Aufnahme.[2]
Ab 1889 diente es auch als Lager für politische Häftlinge. 1892 kam es unter dem Gouverneur Oreste Baratieri zu einer Verhaftungswelle, so dass in Nocra etwa 1000 Häftlinge inhaftiert waren. Nie fanden mehr Häftlinge in Nocra Platz.[5] Die Haftbedingungen in Nocra zählten nach Ottolenghi zu den schlimmsten aller jemals von Italien betriebenen Lager. Es gab nur eine sanitäre Einrichtung mit zehn Duschen und zehn Latrinen.[2] Das spärlich vorhandene Trinkwasser für die Gefangenen wurde aus einem zehn Meter tiefen Brunnen geschöpft und war stark salzhaltig. Bei Trockenheit musste es rationiert werden.[6] Es fehlte jedwede Anlage, mit der die Trinkwasserqualität kontrolliert und gewährleistet wurde. Auch einen Vorratstank gab es nicht. Die Verteilung lag in den Händen der indigenen Wachmannschaften. Letztere wurden dagegen mit Trinkwasser vom Festland versorgt, das regelmäßig mit Schiffen zur Insel gebracht wurde. Für die medizinische Versorgung standen lediglich zwei Zelte für eine notdürftige Erste-Hilfe-Versorgung zur Verfügung. Schwerkranke wurden an eine Mauer gelehnt und erschossen. Acht Zelte für Verhöre und Bestrafungen sowie ein Hinrichtungsplatz auf dem zu Tode Verurteilte gehängt oder geköpft wurden, vervollständigten das Lager.[7]
Die Häftlinge waren tagsüber ohne Ausnahmen zur Zwangsarbeit im Steinbruch verpflichtet. Das gewonnene Material wurde auf Schiffe verladen und für den Bau von Gebäuden und Straßen verwendet. Gefangene, die gegen die Lagerordnung verstießen wurden in der Nacht an einem Pfahl angekettet, der sich in der Mitte der Unterkunftszelte befand. Dabei trugen die Gefangenen immer wieder Verletzungen davon, so dass sie am nächsten Morgen nicht mehr arbeitsfähig waren, was einem Todesurteil gleichkam, da nicht Arbeitsfähige erschossen wurden. Bei gescheiterten Fluchtversuchen wurde der Sträfling in der Regel aufgehängt, in wenigen Fällen auch geköpft. Von den etwa hundert Fluchtversuchen gelangen lediglich drei. Etwa 50 Flüchtlinge wurden aufgegriffen und hingerichtet, während die anderen auf der Flucht starben. Die meisten ertranken beim Versuch, das Festland zu erreichen.[8]
Zu den bekanntesten Häftlingen gehörten drei Gesandte von Ras Mengesha Yohannes, die im September 1895 zur Oreste Baratieri entsandt worden waren, um Friedensgespräche aufzunehmen und von den Italiener in Ketten gelegt und nach Nocra gebracht wurden.[9] Sechs Monate später erlitten die italienischen Truppen unter Baratieri eine vernichtende Niederlage in der Schlacht von Adua. Frauen waren auf Nocra nicht inhaftiert, allerdings arbeiteten Frauen in der Lagerküche und als Putzfrauen. Für die Wachmannschaften standen zudem einige Prostituierte zur Verfügung.[10] Eine Ausnahme bildete der sogenannte „Fall Nocra“. Er nimmt Bezug auf die Entführung einer 17-jährigen Somalierin, die 1926 von einem italienischen Offizier in das Lager gebracht wurde, um sie dort zu missbrauchen und zu foltern. Die junge Frau starb nach mehreren Wochen Missbrauch im Lager. Der Offizier wurde angezeigt, verurteilt, degradiert, nach Italien zurück beordert und die ganze Angelegenheit verheimlicht. Sie kam erst nach 1945 ans Licht der Öffentlichkeit.[11]
Das Straflager wurde im Juni 1930 geschlossen, nachdem der antikoloniale Widerstand zusammengebrochen war und ein Weiterbetrieb als nicht wirtschaftlich angesehen wurde. Die verbliebenen Häftlinge wurden auf das Festland gebracht und das Lager seinem Schicksal überlassen.[12]
Konzentrationslager Nocra
Als das Lager erneut in Betrieb genommen werden sollte, mussten die verfallenen Anlagen des Straflagers erst wieder in Stand gesetzt werden. Nocra war schließlich von einer vier Meter hohen Außenmauer mit Stacheldraht umgeben und aus den vier Winkeln des Lagers ragten acht Meter hohe Holztürme mit geschützten Plattformen für Militärpersonal empor. Diese waren mit Scheinwerfern und Maschinengewehren ausgestattet. Die Häftlinge wurden in Zelten untergebracht, in denen jegliches Licht (auch Kerzen) streng untersagt war. Das Lager hatte nach wie vor nur einen Wasserbrunnen zur Versorgung der Insassen. Neben einem Bereich zum Gemeinschaftsduschen unter freiem Himmel befanden sich im Zentrum der Anlage die hängenden Galgen für den Vollzug der Todesstrafe. Die von Stöcken und Ästen bedeckten Latrinen grenzten wiederum direkt an „Orte der Bestrafung“, also Folterplätze.[13]
In Italienisch-Ostafrika gehörten Konzentrationslager nicht zu den zentralen Institutionen der faschistischen Verfolgungsgewalt – Angehörige des Widerstands und Dissidenten wurden in der Regel sofort nach ihrer Gefangennahme von den Italienern erschossen. 1937 lebten im Lager Nocra etwa 500 zu lebenslänglicher Haft verurteilte politische Häftlinge, hauptsächlich Angehörige der weltlichen und geistlichen Elite des abessinischen Kaiserreiches. Mit weiteren politischen Gefangenen und zunächst nach Italien gebrachten Afrikanern stieg die Zahl der Internierten bis 1939 auf 1500 an, darunter auch Frauen und Kinder. Das Lager zeichnete sich einerseits durch eine strenge Organisation aus, mit der die eingesperrten Häftlinge kontrolliert werden sollten, andererseits stand die Bestrafung der internierten „Rebellen“, „Umstürzler“, „Anarchisten“, „Unruhestifter“, „Intriganten“ oder „Feinde des italienischen Volkes“ im Vordergrund. Lagerinstitutionen beabsichtigten keine Umerziehung der Insassen, sondern ausschließlich deren Maßregelung.[14]
Auch mussten die Lagerinsassen Zwangsarbeit bei der Zementherstellung leisten oder wurden dem italienischen Mineralölkonzern Agip zu Arbeiten bei der Erdölexploration zugeteilt.[15] Zu diesen Arbeiten waren alle verpflichtet, Ausnahmen bildeten nur Kranke, Menschen über sechzig, Kinder unter vierzehn und schwangere Frauen. Malaria, Ruhr, schlechte Ernährung und Isolation führten zusätzlich zu einer sehr hohen Sterberate.[16] Bei der Befreiung Nocras durch britische Soldaten am 6. Mai 1941 fanden diese die 332 überlebenden Äthiopier in einem Zustand vor, der vergleichbar war mit dem jener Häftlinge, die später aus deutschen Vernichtungslagern befreit wurden. Die Überlebenden waren schwer krank, einige starben noch, bevor sie wieder das Festland erreichten. Von den 114 ehemaligen Häftlingen, die unmittelbar ins Krankenhaus eingeliefert wurden, waren 30 Prozent unfähig zu gehen. Neun stark Abgemagerte starben noch bei der Ankunft im Hospital.[17]
Beurteilung
Dem britischen Historiker Ian Campbell (2017) zufolge kann das Konzentrationslager Nocra praktisch als Todeslager bezeichnet werden. Mit einer Sterberate von 58 Prozent und seiner Lage an einem der heißesten Plätze der Erde sei Nocra das „schrecklichste und zugleich am wenigsten bekannte aller italienischen Konzentrationslager“ gewesen.[18] Der italienische Historiker Angelo Del Boca (2004) bezeichnet Nocra als „Vernichtungslager“.[19]
Literatur
- Nicola Labanca: In marcia verso Adua. Einaudi, Turin 1994, ISBN 88-06-12912-0.
- Gustavo Ottolenghi: Gli Italiani e il colonialismo. I campi di detenzione italiani in Africa. Sugarco 1997, ISBN 88-7198-397-1, S. 159–162.
- Marco Lenzi: All’inferno e ritorno: storie di deportati tra Italia ed Eritrea in epoca coloniale. BFS, Pisa 2004, ISBN 88-86389-95-7.
- Angelo Del Boca: Italiani, brava gente? Un mito duro a morire. 10. Auflage, Neri Pozza, Vicenza 2020, ISBN 978-88-6559-178-9, S. 73–88.
Weblinks
- Campo di Concentramento Nocra auf I Campi Fascisti